Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 8 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. I. dass die englische Regierung sich durch diese Drohungen eines in Athen vor ihrer Wacht sicheren Blattes wird einschüchtern lassen, diejenige Politik zu befolgen, die sic für die richtige hält, auch einigen hundert Kypriotcn gegenüber — mehr sollen es nicht sein. Nur der Wille der englischen Regierung kommt für eine etwaige iüdische Kolonisation in Betracht, und wie es damit steht, darüber werden wir genaue Informationen einziehen und Näheres berichten. Uudenkolonien in Texas Eine Zeitungsmeldung berichtet aus Ncwyork vom 23. Dezetnber: ״Reiche israelitische Gesellschaften wollen 10 000 Familien aus dem Newyorker Ghetto in Texas ansiedeln, wo ihnen die dortigen Israeliten teils Arbeit in den Städten, teils Kolonialland zu verschaffen versprechen. Sofern das Expcriment glückt, werden ähnliche Ucbcrsiedelungcn nach anderen Staaten des Südens geplant.־* — Esrtklassige Kulturträger Vor dem Poscner Schöffengericht stand am 21. d. M. der Reglern 11 gsreferendar Ulrici wegen Bele;- digung, und zwar handelte cs sich, nach den POSENER NEUESTEN NACHRICHTEN, um folgenden Sachverhalt: Herr Ulrici war im Sommer dieses Jahres von der Regierung zu Posen nach Schroda entsandt, um die dort vakante Bürgermeisterstelle kommissarisch zu verwalten. Eines Tages entbot der neue stellvertretende Bürgermeister und Polizeiverwaiter den Polizeisergeanten l.cwandowski zu s eh ins Rathaus, um ihn darüber zur Rede zu stellen, dass er am Abend zuvor bei einem kleinen Auflaut nicht eingegritien habe. Lcwandowski entschuldigte s ch damit, dass er gerade mit den Herren Holzbock und Gratnse gesprochen und daher den Auflauf nicht bemerkt habe. Hierauf entgegnctc Herr Ulrici seinem Untergebenen: ״Ach. was haben Sie mit den st inkigen Juden zu sprechen!" Das Schönengericht verurteilte Herrn Ulrici zu zwanzig Mark Geldstrafe. — Qraf Bülow hat einmal erklärt, dass nach den Ostmarken nur erst- Massige Beamte entsendet werden sollen. Was mag sich so ein junger ״Erstklassiger" wohl unter der Kultur im allgemeinen und unter deutscher Kultur im besonderen vorstellen, die er den zwe'tklassigcn und drittklassigcn Kreaturen dort im Osten beizubringen hat? Eine erhebende Weihnachtsfeier Unter dieser Spitzmarke berichtet eine Charlottenburger Zeitung über die Weihnachtsfeier Im Sanatorium und in den Privaträumen des Herrn Sanitätsrates Dr. E d e 1. ״Eine erhebende Weihnachtsfeier fand, w׳ic alljährlich am heiligen Abend, gestern in der Nervenheilanstalt des Sanitätsrats Dr. Edel statt. In erster Lirre wurde den Patienten der Weihnachtsbaum angezündet. Eingeleitet wurde die schöne Feier durch trefflichen Gesang des Luisen-Kirchcnchores unter Leitung des Herrn Professor 0. Wangemann. Herr Pfarrer Mann, der die Seelsorge der Anstalt leitet, hielt eine zu Herzen schaffen, wo die treibende und belebende Idee fehlt. E i n David hätte die ganzen Philister geschlagen. In dieses Gewirr von moralischer Verkommenheit einerseits, von Schaffcnsunfühigkeit andrerseits kam uns ein Trost. Eine Stimme aus der jüdischen Masse Hess sich vernehmen und tröstete uns über das degenerierte Westjudentum hinweg. Wie in der WELT vor einigen Nummern zu lesen war, veranstaltet man in Wien seit dem vorigen!Monat Vortragsabende aus der modernen jüdisch-deutschen Literatur. Man will das Wiener Publikum mit der weichen und tiefen Psyche des Ostluden bekannt machen, die in tief ergreifenden und häufig auch formell vollendeten Worten in den neueren, kleinen Erzeugnissen der jüdisch-deutschen Literatur zum Ausdruck kommt. Im Anschluss an diese Institution erscheint eine lehrreich anregende und bei allem Gehalt doch bescheiden auftretende Zeitschrift*) In der vorigen Woche kam die ersie Nummer dieser JUEDISCHEN ABENDE zu uns, die das Programm des ersten Abends •) ״JÜDISCHE ABENDE" erscheinen von November bis April monatlich einmal und kosten für diese