Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 7 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 1. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 7. Kyprioten jeinzuführen. Man konnte es nicht ohne Skandal Surchsetzen. Man verzichtete endlich darauf die englische Sprache als offizielle Unterrichtssprache aufzudrängen, man Hess dem Griechischen den gesetzlichen Platz, den vor der englischen Okkupation niemand, nicht einmal dei Türke be- {stritten hat. Und man suchte daher ein anderes Mittel, man versuchte es jetzt mit der Infiltration. Das ist nicht einmal ein origineller Vorgang. Die Türken versuchten es zuletzt auf Kreta, indem sic Kolonisten aus Bcngagis einführten. Er besteht darin, den ethnischen Charakter eines Landes durch eine langsamere oder!äschere Infusion einer fremden Nation zu gunsten des Herrschers zu modifizieren. Die Kyprioten bestehen bei jeder Gelegenheit darauf, die hellenischen Gefühle zu manifestieren. Man sollte sic irscht daran hindern, am Tage des heiligen Georg, dem Namensfeste des Griechenkönigs, Hymnen zu singen una sollte nicht Touristen, <te aus Griechenland kommen, mit dem Ruf zu empfangen: ״Es lebe die Union!" Die englische Tradition verbietet das kleinste Attentat auf die Freiheit. Aber man wird über die Manifestanten bald den Strom der jüdischen Invasion sich ergiessen lassen. Und die Juden, welchen Engfand alle Türen des Königreichs verschlossen hat. die ״alien paupers" die elenden Fremden, deren Lumpen eine Entehrung für den allerletzten Winkel des Britischen Reiches wären, werden erst an jenem Tage zuzuströmen aufhören, an dem sic die Proteste der geknechteten, zustreuten und in den Kot versenkten Hellenen erstickt haben werden. — An jenem Tage wird England erklären, dass die Kyprioten eine erschöpfte Rasse, unfähig ein Gebiet zu bearbeiten, wclches für ihre unaufhörlich abnehmenden Kräfte zu gross wurde. — selbst an ihrem Schicksale schuldig waren. Es wird England genügen, Herrn Davis Triet&ch zu zitieren. Herr Davis Trietsch ist der Anführer der zwöli Stämme zur Eroberung der ״schönen Insel, wo eine weise Regierung die jüdische Kolonisation beschützt." Er fand es unter der Würde Israels, dass sein neues Unternehmen keine andere Basis haben soll, als die Laune eines, englischen Ministers, dass man das Volk der Propheten für unfähig halten könnte, die Geschichte zu fälschen, falsche Rechte auszusinnen, Unwahrscheinlichkeiten zu behaupten, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken. Er liess es sich besonders angeigen sein, dass die ״mala fides" nicht ein ausschliesslicher Artikel der Bulgaren und Rumänen sei. Und mit dem ersten Antetrf übertraf er seinen Meister ״Die Bevölkerung Kypern,” schreibt Herr Trietsch in einem Werke, welches er über die jüdische Kolonisation veröffentlicht, ״ist ein Gemengscl von syrischen und kleinasiatischcn Elementen Man muss darauf Stehen. denn die griechische Sprache und eine Religion, die Jichkeit mit der griechischen aufweist, haben zur Verbreitung des Irrtums beigetragen, dass Kypern eine hellenische Bevölkerung besitze . . . Nun Ist aber nichts davon wahr, und was man von Zeit zu Zeit auf Kypern über eine panhcllenische Bewegung hört, entbehrt jeder Bedeutung. Die Anstrengungen der sehr wenigen Kyprioten, welche Griechlinge sind oder griechische Politik betreiben, sind von keiner Bedeutung. Nach Ablauf einer zwanzigjährigen Okkupation durch England, stehen wir letzt vor einem sonderbaren Misserfolg. Die Ursachen desselben sind verschieden; der Hauptgrund Ist dem reaktionären Geiste der heim&chen Bevölkerung zuzuschreiben, welche, obwohl nur innerhalb enger Grenzen über das Schicksal des Landes entscheidet . . . . . Dieser reaktionäre Geist könnte nur durch die Tätigkeit eines neuen Elementes bekämpft werden. Existiert auch tatsächlich dieses erwünschte Element, welches imstande wäre, der Insel den ehemaligen GHanz wiederzugeben? Ja, cs existiert und das sind die Juden.