Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 52. Seite 465. JÜDISCHE RUNDSCHAU. presse, bekämpft, und viemi er offenbar rischus-machcnde Zeitungsartikel an den Pranger stellt, wie sich deren Berliner Zeitungen manchmal leisten. Ein niedliches Beispiel: Als der Fürstbischof Kohn mit dem demantenen Kreuz beschenkt wurde, schrieb der BÜRSENCOURIER: ״Von der Person des Erzbischofs Dr. Kohn wissen wir nichts. Seine Abstammung lässt, wofern er nicht aus der Art geschlagen ist, vermuten, dass noch wenig würdigere Männer einen erzbischöflichen Stuhl bestiegen haben.״ Oder soll es die Zionisten mit Leid eriüllen, wenn Herr Harden seinem Kollegen, Herrn Klausner, dessen nicht eindeutige Stellung zum Nationaljudentum durch seinen Streit mit Dr. Tuch etwas zweideutig illustriert wurde, ״eine besondere Virtuosität im Ehrenwortgeben" vorwirft! Und wenn er gar in seinem Blatt die meinetwegen noch so törichte Anschauung ,.literarisch** verfechten lässt, dass Soldaten jüdischer Abkunft als Unteroffiziere nicht geeignet seien, so weiss ich wirklich nicht, wo zionistischen Gemütern das Gefühlsorgan für sotane Liebesschmerzen sitzen soll. Aber ich weiss, dass in der ZUKUNFT eine sehr anerkennende und warmherzige Besprechung zu Dr. Herzis Judenstaat erschien, und dass am Schlüsse der nicht minder liebevollen Rezension zu Dr. Herzis Altneuland-Roman das schöne Wort ausgedrückt war, dass es ein Buch sei, das von Herzen komme und den Weg zu den Herzen finden werde. Ich glaube durch Anführung dieser wenigen aber bezeich- »enden Punkte in Herrn Hardeus Stellungnahme zu jüdischen Dingen meine Behauptung erwiesen zu haben, und die grimmige Miene des sonst braven Lesers wird inzwischen einer sanfter» gewichen sein. Man braucht die einzelnen Gegenstände der Hardenschen Kritik nur zu nennen, und man begreift sofort, warum halbe und unentschiedene Assimiianten darob in heller Entrüstung auülammcn, und warum andererseits für derartige Gemütsbewegungen bei Zionisten kein Anlass vorhanden ist; wobei man nicht ausdrücklich hervorheben muss, dass man in Herrn Harden auch von ihrem Standpunkte keinen unschulusvollen Engel zu erblicken braucht, wie gern er auch im weissen Kleide jener süssen Wesen änherwaüen möchte. Die Assimiianten, sagte ich, hätten sehr erklärliche Gründe, Herrn Harden zu hassen und fügte hinzu halbe und unentschiedene die man vulgo Liberale nennt — von mehr oder minder schwarzer Talarfärbur.g. Sein Auftreten muss ihnen paradox erscheinen, er selber ein Verräter an ihrer heiligen Sache, ein Stammesangehöriger, der die Geschäfte der Reaktion und des Antisemitismus besorgt Ganz anders die Zionisten! Ihnen ist Harden kein paradoxes Phaenomen, sondern ihr Antipode im historischen Sinne, der Typus des konsequenten Assi in i I a n t e n. Um fiusscrlich iegliche Gemcinschaft m־'t dem Judentum zu lösen, mit dem er innerlich nie recht verbunden war, kauft er sich ein EntreebiUet zur prcussischcn Kultur und lässt sich taufen. Sprechen wir nicht von Moral, sagte jene Pariser Grisette, und betrachten wir diesen Akt nicht als unsittlichen Religionsschacher. Die Taufe ist dem Assimiianten nur das letzte, grösste Opier, vielleicht auch nicht das schwerste Opfer, das ein vorurteilsvoller Staat vom ihm noch verlangt, wenn er ihm Gleichberechtigung gewähren soll. Nach dieser politischen Neugeburt besteht seiner Lebensarbeit grösster Teil darin, alles Jüdische abzus'.reiien und alle Spuren zu verwischen, die in die Tage des Ghettodaseins zurückwfeiseri. Gelassen erträgt er den Vorwurf des Philisters, dass gerade die abgcfallenen Juden die judenfeindlichstcn Schriftsteller wurden. Weiss er doch, dass es nicht aus Judenhass geschieht, sondern in bessern Bemühen, sich völlig der Denkweise des Volkes anzupassen, dem er sich anähneln will als überzeugter Assimilant. Der Aussenstehende muss es ihm nachfühlen können, welch gewaltige