Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 462. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 52. der Kongress wird sich zu hüten haben vor allzu* schnellem Beifall. Der Kongress wird aber auch zum ersten Male nun selbständig 7u entscheiden haben, in welchen Bahnen die zionistische Bewegung weitergcführt werden solle, und da eben wird er Zusehen müssen, sich nicht von Namen und Benennungen irreführen zu lassen, sondern ׳ die Sache, die ihm vorgelegt wird, achten. Der Kongress wird der wichtigste sein seit dem ersten; weit mehr noch als auf jenen werden auf diesen siebenten die Augen aller Welt gerichtet sein; mit Spannung wird man erwarten, was nun die Zionisten ohne Herzl sein werden. Ein Kongress von solcher Wichtigkeit soll auch eilt sprechend vorbereitet werde 11. Und selbst wenn der Kongress erst im August des nächsten Jahre.« stattfände, wäre es nicht zu früh, energisch mit der Arbeit bei allen Gruppen zu beginnen; höchste Zeit dafür aber ist es, wenn der Kongress tatsächlich bereits im März stattfinden sollte. Nochmals sei es betont: mit der definitiven Ent- Scheidung über die Neuorganisation sind auch die wichtigen, sogar gerade die wichtigsten Fragen der zoinistischen Politik entschieden. Wer also nicht plötz« lieh sich vor einer unangenehmen Ucbcrraschung sehen will, der möge das Seinige dazu tun, dass in der jetzigen Diskussion nicht kleine persönliche Streitigkeiten und Reibereien die Oberhand gewinnen, sondern dass sacli« lieh über sachliche Dinge gesprochen wird, und dass klar ausgedrückt wird, worauf ein Vorschlag hinaus will, wenn nicht von dem, der ihn macht, dann von dein, der ihn bekämpft. Wenn je die absoluteste Offenheit geboten ist, dann hier; wenn je alle persönliche Rücksichtnahme ein Krebsschaden ist, dann hier; und wenn irgendwo und irgendwann, so muss hier und jetzt der Kampf bei aller Vornehmheit, die jedem selbstverständlich sein soll und keinem gelehrt werden kann, scharf und rücksichtslos geführt werden. . Denn es geht um die Zukunft der zionistischen Re* wegung!; Zentralisation und Dezentralisation; Aktions• Komitee, Volksrat, Ministerien; Wien, London, Berlin: das sind nur Schlagworte, die Programme bedeuten. Es wäre zu wünschen, dass aus dem Streit um diese Schlagworte ein ehrlicher Kampf um die Programme werde,*die dahinter stehen! ib. Zur Organisationsfrage Herr •Hugo Schachtel veröffentlicht in der Nr. 49 dieses Blattes eine Entgegnung auf meinen die Dezcntralisationsanträge bekämpfenden Artikel, in welcher er nichts weniger behauptet, .als dass Ich in meinem Artikel Herzl herabgesetzt hätte. Die Herabsetzung Hcrzls findet er In meiner Konstatierung, dass das bestehende Organisationsstatut die Institution einer Führerschaft nicht kennt, dass es nicht einmal eine Bestimmung enthält, dass der Präsident des A.-K. direkt vom Kongresse zu wählen ist, und dass nach diesem Statut die vom Kongresse gewählten Mitglieder des A.-K. auch einen anderen als Herzl zum Präsidenten des A.-K. hätten wählen können. Wer meinen Artikel gelesen hat, weiss, um was cs sich handelt. Die Propagatoren der Dezentralisation begründen ihre Anträge hauptsächlich mit der unbewiesenen Behauptung, dass das bcstehende Organisationsstatut auf den Leib Herzis zugeschnitten sei, dass es daher, nachdem Herzl tot ist, für die derzeitigen Verhältnisse nicht passe und geändert werden müsse. Dem Bekämpfer dieser Anträge musste nun vor allem daran gelegen sein zu beweisen, dass diese grundlegende Prämisse unrichtig, daher auch die Folgerung unstatthaft sei, und er bcwies, dass die bestehende Giganlsction nicht auf den Leib Herzis zugeschmttcn ist. Bei der allbekannten und von nicmandem bestrittenen Tatsache, dass Herzl faktisch der Führer war, hätte ein auf seiuen Leib zugeschnittenes Örganisations- Statut diese Tatsache sanktionieren müssen. Es hätte die Institution der Führerschaft enthalten oder, wenn sejion nicht das, doch zumindest bestimmen müssen, dass der Präsident des A.