Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1905-01-20 · Heft 3 (20.1.1905) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651394-2651398--02011-2658895
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 3. .Seite 26. JÜDISCHE RUNDSCHAU noch, dass In neuester Zeit sich gerade Im Zionismus, der .• nationalen Partei, deren Führer Nordau und Zangwiil Mischehen eingegangen, Stimmen für die Mischehe erheben.“ Und nun folgt eine Inhaltsangabe des Artikels einer Erwiderung auf meinen gegen die Mischehe gerichteten Artikel vom anthropologischen Standpunkt aus die Vermischung des jüdischen mit nicht-jüdischem Blute gerade im Interesse der zionistischen Zukunftsarbeit befürwortete. Zunächst ist die Inanspruchnahme Nordaus für die Idee, dass die Mischehe vom jüdisch-nationalen Standpunkt zulässig sei, zurückzuweisen. In dem Zusammenhang, in dem Dr. Brün die. tatsächlich von Dr .Nordau eingegangene Mischehe erwähnt, ist eine solche Inanspruchnahme deutlich zum Ausdruck gebracht. Die blosse Tatsache genügt aber rächt zu diesem weitgehenden Schlüsse: zum mindesten musste berücksichtigt werden, dass Nordau lange, bevor er sich dem jüdisch- . ■nationalen Gedanken zugewandt, die Mischehe eingegangen ist. In No. 555 (November) des hebräischen Tageblattes HAZOFEH , berichtet Ruhen B!<air.:n über ein Gespräch mit Nordau. . Nordau bedauert, dass man ihm noch heute se'ne Handiungs- . weise vorwcric. die zeitlich so weit zurfickliege, und für die s. Zt. auch moralische Gesichtspunkte in ’ .tracM kante!. Es sei ja tragisch, dass ihm so spät erst die?;onispset!: Idee auigegungen sei. ln seinem Drama ,.Doktor Kolm" habe er ja gegen die Mischehe, als gewissennassen auch gegen seine ' eigene Handlungsweise, laut vernehmbaren Protest erhoben. Er habe auch vor kurzem einen bekannten Schriftsteller gewarnt,'eine Nicht-Jüdin zu heiraten; zu seinem grossen Leidwesen sei dieser seinem Rate nicht gefolgt. Von den ״Stimmen für die .Mischehe" bleiben also nur die Zangwills und Simplieissimi übrig. Obwohl ich selbst im Mai v. J. gegen die Ansichten von ־ Simplicissimus polemisiert habe, muss ich sie heute f׳-gen die Dr. Brülls in Schutz nehmen. Die Voraussetzung für die An- schaumigen von Simplicissimus hieb die Idee der Erhaltung des Volkes. Met dem zionistischen Bekenntnis im Herzen ist Simplicissimus an die Untersuchung der Frage herangetreten. . ob die Mischehe zu empfehlen sei. Er glaubt nun teils auf Grund theoretischer Erwägungen, teils in Hinsicht auf gewisse 1 Vorzüge der arischen Rasse, derei Überpflanzung in das jüdische Blut unser Volk zur Verwirk’ichung seiner zionistischen; Zukunftsplane erst wahrhaft brauchbar machen würde, — dass .die Mischehe im Interesse des nationalen Gedankens zu emp- . fehlen fei, natürlich immer nur soweit, als dadurch die jüdische Eigenart nicht verloren geht. Ich habe damals das Unhaltbare dieser Ansicht nachzuweisen gesucht und glaube gezeigt zu haben, dass die Mischehe der gefährlichste Feind des nationalen Gedankens sei. Der Angelpunkt aller Überlegungen blieb aber für uns, dass der nationale Gedanke die Hauptrichtschnur unseres Handelns darsteile. Nun zu Dr. Brüll! Er erkennt in der Stellung von Bibel und Talmud zur Frage der Mischehe einen Hinweis darauf, dass das Judentum eine Religion der Entwicklung sei und somit sich gleich im folgenden Satze an dem ״belebenden Hauch", der über die Gefilde Israels und der Menschheit dahinziehen wird, zur Zeit da Arier und Semiten ״zu höherem Dritten" geeint sein werden. Ihm ist also die Mischehe nicht ein Mittel zur Sicherung des nationalen Bestandes, sondern zu seiner Aui- Hebung. S mpücissimus glaubt ־ wenn auch, wie ich meine, irrtümlich — durch die Mischehe Eigenschaften hermzüchten zu müssen, die das jüdische Volk in Stand setzen werden. sc!ue nationale Eigenart in der Zukunft durchzusetzen. Dr. Brüll erhofft von der Mischehe die Förderung der Versch!,al.'mig aller Nationen zur Alimenschlieit, das Ende aller na! onalen. auch der jüdisch-nationalen Eigenart. Gewiss war der Veriassser berechtigt, die eine zionistische Stimme für die Mischche in Sv'nem Vorträge zu zitiere!:; es wäre aber zu wünschen gewesen, dass er den prinzipiellen <iegensatz zwischen den zionistischen Befürworten der Mischehe und sich selbst hervorgeh oben batte; denn bei aller scheinbaren Übereinstimmung in der Wahl der ״Mittel gähnt zwischen beiden Anschauungen eine tiefe Kluft. Im Interesse Dr. Brülls läge es. wenn späterhin zur sicheren Erfüllung seiner Verscnmclzunjgsideen die Mischehen in möglichst grosser Zahl geschlossen würden; im Interesse \on Si!11pücis':,r.us aber läge es. wenn hierbei ein bestimmtes Mass rieht üherscltriiten würde, denn mir soweit ist die Mischehe zu gestattet, als ״dadurch die jüdische Eigenart nicht verloren geht.