Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 28. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 3. der Wirklichkeit. Das Gegenteil kann auch richtig sein. Die Rachmones-Zionisten be kä mpf en d ie Worte ״für das Jüdische Volk.“ Darauf könnte jemand erwidern: ״Gerade weil mir ״das jüdische Volk“ zugunsten des theoretischen Prinzips zu sehr in den Hintergrund gedrängt wird, während es doch bei heutiger Lage in erster Reihe Berücksichtigung verlangt, gerade weil die Theoretiker unentwegt auf dem Prinzip, die Nationen inzwischen auf dem jüdischen Volke herumreiten, gerade deswegen wiegt augenblicklich bei mir das Rachmones vor, ich bin also Rachmones-Zionist und halte das ״Nachtasyl“ für die dringendste der Gegenwartsaufgaben.“ Wenn also so jemand spräche, dann könnte wohl derselbe Leser, der Auerbach zugestimmt hat, nicht umhin, wie Friedrich Wilhelm der Erste vor dem Kammergericht auszurufen: ״Der Kerl hat auch recht.“ Die Chowewe-Zion bekämpfen die öffentliehrechtlich gesicherte Heimstätte. Ich gehöre nicht zu den Chowewe-Zion und habe keine Veranlassung, für sie einzutreten. Aber auch diesem Satz kommt nur eine begrenzte Richtigkeit zu. Dass sie die öffentrechtliche Sicherung ,.bekämpfen." habe ich noch nicht bemerkt, vielmehr haken sie nur den umgekehrten Weg für den möglichen, nämlich erst die Heimstätte, dann die öffentlichrechtliche Sicherung. Diese Anschauung gehört ihnen aber nicht einmal ausschliesslich, sondern macht sich auch in unserer Mitte geltend. Wenigstens ist es mir bei geschärftester Aufmerksamkeit bisher noch nicht gelungen, einen Unterschied 7,wischen den Chowewe Zion und den Herren Buber und Trietsch in de1־ Frage der öffentlich-rechtlichen Sicherung herauszufinden. Wenn wir h: unserer überwiegenden Mehrzahl anderer Meinung sind und die öffentlich-rechtliche Sicherung voranstellen, so doch nur infolge des zufälligen Umstandes, dass Palästina im Besitz der Türkei ist. Für Ostairika können wir ruhig auf die staatsrechtliche Fixierung verzichten, denn die Magna carta Englands ist genügend öffentlich-rechtliche Sicherung; und wenn Palästina zum britischen Reiche oder wenigstens unbestritten zur britischen Einflusssphäre gehören würde, dann brauchte uns in diesem Punkte nichts mehr von dem Chowewe-Zion zu trennen. Die Ter ritorialisten bekämpfen die Eorderung ln Palästina.“ Die Vokabel ״Territorialisten“ ist noch nicht alt und hat daher wohl noch keinen fest umgrenzten, von allen denen, die sich ihrer bedienen, anerannten Sinn, Zionisten, die die Forderung ״in Palästina“ bekämpfen, sind mir noch nicht begegnet. Gemeint sind also wohl diejenigen, welche sagen: ״Kann es Palästina sein, dann ist es uns gewiss angenehm, sonst Ist uns ein anderes Territorium ebenso recht!“ Solche gibt es in der Tat unter uns, in welcher Zahl, das entzieht sich, da ich die russischen Verhältnisse in dieser Hinsicht zu wenig kenne, meiner Beurteilung. In Deutschland sind sie jedenfalls ganz vereinzelt. Insofern sie das ״andere Territorium“ als eine definitiv׳* Lösung der Frage ansehen. tut man ihnen nicht Unrecht wenn man ihnen das Recht abspricht, sich Zionisten zu nennen. Bleiben also die Verteidiger des ״Nachtasyls,“ die so deduzieren: Da wir vorläufig doch noch gezwungen sind, Hunderttausende in die Diaspora zu sichickcti, wo sie scheel angesehen oder hin- und hergejagt werden, warum sie nicht an eine m Orte sammeln, um Unsere Hilfe wirksamer zu gestalten, um mit denselben Hilfsmitteln Grösseres zu erreichen? Warum nicht, statt Hausierer und arbebslose Arbeiter überallhin zu senden, wo sie nicht gebraucht werden, auf eigenem Grund Bauern und Städte und damit Bcvölkerungsclcmente schaiien. die wir als Pioniere brauchen werden, wenn Palästina uns geöffnet wird? Oder glaubt jemand, dass es dann zu wenig Juden für Palästina geben wird? Abei die Ostafrikagegner sagen, es würden die für die Palästinaarbeit notwendigen Kräfte verbraucht werden! Ein Beispiel: Amerika beginnt schon mit der zwangsweisen Rücksendung der Einwanderer, weil sie mit fremder Hilfe hinübcrgekoninicn seien. Sind diese in den Atlantischen Ozean, oder die ebenso unergriind-! liehen Taschen des Herrn Ballin versenkten Summen etwa nicht vergeudet? Wenn aber die Arbeitskraft des Zionismus gemeint ist, so würde diese durch die Besiedelung des ostafrikanischcn Gebietes so wenig eine Hmiusse erleiden, wie ein Licht, an dem ein zweites Licht entzündet wird. Im Gegenteil! Wer sich je die Grundsätze der Energetik in der organisehen ebenso wie in der anorganischen Wcjt klargemacht