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Jüdische Rundschau · 1905-01-06 · Heft 1 (6.1.1905) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
Seite 6 (sequence 11)
Language
German
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Seite 6. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 1. — Rundschau — Theodor Herzls Nachlass Jetzt erst ist es möglich, die Fülle der Schriften zu übersehen, die sich ׳n Theodor Herzls Nachlass befinden. Abgesehen Von der überaus interessanten Briefsammlung finden sich zahlreiche allgemein literarische und zionistische Notizen, Einfälle, Kernsprüche, Beobachtungen usw. Einige druckfertige Arbeiten, z. B. zwei ״Märchen,“ stammen aus der allerletzten Zeit. Die unveröffentlichten zionistischen Reden und Essays werden zusammen mit den gedruckten Arbeiten zu einem Werke unter dem Titel: Theodor Herzls Sämtliche Zionistische Schriften vereinigt. Dieses Werk wird von Prof. L. KeII ne r als von Herzl testamentarisch bestelltem Herausgeber des literarischen Nachlasses mit kritischem Apparat herausgegeben xverden. Einc Biographie Theodor Herzls aus der Feder Dr.;Max 0 א r d a u s wird sich an die ״Sämtlichen Zionistischen Schritten“ anreihen. Das Hauptwerk bleibt das ״Tagebuch“ 15. Bücher), das nicht nur die Geschichte von Herzls zionistischer Tätigkeit von! Ar,fang bis zu seinem Tode, sondern auch eine plas: sehe Darstellung der unsere Zeit beherrschenden Persönlichkeiten Enthält, lieber die Frage, ob und in wieweit dieses ..Tage• buch" zur Veröffentlichung gelangen soll, ist vorläufig noch nichts beschlossen. Die Juden in Polen Der nationairussische WILENSKIJ NVJESTNiK veröffentlicht über die ökonomische Lage der Juden ln den westrussischen Gebieten schauerliche Einzelheiten. Die' Zahl der Personen jüdischen Glaubens, welche infolge von Nahrtmgsmangel erschöpft und entkräftet in den Strassen von Wilna aufgefunden werden, wird immer grösser. In Lodz w iederholt sich diese Erscheinung in unheimlicher Progression. Die Notläge der jüdischen Bevölkerung der Stadt Lodz hat einen derartig kritischen Höhepunkt er!eicht, dass unter den Juden zahlreiche infektiöse Krankheiten ausgebrochen sind. — Folgende offizielle statistische Daten, welche die NOWOJE WREMJA efnem in Warschau publizierten Jahrbuche der Verwaltung im Wcichselgebiete entnommen hat, beziehen sich zwar blos auf die Stadt Warschau, aber sie illustrieren die allgemeine Lage der Juden!m Weichselgebiete. Die Einwohnerzahl der Stadt Warschau beträgt gegenwärtig 772 P00. darunter stolperte kein einziges von den Tieren, auf einem Wege, wo unsere Fussgänger mehr auf allen Vieren krochen, und auf dem vom Regen schlüpfrigen Boden oft genug ins Rutschen gerieten. Oben fanden wir ein kleines Plateau, weiches mit riesigen Steinen und gewaltigen Felsblöckcn besät war, während der fruchtbarste, schwarze Boden zwischen ihnen zum Anbau lockt. Wir machten hier nur kurze Station, da die Sonne zum Untergänge sich neigte. Der Weg hinab war steil und kurz, und nach einer halben Stunde kamen wir bei völliger Dunkelheit in der jüdischen Arbeiterkolonie Ain Seitün an. Der Administrator war abwesend und ein Reiter holte ihjri von Safed. Wir genossen inzwischen heissen Tee. der uns mit orientalischer Gastfreundlich־ keit gereicht wurde. Schon hatten wir einige Stunden hier verweilt, als unten im Tale Schüsse fielen ur.d ein Angstschrei durch die Nacht erscholl. Wir eilten mit Windlichtern hinaus und unser Chajjäl brauste auf seinem Rosse in der Richtung von dannen, von welcher Schuss und Schrei zu schallen schienen. Nach einer halben Stunde kehrte er mit dem Administrator und seinem Begleiter zurück und die mysteriöse Angelegenheit fand ihre Aufklärung. Man hatte den ganzen Tag davon gesprochen, dass drusischc Räuber am Chan- Dschubb-Jusuf einer Karawane auigelauert und sie ausgc- 275000 Juden. Warschau ist somit die grösste Juden gemeinde in Europa, und die zweitgrösste in der Vs eit. Nur New-Yprk hat eine Judengemeindc von 51KJOOO M’tglieacrn. Warschau hat 55 050 jüdische famiien, aber Gemeindesteuer־in der Höhe von 2—500 Rubeln jährlich zahlen blos 7390 