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Jüdische Rundschau · 1904-12-30 · Heft 52 (30.12.1904) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 52 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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_W9? _JÜDISCHE RUNDSCHAU, _ Seife 469,• Die Koffer und Taschen werden von den Wagen, auf die Maultiere geladen, die eine geradezu erstaunliche Last auf ihrem schmalen Rücken vereinigen, und während der Mukari die Reitpferde bereit macht und der Chajjal sein Ross tummelt, um uns seine ReiterKünste zu zeigen, — er nennt das Fantasijja — kreist die Kognakflasche unter den Reisenden. Ein schmaler Imbiss kräftigt und stärkt zur Reise. Der Chajjfd ist ein junger Bursche, der bis an die Zähne bewaffnet, der kleinen Karawane als Sicherheitseskortc in diesen Gegenden dient, wo, wie man sagt, die drusischcn und kurdischen Beduinen, sowie die weiter östlich angesiedelten Tscherkessen nicht ungern die Taschen der ohne bewaffnete Begleitung reisenden Fremden einer intimen Untersuchung unterziehen sollen. Unser Chajjal ist ein zwanzigjähriger junger Mann aus dem jüdischen Dorf Sammarin*), der ganz nach der Art der Beduinen lebt, und sich äusserlich von ihnen nur dadurch unterscheidet, dass er reinlich und sauber ist und dass er zwar ein tadelloses Volksarabisch, aber ebenso und jedenfalls lieber sein Jüdisch-Deutsch spricht. Er reitet unter dem Baume auf und ab, setzt dann sein Pferd .in rasenden Galopp, um es plötzlich herumzuwerfen, indem er zugleich eine Wandertaube mit der Büchse aus der Luft herunterschiesst Die Maultiere sind bepackt, die Pferde gesattelt, und man denkt an den Aufbruch. Zuerst werden wir, die wir des Reitens ungewohnt sind, auf die Sättel geladen, wobei wir die Bemerkung machen, dass die arabischen Sättel zwar weniger hart als die europäischen sind, dass aber die Fiisse in den schweren, aber kurz geschnallten Steigbügeln nicht gerade bequem sitzen, da die Kniet bis zu einem rechten Winkel emporgezogen werden müssen. Doch wie man bei gutem Willen alles lernen und sich an Jedes gewöhnen kann, so ging es auch hier, und bald sass selbst der schwerfälligste von uns auf dem Rücken des lammfromm stillstchenden Pferdes, das offenbar abgerichtet war, unter •Umständen auch solche Reiter zu tragen. Der Himmel hatte sich bis auf ein fernes schwarzes Gewölk im Westen völlig aufgeklärt, und wir scherzten über den furchtsamen Mucker — so nennen die Franken den Mukari, — der mit besorgtem Blicke die Wolken studierte. Er erwiderte unsere Scherze, indem er an mich, der ich seine Sprache rede, die Aufforderung richtet, langsam voran zu reiten und nach fünf Minuten am Scheideweg mich I i n k s zu halten. Langsam setzt sich mein Pferd Schritt für Schritt in Bewegung auf jene Stelle zu, wo der Weg sich teilt, um dann später zwei verschiedenen Tälern zwischen den Bergen zu folgen. Ich. erreiche den Scheideweg, aber trotz aller Mühe ist es mir nicht möglich, das Pferd in den linken Weg' einzulenken, und der einzige Erfolg meines Mühens ist, dass mein arabischer Hengst in noch langsamerem' Tempo sich dennoch nach rechts wendet. Dem ersten Pferd folgen alle andern und trotz Schlagens und Schreiens wendet sich der ganze Zug dem. falschen Wege zu, bis endlich der Mukari herbeiläuft, um das Pferd am Zaum zu nehmen und es nach links zu führen. Ohne weiteres schlossen sich die weiter folgenden Pferde und Maultiere an und folgen auf dem richtigen Wege. Der Chaiial reitet inzwischen voraus, um das Terrain zu rekognoscieren, und kehrt von Zeit zu_Zeit'zurück, um auch dem Nachtrab des Zuges den Schutz seiner Anwesenheit angedeihen zu lassen. Während die Wagen, mit denen wir gekommen sind, den Rückweg nach Haifa einschlagen, verfolgen wir ein breites und fruchtbares Längstal, wo der Boden allmählich aufwärts steigt. Da von hier aus zwei Wege zu unserem Ziele