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Jüdische Rundschau · 1905-01-06 · Heft 1 (6.1.1905) · p. Seite 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
Seite 9 (sequence 14)
Language
German
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No. I. Seite SL JÜDISCHE RUNDSCHAU einer zweistündigen Eusstour, zuerst das Out .,Schönholzer Mühle“ zu sehen, das in der Nähe von Ebcrswalde liegt. Herr J. Rosenthal, der sich unserer Tour angeschlossen, ist noch nicht lange Besitzer dieses Gutes. Und dennoch hatten wir Gelegenheit, seine Intelligenz zu bewundern, die es verstand, in kurzer Frist fast überall die bessernde Hand anzulegen. Unter anderem intcrcsserten auch die Teichanlagen. Von hier ging es zur Besichtigung von Bauernwirtschaften, was ja für diejenigen sehr wichtig ist, die sich selbst anzus'edeln beabsichtigen. Den würdigen Abschluss fand die Exkursion am folgenden Tage — nach einem strammen Marsch in der Königliehen Porst via Linsenkrietz — in der Besichtigung des Rittergutes Sydow, dessen Besitzer uns aufs liebenswürdigste empfing. Was wir hier zu sehen bekamen, werden wir noch lange ווו angenehmer Erinnerung bewahren. Die Kollegen aus Russland waren geradezu enthusiasmiert, nichts entging ihrer genauen Betrachtung. Kein Wunder also,' dass sch manchem braven Zionisten der Wunsch abgerungen: ..Möge es so in unserem Lande aussehen!“ — Sowohl Herrn J.• Rosenthal wie auch Herrn Rittergutsbesitzer Wilhelm Koch sei hier nochmals unser Dank ausgesprochen. J. Radler, stud. agr. Jüdische Arbeltcrkolonic. Am Sonntag, dem 25. Dezember 190*1, fand im Büro des Deutsch-Israelitischen Genieindebundes eine gemeinschaftliche Sitzung des Vorstandes, des Wohifahrtsausschusses und des Komitees der Ehrendamen des Vereins Jüdische Arbeiter-Kolonie statt. Das zuletzt genannte Komitee hat sich unter dem Vorsitz der Frau Maurermeister Adler konstituiert, deren Ste'.lvertrctcrin Frau Amalie Apt ist. während Frau Oberlehrer Dr. Schaefer das Amt einer Schriftführerin übernommen hat. Auch die übrigen dem Komitee ar.gehörigen 6 Damen sind grösstenteils aui dem Gebiete der Wohltätigkcitspfiegc wohl bekannt und es ist zu erhoffen, dass ihre Tätigkeit zu Gunsten der Arbeiter-Kolonie recht erspricsslich sein wird. Hauptsächlich wird sie sich naturgemäss auf das Hauswesen beziehen. . __ Ueber das abgclaufcnc Jahr lässt sch Erfreuliches bcrichteil. Die Entwicklung der Kolonie ist eine glückliche gewesen. In der Zeit bis zum 31. Dezember 1901 sind nicht weniger als 419 Mann neu aufgenommen werden, während 400 die Kolonie verlassen haben. Dadurch hat sich der am 1. Januar 04 vorhandene Bestand von 71 Mann auf die höchst zulässige Besetzungsziffer von 90 Mann erhöht. Die 90 Insassen sind wie folgt auf die verschiedenen Berufszweige verteilt. Rohrilcchtercl 22, Stockfabrik 2.3, Hoscnträgcriabrik 7, Bürstenfabrik 32, Kolonieschneidcr 1, Hausarbeit 1. noch keinem Betriebe fest zugewiesen 4. Seit Eröffnung der Kolonie sind bereits 932 Mann aufgenommen worden. Der Gesundheitszustand der Kolonisten ist ein äusserst günstiger. Hervorzuheben ist noch, dass sich das Krankenhaus der jüdischen Gemeinde in dankenswerter Weise bereit erklärt hat. erforderlichenfalls erkrankte Kolonisten aufzunehmen. Die Chanuckahfeicr hat einen schönen und würd'gcn Verlauf genommen. Zuwendungen sind in letzter Zeit nicht allzu xelchlich der Kolonie zugeflossen. Erwähnt sei die Gewährung einer einmaligen Spende von 500 Mark seitens des Herrn Bankiers Paul JüdeS, der die Rechte eines Stifters erworben hat. Der Vorstand wiederholt seine oft ausgesprochene Bitte betreffend Uebcrweisung von gebrauchten Kleidungsstücken .an die Anstalt. Bezügliche Nachrichten wolle man richten: An die Jüdische Arbeiterkolonic. Neu-Weissensee» W ö r t h s t r. 20. ^E□ Sprechsaal EEF Für dJe Mitteilungen an dieser Stelle Cbemlmmt die Üedaktlorr nur die pressgesetzliche Verantwortlichkeit. Edle Gesinnungsgenossen! Wie euch bekannt, befindet sich die Emigration der unglücklichen Stammes- und Gesinnungsgenossen in vollem Zuge. Davon hat aber selten einer Kenntnis, dass ein wenn auch nur geringer Teil der Bedauernswerten seinen Weg nach dein hcil gen Lande nimmt. Sie