Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4. Seite 40. JÜDISCHE RUNDSCHAU zur Seite. Denn die Judentragc ist eine internationale Frage, die Beschaffung eines Territoriums für das jüdische Volk eine Internationale Notwendigkeit. England hat dies jüngst wieder durch einen seiner hervorragendsten Vertreter ausgesprochen. Der Zionismus, mit dem Blick einzig und allein nach Palüst'na gerichtet, erweist sich daher als der einäugige, noch in den Windeln liegende Zionismus; der Zionismus, der dem jüdis.hcn Volke ein Territorium schallen will, Ist der Zionis• mus, der seine beiden Augen zu gebrauchen gelernt hat. Vom Volke geht die lebendige Kraft aus und nicht vom Boden, der erst durch das Volk Leben erhält. Uganda wird uns ..d a s" Land sein, ״u!1 s c r" Land, wenn es s!ch als für unsere Bestrebungen geeignet erweist. Ein anderes Territorium wird an dessen Stelle treten, wenn es unsere Erwartungen nicht erfüllt. Derjenige Zionismus, der nur erst den Weg nach rückwärts gelernt hat. nennt uns eine Gefahr; allerdings sind wir dem unvollendeten Gedanken eine Gefahr, da wir, die konsequent politischen Zionisten, ihn zu Ende denken. Das Unvollkommene hat das Vollkommenere stets eine Gefahr, gc* nannt, bis seine Dnscinsmögtichcit abgclaufcn war. Der unfertige Gedanke wird sich iniolgc des auch im sozialen Leben geltenden i'charnmgsgeset7.es anfänglich wohl noch als stärker erweisen, umso opferwilliger gilt es uns, für das zu Ende gedachte Prinzip des Zionismus zu kätnplen. Man wird uns schelten, wie man stets/die schalt, die als erste die Wahrheit zu sagen wagten; wir werden den ungcrechten Schimpf ertragen, wir werden denken an das jüdische Volk! W ir werden daran denken, dass es nach vorwärts geführt sein will und nicht nach rückwärts, dass es leben und nicht in lebcnvcrleugneudem Brüten über entschwundene Zeiten sich verzehren, dass es endlich die Bahn des Vcrneiuens verlassen und die des Bejahens betreten soll. Das jüdische Volk will!eben, cs soll leben! Wir fordern alle Vereine und Personen, welcher Partei innerhalb der zionistischen Organisation sie auch sonst angc• hören mögen, die unser Prinzip anerkennen, auf, sich zusam* mcnzuschl'esscn und mit uns in Verbindung zu treten, damit wir gemeinsam für den Sieg des T c r r i t o r i a li s m u s kämpfen können. Tatsächlich haben sich unsere Landsucher keinen günstigeren Moment aussuchen können, um ihre nichtziouistischen Ideen in den Zionismus hineinzutragen, die sic sorgfältig verbergen mussten, so lange die machtvolle Persönlichkeit Herzls jeder, antlzionistischen Versuch und Putsch auf dein Kongresse mit starker Hand zu unterdrücken gewillt und imstande war. Jetzt müssen wir alle in demselben Sinne zusammenstehen. um als Gesamtheit den Widerstand zu leisten in der Erhaltung unseres unverfälschten Zionismus. ..Das grosse Ideal des wiedererstandenen Volkes auf dem Boden der alten Heimat" hat nicht, wie es in dem Elugblattc heisst, *.nur für eine gewisse Zeit zu gelten.“ Denn wenn unsere Ideale so wandelbar wärpn, wie die Ideen der Landsucher, die vorgestern noch Palästina, gestern Cypcrn und Wadi-el-Arisch, vielleicht noch Anatolien, heute Ostafrika und morgen vielleicht wer weiss welches Land für das Land der jüdischen Nationalzukunft anschcn. dann täten wir in der Tat besser, überhaupt jedes Ideal in die Tasche zu stecken und abzuwarten, wie der Wind der Geschichte blasen wird, dann würden wir uns weiter von andern unsere Geschichte machen lassen, als unsere Geschicke in die eigene Hand zu nehmen. Das Flugblatt hat darin Recht, dass .,wir auf der Suche nach einem Laude die politischen Mächte zur Seite haben \u!öui." Suchen würden sie uns hellen, aber •sie würden auch dafür sorgen, dass wir niemals finden. Wer sich auf die politischen Mächte verlass; Jor;st ver'asscn. Und wer wünscht, dass ihm mühelos ein Stück ,Erde" In den Schoss fallen soll, der wird in den Schass der Erde fallen, ohne von der Freiheit des Volkes etwas zu sehen. Wir müssen uns selbst helfen und uns das Land erringen, auf das allein wir einen historischen Anspruch haben. Zionismus ohne Zion ist ebenso unsinnig wie Judentum ohne Juden. Der ״Tcrritorialis- Das Baseler Programm und seine Gegner Da ich für einen der nächste» Diskussionsabende das einleitende Referat über die Ostafrikafrage übernommen hübe. 1 das cv. ja auch in der RUNDSCHAU im Verlauf der voll ״ib" in ' No. 2 bereits begonnenen