Zeit (6 NuinrncriO 2 Mfc. Adresse: Jcs. Schmul, Wien VIII, Langegasse 51. gehende Ansprache, in welcher er auf die Bedeutung des Tages hinwics. Nach Gebet Segen und Gerneindcgcsang schloss der Chor diesen Teil der Feier durch mehrere Vorträge. Dann erfolgte die Bescherung. In jeder einzelnen Abteilung waren den Pensionären und Patienten ihre Geschenke unter einem Weihnachtsbaum aufgebaut und überall herrschte Fröhlichkeit und festliche Stimmung. Der zweite Teil der Feier fand in den Empfangs- und Qescllschaftsräumen des Herrn Sanitätsrats Dr. Edel statt, um den sich seine Kinder. Schwiegerkinder, Enkel, Verwandte, ferner die Freunde des Hauses und ein grosser Teil der Angestellten der Anstalt geschart hatten.!זח Gpcicesaal und einem Nebensaal waren auf langen Tafeln die reicher! Gaben aufgebaut, auf welche die strahlenden Lichter des Weihnachtsbautues herablcuchteteu. Auch hier leitete der Chor die Feier ein, Herr Pfarrer Mann hielt eine vortreffliche Ansprache und nach einem weiteren Chorgesang fand die Verteilung der Gaben statt." — Herr Dr. Edel hat wahrschein־ lieh auch 1901 schon so erhebend Weihnachten gefeiert, und doch war er damals liberaler Kandidat für die Repräsentantenwählen der — jüdischen Gemeinde. Grabschändung in Jerusalem Jerusalem. Die Leiche des vor etwa vierzehn Tagen verstorbenen Hcilbronncr Rabbiners Chiskija M c d i n i ist am 18. Dezember in der Nähe seines Grabes aufgefunden worden. Wer diesen Frommen in seiner Ruhe gestört hat, ist völlig unbekannt; aber man kann sich hier eines ähnlichen Falles nicht erinnern. Bei Juden und Mohammedanern ist gleicherweise eine Grabschändung als ausgeschlossen anzusehen. J c r u s c 11 a 1 m i. Rabbiner-Konferenz Fine Konferenz gesetzestreuer d. 11. orthodoxer, jtid scher Rabbiner aus ganz Deutschland tagte unter Vorsitz des Rahblncrs Dr. Kolm- Ansbach, in Berlin. Es wurde die Gründüng eines Vereins aller orthodoxen Juden Deutschlands und die Verschmelzung der bestehenden Vereine zur Förderung der Sabbathruhe in Anregung gebracht. Erwähnenswert ist. dass cn Punkt der Tagesordnung ״Die Traucrvorschriiten nach criolgter Feuerbestattung" lautet. Die Frage wurde einer Kommission zur Prüfung überwiesen. Der Verein orthodoxer Rabbiner Deutschlands zählt 72 Mitglieder. Kleine Mitteilungen Berlin. Am 27. Dezember v. J. veranstalteten die jüdischen Studierenden der hiesigen Iandwirtschaftlchcn Hochschule zum ersten Male eine Exkursion. Diesmal wollten wir die Mark näher kennen lernen, die bekanntlich zu den spröden Schönen gehört, die ihre Reize nur dem aufmerksamen Beobachter offenbaren. Um 6 Uhr iriili fuhren wir vom Stettiner Bahnhoi ab und bekamen, nach einer Fahrt von M nuten und fast vollständig wiedergibt. Der cinleiterjc Vortrag von Ma111 ias Acher über ״Die Sprachen des jüdischen Volkes“, auf den wir noch zuriiekkomen, ist vollständig abgedruckt. Ebenso zwei Litcraturprobcn selbst, und zwar ״Der närrische Batlen“ von Pccrcr und ein kleines Gediehtchcn von Abraham Reisen. Wer noch nicht im Stande ist. Judendeutsch zu lesen, wird durch die Skizze von Percz an der Hand der beigedruckten gut gelungenen, wörtlichen Uebersetznng leicht in die Lektüre ähnlicher Texte eingeführt werden. Den eigentlich bleibenden Wert der Nummer bildet aber der Aufsatz von Mathias Acher. Es handelt sielt in demselben um die Gegenüberstellung von Jüdischdeutsch und Hebräisch als den beiden volkseigenen und literarisch entwickelten Sprachen des jüdischen Volkes. In tiefer, vielleicht nur zu wenig empirischer Weise sucht er das innere Wesen beider Sprachen zu bestimmen und au! Grund dessen ihren Wirkungskreis abzugrciizcn. Bei alledem tritt eine deutliche Voreingenommenheit 7.u Gunsten des Judendeutsch deutlich zu Tage. Man darf Sprachen nicht beurteilen, ob sie einen eigenen Kulturwert haben, man hat sie vielmehr nach linguistischen Gesetzen zu prüfen. Der sprachliche Aufbau des Jüdischdeutschen ist bis heute noch nicht untersucht; ich kann