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Jüdische Rundschau · 1904-12-23 · Heft 51 (23.12.1904) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 51 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 452, U. O. B. B. eine Konterenz zur Regelung der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa ein, die am vierten und fünften Dezember d. J. in Frankfurt am Main tagte. Ihr mehr oder weniger ausgesprochenes Ziel ist, Westeuropa von den jüdischen Wanderern aus dem Osten so schnell als möglich zu entlasten, den Aufenthalt dieser Aennsten in den west- -liehen Ländern Europas zu einem möglichst kurzen zu machen und sic, je schneller desto besser, abzuschieben hinüber nach Amerika oder sonstwohin immer ... ״Davon ausgehend, dass in keiner Weise etwas unternommen werden darf, was ״zur Auswanderung ermuntern könnte“ — mit dieser Einleitung der von der Frankfurter Konferenz angenommenen Resolution ist eigentlich die Stellungnahme der Zionisten zu der Konferenz bereits gegeben. Denn unser unangreifbarer Grundgedanke ist eben der, dass die Juden, oder wenigstens ein sehr grosser Teil, aus Osteuropa auswandern müssen, soll dort und für sie die Lage sich bessern, und für uns handelt cs sich eben darum das Land zu erwerben und ihm die nötigen Garantien zu schaffen, in das diese Juden auswandern sollen. Das ist der Anfang jedes zionistischen Tatgedankens. Die Frankfurter Konferenz dagegen schafft abermals nur eine Palliativmittel für eine harte Notwendigkeit des Augenblicks. So gern wir den guten Willen, der die aus allen Ländern herbeigeeilten Teilnehmer der Konferenz beseelte, anerkennen, so sehr müssen wir betonen, dass ihnen leider, leider die Kraft mangelte, auch nur über ihr erstes Vorurteil hinauszukoinmen. Ja sogar so sehr waren sie in ihm noch befangen, dass sie nicht ־einmal dazu kamen, obwohl sie die UnzuliingliehBvdt einer Auswanderung nach England und Amerika einsahen, über die mögliche Kolonisation anderer Landgcbiete zu verhandeln, was ja ein revolutionärer Gedanke heute nicht mehr gewesen wäre. Indes wollen wir anerkennen, dass etwas Positives von der Konferenz geschaffen worden ist, das I n f o r - matlons-Büro, das seinen Sitz in Berlin haben soll. Wird dieses Büro, wie man es nach den reichen Mitteln der beteiligten Organisationen erwarten darf, nach jeder Richtung hin seinem Zwecke entsprechend ausgestattet, so kann es unbeschadet der ihm gezogenen engen Schranken sehr viel Gutes wirken, kann vielleicht sogar durch das kolossale Material, das cs zu sammeln Gelegenheit haben wjrd, seine Gründer auf die anderen Wege weisen, die wir für die zweckentsprechenderen halten. Die ständigen Konferenzen, die der Frankfurter folgen sollen, werden das Gute haben, dass auf ihnen das von dem Bureau gesammelte Material unterbreitet werden wird, und dass somit auf Grund des Vergleichs dieses Materials mit der Tätigkeit der ganzen Organisationen die einzelnen Teilnehmer in der Lage sein werden, selbst das Gebiet zu überblicken und geeignete Bahnen zu finden. Dass England und Amerika ihre Pforten den jüdisehen Einwanderern definitiv zu verschliessen gedenken, ist leider. Tatsache. Roosevelts Botschaft hat das neulich klar zum Ausdruck gebracht, und eben hat Chamberlain im Eastend Londons vor Tausenden von Arbeitern eine Rede gehalten, in der er das gleiche Programm für England verkündete. Dabei muss man Roosevelt und Chamberlain die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass nicht der Hass gegen die Juden -- Roosevelt ist ja bekanntlich der vergötterte Liebling der in Newyork eingewanderten