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Jüdische Rundschau · 1905-01-13 · Heft 2 (13.1.1905) · p. Seite 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 2 (13.1.1905)
Date
1905-01-13
Page
Seite 15 (sequence 7)
Language
German
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Seite 15. No. 2. JÜDISCHE RUNDSCHAU aber im Laufe der Jahre'das alte Laster der Apostaten Herrschaff gewonnen. Er hat das jüdische Element seiner Seele, das ihm heute noch unverkennbar anhaftet, hassen gelernt. In antisemitischen Witzeleien und mit kaltem Hohne auf die jüdisehe Rasse prostituiert er sein Talent. Mit Recht hat ihm sein ehemaliger Freund Dr. Morris de Jonge .vor kurzem in einem offenen Brief im JÜDISCHEN GENERALANZEIGER nachgesagt, dass man nachgerade sein Blatt nur noch zwischen der- STAATSBÜRGERZEITUNG der der DEUT- SCHEN TAGESZEITUNG im Kaffee lesen dürfe. Nicht wegen der ־־Bekämpfung schädlicher Auswüchse der Judenpresse, nicht wegen der Artikel gegen die Dreyfusards. wegen einer Acusserung über Klausner und wegen der UnteroSfizierartikel, am wenigsten wegen der geisttriefenden Atna.idlung des Herrn Dr. Fromer über das Wesen des Judentums, auch nicht wegen der Bekämpfung der liberalen Parteien, überhaupt nicht wegen seiner Stellungnahme zu enzelnen jüdischen Fragen fühlen wir uns von Harden abgestossen —• denn wir dürfen offen gestehen, dass in manchen dieser Angriffe eine feine Saite gewisse Obertönc unserer Seele im Akkord mitkiingen lässt —, sondern wegen jener seiner lieben Art sich über jüd'sche Angelegenheiten zu äussern, die sich nicht in Ucberschriiten von Artikeln festlegen lässt, die aber jeder Leser der ZUKUNFT kennt; es genügt sogar, den letzten Jahrgang sorgfältig verfolgt zu haben. Einen Mann, der sich von seinem jüdischen Boden mit aller Macht zu lösen strebt, müsste ein feineres Taktgefühl gelehrt haben, mit besonderer Schonung des Mutterbodens zu gedenken. Es ist nicht das Zechen einer moralisch feiner differenzierten Persönlichkeit — aber es ■Ist psychologisch erklärlich —, wenn er * in seinem heissen Bemühen, sich völlig der Denkweise des Volkes anzupassen, dem er sich anähiieln will als überzeugter Assimilant” (so schreibt Tubal wörtlich), seinen Hass gegen alles Jü&schc kehrt. Darüber freilich ist nicht zu streiten, dass cs ehr lächerliches Gebahren der halben Assimilanten ist, einen Harden durch Erinnerung an seine jüdische Abstammung zu verhöhnen, jener Assimilanten, die Harden um den Mut bene'dcn sollten, mit dem er •ihre eigenen Anschauungen konsequeat »m Leben durchzuführen verstanden hat. (Zwar ist auch hierbei zu bedenken, dass sxh der Hass so manches ״halben“ Assimilanten mehr gegen den antrscmitclndcn Ton Hardens. als gegen sein extrem konsequentes Assimilantentum richten wird.) Unbegreiflich Ist es nur, wie Tubal daran Anst03s nehmen kann, dass der konsequente Jude, der Zionist den antisemials wenn der Bach nicht aus Himtnelsregen, sondern aus Menschentränen gebildet wäre. Unwillkürlich erinnerte ich mich der finsteren und hilflosem Masse meines Volkes. Wie diese fruchtlosen Weiden verkümmern sie im dumpfen Kampf ums Dasein; arm ist ihr Leben an Früchten guter Taten und wird nicht von dem Glanze des Wissens und der Schönheit beseelt. Sie leiden frucht- und ziellos, indem sie sich unklar jener vererbten Ideen bewusst sind, im Namen derer sic leiden und zu Grunde gellen. ‘ Ich erinnerte mich dieser armen Masse; ein beklemmendes Gefühl beengte meine Brust und ich blieb fassungslos” stehen. ■ II. Aber plötzlich wurde dieses düstere Bild unter dem Einfluss wunderbarer Klänge einer herrlichen Melodie, die aus der Tiefe des Weidenhains zu mir drang, belebt. Ich horchte auf. Eine zarte, weibliche Stimme sang: ״Seht mich nicht an, dass ich so schwärzlich bin, die Sonne hat mich verbrannt, die Söhne meiner Muttcr grollten mir, setzten mich zur Weinbergshüterin — meinen־ Weinberg, meinen hab’ ich nicht gehütet.