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Jüdische Rundschau · 1904-12-16 · Heft 50 (16.12.1904) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 50 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 442. ׳ JÜDISCHE, RUNDSCHAU. No? 50.. griff aller seiner Bewohner, deren überwiegende Majorität eben antisemitisch gesinnt ist, und die Regierung, die man ja gewöhnlieh meint, wenn man vom Staate spricht, ist gewissermassen nur ein Extrakt aus den Gliedern des Staat« und spiegelt daher die Gesinnung dieser Majorität wieder, und zwar In einem um so höheren Grade, als in denjenigen Volksschichten, aus denen die Regierenden vorzugsweise entnommen sind, der Antisemitismus viefl ausgebreiteter ist und starker vorherrscht als in der Gesamtheit des Volkes. Wie kann da der Jude hoffen, von einem solchen Staat, von einer solchen Regierung vorurteilslos oder gar wohlwollend behandelt und vor Kränkungen seiner Ehre geschützt zu werden; von. demselben Staat,, der seine in der Verfassung verbürgten Rechte seit Jahrzehnten kränkt und mit Füssen tritt? Wie sagt doch das Sprichwort: ״Hoffen und Harren macht manchen zum Narren.“ Solche sentimentalen Hoffnungen, die durch nichts begründet sind, entstammen nicht so sehr dem Gefühl des Selbstbewusstseins, auf das Cohen ehien solchen Wert legt als der Schwäche, der Energie- und Mutlosigkeit. Sehr richtig sagt der berühmte amerikanisclie Humorist Marc Twain in einer amerikanischen Zeitschrift (1S99): .,Wer gibt dem Juden, wer gibt irgend einer Rasse das Recht, in einem Lande still zu sitzen und ihre Sicherheit irgend welchen guten Leuten anzuvertrauen? Der unter der Gewalt brutaler Autokraten stehende Jude der früheren Zeiten, zu schwach, sich selber zu helfen, hatte Anrecht auf alles Mitleid, Jetzt aber hat er die Hilfsmittel in der Hand, und das scr't einem Jahrhundert, aber ich sehe nicht, dass er bisher einen ernsthaften Gebrauch von ihnen gemacht hätte. . . . Sie sollten sich organisieren und ן ihr Stimmrecht ansnutzen." Nicht auf den Staat darf sich der Jude verlassen und an! niemanden in der Welt, sondern nur auf sich selbst. Selbsthilfe heisst für ihn die Losung, sie Ist der einzige Weg zur Besserung seiner Lage. Das SelbstbeWirsstsein des Juden darf sich nicht damit begnügen, ״von dem Ideal des Rechts erfüllt“ zu sein, sich an dem Gedanken seiner hohen ״Mission" zu berauschen und auf die Erfüllung desselben in fernen Jahrhunderten zu warten, wie der Schlaraffe, der da wartet, dass ihm die gebratenen Tauben In den Mund fliegen werden, sondern das Bewusstsein muss ihn dazu führen, sein Geschick selbt in die Hand zu nehmen, wie es der Zionismus bereits, mit einem festen Ziele vor. Augen, begönnen hat. nismus Ist bei« ans rin nur wenig besuchtes Gebiet, und doch .Ist sie ebenso interessant wie für ein tieferes Verständnis von Art und Charakter unserer Bewegung unumgänglich. Da werden uns das 7. und 8. Kapitel in Sapirs Buch denn helfen, endlieh einmal über die Bekanntschaft mit den wenigen Namen von Herz!, Pinsker und Hess, hinauszukommen. Smolcnskin, Lilicnblum, Lewanda und Achad Haam werden uns gleichfalls liebe Vertraute werden. Ueberhaupt ward vielleicht eine Re- Vision unserer pseudopatriotischen Ueberzeugung von einer geistigen Führerschaft der «Westlichen״ fm Zionismus, die segensreiche Folge der Lektüre Sapirs werden. Ganz besonders Instruktiv, Ist der 13.. Abschnitt des Buches: Die StTÖinungen Im Zionismus. Uns ist eine derartig verständige, sachliehe und unparteiisch gerechte Darstellung dieses klippenreichen Gegenstandes noch, nicht nntergekommen. Nichts anderes Ist gleich geeignet, eine leidenschaftslose Verständigung aller zerstreut einseitige□ Elemente und deren friedlichen Zusammenschluss zu ,einer einigen, allumfassenden Volksbewegung anzubahnen-. Auch die.Darlegung der Geschichte und des Ictzigen Standes der Palästina-Kolonisation ist dem zionistischen Leser von Nutzen; nur scheint uns alle Verwendung des Materials .hier etwas zu pessimistisch. In der Darstellung des Zionismus als .politischer .Partei dagegen bat ein aus , der .Art de» Buches, fallender, ganz merkwürdiger Dilettantismus ob¬ Brief aus Persien Schiras, den 14. Sept. 04. Die nngünstige Lage der Juden in der Umgebung von Schiras verschlimmert sich von