Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 3. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 29. sohn wird das wissen — auf dem 1. und 2. Kongress die ganze verstehe ich natürlich Jene Bewegung, die — Herr Dr. Simonson wird das wissen — auf dem 1. und 2. Kongress dii ganze politische Richtung des Zionismus bekämpit hat und in allen Lagern noch heute bekämpft. Herr Dr. Simonson tut recht gut, den politischen Gedanken des Zionismus für eine zufällige Nebensache zu erklären. Das zu widerlegen, ist aber hier nicht der Ort. 3. Unter ״Territorialisten“ verstehe ich wie alle, die dies grässliche Wort gebrauchen, diejenigen, die ״in Palästina'* als ausschliessliches Endziel nicht anerkennen. Führen wir Heber den treffenden Ausdruck von Heinrich Locwe .,die Landsucher" ein. Ueber ihren Ausschluss sind wir also einig. Dann war die Empfehlung Ugandas aus anderen Gründen als Polemik gegen meinen 3. Satz unnötig, da ich darüber kein Wort gesprochen habe. Zionistische Arbeit in Uganda aus solchen — mir allerdings nach Herrn Dr. Simonson's Ausfiihrungcn nicht recht verständlichen — Gründen zu empfehlen. erscheint mir nicht programmwidrig, sondern nur als bedauerliche Unklarheit. Das 7.u beweisen, ist aber hier nicht der Ort. Elias Auerbach. Zigeuner und Juden*) Betrachten wir uns das Schicksal der Zigeuner etwas genauer. Während sic vordem ein einiges Volk gebildet zu haben scheinen, auf eigenem Grund und Boden, sind sie jetzt zerflossen und zerstreut über alle Teile der bekannten Erde, überall lieimbch. nirgends zu Hause, nullatn habet domum, gut ubique habitat. Nicht als ein geschlossenes Volk mehr treten sie auf, nur als Familien noch halten sie zusammen und finden sie sich wieder. Vgl. Riehl, Naturgeschichte des Volks III, 134. Und gerade in dem Festhalten an der Familie, der natürlichstcn Verbindung des Menschen, beruht wesentlich die Fortdauer ihrer zigeunerischen Existenz. Das ihnen bcschiedette Los. kein Vaterland zu kennen und kein Vaterland zu haben, erinnert unwillkürlich an das Geschick der an sich vielleicht ebenso beklagenswerten, itn Laufe der Jahrhunderte von Unverstand und Bosheit, von Dummheit und zelotischem Eiter, von Neid und Habgier ebenso schwer gemisshar.dclten, ebenso hart und grausam verfolgten, aber im allgemeinen doch weit besser gestellten Juden, über deren Sclicksal in Deutschland (nach Ave-Lallmant. a. a. 0.). K1 e m m. Allgemeine Naturgeschichte der Menschheit, IV. 273—284, eine vortrefiliehe historische Skizze geliefert hat. Auch das starre Festhalten au ererbter Sitte und überkommenem Gebrauche,*) sowie die Erfahrung, dass beide regelmässg kein Handwerk erlernen und betreiben mögen, diese nur handeln und nebenbei betrügen, jene aber nur Stehlen und Betrügen im allgemeinen gelernt haben, kann als Vergleichspunkt dienen. Allem bei näherer Betrachtung zeigt sich sofort eine grosse Verschiedenheit. Die Juden haben eine überlieferte, im Alten Testament nicdergclegte Geschichte, die Zigeuner haben keine und können deshalb auch keine Zeitrechnung haben. Nur die Sage deutet schüchtern auf ein vormals selbständiges Volk zurück. Während die Juden sich an grosse und heriiehe Taten erinnenrn. z. B. an die Zeit der Makkabäer, und in deren Gedächtnis s;ch erbauen können, sind die Zigeuner nie ein in die Weltgeschichte eingreifendes und für sic bedeutsames Volk gewesen. Seit ungezählten Jahren wandeln sie, ein düsterer Schatten nur, über die Erde. Der Jude schmiegt und biegt sich, verkriecht und verleugnet sich, sobald cs sein Vorteil erheischt oder die Not gebietet. Der Zigeuner bleibt in stolzen« Selbstbewusstsein zu jeder Zeit, unter allen Verhältnissen, in Gutem und Bösem immer derselbe. Und dieses Selbstbewusstsein findet auch äusserlich Insofern einen unterscheidenden Ausdruck, als der •) Tacit, Hist., V. 4. 