Juden, die bei der Wahl für ihn im Staate Newyork den Ausschlag gaben! sondern nur die Notwendigkeit sie in ihrem Handeln leitet. ״Während ich im Amte war,“ sagte Chamberlain, ״tat ich, was ich konnte. Ich hatte viele Konferenzen No. 51. mit dem verstorbenen Dr. H e r z 1. Er war ein Mann, der den grössten Eindruck auf mich machte, pnd dessen Aufrichtigkeit, Patriotismus und Tüchtigkeit so gross waren, dass sie jedermanns Achtung hervorrufen mussten. Ich kann sagen, dass wir, jedenfalls im Prinzip, darin übercinstimmcn, dass die beste LösungderFragedie sein würde, in dieser grossen Welt einen Platz zu finden, wo diese armen, aus der Heimat verbannten Leute, die ihr Land nicht verlassen aus Caprice oder mit der Absicht, »ins zu schädigen. Raum finden, wo sie in Sicherheit wohnen, ihrer Religion und ihren Neigungen folgen können, und wo sie imstande sein würden, sich zu ernähren, ohne die Existenz anderer zu beeinträchtigen.“ Was ist dieses Prinzip des grössten englischen Diplomaten und eines der bedeutendsten lebenden Staatsmänner überhaupt anderes als — cum grano salis! — das Prinzip des Zionismus, das Prinzip des Baseler Programms? Auf dieser Grundlage wird die Judenwanderungsfrage und mit ihr die Judenfrage gelöst werden. Mit gutem Gewissen durfte Oskar Marino rek in Frankfurt erklären, dass uns Zionisten, wenn wir uns an den Arbeiten der Frankfurter Konferenz beteiligen, keine anderen Motive leiten, als die. ״unseren Unglückliebsten Brüdern zu lielien.“ Aber eine Hoffnung haben wir bei solcher Arbeit noch. Vielleicht, dass aus der Frankfurter Konferenz das Gute hervorgeilt, dass unser Gedanke der Zentralisation des Jüdischen Volkes aut dem Boden Palästinas allmählich zur Anerkennung sich durchringt. Dabei hoffen wir noch nicht einmal, dass zugleich alle unsere Voraussetzungen aiier-' kannt werden; aber das ist nicht nötig, um unsere praktischen Wege für die richtigen zu halten. Dieser Weg von Frankfurt nach Basel ist ein schwieriger und langwieriger — hoffen wir nur das eine, dass er nicht zu lange währe für unser von Land zu Land gehetztes Volk! , ib. . r : Zum 30. Todestage von Moses Hess Am 6. April 1905 wird sich zum 30. Male der Todestag von Moses Hess iähren. Es wäre eine Undankfcarkeit, wenn wir Zionisten diesen Tag vorübergehen Hessen, ohne unseres früheren Vorkämpfers zu gedenken. Er war es, der sich in einer Zeit schnöden Abfalls und traurigen Inditierentismus die Liebe zum .angestammten Volkstum bewahrt hatte, und der in den hitzigen Kämpfen der Neureform und der Neuortliodoxie klar und scharf erkannt hatte, was die konfessionellen Gegen- Parteien einte: Die Löslösung von nationalen Banden. Sollte der Hader nicht zur Spaltung und somit zur Auflösung unserer Gemeinschaft führen, dann musste wieder der nationale Gedanke und das Volksbewusstsein zum Angelpunkte unseres Seins und unseres Handelns werden. Erst die geweckte und die gefestete Erkenntnis unserer Gemeinschaft als einer nationalen konnte die Voraussetzung für eine gesicherte Entwickelung geben, die uns fortschreitend im Geiste der Zeit bereichern muss. Diese Grundgedanken, die Hess in seinem Werke: ״Rom und Jerusalem, die letzte Nationalitätenfrage“, ausgesprochen hat, haben sich in der Folge als lebensfähig und lebenerweckend erwiesen. Haben sich auch manche seiner Hofinungen nicht erfüllt, Ist auch die Zeit über viele seiner philosophischen Ansichten hinweggeschritten, seine Kernanschauungen über die nationale Stniktur unserer Gemeinschaft sind die Grund- JÜDISCHE RUNDSCHAU.

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