‘‘ telnden Harden an seine Abstammung zu erinnern^iemüht Ist; eine derartige Auffassung wird eben nur dadurch erklärlich, dass Tubal die Ursache unserer Abneigung an falscher Stelle sucht, dass er' sie durch Aufzählung gewisser Angriffsobjekte, die sich Harden an Laufe der letzten Jahre gewählt, zu fixieren sucht. Wenn Harden irgend einen Judentyp durchaus mit dem geschmackvollen ״Brückengeländer“ (oder war es ״Kanalgeruch“?) zu benamsen sich gedrungen fühlt, so ist es nicht nötig, sich darüber zu entrüsten, wenn man ihm den ״preussisehen Junker Isidor Witkowsky” zur Antwort gibt. Das eine nur möchte man Harden zu Gute halten, dass sich die Verachtung, mit der er auf die Majorität der deutschen Juden herabschaut, nicht zum geringsten Teil gegen eben jene halben Assimilanten richtet, denen er sich in seiner Welt- und Lebensanschauung mit Recht überlegen fühlt; sie bezeichnet er in seinem Artikel über den Krieg als die ״Wurzellosen“, die den Sieg Japans erhoffen. Dass ireüich Harden vom zionistischen Standpunkt der wahrhaft Wurzellose ist, kommt hier nicht in Betracht, da ihm anscheinend die zionistische Idee bislang unbekannt geblieben ist. Das bringt mich auf den dritten Punkt. Was Tubal über der Zionisten Sympathie und Antipathie gegenüber Hardens Stellung zu dieser und jener bestimmten Frage schreibt, ist nach allem, was ich oben sagte, in seiner ganzen Angrifisrehtung verfehlt. Aber es scheint, als solle nun gar Harden dem z!onisiischen Herzen näher gebracht werden. Hat er doch einen Herzischen Roman liebevoll rezenscrt. Ganz allgemein gestatte man mir die Bemerkung, dass ich wie mancher andere Leser der ZUKUNFT in puncto Rezensionen dieses Blattes zu etwas eigenartigen Ansichten gelangt bin. Wenn ein Quidam am Schreibtisch den phänomenalen Vorschlag macht, der deutsche Kaiser solle an der Spitze der vereingten europäischen Heere gegen England zu Felde zielten, um den britischen Grössenwahn zu zerschmettern, wenn mit der Niederlegung solcher ״Ideen” gutes w׳eisses Papier unbrauchbar gemacht wird, so findet ein solches Buch d «rch e'ne Selbstanzeigc in der ZUKUNFT die notwendige Berücksichtigung. Warum? Weil es originell Ist. Das erinnert In seiner Art an den Leitartikel ״Bellachinis Tochter.” Wenn Dr. Herzls ״Judenstaat" eine anerkennende und warmherzige Besprechung findet, so mag die Anerkennung eine ehrliche sein; ein gut Stück Misstrauen können wir nicht fallen lassen. Und was bedeutet uns das Zugeständnis, dass Herzls Altneuland-Rontau ei״ Buch sei, dijs vom Herzen komme und den Weg zu den Heroen finden werde? Als ob nicht e'n jeder eine solche oder Etwas Heimatliches, Mütterliches hörte ich in den Tönen dieses Liedes. Bekannte Worte, eine mir längst bekannte Stimme. Aber, wo konnte ich sie gehört heben? Ich bog vom Wege ab und ging nach jener Rieh tung. woher die Töne erschaliten. Und je weiter ich mich in den Wald vertiefte, desto wunderlicher wurde es mir zu Mute; ein ehrfurchtsvolles Zittern bemachtigic sich meiner, als träte ich in einen geheimnisvollen Tempel ein. Aber siehe! Die Bäume lichteten sich und ein unerwartetes Bild, das sich meinen Augen bot, setzte mich in Erstaunen. Am Ufer des spiegelkiaren Bachleins, halb zu mir gewendet, stand eine schlanke, weibliehe Gestalt, mit einem Gartenmesser in der Hand. Indem sie leise ein schwermutsvolles Liedchen summte, schnitt sic ein Weidenzweiglein nach dem andern ab, und verliebt, beinahe mütterlich betrachtend, setzte sie es in den aufgelockerten Boden und ordnete mit ihren zarten Händen die Erde. So oft sie ihres Bildnisses auf der Oberfläche des Bächleins gewahr wurde, blieb sie, in Gedanken versunken, stehen und zuckte dann mit den Achseln, wie ein Mensch, der sieh selber nicht erkennt oder mit sich selber unzufrieden ist. Und sie

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