Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU. -Ko. 52. -Sjgite 468. liberalen Zeituriget» die Aufnahme der Versammlungsnotizen. die tonst anstandslos gebracht wurden, verweigert worden mit der Begründung, es sei von massgebender Seite interveniert worden; der Zionismus habe eine der Fortschrittspartei feindliehe Tendenz etc. Es wurde .aber alsbald festgcstellt, dass die wirklich leitenden Persönlichkeiten der Deutschen Fortechrlttsvartai der Sache gannz fernstanden, und daks nur Juden die Veranlasser lener Weigerung gewesen sein konnten. Der'Vorstand des Vereins sandte eine Abordnung zu den Leitern derFortschrittspartei, um ihnen die wahre Tendenz des Zionismus klarzulegen und dabei stellte sich heraus, dass Jene Auftraggeber selbst durch keinerlei Mandat zu ihrem Vorgehen berechtigt waren. Die Herren von der Fortschrittspartei erklärten den Zionismus, dem sie grosses Interesse entgegenbrächten, für eine innere jüdische Anpc'״״enhc;t, in die sic sich nicht hiiieiiiinischen würden, und verfügten .sofort die Wiederaufftabnie der regelmässigen Notizen. — Eigentlich ist es bcschämend, dass es Juden gibt, die s:ch nicht scheuen, eure fremdnationale Partei, der sie aus politischen Gründen angehören, zu missbrauchen, um ihren eigenen Volksgenossen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Anderswo nennt man das — 'Verräter. Jüdische Studenten Die nationaljüdichc Studentenschaft Wiens hat in einer Versammlung beschlossen, folgende Eingabe an den Rektor der .Universität zu richten, deren ebenso massvolle wie mutige Sprache diejenigen ehrt, die sie führen: ״Gegenüber der Behauptung einiger Blätter, dass die jüdische Studentenschaft während der letzter! Demonstrationen. auf Seite der Italiencj und Slawen gestanden sei, erklären wir, dass wir uns zu den Feindseligkeiten völlig objektiv verhalten und verhalten haben, da wir uns nicht veranlasst sehen, zu den uns ganz fernliegen־ den Streitigkeiten Stellung zu nehmen. Hingegen י richten wir au den hohen akademischen Senat das ebenso gerechte wie dringende Ersuchen, Massregcln zu treffen, dass nie wieder jüdische Studenten in der Wiener Aula mit Brachialgewalt gezwungen werden, bei Absingung dcutschnationaler Kampflieder die Hüte zu ziehen. Wir haben fm Interesse des Friedens der Aula bis jetzt nicht selbsttätig Stellung gegen dieses willkürlichc Vorgehen der Deutschnationalen genommen, da wir fest überzeugt sind, dass der hohe akademischen Senat mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln energisch diesen liebergriffen eines auf seine Ucberzahl pochenden Teiles der Studentcnschaft entgegentreten wird." Vielweiberei der Juden Mit einer sonderbaren und seltsamen Streitfrage hatte sich jüngst ein Gerichtshof fn Odessa zu befassen. Ein Jude, namens Tronstein, war wegen Bigamie zu zwei Monaten Gefängnfs verurteilt worden. In der Berufung gegen dieses Urteil ltess er durch seinen Rechtsanwalt folgendes erklären: Die Monogamie Ist von den Juden allerdings allgemein nngerommen worden, aber die jüdische Religion verlangt von ihren Anhungern keineswegs die Einehe, sondern lässt auch die Vielweibercü zu. Als Beispiele können die Könige David, Salomo o. a. gelten, die alle mehrere Frauen hatten. Die den Juden verwandten orientalischen Völker, die Perser, die Acthiopier, die tm Kaukasus wohnenden Bergjuden leben heute noch in Vielweiberei. Es ist richtig, dass vor 600 oder 700 Jahren der Rabbi Gerschon die Monogamie einführte, aber das war eben nur die Ansicht eines Gelehrten und keine Grundlage des Glaubens. Die Juden in Europa, besonders in Westeuropa, haben sich nur deshalb nach den Verordnungen des Rabbi Ger schon gerichtet, weil sie im Mittcralter häufig Verfolgärigen ansgesetzt waren; aber auch das kann die Glaubenslehren nicht ändern. Der Angeklagte beantragte schliesslich, einen,,Rabbiner als Sachverständigen darüber zu vernehmen, ob nach den jüdischen Gesetzen die Vielweiberei gestattet sei. Der Gerichtshof glaubte diesen Antrag nicht zurückweisen zu können und vertagte die Verhandlung, um einen Odessner Rabbincr tafs Sachverständigen vorladen zu lassen. — Hierzu ist für dio mit russischen Verhältnissen unbekannten Leser zu bemerken, dass in Russland de Juden hinsichtlich des Eherechts nicht unter russischem Gesetz, sondern unter jüdischem Gesetz stehen, da es eine Zivilehe in Russland nicht gibt, also In jeder anerkannten Religionsgemeinschaft deren eigenes Eherecht für Ihre Anhänger gilt Rundschau der Presse DIE WELT enthält in No. 52 zur Organisationsfrage einen Artikel von Dr. Friedemann, der seine früheren Argumente für London als Sitz des• A.