Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 51. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 455. Berlin Auf dem am letzten Sonnabend stattgehabten Disküss onsabend der ״Hasmonäa" hielt Herr David T ri e t s c h das Referat über ״D i e O r u n d 1 a g e n des Zionismu s". Die sich anschliessende Diskussion war üusserst lebhaft. Um nun allen Richtungen innerhalb der Partei die Möglichkeit zu geben, zu Worte zu kommen, hat die ,/iasmonüa bestimmt, am nächsten Sonnabend, dem 24. ds., die begonnene Debatte fortzusetzen, zu der iederman höfli:hst eingebden ist. Die Debatte beginnt wie immer um 9 Uhr l'riedrichstr. 58 II, (Baumann). a. Berlin. Das Makkabäerkind.erfest der ״Jüdisch-nationalen Frauenvcreinigung" in den Königssülen wurde durch eine Anspräche von Frau Lina Wagner-Tauber cingelcitct, das Feldschc Lied ״Dort wo die Zeder”, von Hunderten von Kindern begeistert gesungen, iolgte. Dr. Israel Auerbach erklärte sodann die Bedeutung der Makkabäer in schwungvoller Rede, welcher die kleinen Hände reichen Beifall klatschten. Das sich dem Vortrage anschliessende ״Auf, mein Volk" wurde nicht minder begeistert angestimnit. Besonderes Vcrgniigen bereitete allen Anwesenden (die drosselt nicht ausgeschlossen) das niedliche Theaterstück ״Die Chaiiukahpuppe", welches ganz allerliebst aufgefiihrt wurde. Man musste an den drei Kinderstimmen seine helle Freude haben. Und nun folgte die Verteilung der beschenke. Obgleich über 300 Kinder anwesend waren, erhielt doch jeder und jede die kleine Gabe, und die Stimmung war entschieden eine erhöhte, als cs nun zum ״Tauzen" ging. Gegen f> Uhr war der Jubel verklungen, und jeder entfernte sich zufrieden und vergnügt: die Grossen in dem schönen Bewusstsein, viel Freude )ereilet, die Kleinen in der glücklichen Gewissheit, viel Freude empfangen zu haben, j Königsberg i. Pr. Am 22. Dezember beging die hiesige Zio- iiistiscl.c Vereinigung ihr Makkabiierfcst in der Bürgerressource. Bcgrüssuug durch den Vorsitzenden Dr. Hoppe. Festrede: Rabbiner Dr. .1 o s e p h-Stolp. Reichhaltiges musi-! katisches Programm. Lebende Bilder aus der jüdischen Geschichte. Alles mit grossem Beifall aufgenommen. Ncustettfn, d. 15. Dezember. Am Sonntag, dem II. Dezauber. fand hier eine glänzend verlaufene Makkabäerfeier statt. Nationale Gesänge und Vorträge. Festrede: Rabb. Dr. L e w y. Grosse Beteiligung. Köln. Ucber die Frankfurter Konferenz in der Auswanderungsfrage berichteten Sa.mstag Abend im Alten Präsidium vor zahlreicher Zuhörerschaft unsere verdienten Führer Dr. Bodenheimer und D. Wolfsohn, welche in dieser ihrer Eigenschalt an der Tagung tcilgenommen haben. •Herr Wolfsohn gewann durch eine kurze Darstellung der mangelhaft organisierten jüdischen Wühltätigkeit und andererseits der Entwicklung der zionistischen Idee den rechten Massstab, um daran die Frankfurter Beratung in ihrer geschichtlichen Bedeutung zu messen. Sie ist der erste Schritt auf dem Wege, die Juden- Wanderung als wesentliches Element der Judenfragc zu eifassen, und zugleich die erste von der Gesamtjudenheit vcrwirklichte Bekämpiung der unabsehbaren Gefahr, die ihr durch die jetzige ungezügelte Wanderung der östlichen Juden und deren Folgeerscheinungen, dir Regierungsmassnahmen der EinwandcrungsUindcr zu erwachsen droht. Wenn auch unbewusst und ungewollt, enthalte die Konferenz und dir Be- Schluss ihres regelmässigen Zusammentritts die Anerkennung eines grundlegenden z'onistischen Gedankens. Als Syrnpton daüir. dass leitende jüdische Kreise aber auch mit vollem Bewusstsein dem Zionismus eine gerechtere und verständnisvollere Würdigung zuteil werden lassen, als ehemals, betonte da Redner ausser der an die Zionisten offiziell gerichteten Einladung und der Wahl Dr. Bodcuheimers in das Komitee auch den Trinkspruch. den der Frankfurter Rabbiner Dr. Horovitz bei dem den Besprechungen folgenden Bankett unter dem Beifall der Anwesenden auf die zionistische Bewegung und die gemeinsame Arbeit ausgebracht hat. Der ehemalige Primarius der Protestrabbiacr habe zwar durch den Vergleich mit Josefs Traum den Zionismus wohl nicht verherrlichen wollen, aber Worte wärmster Anerkennung gefunden für den zionistisehen Erfolg der Erweckung eines neuen jüdischen Ideals in der Jugend, und er habe dem Zionismus ein Blühen, W achsen lind Gedeihen gewünscht. Die auf die Rede des Herrn Rahbii’.crs gebührende Antwort zu erteilen, dass Josefs Traum bekanntlich zur Wirklichkeit geworden sei, habe er, Redner, willkommene Gelegenheit auf dem Bankett gefunden, welches die Frankfurter Zionistische Ortsgruppe zu Ehren ihrer zu der Konferenz cingetroiienen Gesinnungsgenossen mit bestem Gelingen veranstaltet habe. Herr Dr. Bodenheimer ergänzte in fesselnder Weise diese nach dem Inhalt wie in der Gestaltung vortrefflichen Ausführung.