führen, so wählen wir den nördlicheren, *) das ist der arabische Name von Slchrorn-Ja'aköb. der für den bequemeren gilt. Die Steigung nimmt schnell zu und nach einem etwa halbstündigen Rittr welcher der des Reitens Unkundigen halber verhältnismässig langsam• vor sich geht, befinden wir uns auf dem Rücken einer- Bergkette, die sich etwa 250 Meter über der Talsdhle und ca. 300 Meter über dem Meeresspiegel erhebt. Auch hier ist der durchgängig aus bester schwarzer F*־dtf hr». stehende Boden völlig unbebaut und nur das mannshoch• üppig aufschicssende Unkraut zeigt, was ein fleissiges Volk hier in rüstiger Arbeit schaffen könnte. Rechts liegtvor einer niedrigen Bergkette ein langgestrecktes Tal, in dem wenige armselige Döner der Fellachen ein trauriges Zeugnis davon ablegen, was aus dem Lande geworden ist, das nach dem Zeugnis des Flavius Josephus unter• der Hand seiner ursprünglichen Herren so fruchtbar und ergiebig war, dass es selbst zu jenen Zeiten, wo die technischcn Hilfsmittel noch bei weitem nicht so vervollkommnet waren wie heute, Millionen fleissiger Menschen ernährte. Bis auf den Gipfel der Berge sind noch heute Terrassen ausgehauen, die nur der arbeitenden Hand des zivilisierenden Volkes zu warten scheinen, uni wieder zu werden, was sic einst gewesen, eine Wein-, Oel- und Kornkammer für die weniger fruchtbaren Länder . des europäischen Südens und Westens. Links erhebt sich über einem schmäleren Tale eine uns überragende Bergkette, die von schwarzen Regenwolken völlig eingehüllt ist. Hinter uns aber eröffnet sich uns ein Blick, wie er sich grossartiger kaum denken lässt. Ueber einer Reihe von Hügeln und einer breiten Kiistenebene lässt die klare und durchsichtige Luft unser Auge über den ganzen Karmel und den ganzen herrlichen Meerbusen schweifen, der zwischen ,Akka und Haifa sich gegen die Ebene von Jesrcel vordrängt. Wir sehen, obwohl meilenweit entfernt, die Wogen gegen das Vorgebirge Räs-al-Kurüm branden und die weissen Wellenkärnnie sich schlängeln und cinporstelgen, als lägen sie dicht vor uns. und nicht weit, weit jenseits des Golfes. Unsere Pferde, die übrigens ohne gelenkt zu werden, von selbst den schmalen Weg finden, verlassen nunmehr den Bergkämm, um in das linke Tal lünabzusteigcn. Als wir nach einem erneuten Ritte von etwa einer halben Stunde ins Tal hinabkommen, finden wir auf ebenem Boden einen grossen Bestand von wildwachsen־ den Oliven, die als Ursache für die hier zahlreicheren Ansiedlungen arabischer Fellachen anzusehen sind. Wir waren inzwischen mutiger geworden und hatten zu unsern arabischen Rossen Zutrauen gewonnen, so dass wir uns gar nicht wunderten, als einer unserer Reisegeführten, der zum ersten Male eines Rosses Rücken bestiegen hatte, ebenfalls Lust verspürte, seine Reiterkiinste zu zeigen. Anfangs ging alles gut. Er setzte sein Pferd in Trab, dann in einen kleinen Galonp. und so ging es fort, bis er plötzlich einen tüchtigen Reiter zum Wettritt aufforderte. Bald hatte er seinen Kameraden 11m mehr als fünfzig oder sechzig Schritt überholt, als »hu das Verhängnis ereilte: der arabische Sattel• war auf solche Extravaganzen nicht eingerichtet, und da der Gurt, der ihn halten sollte, riss, so!logen Sattel und Reiter vom Pferde, während dieses, scheu geworden, ia rasender Eile von dannen flog. Als wir den Verunglückten erreichten, fanden wir ihn völlig unverletzt und damit beschäftigt, mit sauerstissetn Gesicht am Sattelgurt die Gründe seines jähen Sturzes zu konstatieren, wahrend der Chajjal vorausritt, um das flüchtige Pferd einzufangen. Inzwischen fanden wir das Pferd, das sich beruhigt hatte und nun ganz still stand, um die Karawane zu erwarten. Plötzlich fällt ein Schuss und gleich darauf, braust der Chafjar an uns vorbei. Indem er sich' verr gehlich bemüht, sein wild gewordenes Ross zu zügeln; , . ■ י;Vfי ״*•

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