Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 3, Seite 31. JÜDISCHE RUNDSCHAU Korrespondenz des WIESBADENER TAGEBLATTES vom vom 31. Dezember 190-1; n. L o n d o n, 29. Dezember. Die englische Regierung hat bekanntlich auf Grund ־, einer scinerzeitigcu Anregung Chamberlaihs den Zionisten ausgedehnte Territorien in Uganda zur Besiedelung angebotcu und sah sich auch nach der Aufsehen erregenden Demission ihres dortigen Ober Kommissars nicht veranlasst, von ihrem Anerbieten abzugeheri. In diesen Tagen begab-sich nun Major Gibbons an der Spitze einer vom Zionistenkongress eingesetzten Kommission nach Britisch- ..Ostafrika, um zunächst einen Lokalaugenschein der in Betracht kommenden Gebiete vorztinchmen. Die Kommission dürfte im April nächsten .lahres zurücktrckehrt sein und und wird dann dem nächsten Zionistenkongress Bericht erstatten, der über die Annahme des englischen Angebots endgiltig entscheidet. Die Frage ist für England gerade - jetzt, wo der Zuzug von russischen Juden nach London infolge des Krieges grosse Dimensionen annimmt, sehr aktuell geworden und dip englische Regierung ist begreiflicherweise daran interessiert, den Strom der Einwanderer, die das Proletariat in der Metropole nur vermehren hclien, nt ein neutrales Gebiet abzulenken. Unter den Zionisten seihst herrscht dagegen in bezug auf die Niederlassung in Afrika eine sehr geteilte Stimmung. Die religiosen Fanatiker unter ■ihnen, die vorn Wiederbesitz des Hei- . ligen Landes träumen, wollen von einer auch nur vorübergehende:! Ansiedhmg in Afrika nichts wissen und haben cs durchgesetzt. dass die seinerzeit von Max Nordau mit wenig Erfolg angeknüpften Unterhandlungen mit dem Stiltan wegen Ueberlassung von Territorien in Palästina gegenwiirtig von t etient .aufgenommen werden. Seit etwa einem Monat befinden sich zwei zionistische Delegierte, die von Rothschild akkreditierten Finanziers Witiimann und Aron- Steiner, in Konstantinopel, um dem Sultan eine Anleihe von zwei Millionen Pfund zu •1 Prozent anzubieten, deren Dienst durch die verfügbaren Einnahmen des Sandjaks von Jerusalem garantiert werden soll. Als Entgelt für das bei dem niedrigen Zinsfuss sehr entgegenkommend zu nennende Angebot verlangen die Unterhändler die Autorisation des Sultans zur Gründung einer ..Gesellschaft ziun Ankauf von Ländereien in Palästina.“ Die Delegierten sind während des Rantasans bereits wiederholt vom Sultan empafngen worden und. wie cs heisst, liegt ihre Sache nicht schlecht. Immerhin stehen der Durchführung des Plattes grosse Hindernisse im Wege. Ein beträchtlicher Teil des Bodens von Palästina ist religiösen Stiftungen gewidmet und untersteht der Verwaltung, eines eigenen Ministeriums. Wagt genannt. Die sogenannten Eigentümer dieser Laudereien sind nur Nutzniesser. t deren Tode das betreffende Besitztu imvicder vom Wag! eingezogen wird, um‘ in gleicher Weise neuerdings zum Verkauf gestellt zu werden. Würde die Gesellschaft nun derartigen Boden ankaufen, was bei grösseren Terminkäufen unvermeidlich wäre, so könnte das leicht Verwicklungen ergeben, die man auf türkischer Seite nicht gerne hcraufbeschwöreti möchte. Ganz abgesehen davon, hat sich die türkische Regierung für eine jüdische Kolonisation in Palästina niemal«; recht begeistern könnet und wenn auch jetzt gegen 75 000 Juden im heiligen Lande leben, so erscheinen docli in gewissen Zcitabstämleii immer wieder Verordnungen, die Juden, welche nicht türkische Untertanen sind. d׳e feste Niederlassung in Palästina untersagen. Unter solchen ' Umständen ist es sehr wahrscheinlich, dass der Zionistenkongress, ungeachtet der ideellen Wünsche eines Teils seiner Anhänger, out den praktischen und vorteilhaften Vorschlag der englischen Regierung zuriiekgreifen und damit miniVstens einen bedeutsamen Schritt sozialer Werktätigkeit tun wird. Ferner macht durch eine ganze Reihe deutscher Zeitungen folgende Notiz (überall fast im gleichen Wortlaut) die Runde: ״Die Zentralleitung der zionistischen Bewegung wird von Wien nach London verlegt werden. Bot schon sonst Wien als zionistisches Hauptouartier mancherlei Schwierigkeiten, so ist mit dem Tode Theodor Herzls der letzte Grund weggefallen, die Zentralleitung in der österreichischen Hauntstadt zu belassen. Der einzige Sohn Herzls. dessen Erziehung auf Kosten der Zionisten erfolgt, ist bereits in einem Londoner Institut untergebracht worden.: Man erwartet die Rückkehr der Uganda-Kommission. ח m e n d g ü 11 i g über die.Neuorganisation der Bewegung zu besch Hessen. ־ Das WIESBADENER TAGEBLATT beneiden wir aufrichtig um seinen Londoner n-Korrespondcntcn, der so eingehend über die