“ — Und hierauf geht der Jude Herr Trietsch über auf endlose Zakunftstrüume: Wer wird die jüdischen Kolonien verhindern, nachdem sie mit Hilfe der Engländer die griechische. Bevölkerung verschlungen haben werden, an den Appetit der 50״ Millionen" Glaubensbrüder zu denken, welche inmitten der feindlichen Christenheit zerstreut sind? Wer wird es hindern, dass Kypern der Mittelpunkt eines ausgedehnten jüdischen Reiches werde, welches Palästina, Syrien und Arabien umfasst, indem es seinen Einfluss von Gibraltar hjs zum persischen Golfe, von Aden bis rum schwarzen Meer ausübe? Dass es das Zentrum werde, zu dem sich die Gedanken aller wenden werden, ״aus allen Orten, wo Juden verfolgt werden, aus Persien, Marokko. Ycmen und Algerien?" Nichts, gewiss! Aber das Volk von Kypern, das ״ausserordentlich friedfertig und nicht gar zahlreich ist, welches nicht nicht fähig ist. der jüdischen Ans'ede’.ung ein Hindernis in den Weg zu stellen" — dies friedfertige Volk, welches ohne Murren die schlechtesten Verwalter ertrügt, solange nur sein Vermögen in Betracht kommt, wird das heftigste aut Erden, j wenn man es versucht ihm seine Seele zu nehmen, seine | griechische Sprache, sein griechisches Gefühl, seine uner-! schauerliche Hoffnung auf die Auferstehung des Griechentums. 1 Es wird keine jüdische Einwanderung dulden. Es begnügt sich einstweilen, diese Tatsache in gesetzlicher Form durch öffentliche Versammlungen, durch Adressen an Autoritäten, an den Grossvezier, an den Kolonienminister zu notifizieren. Aber wenn man diese Proteste übergeht wenn das Ghetto über Kypern sich ergiessen sollte, dann wird cs sich mit den eigenen Händen verteidigen. Delegierte der Kyprioten. ausdrücklich zu dem Zwecke gewählt haben den Obcrkonmmsär mit aller Achtung, aber mit nachdrücklichster Entschiedenheit vor einer Judeneinaandcrung gewarnt da die Juden sonst ins Meer geworfen würden. Die fremde Einwanderung ist nicht die Waffe, mit der das Griechentum der Kyprioten getötet werden kann. England muss noch lange nach einem Mittel suchen— wenn eine menschliehe Erfindung es überhaupt vermag — das den Stolz der Abstammung bei den Konipatrioten vernichten könnte." — Es leuchtet ein, dass dieser Aufsatz an starken chauvinistischen Übertreibungen reich ist dass die Zitate aus einer Broschüre (nicht einem ״Werke”) Trietschs aus dem ganzen Zusammenhänge gerissen und zu der benötigten Tendenz ziemlich gewaltsam verwendet werden. Auch glauben wir nicht. JÜDISCHE ABENDE Dieser Tage stand die Berliner Judenschaft im Zeichen des Festes. Zwei Gnippen hoben sich besonders heraus. Denn man kann in Berlin, wo unter den Juden Persönlichkeiten und Individualitäten nicht hervortreten, ruhig mit Typen rechnen. Die eine Gruppe kennen wir leider zu genau, es sind die halb Abtrünnigen, deren Gebahren und Handeln uns so fade und ekel anmutet, weil es so völlig dem Instinkte folgt und von jedem Bewusstsein frei ist. Um der lieben Kinder willen zündet man den Christbautn, — ״und damit auch das Dienstmädchen etwas von dem Feiertag habe,“ fügt die Dame des Hauses begütigend hinzu und zeigt so das einzige Mal im Jahre, und da an Unrechter Stelle, scheinbar soziales Empfinden. Alle halbheidnischhalbchristlichen Sitten der Umgebung äfft man in lädierlieber Weise nach. Da aber das in jenen Tagen in den wirklich christlichen Kreisen herrschende tief religiöse Erlösungsgefühl dem kühl vernünftigen Juden nicht innewohnen kann, hält er sich auf andere Weise schadlos. Pa jsieht man die reicheren in feinen Roben die Logen der*Theater füllen, die einfachere Kaufmannswelt die Restaurants und Kaffees beengen und die jungen Hand- Iungsgehilfen endlich ihr Junggesellentum auf die Strassen tragen. So hat die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Berlins Weihnachten gefeiert. Und nun die andere Gruppe. — ganz anderer Art; es ist die jüdische Intelligenz Deutschlands, die an grossen Aufgaben arbeitet. In der Weihnachtswoche trafen sie alle in Berlin zusammen, um sich zu erzählen, j was sie geschafft haben. Der Verband der deutschen Juden, die Literaturvereine, der Verein zur Förderung! der Wissenschaft, der Rabbinerverband und auch die ״Gesetzcstreucn“ hielten ihre Sizungen ab. Mann hätte gern verhandelt, aber man wusste nicht worüber; man hätte gern beschlossen, aber man wusste nicht was; daher licss man’s bei Worten bewenden, versicherte sich in längeren Reden des grössten Vertrauens zucinander, rechtfertigte seine Existenz, beräucherte sicli י gegenseitig in schönen Lobesreden und erklärte damit i die Tagesordnung für beendigt. Wie tief man im Sumpf steckt, merkte man gar nicht; und so geht der alte Schlendrian wieder von neuem los. Für gehabte Müh’ hielt man sich an einigen gemütlichen Soupers in den Salons der Geldgeber schadlos. Eitler Tatendurst I und Sucht zur Geltung zu kommen, werden nie etwas