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Jüdische Rundschau · 1904-12-16 · Heft 50 (16.12.1904) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 50 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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4.J ‘J ־.׳.״ ®׳״!>״׳ }׳^׳1״3^üל*ן*ן*׳,^׳״' ’•!י ׳^*׳־*X' <*M'"׳?#י'”*י, , . --־«üt.»-4»"y>wrfS «■״ No. 50, Gouverneur in seiner Wut 20 Häscher ln das Judenquartier eindringen, liess die Rabbiner und Notabien der Gemeinde vorführen, geisseln und ins Gefängnis werfen; auch mussten sic unterzeichnen, dass sie alle Schulden ihrer beiden "Stammesgenossen und dazu eine Entschädigung von 120 Frs. zahlen würden. Der Schrecken in der Gemeinde war grenzenlos; wenn bereits ihre Rabbiner und Vornehmen geschlagen und beschimpft wurden, was erwartete erst sie. die armen Leute aus dem Volke? Sie haben nicht mehr den Mut, auf den Bazar zu gehen oder in andere Stadtviertel. Wer von ihnen ausserhalb des Ghettos augetroffen wird, wird ausgeplündcrt und mit Stockhieben über den Markt gejagt. So standen die Dinge, als sich die Gemeinde von Djaram an Schouker wandte. Se. Kaiscrl. Hoheit Schah-El-Saltaneh befand sich wegen der Cholera, die in Schrias wütete, sechs Tagereisen von der Stadt entfernt. Schouker begab sich unverzüglich zu seinem Stellvertreter und erstattete Bericht. Dieser war empört und übergab Schouker sogleich ein ״Hokm” oder offizielles Schreiben, in welchem er dem Gouverneur von Djarum sein den Juden gegenüber bc'icbtes Verfahren in harten Worten vorwirft. Bedenke, sagt er in dem ״Hokm״, die Juden sind Untertanen Sr. Majestät. Die Wahl dieses Ausdrucks muss Erstaunen erregen; es ist ein Wunder, dass er aus der Feder eines Persers fliessen konnte. Gewöhnlich geruht ein Perser nicht, den Juden als seinesgleichen zu betrachten, wenn dieser auch wohl oft über ihm steht. Kurz, der Gouverneur von Schiras befiehlt dem von Djarum, den Juden alles Geld, das er ihnen unrechtniässigerweisc abgenommen hatte, zurückzuerstatten und die von ihnen unfreiwillig Unterzeichnete Verpflichtung zu annullieren. Ferner beauftragte der Gouverneur von Schiras einen Vertrauten, ihm alles zu berichten, was stell bei dieser Gelegenheit in Djarum ereignen würde. Der Direktor der Alliance-Schule schickte den ״Hokm" den Juden von Djarum, damit sie ihn selbst ihrem Gouverneur übergäben. Der ״Hokm’* bewirkte unmittelbar, dass alle Juden, Schuldner wie Gläubiger, in Freiheit gesetzt wurden. Aber der ״Vertraute" sali, dass er mehr zu gewinnen hatte, wenn er die Interessen des Gouverneurs von Djarum wafirnahm und machte.sich dessen Ansichten in dem Grade zu eigen, dass die Juden gegenwärtig ebenso leiden wie früher. Erst von einem ״Hokm" des Gouverneurs von Schiras selbst wird -eine Besserung zu erhoffen sein. Wesen und Ziele des Misrachi So lautete das Thema, über das Herr Dr. Adler- Lübeck am 14. November in einer gut besuchten Mitgliedcrversammlung der zionistischen Ortsgruppe München referierte. Auch eine Anzahl nichtzionistischer Orthodoxer war unerer Einladung zum Vortrage des bekannten Führers Seite 443. gefolgt. Dt. Adler dankte der Ortsgruppe München, dass sie ihm Gelegenheit gäbe, die vielen Missverständnisse, durch die die Misrachifrage erst za einer bedrohlichen Hauptu. Staatsaktion auigebauscht worden sei, zu beseitigen. . Es sei durchaus falsch, dass die Misrachi nur religiöse, nicht aber auch nationalc Juden seien. Sie ständen auf dem Boden des Baseler Programms und das zeige schon, dass sie keinen Zionisten, welcher religiösen oder philosophischen Anschauung er. auch immer sei, aus der Organisation verdrängen wollten. Im Gegenteil seien sie mit Freuden den nichtorthodoxen Führern gefolgt und trauerten um den ewig unvergesslichen Herz!, der ja auch nicht ihren Standpunkt vertrat, so tief als irgend ein anderer. Trotzdem habe sich die Notwendigkeit zum engenen Zusammenschlusse der Gesetzestreuen im Zionismus herausgestellt. Referent selbst habe lange geschwankt, ob es nicht besser sei, innerhalb der Organisation nur durch das Vorbild gesetzestreuen, sittenreinen Leben Propaganda zu , machen, umsomehr, als er alles, was etwa als eine Trennung von seinen alten Freunden und Mitkämpfern hätte ausgelcgt ־werden können, vermeiden wollte. Er haben den zweiten Vorsitz, des deutschen Misrachi nur angenommen unter der Bodingting. dass der Misrachi aufs schärfste gegen die Hetzereien der antizionistischcu Orthodoxen Front mache und weiter Seite an Seite mit den zionistischen Brüdern kämpfe. In der Sitzung des Zentralkomitees In Köln Im Juli sei seine Steilung durchaus gebilligt worden. Bisher habe der Zionismus gegenüber der Orthodoxie vielfach Fiasko gemacht. Jenem wertvollsten Material, das noch für die Bewegung zu gewinnen sei, will der Misrachi die Notwendigkeit