Diskussion abgedruckt werden konnte, wird genügend Gelegenheit sein, mich ausführlicher über das auszusprechen, was Herrn Auerbach infolge der Kürze unklar erscheint. Einzelnes aus seiner Replik möchte ich jedoch nicht bis dahin unwidersprochen hinausgehen lassen. Wenn Herr A. meint, ich hätte ihn arg missverstanden, so ist dies zwar nicht der Fall gewesen, ich gebe aber zu, dass er leicht auf diesen Gedanken kommen konnte, vielleicht musste. Dieser Widerspruch erklärt sich aus dem Umstande, dass meine Ausführungen keineswegs ausschliesslich oder auch nur vorwiegend gegen die kurzen epigrammatischen Bcmerklingen Herrn Auerbachs gerichtet waren, sondern dass ich diese nur als A!1 k n ii p t u n g s p u 11k t benutzte, um einmal über diese Dinge zu sprechen. Wie in Zlozistis ,vom Heimwege" viele ״uugeweinte Tränen." so haben sich bei mir infolge meiner rednerischen Unzulänglichkeit zahlreiche ״ungehaltene Diskussionsreden“ angesammelt, und zwar gegen Leute, die nicht so korrekt definieren, wie Herr Auerbach. Mit seiner Definition von ״Rachmones-Zionisten“ bin ich selbstverständlich völlig einverstanden, aber Herr A. weiss anderer- . scits auch, dass seit dem 6. Kongress jeder, der aus irgend welchcn Gründen iiir Gegenwartsarbeit in Ostafrika war, unzählige Male von gewissen Stellen als ..Rachmoncs Zionist" abgestempelt worden ist. Diese Koscherwächter haben ihre eigene, allein richtig geaichte Elle,, sic stehen eifersüchtig bei jeder Aeusscrung und jeder Handlung auf Posten, und wenn sic irgend eine Abweichung von ihrer eigenen, unfehlbaren Meinung erspähen, so ״passgenen" sie unerbittlich den Täter als treue, als ,.Rachnioncs-Zionisten." a's .,Territorialsten," als ,.Nichtzionisten." Ein jüngerer Zionist, sagte mir •in diesen Tagen im Anschluss an meine Ausführungen in der vorigen Nummer der RUNDSCHAU und an Bodcuhcimcrs Bericht über :!•״ Frankfurter Kontorenz: Ein Zionist hat nichts weiter zu arbeiten, als für Palästina. Das erinnert doch an die Märchenanschauung von Königen, die mit der Krone zu Tisch und zu Bett gehen. Auch über ״Territorialisten" hat sich ja völlige Ueberein- Stimmung zwischen uns herausgcstcilt. Dagegen hat mich > Herr Auerbach hinsichtlich der ״öffentlich-rechtlichen Sicherung" arg missverstanden, und das ist der Hauptgrund, weshalb ich mich auf seine Ausführungen nochmals zum Wort gemeldet habe. Herr A. sagt: .,Herr Dr. Simonson tut nicht gut. den politischen Gedanken des Zionismus für eine zuiä'lige Nebensache zu erklären." Hätte ich das ,getan, dann wäre diese Form der Kritik allerdings unverdient mild. Aber nicht den politischen Gedanken habe ich gemeint, sondern die öffentlichrechtliche Sicherung. Auch habe ich diese nicht für eine zufällige Nebensache erklärt, sondern habe gemeint, wenn Palästina unbestritten zur englischen Einflusssphäre gehörte, dann könnten wir bei den englischen Rcchtsgarantieen ohne öifentlich-recht'iche Sicherung ebenso sicher daran gehen, .dort ein jüdisches Volks- und Kulturzentrum zu schaffen, wie unter türkischer Herrschaft mit öffentlich-rechtlicher Sicherung unter Garantie der Mächte. Damit wäre das Baseler Programm erfüllt, wir hätten ein jüdisches Volks- und Kulturzentrum im jüdischen Lande als einen rncher de bronce, mit ungchemmten Entwickcltmgsmöglichkcitcn itn nationalen Sinne und unzerstörbar durch den Wechsel! der politischen Verhältnisse. Nicht erschöpft aber wäre damit der politische Gedanke des Zionismus, der nicht identisch mit dem Kompromissprodukt f ..Baseler Programm" ist. Wie ich mir in dieser Hinsicht Palästina am 27. Januar 2003 denke, darüber brauche ich mich hier umso weniger atis/.ulasscn. als wohl kaum eine Differenz über diesen Punkt zwischen uns bestehen wird. Eine Unklarheit, die das Verständnis erschweren mochte, ist allerdngs in meine diesbezüglichen Ausführungen durch einen lapsus calami hincingcraten. Es liegt nämlich auf der Hand, dass cs nicht hätte heissen müssen, wenn Palästina zum britische n Reiche oder zur britischen Einflusssphäre gehören würde." sondern nur ״zur britischen Einflusssphäre." D r. Emil Simonson. Druckfehler-Berichtigung. In der Replik des Herrn Elias Auerbach in der letzten Nr. der JÜDISCHEN RUNDSCHAU Herr Dr. h unser l.andsuchcrtum nennt, ist eine Mischehe von Zionismus und Assimilation die uuirueiitbar bleiben wird. mus , wie sic muss cs am Seite 29, Zeile 3 von oben heissen: Simonson tut nicht gut.." H. Sachs e.