verschiedensten Dinge unterrichtet ist und es doch dabei nicht unterlässt, einige handgreifliche aber unbedeutende Fehler zu machen, die ganz geeignet sind, ihn als einen zwar gutunterrichteten aber doch dem Zionismus fern Stehenden erscheinen zu lassen. Schade, dass sich solche Korrespondenten nicht auch den z io n is t is ch en Blättern offerieren, die für derlei Neuigkeiten vielleicht umsomehr Verwendung hätten, als unsere offiziellen Quellen ja ziemlich spärlich fliessen. Eine Eigentümlichkeit ist übrigens allen diesen Nachrichten gemeinsam: alle sprechen für die Verlegung der zionistischen Zentrale nach London und für Uganda. Schliesslich wird man es uns nicht als Ge-pensterseherei auslegen dürfen, wenn wir verraten, dass wir hier an eine — selbstverständlich nicht von Zionisten ausgehende — Stirnmungsmache für Uganda glauben. Das dürfte dieses mysteriösen Pudels realer Kern sein! Aus Rumänien Das neue Schulgesetz. Das allerncuestc Gesetz des Unterrichtsministers Spiru Haret wird uns zur Verzweiflung bringen, wenn es tatsächlich durchgeführt werden sollte. Es betrifft den Privat-Unterricht im allgemeinen und dabei kommen die Juden am schlimmsten davon. Da in Rumänen die Zahl der Schulen nicht den Bediirfnissen entspricht, gibt es eine grosse Zahl von rumänischen Privatsrynmasieii, Volksschulen. Handelsschulen etc.. Da jiidisehe Kinder als ״Fremde" (straini) ״nur wenn Platz bleibt" aufgenommen werden, haben die jüd'schen Gemeinden unter schweren Opfern eigene Schulen erbaut. Aber neben diesen Anstalten gibt es im Lande auch rein konfessionelle Schulen, z .B. von ausländischen Protestanten und Katholiken gegründete. Die letzeren haben neben den Klöstern ..Notre-Dame de Sion,“ ״Sacrc-Coeur“ Schulen, wo namentlich in den letzten Jahren grosse Propaganda für den Katholizismus gemacht wird. Obwohl dadurch gerade die Kinder der jüdischen Reiche» beemflusst werden, sehen die griech'sch-orthodoxen Rumänen katholische Agitation höchst ungern und das jüngste Gesetz sollte sich eben gegen sie richten. Aber der rumänische Min'ster betrachtet die hier gebärtigen Juden als Fremde, wirit ihre Schulen mit den Kongregationen •in einen Topf und trifft Bestimmungen, deren Ausiührung die Schliessung der meisten jüdischen Schulen zur Folge haben wird. Die Schulen der Juden erhalten von der Regierung nicht die entfernteste Unterstützung und doch nimmt s׳ch der Minister Rechte heraus, die die Grenze des Billigen bei weitem überschreiten. Die Tendenz der rumänischen Regierung ist zu klar, um verkannt zu werden: Ihre Schulen verschliesst sie immer mehr der j üdischen Bevölkerung, eigene Schulen aber macht sie ihnen unmöglich, so dass die Juden nicht nur materiell sondern mit der Zeit auch geistig verkommen müssen! — Hat aber der rumänische Staat wieder einmal Geldnot, so bekommen einige Parade-Juden das Bürgerrecht (3—4 im Jahre von den 250 000 Juden des Landes), 2—3 Prokuristen grosser jüdischer Bankhäuser bekommen sogar Orden, Herr Sturdza oder sonst ein Minister fährt nach Deutschland und Österreich, verspricht alles, was man von ihm für die Juden haben will — und unsere reichen Stammesgenossen des Auslandcs stellen dem rumänischen Staate soviel Geld zur Verfiigun״. als er gerade braucht. — Bald darauf beginnen dann die Säikanen gegen die Juden mit erneuter Kraft, doch darum kümmert s ch weiter niemand, besonders seitdem die ausländusche Presse müde geworden ist, immerfort von den rumänisehen Juden zu schreiben. — Auswanderung aus Rumänien: In den letzten 6 Jahren wunderten aus (offizicl.'e Statistik): 41 754 Juden, darunter 9288 m't deklarierten Gewerben: 3071 Schneider. 60-1 Spengler. 625 Tischler. 503 Schumacher, 346 Maler, 131 Bäcker. 85 Modistinnen 84 Fleischhauer, 45 Ras$ure etc. Diese Auswanderung nimmt noch dauernd zu. Graf von Pückler Den Grafen Pückler hat sein Schicksal ereilt — sechs Monate Gefängnis sollen die Busse sein für seine Rodomonladen, mit denen er seine eigenen Gesinnungsgenossen derartig kompromittierte, dass sie ihn bereits im Stich Hessen, um nicht ihre ״heilige* Sache einer sehr unheiligen Lacherlichkcit verfallen zu sehen. Wir vermögen es nicht, diesen Grafen mit seinem Gemisch von religiösem und Verfolgungs- Wahnsinn, von schlauer Verstellung und dummer Schwatzhaftigkelt ernst zu nehmen; umso ernster scheint uns aber das Verhalten der Behörden in dieser Angelegenheit die Aufmerkkeit zu erfordern. Denn das Eine ist doch unzweifelhaft und ja nunmehr durch Gerichtsurteil festgestellt, dass die Reden, in denen Pückler zu Mord und Totschlag, zu Einbruch und Gewalttätigkeiten aller Art mit klaren unzweideutigen Worten