Familten. Alle übrigen Judenfamilien leben in solcher Armut, dass sie kerne wie immer geartete Steuer zahlen können. Von den steuerzahlenden Familien zahlen *1585 eine jährliche Steuer von 2—10 Rubeln und nur 2385 Familien leisten eine Abgabe von 15—500 Rubeln jährlich. Sic bilden 5 Prozent der GesamtzahL müssen aber 86 Prodent der Kultusstcucr entrichten, von den 192 000 Rubeln, welche in diesem Jahre an Kultussteuern angenommen wurden, mussten die 2305 antilien 166 000 Rubel, die anderen 4585 Familien blos 26 000 Rubel cinzahlen. Das laufende Jahr fiel besonders schwer für die jüdischen Handwerker aus. Mehr als 13 000 Handwerker sind brotlos geblieben. Der jüdische Hilfsverein hat bereits 30 000 Rubel verausgabt, um diesen Unglücklichen Brot zu verschaffen, aber die Not unter ihnen nimmt zu. Doch hat dieser Tage der Präsident der jüdischen Kultusgcmeinde von Warschau. Bergsohn, dem Generalgouverncur 30000 Rubel übergeben, welche er unter den Juden von Warschau zu gunsten der Verwundeten und Kranken im fernen Osten gesammelt hat. Die Juden auf Cypern Unter diesem Titel erschien von einigen Wochen in einer ernsten griechisch - nationalen Zeitschrift LE ME>SA(jER D’ ATHENES ein bemerkenswerter Aufsatz, der zum Trietschsehen Projekte Stellung nimmt, und aus dem wir im nachfolgenden einen Auszug wiedergeben wollen, da er für die Stimmung der Kyprioten in dieser Frage immerhin symptomatisch scheint, und nicht vereinzelt üasteh.t: ״Seit ein.gen zwanzig Jahren bearbeitet England die öffentliche Meinung der Kyprioten und sucht einen Weg, wie das hellenische Gc* fühl bei ihnen zu ersticken sei. Eine okzidentale Mac!־.{, immer bereit, die Ungesetzlichkeiten des Sultans zu bekämpfen, konnte nicht umhin, ihrer Willkür die Diskretion und Eleganz der alten Schule zu verleihen; sie würde sonst Gefahr laufen, den doppelten Anspruch aut Liberalismus und Christlichkeit aufs Spiel zu setzen, der, wie allgemein bekannt, gerade au: der verschiedenen Art des Vorgehens beruht. Nirgends hat sch die orientalische Methode, die gefährlich ist für diejenigen, die sielt ihrer bedienen, von einer zweifelhaften Wirkung gezeigt. Die Balkanstaaten sind deutliche Zeugen dessen, dass man >.«t Messer umgehen kann, ohne viel Schaden davonzutragen. Es handelt es sich nur darum, eine unfehlbare und stille Waffe zu finden, die, wie man in alten Zeiten sagte: ״cito, tuto, iueuude“ töten wurde, ohne das Opfer aufschrcicn zu lassen, ohne auf ihm Indizien-Spuren zurückzulassen, vor allem aber, ohne die Finger zu beflecken, die so oft zur Erbauung der Türken in der Bibel und im Völkerrechte blättern. Das Gift zeigte einen grossen Vorteil: Die Entnationalisierung durch die Schule. Aber weder durch Milde, noch durch Heftigkeit, weder durch Unterstützungen noch durch Erlässe gelang es den hohen Kommissären, cs bei dem Vofkc der plündert sowie die Frauen mul Mädchen vergewaltigt hätten, dass ferner 200 Tscherkessen sich zu einer Gewalttat verschworen haben sollten. Ein Pellacli nun, der im Dunkel der Nacht die beiden Reiter hatte kommen sehen, hielt sie für Drusen, schoss sein Gewehr ab und floh von dannen, von den beiden anderen, die ihn ebenfalls für einen Drusen hielten, vcriolgt. Durch die Dazwischenkunft unseres Clmija!, dem der Fellach gerade in die Anne ritt, wurde dann ein Unglück verhütet. Nunmehr wurde an ein Nachtlager gedacht. Da die Kolonisten auf so zahlreichen Besuch freilich nicht eingerichtet waren, an eine Fortsetzung der Reise bei Nacht jedoch nicht zu denken war, so mussten wir uns cinrichten, wie es eben ging. Zu vier und vier wurden in einem Zimmer untergebracht. In unserem Zimmer war ein Bett, das unserem schlechtesten Reiter, der natürlich am meisten ermüdet war, eiugerüiimt wurde. Auf einen! steinernen Gesimse wurden für einen zweiten Polster gelegt, ich bekam ein Bett auf vier Stühlen und endlich der Administrator fand einen Ruheplatz auf einem lau-» gen Holztisch. Aber wir waren müde, und hätten auch in noch primitiveren Lagern die Ruhe und den Schlaf gefunden, dessen wir bedurften. Heinrich Loewc.

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