Ueberwindüng es kostet, welch blutig-grässliche Herzenskämpfe er bestehen muss, um die starken Bande des Solidaritätsgefuhls mit ‘ seinem Stammesvolke zu sprengen nach unerbittlichem Ent- Schluss. Aber er tut es, mit höchster Anstrengung der Seelenkraft, er löst die gestellte Aufgabe: die Entäusscrung seiner selbst,■und erreicht das ersehnte Ziel, getrieben von der Macht einer Ucbcrzeugung, im Dienste einer Idee ..... Diese Arbeit hat Herr Harden sich abgesteckt; und in diesem Sinn Ist er ©in Mann, der typisch die Assimilation in ihrer Konsequenz darstellt. Es leuchtet ein, dass dieser energische Versuch zur Lösung der Judenfrage an eigener Person wenig Nachahmer findet, und dass er diesen wenigen gern das Wort in seinem Blatt erteilt. Aber diese wunigen sind im letzten Grunde die einzigen konsequenten Gegner der zionistischen Wetlanschauung: sie verneinen das jüdische Volkstum, indem sie es in ihrer Person zu fiberwinden streben. Hier liegt das trennende Prinzip des Problems. Es ist daher nur eine Inkonsequenz und bezeichnet nur die Unfähigkeit, den Gedanken der Assimilation zu Ende zu denken, wenn d:e Anhänger der Assimilation das Banner der inoralisehen Entrüstung entfallen, sobald einer ihrer Anverwandten ״autisem'tische“ Bahnen wandelt. Man sieht, es hat seinen guten Sinn, wenn wir Zionisten cs verschmähen, in dieses Horn zu stossen; und wenn halbe und unentschiedene Assimiianten dein preussischeu Junker in undelikater Weise den ehemaligen Judenminen zurufen, dann sagen wir il.i.en achselzuckend: spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. So sehr man in seiner Stellungnahme zur Judenfrage den persönlichen Heroismus des Herrn Harden anerkennen mag (ich sehe so manche lockcnumkrär.zte Denkerstirn sich runzeln), so wenig ist sie eine Lösung der Judenirage. Der Manu, der gezeigt hat, dass ihre Lösung nicht in individueller Absonderung besteht, sondern nur durch das jüdische Volk erreicht werden kann, ist der ragende Typus der Harden .entgegen•: gesetzten Anschauung geworden, deren Inhal: die Erhaltung und Fortenwicklung des historischen Judentums bildet. Es ist Theodor Herzl; Harden und Herz!, zwei Namen, zwei Programme, beide, um ein Jahr nur an Alter verschieden, charaktcrisrsche Typen jüdischer Zerrissenheit und jüdischen Glanzes; der eine dazu verurteilt, sein Lebenlang die Sisyphusarbeit der Ueberwhdung sei..er selbst zu leisten, und rollt der tückische Felsblock manchmal hurtig in die Tiefe nieder, so hört man' den widerhallenden Hohn sogar sehnsüchtiger Bewunderer. Des andern herrliche Heldengestalt erscheint heute schon dem jüdischen Volk als spätgecorencr Achilles, der dessen Zukunft würdig gestatten wollte einer Vergangenheit, deren Ruhm wohl schon alt, aber unvergänglich ist. Tubal. Briefe eines Nörglers f II. "; Hochgeehrte Frau! Allmählich sickern unsere Anschauungen in den — so meinten Sie — steinichten Boden der Gemeinde. Es geht langsarn, gewiss. Aber gerade darüber freue ich mich. Die Wirkung ist um so nachhaltiger. Man mag keine Propagandavor-!träge: Das ist ein schönes Zeichen. Die rohste Arbeit haben wir hinter uns. Aach unsere Gegner rechnen mit uns als einer gegebenen Tatsache. Selbstverständlich sind wir die.Minderheit. Aber ist es nicht überhaupt ein königliches Gefühl, zur Minderheit zu gehören? Die grossen sozialen Strömungen unserer Tage haben das mit einander gemein: Der nationale Sozialismus, die Bodenreformbewegung, der Zionismus. .Die ganze Kraft nimmt die Mehrheit zusammen, um gegen die Träumer den Bannfluch zu scheudern. Sind denn Träumer so gefährlich? Die besten Kreise sind gegen uns, das sind die Leute, die in der Politik, Kunst, Religion feierlichst der ungehemmten' Betätigung jeder Geistesrichtung das •Wort reden, denen die Freiheit alles Ist, hiesse sie nun Rektor Kopsch, Aubrey Bcardsiey oder Delitzsch, die die Sonne der Toleranz leuchten