-n. Er knüpfte au die Erscheinung an. dass sich in der Natur je nach der Höhe des Organismus des angegriffenen Wesens die Abwehr drohender A/.igriffe vorn unbewußten Mimicri zur zielhcwussten Bekämpfung steigert. Die Gründüngen der gross ג n W'olthätigkeitsve rbätide. beispielsweise der Alliance als unmittelbarer Reaktion auf das Blutbad von Damaskus, und die Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und Literatur seien Abwehrmassuahmeii mehr instinktiver Art gewesen. Ihre in Frankfurt begonnene Umsetzung in eine planvollere gesamtjüdischc Verteidigung begrüsste der Redner als Anzeichen höherer organischer Entwicklung des Volkskörpers. Notgedrungen werde man auch de Landfrage in den ihr bisher fernstehenden Kreisen nun bald aufrollen müssen. Stelle sich diese Erkenntnis als Folge nüchternen Nachdenkens im stillen Kämmerlein ein. so sei damit mehr gewonnen als mit einer noch so fiberzeugcndai, vorzeitigen Erörterung von zionistischer Seite. De Frage sei aber auch jetzt schon von Sokolow in seiner bekannten geistvollen Weise berührt worden. Bei der Heranziehung der Vertreter des Zionismus zur Mitarbeit sei übrigens zweifellos auch die rein praktische Erwägung massgebend gewesen, dass der Zionismus allein schon heute eine die jüdischen Massen umspannende Organisation geschaffen habe, die in den Dienst der in Berlin gegründeten Auswanderungszentral? gestellt werden könne. Nach einem Hinweis aui die in diesen Tagen gefeierte glorreiche Erhebung des jüdischen Volks unter den Makkabäern schloss Dr. Boschlecht vertrage, diejenigen Juden, welche zu unserer Zeit I Bedeutendes geleistet, wie Heine, Marx, Lassalle etc. seien! innerlich oder üusscrlich dem Judentum entfremdet gewesen, j Ruppiit gibt eine ausführliche quantitative und qualitative Würdigung der Verluste durch Taufe. Der Orthodoxie schreibt er es auch — getreu nach Harnack — zu. dass in den ersten Jahrhunderten nach Christus sich das Judentum so wenig widerstandsfähig gezeigt, so dass es zum Beispiel aus Aegypten, wo es damals viele Anlvänger gezählt, verschwunden sei. — In der Statistik der Taufen nach De le Roi kommen ganz unglaubliche Zahlen vor. -- In England wären danach z. B. im 19. Jahrhundert ca. 23 0<X) Taufen erfolgt. — Dies ist zweifellos falsch. ־ Die schon längst als Erfindung nächgew iesene angebl'chc Bemerkung von Zunz, dass sein Verbleiben beim Judentum eine Grille seiner Seele sej, wird auch von Ruppin wiedererzählt. Gelegentlich kommt daun doch das Sentiment zum Durchbrucli, dass nach Lage der Sache die Zahl der Taufen eigentlieh merkwürdig gering ist. — Dieser Meinung ist der Rezensent, um die Bedeutung der Taufe richtig zu erfassen, muss man s'e nicht als vereinzelte Erscheinung nehmen, sondern die Geschichte des christlichen Renegatentums unter dem Islam oder der Katholiken iu Irland, zum Vergleich daneben halten. ‘ Die im Verhältnis starke Zahl von Uebertrittcn der upper ten verliert zum Beispiel jede symptomatische Bedeutung, wenn mann aus Lccky's Essays sich darüber unterrichtet, dass die Bedrückungen an der Wende vorn IS. zum 19. Jahrhundert unter den upper ten der irischen Katholiken Massen- Übertritte zum Protestantismus zur Folge hatte. Nur das ״Gemeine“ Volk blieb treu. Gerade dem Judentum scheint eigentümlich, dass häufig noch Uebergetretene ihre Anhänglichkeit dem Judcntumc bewahrten. — De Erscheinung der Maranncn, welche mehrere Generationen nach erfolgter Taufe Sehnsucht nach dem Judentum aus Spanten in freiere Länder trieb, hat vielleicht kaum ein Gegenstück. Heines hebräische Melodien hätten ohne tiefe jüdische Sympathien rocht Reschricbai sein können. — Der Durst nach Gerechtigkeit kam ihm — wie Marx und Lassallc — höchst w׳ahrscheinlich von der jüdischen Tradition. In der Erweckung dieses Triebes scheint mir überhaupt der höchste Kulturwert des Judentums zu liegen. Die Bibel ist sozial gerichtet. Der Jude bildet eine kleine Minderheit und deshalb ist Gerechtigkeit für ihn eine Lebensbedingung. Daher ist cs noch immer der Juden ehrenvoile Pflicht im Kampfe zu stehen gegen die Philister, und dem Fortschritt des Menschengeschlechts zu dienen, indem sie sich selbst treu hie ben. Gegenüber verschwommenen Rasscidccu möchte Rezensent bemerken, dass man zur Stütze dieser These nicht auf den bisher nicht geklärten Begriff der Rasse