*־ Demnach ständen wir um für diejenigen, welche hierin eine Wortklauberei erblicken, einen Vergleich zu Wählern — vor etwa folgender Situation. A11 das Bett eines Schwerkranken, der sich in quälendster Beklenunung und Atemnot auf seinem Lager wälzt, tritt ein Arzt. Er hält den Tod für den glücklichsten Ausgang und glaubt mit Morphium nicht sparen zu sollen, um den Ausgang zu beschleun gcn und die unnötigen Qualen abzukürzen. Ein zweiter Arzt hält eine spätere Genesung des Kranken nicht für ausgeschlossen, doch glaubt er. dass die jetzige Atemnot ein schweres Hindernis für die Regeneration darsteile. Er ver- Ich wellte sie nicht zum Sprechen zwir.gcn und fragte nur: ״Ist es denn möglich, dass du in deinem , Garten ausser diesen irucht- und geruchlosen Weiden nichts, gar nichts weiter besitzest?“ (Forts folgt.) Verlegung des Kongresses 1 Es ist allgemein bekannt, dass der erste Z'imiistenkongicss [ Jn München stattfinden sollte. Weniger bekannt dürfte es se 11. wodurch in letzter Stunde noch München davor bc- ' •wahrt wurde unserem Programm den Namen zu geben, den : ihm dann 'eine andere lieh. ..die gute Stadt Basel, di-.־ unseres Dankes wohl vertraut ist." und die es kaum zu bereuen gehabt hat•־ Wir publizieren her den interessanten Schrittwechsel, der damal.s zu der Verlegung führte; . Wien, den II. Juni 1897. - An. die löbliche Vorstaridschaft der israelitischen KultusgemeL.Jc München. \"f.'7 . .Hochgeehrte Herren! Einige Notizen in den Münchner Tageblättern haben unsere Aufmerksamkeit auf eine Agitation gelenkt, die dort gegen die > Veranstaltung unseres Zionistcn-Kongresses eingeleitet worden :־־ ־ (st*' Insbesondere heisst cs, dass sich der Münchener Kultus* . - Vorstand .gegen diesen Kongress, zu dem er nicht eingeladen worden sei, verwahre. Um diese Sache klarzustcllen, wenden wir ’uns direkt an Sie. Wenn wir den Münchener Kuitusvorstand nicht zutn Kongross eingcladen haben, so unterlassen wir dies nicht aus Mange! an Courtoisie. oder weil wir Sie nicht als dazu gehörig ansahen. Wir wollten es Ihnen vielmehr völlig auhcimstellen. sich als gern gesehene Genossen am Kongresse zu beteiligen oder sich diesem fern zu halten. Wir glaubten, taktvoll zu handeln, wenn wir Ihnen die Wahl Ihrer SteEung r.um Kongrosse übcrlicsscn und Emen eventuell die Verlegenheit ersparten, sich aus vermeintlichen Opportunitätsgrümlcn gegen Ihre Stanimesgenosscn erkläre״ zu müssen. Zwar enthält der Zionismus nichts, was gegen Sitte oder Gesetz verstiesse, und nur Böswillige können diese Bew egung als antipatriotisch hinstellen. Aber wir wissen mir zu gut. wie viele falsche Vor- Stellungen noch über unser»» Versuch, die Judenfrage friedlich und menschenfreundlich zu lösen, verbreitet sind. Es ist eine der Aufgaben unseres Kongresses, die öffentliebe Meinung über das Wesen des Zionismus aufzuklären. Wir beehren uns, Ihnen gleichzeitig eine Nummer unseres Parteiblattcs ״Die Welt״ zu übersenden; da finden Sie einen informierenden Artikel über die '/.wecke des Kongresses. Wir haben den Kongress nach München einberufen, weil diese Stadt als gastfreundlich gilt und ein geeigneter Verkehrsmittclpunkt ist. — Einen Protest . von jüdischer Seite gegen unsere Versammlung haben wir nicht erwartet und wir glauben, dass auch Nichtjuden einen solchen Protest nicht verstehen werden. ■ Es scheint uns. dass die Israeliten., die sich mcht als Nationaljuden, sondern als Angehörige einer andern Nation fühlen, uns ruhig unseren Volksgefühlen überlassen sollten. Wir sprechen nicht in ihrem Samen, sondern in unserem eigenen; wir achten ihre Nationalität, mögen sie die unsere achten wie das untpr den Völkern üblich ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.