der Verschmelzung der nationalen mit dem religiösen Standpunkte nachweisen. Während die Stimme des einzelnen gesetzestreuen Zionisten verhallt sei, so könne die organisierte Gesamtheit des Misrachi auf das wirksamste Propaganda ausfibcn. Zu diesem Zwecke will sie ein hebräisches Blatt herausgeben und das Talmudstudium durch Gründüng von Schiurim fördern, in denen keine Gelegenheit verabsäumt werden soll, aufklärend zu wirken auf die ausserzionistischen Kreisrund gleichzeitgi vertiefend auf das religiöse und nationale Empfinden der Gesinnungsgenossen. In diesem Sinne begründet Referent das Studium .von Bibel und Talmud als nationale Arbeit Aber der Misrachi sei deswegen nicht gegen moderne Wissenschaft und Kultur. Die einzelne Stimme, die in Pressbürg Chcdsr und Jeschiba als einziges BÜdungsmittel der jüdischcn Jugend gefordert und Gymnasium und Universität verdämmt habe, habe keinerlei Widerhall gehabt; der Antrag dieses Predigers in der Wüste sei glatt unter den Tisch ge• fallen. Der Misrachi erstrebe somit keinerlei Abwendung von den anderen Zionisten. Vorbcd'ngung der Aufnahme in den Misrachi sei die Zugehörigkeit zu einer allgemeinen Ortsgruppe. JÜDISCHE RUNDSCHAU Allerlei. —« Frankfurt am Main. Babel und Bibel. Professor Friedrich Del'tzsch, dessen Versuch, in den Keilschriften Babels die Queren der Bibel nachzuweisen, ein ganzes H־ecr von Gegnern auf den Plan gerufen hat, zog gestern in einem Vortrag im Verein für Geographie und Statistik die Summe seiner Forschungsergebnisse. Wir dürfen, so begann er, gegenüber der mangelhaften Kenntnis und der tendenziösen Einseitigkeit des alten Testaments nicht in sklavischer Abhängigkeit verharren, wir müssen vielmehr dankbar sein für die Aufklürung, die uns durch die Forschungsarbeit in den Ruinen von Mesopotamien ward. Die Kultur des alten Babylon lebt in der neueren fort und deshalb muss die Form, in der wir über dessen älteste Geschichte unterrichtet werden, dem Stand unscrcr Kenntnisse entsprechen, auch wenn dabei die alte Form in Stücke geht. Die Galiläer und Samariter sind ein Mischvolk von ausgeprägt babylonischem Charakter und manches Wort des neuen Testaments — bisher unerklärt und heftig umstritten — ist aus der babylonischen Abkunft Christi des Galiläers zu verstehen. So spricht Gott Vater, indem er erklärt: ״Du bist mein Kind", die rcchtsgilticc Formel aus. mit der man in Babel nach den Gesetzen Hammuralns die Adoption vollzog. Die Psalmen des alten Testaments finden Zug um Zug ihre Ebenbilder in den Psalmen Babels. Bilder und Gedanken stimmen überein, ja teilweise sogar die Worte. Wir sind du»־ch den Religionsunterricht über die Ethik und die Relig.’on der Babylonier völlig irregeleitet. Der Rechtsstaat Babylon schützte die sittlichen Güter.- die durch die zehn Gebote sichergestellt werden, mindestens in gleichem Masse wie Israel. Uebereifrigc evangelische Verteidiger des alten Testaments haben behauptet, dass das Gebiet der Nächstenliebe ein Monopol der Juden war. Das Zeugnis der Denkmäler weist das Gegenteil nach. Sogar die- Schonung der Sklaven war ein S:ttenrcbot und so scharf und schneidig das Richtschwert Hammurabis Ist so mild und nachsichtig ist doch der Geist, der se:n Gesetz durchweht. Ein Irrtum ist es auch, wenn man dem Judentum eine tiefere Auffassung des Begriffs Sünde zuschreibt. Den Babvlomer schrecken weniger die Folgen der Sunde, als die seelischen Oualen der Gottverlassenheit, die ihr auf dem Fusse folgt. Die grossen Götter Babels waren als sittliche Mächte gedacht. Recht und Wahrheit stehen vor dem Thron Marduks. wie vor dem Jahves. Die Bildverehrung war nicht der Kern der Religion, deren polytheistischer Charakter dem religiös-sittlichen Gefühl keinen Eintrag tat. Der babv- Ionische Polytheismus erklärt sich aus der Natur des Landes, das zwischen Meer und Fluss wie eire Insel licet unerschöpflieh an Fruchtbarkeit, überfüllt mit Naturwundern. So entstand ein Pantheon voP Licht und Leben, voll Farbe und PoesJe. Aber führende Geister suchten, ähnlich wie in Griechenland und Rom, bereits hinter der Mannigfaltigkeit der Erscheinung die ideelle Einheit der Gottheit. Der semitische Monotheismus ist ja ebenfalls ein Produkt der Um״ebung. wie die bunte Oöttcrwclt der Babvlomer. Er entstand in der einförmigen Sandwüste. Und so hoch und rein diese Anschauung war, sie zersplitterte s'ch ebenso, wie die babylonische, nur dass d׳e Teilung der Emhe?t der Gottheit nach Stimmen geschah. Gott war der Gott eines e'nzeinen Volkes, mit dem er stell zu Schutz und Trutz verband. Und nicht nur an den Stamm war Gott «*ehunden. auch an das Land. So erHärt sich, dass der Verzweiflungskampf, den die Propheten geven diese ticfcingewurzelte Auffassung, die immer wieder zur Verehrung

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