-K. vom Kongresse selbst designiert wird. Da aber das Organisationsstatut solche Bestimmungen nicht enthält, vielmehr die Leitung der Bewegung einer• Körperschaft anvertraut, die sich eins ihrer Mitglieder selbst zum Präsidenten wählt, so ist das der beste Beweis, dass dieses Statut nicht auf den Leib Herzis zugeschnitten, sondern den Verhältnissen ohne Rücksicht auf eine Person angepasst ist. Der Bestand der faktischen Führerschaft Herzis ist ia also geradezu Grundlage dieser Beweisführung. Die Beweisführung, dass sich das Organisationsstatut nicht nach der Person Hcrzls richtet, weil es das Institut der Führerschaft nicht kennt, hätte ja ohne die selbstverständliche Voraussetzung, dass Herzl faktisch der Führer war, gar keinen Sinn! Wie kann mir also vorgeworfen werden, dass ich mit diesen Ausführungen die Führerschaft Hcrzls leugne? Es sind nicht immer die hervorragenden Persönlichkeiten in einer Bewegung vorhanden, die zu einer Führerschaft fähig sind. Es wäre daher ein grosser Fehler, in einem Zeitpunkte, in welchem ein solcher Mann lebt, die Organisation ganz nach ihm einzurichten, weil dann mit seinem Ausscheiden die Organisation und mit ihr die Bewegung hinfällig waren. Unser Kongress hat daher in weiser Voraussicht die Leitung nicht einer einzelnen Person, sondern einer Körperschaft anvertraut Findet sich in derselben eine überragende Persönlichkeit, wird sie mit der Zeit faktisch die Führerschaft übernehmen. Findet sich aber keiner oder scheidet die vorhandene aus. dann leitet eben die vom Kongresse bestimmte Körperschaft die Bewegung und diese ist durcli diese weise Einrichtung vor zu grossen Erschütterungen bewahrt. Wie nun in der Fesfstellung der Tatsache, dass der unter der Acgide Hcrzls gestandene Kongress ein weises, den Verhältnissen angepasstes und nicht auf eine Person zugcschnittenes Orgamsationsstatat geschaffen hat eine, eine Herabsetzung' Hcrzls gesehen ,.,.־erden krnii, ist rein unerfindlich. Mau sollte plauben, dass derjenige Herzl mehr ehrt, der feststellt, dass unter seiner Acgidc ein Statut geschaffen wurde, welches den Verhältnissen ohne Rücksicht auf seine Person angepasst ist und auch nach seinem Tode die Wirksanikeit behält, als diejenigen, welche ihn ein Örganisationsstau tut für seine Person sich zuschneiden lassen mit der Devise: AprSs moi le döluge. Man könnte nun meinen, Herr Schachtel habe den Ärtikel missverstanden; wäre er aufgeklärt worden, er hätte gewiss die Behauptung fallen lassen. Zu meinem Bedauern muss ich konstatieren, dass Herr Schachtel tatsächlich diesbezüglich aufgeklärt wurde, und trotzdem obige Behauptung hat drucken lassen. Hier die Tatsachen. Der Leser soll sich über dieses Vorgehen c'n Urteil bilden. Ich will mich jeden Komentars enthalten. Herr Schachtel schickte seine Ausführungen gegen meinen Artikel der Redaktion der WELT ein, in welchen unter anderem folgendes zu lesen war: ״Dass kein einzelner den toten Führer ersetzen könne, das war der Gedanke, der jetzt alle über eine Abänderung unserer Organisation nachdenken Hess. Dieser Gedanke ist Dr. Ko- * kesch . . . unbekannt, denn sein Artikel stellt Herzl nicht, wie wir ihn bisher sahen, als einen einzelnen, einen einzigen dar, dem vier andere beigegebe« waren, sondern als einen von fiinfen, der von diesen zum Präsidenten gewählt war. Das ist aber unrichtig, dass das engere A.-K. ebenso gut hätte einen anderen zu seinem Vorsitzenden wählen können ... Herzl war' unstreit'g der Führer, ob diese Institution nun Im Statut vorgesehen war oder nicht. Gegenüber dieser Tatsache wirken i