hat. der wird verstellen, dass gerade durch liiniiihrung einer Spannung (Potential) ein Energiegciälie geschaffen wird, durch welches grosse schlummernde Volkskräfte erst in Atkivität versetzt werden. So könnten die ״Ostafrikaner“ deduzieren. Bekämpfen sie also die Forderung ,.in Palästina'•? An einem der nächsten Diskussionsabende soll ja die Ostafrikatrage zur Erörterung gestellt werden; dann wird wohl auch mein geschätzter Kollege Herr Auerbach Gelegenheit nehmen, seine wirkliche Meinung eindeutiger zum Ausdruck zu bringen, als es im Rahmen eines kurzen Epigramms möglico ist. D r. E in i I S i m 0 n s o n. Herr Elias Auerbach, dem wir einen Abzug des vorstehenden Artikels zugänglich machten, schreibt uns hierzu: Eine kurze Antwort erfolgt am besten gleich. Da Herr l)r. Sirnonson mich arg missverstanden hat, möchte ich eine kurze Definition der epigrammatisch gebrauchten Begriffe nebst einsgen Anmerkungen geben. 1. Unter Rachmones-Zionisten verstehe ich diejenigen, die nicht um des jüdischen Volkes, id est um ihrer selbst w illen, sondern um armer russischer Juden willen Zionisten sind, die den Zionismus wieder zur milden Gabe degradieren oder nach dem Worte unseres deutschen Führers ״die iiir ihre Person verzichtet haben“. Mit keinem Worte habe ich also die Gegenwartsarbeit angegriffen. Dass diese ״Zionisten“, welche die Betonung jüdischen Volkstums ' nur hindern, keine Zionisten sind, dabei bleibe ich nach dem Worte der Haggadah: Weil sie ihre Person von der Gesamtheit des Volkes ausschÜessen. leugnen sic eine Grundwahrheit des Zionismus. 2. Unter ״Chowewe Zion“ in diese m Zusammenhänge sein Verlauf die öffentliche Meinung mit Sympathie für unsere Sache erfüllen wird. Es ist ja nicht nur Sache der Juden, wenn ruhige Männer die Judenfrage in einer friedlichen und ehrenvollen Weise zu lösen versuchen und zu diesem Werke die Mitwirkung aller politischen Faktoren freimütig erbitten. Und wir hoffen ferner, dass dieser Kongress, den man heute von München verscheucht, in kommender Zeit ieder Stadt, die ihn beherbergt, zur geschichtlichen Ehre gereichen wird: dass der zweite oder dritte Kongress dieser Art schon von Stadthehörden und Kultusvorständen eingeladen wird. Sollten soäterhin auch die Münchener Herren den Kongress zu sich bitten, nachdem sie ihren Irrtum über diese Bewegung eingesehen haben, so werden ihnen die Einberufer zweifellos den Vorzug geben. Aber wenn unsere russischen Zionisten an den öffentlichen Debatten auch זסת bescheiden Teilnahmen, so lernten wir sie doch in den Privatgesprächen kennen und schätzen. Fasse ich diesen Eindruck, der sehr stark war, in ein Wort zusammen, so ist es: Sie besitzen die innere Einheit, die den meisten eurooäischen Juden abhanden geokmmen ist. Sie fühlen sich als Nationaljuden, aber ohne beschränkten und unduldsamen Nationaldünkel, der freilich bei der jetzigen Lage der Juden auch kaum verständlich wäre. Es plagt sic kein Gedanke, sich zu assimilieren, ihr Wesen ist einfach und ungebrochen. Diese russischen Juden geben mit ihrem ganzen Wesen Antwort auf die Streitfrage, die uns von armseligen Schwätzern so oft eotgegengehalten wird: ob das Nationaljudentum nicht die Ent-!•rnung von der modernen Kultur zur unvermeidlichen Folge haben müsse? Nein. Diese Leute sind auf dem rechten Wege, ohne viel Raisonncment. vielleicht sogar ohne darin je eine Schwierigkeit bemerkt zu haben. Sie assimilieren sich keiner anderen Nation, aber sie sind bemüht von allen Völkern alles Oute zu lernen. So bringen sie cs fertig, aufrecht und echt zu sein . Und es sind doch Ghettojuden, die einzigen Ghettojuden, die es in unserer Zeit noch gibt. Da haben wir bei ihrem Anblick verstanden, was unseren Vätern in den schwersten Zeiten die Kraft zum Ausharren gab. Eigentümlich lebensvoll trat unsere Geschichte in diesen Gestalten vor uns hin. Ich musste daran denken, wie man mir in der ersten Zeit oft entgegengehalten hatte: Sie werden nur die russischen Juden für die Sache gewinnen. Wenn man mir das heute wieder sagte, würde ich antworten: Das genügt! , Doch ist es keineswegs eine nur osteuropäische Bewegung. Der Zionismus b?t seine Anhänger in der ganzen Welt, und wie nach dem biblischen Wort kamen sie von den vier Enden der Erde nach Basel an den Kongress. - Letzteres sind die Worte, die H e r z l der ersten Publi- Kation dieses Briefwechsels beifügte, der eine der interessantesten historischen Dokumente des Zionismus darstellt, über das Nichtiudcn staunen, und dessen die Juden sich später einmal schämen werden. 11■ nwwty״ *WlT’f