Tag zu Tag. Aus etwa 10 Ortschäften, die von unsern Glaubensgenossen bewohnt sind, kommen seit 2 Monaten verzweifelte Briefe und Depeschen. Der Direktor der Alliance-Schule, C. Schouker, weiss nicht, womit er sich zuerst beschäftigen senil. Muss er doch beinahe seine ganze Zeit darauf verwenden, um die muhamcdanische Bevölkerung von Schiras zu beruhigen, die sich nicht an die Tatsache gewöhnen will, dass die Juden sich im allcemeinen in einer weniger kläglichen Lage befinden als früher. Da aber Se. Kais. Hoheit Schah-El-Saltaneh den Schulen der Alliance ziemlich geneigt ist, so wird sich auch das Volk schliesslich zufrieden geben. Unter den Juden der Umgegend haben die von Dia rum unter der Habgier der grossen Herren am meisten zu dulden. Es gibt keine Quälerei, keine Beleidigung, die man nicht erfindet. um ihnen das Leben zu verleiden. Nach mancherlei Schritten, die bei der Regierung in Schiras unternommen wurden, begannen sic sich einer relativen Ruhe zu erfreuen. Der ..Hokm" (Erlass), der dem Gouverneur von Djarum zuging, machte ihn für alle Misshandlungen, die an den Juden verübt werden sollten, verantwortlich. Seitdem nahm er sich vor ungerechten Massnahmen gegen sie in Acht, sodass sie mehr als einmal in rührenden Briefen für das gewisse Mass von Wohlbefinden dankten, das ihnen Schouker verschafft hatte. Unglücklicherweise wurde der Gou\־erneur von Dj'arum versetzt. Ein Gouverneurwechscl in Persien ist häufig'für die Juden unheilvoll, denn die Gefolgschaft eines neuen Gouverneurs findet in ihnen ein geeignetes Feld für ihre Bcutcgicr. Der neue Gouverneur und seine Leute hatten auch in Djarum n chts Besseres zu tun, als aus den Juden soviel Geld zu ziehen. 1 a*S rie nur konnten, und erfanden dafür täglich neue Vorwände! ‘ Kürzlich machten zwei Juden ln der Ortschaft Djarum Konkurs. Gesetz ist in Persien, wie überall, den zahiungsunfähigen Geschäftsleuten Waren und Geld zu nehmen und nach Verhältnis unter den Gläubigern zu verteilen. Nur den Muhamcdanern von Diarum scheint diese Regel unbekannt zu sein; der Gouverneur Ress unter leicht erkennbaren Absichten die beiden Israeliten ohne Umstände ergreifen und einkerkern. Doch die Gläubiger intervenierten und Hessen den Gouverneur wissen, dass sie ihre Guthaben annullierten. Der Gouverreur konnte sich nicht königlicher zeigen als der König. Er musste die beiden Kaufleittc wohl oder übel in Freiheit setzen, beanspruchte hingegen einen Schadenersatz von 100 Frs; seine zahlreichen Häscher und Diener beanspruchten auch ihren Anteil, sodass die Juden ihre augenblickliche Freiheit mit wenigstens 300 Frs. zu bezahlen hatten. Aber sie sollten so wohlfeilen Kaufes nicht davonkommen. Zwei Tage darauf schickte der Gouverneur von neuem nach den beiden Unglücklichen. Da sie nichts mehr hatten, um der Habgier des Gouverneurs Genüge zu tun. ergriffen sie die Flucht. Nunmehr «Hess der gewaltet. Nicht nur. dass das Organisationsstatut völlig fehlt und sonst kein genügender Ersatz dafür über die Gliederung und den Bau unserer Partei instruiert —* nicht einmal das Baseler Programm ist richtig wiedergegeben. Es ist eigentlich ein starkes Stück, dass es in einem halbwisscnschaftlichen Buch über den Zionismus, das dazu noch von einem der russischen Führer verfasst ist, zwei Punkte mehr als in Wahrheit, nämlieh ihrer sechs, besitzen kann. ' Wieweit diese phänomenalen sechs Punkte, sowie die arge Verstümmelung des Programm* Wortlauts überhaupt, auf Kosten des ziemlich unfähigen Uebersetzers kommt, muss Ich dahingestellt lassen. Die neuen Auflagen. die s׳cher bald nötig sein werden, haben hier Hand anzulegen; vielleicht werden sie auch gut tun, die ganze Schrift um ein gut Stück lebendiger zu gestalten. Aber auch so schon, fn der uns vorliegenden Form, Ist das Sapir'sche Buch ein überaus bedeutsamer Zuwachs unserer untcrrichtenden und propagandistischen Literatur. Jeder Zionist muss cs besitzen. Dr. Jsrael Auerbach. Wilhelm Erbt: * Die Sicherstellung des Monotheismus durch die Gesetzgebung im vore x i l i s c.h e n Juda. Beigegeben ist der Untersuchung Umschrift und Uebersctzung der metrisch abgefassten Gesetze. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1903. (VII undl20S.)• 5♦ Mk. 3,60.

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