5. *) Aus Richard L i e b i c 11, Die Zigeuner. Leipzig 1*63. Zigeuner stets von seiner ,,Nation", der Jude dagegen nur von ״seinen Leuten“ zu sprechen pflegt. Der Jude, tätig und emsig, sucht überall Gewinn und strebt unablässig, mit nie ermüdendem Eifer nach Erwerb und Reichtum; der Zigeunei, träge und faul, gedenkt künftigen Bedürfnisses nicht und lebt unfürsichtig nur dem heutigen Tage. Wenn der Jude bemüht ist. sich dauernden Wohnsitz, (laus und Herd zu gründen, bürgerliche Rechte sucht in fremden Landen, so verschmäht der Zigeuner die Wohltat stehender Herberge, und zieht, gleichviel ob geborener oder erzogener Vagabund, ihm stagnierend scheinender Ruhe und gesichertem Besitze die Zufälligkeit des Obdachs und des Erwerbs vor. Der Jude findet für die von Vorurteil erzeugte und genährte, von Missgunst. Neid und Eigennutz ausgebrütete, ihn allenthalben begleitende unchristliche Verachtung Ersatz in Schätzen und Gold; bei seiner politischen Unselbständigkeit und Bedrückung Trost und Hoffnung in der Erwartung seines Wissens, der ihn aus Schmach und Eiend erhaben, in das Gelobte Land zurückführen und seine Herrschaft dereinst aufrichten werde über alles Volk und alles Land. Der Zigeuner dagegen kennt sein Lo׳ und weiss, dass bessere Zukunft seiner nicht wartet. —I .Aus der Beweguijg ן— Berlin. Die ״Jüdisch-nationale Frauenvereinigung** hielt am 3. Januar in Drüsel’s Festsälen eine Versammlung ah, in welcher Fräulein Channa Sachs über das Thema ״Moses Hess, Rom und Jerusalem־־ sprach, ln ihrem tüchtig durchgearbeiteten Vortrage forderte Rednerin zum Studium des interessanten Buches auf und wies vor allen Dingen auf die Bedeutung Moses Hess* als Vorläufer und Vorkämpfer des Zionismus hin. Die ziemlich zahlreich erschienenen Anwesenden waren den Ausliihrungen von Fräulein Sachs mit grosser Aufmerksamkeit gefolgt und lohnten durch andauernden Beifall ihre fleissige Arbeit. Eine kleine Diskussion beschloss die Versammlung. — Der nächste Gcschichtsvortrag in der ״Jüdisch-nationalen Frauenvereim- Kung" findet am Montag, den 23. Januar, abends 9 Uhr, in den Räumen des Montefiore-Vereins Dirksenstr. 46 statt. Herren und Damen sind willkommen. Berlin. Auf dem nächsten öffentlichen Diskussionsabend der freien Verbindung Hasmonäa wird Herr Dr. S. Soskin ein Reicrat über Palästina halten, von wo er soeben zurückgekehrt ist. Dr. Soskin, der Redakteur von ALTNEULAND, ist •Mitglied der Palästinakommission und hat als solches an den Beratungen des grossen A.-K. tcilgenommen. Bei den zu erwartenden interessanten Ausführungen dürfte sich ein Besuch der Diskussion entschieden lohnen. — Von dieser Stelle aus sei aut die vielfachen Anfragen der letzten Zeit darauf hingewiesen, dass alle Mitglieder der B. Z. V., Damen und Herren, herzlich willkommen sind. Der Diskussionsabend am Sohnahend hält sich durchaus in dem üblichen parlamentarischen Rahmen und ist von der Hasmonäa ausdrücklich für weitere Kreise veranstaltet worden. Das Lokal befindet sich seit Kurzem in der Alten Schönhauscrstr. 23—24, Rückgebäude. Beginn pünktlich um 9 Uhr. Tilsit. Vertrauliche Besprechung der Tilsiter Zionistischen Vereinigung. Kurzer Ucherblick desG. Lewin über die gegenwärtige Lage. Einrichtung eines Lesezirkels beschlossen. Tatkräftige Agitation trotz glänzender Unterstützung von Berlin und Königsberg. Alle 3 bis 4 Wochen kleiner Diskussionsabend. Königsberg. Am 3. Januar fand die General v er- Sammlung der hiesigen Ortsgruppe im Hotel Masic statt. Der Jahres- und Kassenbericht des Vorstandes ergab unter anderen«, dass im Laufe des vergangenen Jahres insgesamt c. Mk. 1600 an den Nationalfond abgefiihrt werden konnten. Bei der Neuwahl des Vorstandes lehnten 2 bisherige Mitglieder eine Wiederwahl ah. Es wurde ihnen durch den Vorsitzenden Dank für ihre bisherige Tätigkeit ausgesprochen. Der Vorstand besteht z. Zt. aus den Herren: Dr. Hoppe, Vorsitzender: Rechtsanw. Dr. Jacoby. Schriftführer; Samb u r s k y, Kassierer; Zahnarzt Theodor f. Presseu. Versammlungsangclcgenhciten: Otto Cohn, Vorsitz, der Agitationskomtnission. Es wurde beschlossen, die regelmässigen Woclienvcrsammlungcn von jetzt ab Donnerstag um S'2 abends im Hotel Masie abzuhalten.