kommen in der Regel nicht in der Absicht her, um sich dauernd im heiligen Lande niederzulassen, aber sie kommen, und zwar in den meisten Pallen in der Hoffnung, dass sic ihre Aktien bei der hiesigen Bank werden zu Geld machen können, dass sie ihre Hoffnung getäuscht hat, erfahren sic nur zu spät. Auf Unterstützung seitens der Zuständigkeitsgemeinde ( ) haben sie laut bestehender Bestimmungen keinen Ausspruch. So stehen sic aller Mittel bar da. einfach dem Hungertode preisgegeben. Zu wiederholten Malen haben wir helfend eingegriffen: nun sind aber unsere Mittel erschöpft. Wir wenden uns daher an euciu edle Gesinnungsgenossen, mit der Bitte: bietet uns eure hilfreiche Hand, damit wir den armen Unglücklichen ir ihrer unsäglichen Not. sei cs im Wege eines Darlehens bei Hinterlegung ihrer Aktien, oder sei es in Ermangelung dieser Vorbedingung — im Wege einer einmaligen Unterstützung, beistehen können. Jede noch so geringe Gabe ist uns willkommen. Die Namen der Geber werden in diesen Blättern veröffentlicht werden. In Rückzahlungsfäüen bekommt derjenige sein Geld zurück, der uns seinen Beitrag zu unserem Unterstützungswerke bloss leihweise zur Verfügung stellt. Sendungen bestimmt für unsern בדבז nimmt der untcrzcichuctc Vorsitzende, oder die Angfo-PalestineBank behuis weiterer Beförderung, entgegen. In der Hoffnung, dass unsere Bitte keine vergebliche sein wird, zeichnen mit Zionsgruss Im Namen der hiesigen vereinigten Ortsgruppen: Ch. M. M i c h 1 i n, Dr. G r ü n h u t, Sekretär. Vorsitzender. Jerusalem, den 20. Dezember 1904. NB. Um geil. Nachdruck obiger Zeilen seitens gleichgesinnter Blätter wird höil. gebeten. Die Obigen. mich daher bis jetzt noch immer nicht davon überzeugen lassen, dass eine durchgehende, einheitliche Gesetzmässigkeit in dem Wort- und Satzbau des Jüdischen sich findet. Ich bin vielmehr der Meinung, dass Hebräisch und Deutsch zu wesensverschieden voneinander sind, als dass daraus eine dem Englischen vergleichbare Mischsprache entstehen könnte. Natürlich fasst sich nicht leugnen, dass sich manches alte formale und lexikalische Sprachgut im Jüdisclidcutschcn findet und dass die Germanistik manchen Nutzen daraus ziehen kann, aber es ist falsch, darin eine Bestätigung ihrer durchgehenden Gesetzmässigkeit zu sehen. Ebenso aber^ wäre es auch umgekehrt falsch, infolge des Mangels' dieser Gesetzmässigkeit dem Jüdischdeutschen die Lebensberechtigung und Lebensfähigkeit abzusprechen, weil es als derartige Sprache einzig dastehen würde. Von dem intimen Gefühlsleben und den tieien sittlichen Werten, die in ihm zum Ausdruck kommen, ist schon so viel gesprochen und geschrieben worden, dass ich darüber hinweggehen kann. Aber auch von diesen Gesichtspunkten aus wird eine Beurteilung der jüdischdeutschen Mundart nicht allein ausgehen dürfen. Es ist überhaupt ein schlechtes Ding um das Prophezeien in sprachlichen Dingen. Die Beurteilung von Sprachen ist ein Geschäft des Philologen und nicht des Journalisten und Politikers. Betreffs des Hebräischen führt Mathias Acher als Hauptgrund der wahrscheinlich möglichen Lebensfähigkeit des Hebräischen an, dass seine gesamte moderne Literatur des dramatisch-VsychoIogischen Momentes entbehre. Historische Romane, Wissenschaftliehe Abhandlungen, Zeitungen, d. h. mehr epische Produkte gäbe cs in Menge, auch die Lyrik sei ausgebildet, das Drama aber und der gesellschaftliche Roman fehlten. Er sieht den Grund dieses Mangels in der fehlenden Elastizität des Hebräischen. Meiner Meinung nach sind sowohl der Gnind als auch die daraus gezogenen Folgen unrichtig. Auch schwerfällige und wenig elastische Sprachen wie das Indische, vor allem aber das Lateinische haben Dramen geschaffen, und andrerseits haben Sprachen, die aus sich heraus kein Drama gebildet haben, Jahrtausende als lebende Volkssprachen existiert. Man denke nur an 0«*s Assyrisch-Bauylonische, das Aramäische und das Arabische, die jede länger als ein Jahrtausend Weltsprachen gewesen sind. Die Sache liegt vielmehr so, dass die indoeuropäischen Sprachen allesamt, das Griechische am vollkommensten, Dramen geschaffen haben, von den semitischen Sprachen aber

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