-K. nochmals resümiert und seiner Verwunderung darüber Ausdruck gibt dass bisher in der WELT nur Gegner seines Vorschlages zum Vierte gekornmeri sind, während er privatim eine Reihe von Zustimroungserklärungcn erhalten habe. Die DEUTSCHE ISRAELITISCHE ZEITUNG bemerkt'zu einer auch von uns gebrachten Zcitungsmcldung über die Ansiedelung von Juden auf Cypern, dass die Tätigkei t der ״Jcwjsh Colon'sation Association" in Cypern sich auf die Unterstützung der ohne ihr Hinzutun errichteten Kolonie Margot Tschiflik, der einzigen jüd'schen Niederlassung auf Cypern überhaupt, beschränke, neben welcher neuerdings ein kleines Areal hmzugekauft worden sei. Die J. C. A habe weder ausgedehnten Grundbesitz noch sorge sie für die Subsistenz der angeblich neu eingewanderten Juden. Die englische Regierung begünstigte nicht den Plan der Niederlassung von Juden auf Cypern. — Wfr raten, so lange nicht authentische Mitteilungen von der J. C. A. selbst vorliegen, diese Nachricht mit Vorsicht aufzuuehmen, da uns gegenteilige Nachrichten zugekomnien sind, die einstweilen die gleiche Glaubwürdigkeit beansprudien dürfen. Das bezieht sich auch und besonders auf den letzten Satz der obigen Nachricht der D. J. Z., da man uns von anderer Seite das gerade Gegenteil versichert. Selbstverständlich können wir darauf zu gelegener Zeit zurück. Das in Hamburg erscheinende antisemitische Blättchen mit dem stolzen Titel DEUTSCHE SOZIALE BLÄTTER bringt eine Mitteilung über den Konflikt der Berliner Jüdischen Gomeinde mit dem W i 1 m c r s d 0 r f e r Gcmeindevorstaud (vgL RUNDSCHAU Nr. 50) und macht dazu die Bemerkung: ״Man sieht, das ist der unverhüllte Standpunkt: \Y:r sind nicht mehr ein deutscher Staat, sondern ein dcutschjiidischcr Mischstaat, wie Oesterreich ein deutsch-slawischer; wir sind ebensosehr jüdisch wie deutsch!“ Man sicht, das ist die unverhüllte Demagogie: bleibt blass noch zweifelhaft, ob hier die Dummheit grösser ist oder die Unvcr-frorcii licit! Vorträge Wie alljährlich veranstaltet auch in diesem Winter das Kuratorium der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentu ms eine Reihe von Vorlesungen zum Besten des Stipendienfonds dieser Anstalt. Die Vorlesungen, welche in! Saale der Gesellschaft der Freunde, Potsdainerstr. 9 Abends S Uhr gehalten werden, sind folgende: 1. Am 9. Januar Herr Privatdoccnt Dr. Georg Hut 11: ״Die Juden in Turkestan nach eigenen Beobachtungen.“ 2. Am 23. Januar Herr Rabb'ner Dr. M. Warschauer: ״Ueber die Gesetze religiöser Ent- Wicklung mit besonderer Rücksicht auf das Judentum der Gegenwart.“ 3. Am 6. Februar Herr Prof. Dr. Otto Warbürg: ״Die wirtschaftlxhe Entwicklung und Aussicht Palästiuis“. •J. Am 20. Februar Herr Prof. Dr. Adolf B a ־ gntsky: ״Reiseb'lder aus Algier und Tunis“ (mit Lichtbildern.) 5. Am 6. März Herr Wilhelm Goldbau m, Redakteur der NEUEN FREIEN PRESSE. Wien: ..Deutsche-jüdischc Litcraturziisanunctihänge." 6. Am 20. März Herr Prof. Dr. Heinrich Rosin: Thema Vorbehalten. — Einlasskarten ä 5 Mk. für den ganzen Zyklus, ä 1 Mk. für eine Vorlesung s'nd zu haben bei Herrn Gebr. Friedländer, Unter den Linden 23 und beim Eingang in den Saal. Literarisches Zu den vorzüglichsten Werken des bekannten und gerade in der jüngsten Zc t vielgenannten Schriftstellers Heinrich York- Steiner zählt ein Novclicnband. der schon vor einiger Zeit erschienen und beinahe euer — sicherlich unverdienten — Vergessenheit anheimgctalien ist. Er enthält drei jüd sche Erzählungen: 1. Anti: 2. Croccolos Svnagoge: 3. Der barmherz׳ge Bruder. Der jungen, rührigen Buchhandlung von Nathansen & Lamm, Berlin, fällt das Verdienst zu, diesen wertvollen Band der jüdischen Lcscrwelt wieder zupänglch gemacht zu haben. Wir haben von der genannten Firma e׳‘ne Anzahl Exemol. d:cses Buches übernommen und sind in der Lage, cs weit unter den! Ladenpreis, nämlich zu Mk. 1,20 per Excmpl. abzuceben. Ex״cdition der . Jiid. Rundschau“, Berlin N. 5-1, Auguststr. 49 a. Feuilleton Ein Ritt durch Galliläa (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Wir verlassen den Wagen, um unter einer gewaltigen, dichtbelaubten Platane, die als wichtigste Station dieses Teiles von Galliläa dient, den Mukari mit unseren Pferden, sowie eine ganze Zahl von hierher geflüchteten Reitern zu finden, die unter der Baumkrone Schutz gegen das Wetter suchten und fanden.