Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite -MI,״: Nb: SO■'.. . . __JÜDISCHE RUNDSCH AU. Zuversicht auf den Sieg der Freiheit und der Wahrheit fest. Und es Ist nicht allein, mein Oedanke an die religiöse Wahrheit des prophetischen Messianlsmus, der solchen Optimismus in Jeder Zeit- und Lebenslage zum Leitstern macht..“ ־. Wie so viele geist-'g hochstehende Juden, empfindet Cohen die Zurückweisung und Verachtung der Juden tief und schmerzlieh und gibt dem Gefühle der Bitterkeit über die ungerechten Verfolgungen und Beschimpfungen seitens des Antisemitismus unumwunden Ausdruck. Aber Cohen vertritt dabei (ähnlich wie JäkobWasscrmann) nur die Anschauung eines verhältnismässig kleinen Kreises von geitig hochstehenden Juden, wahrend er dem Leben und Empfinden der jüdischen Massen, besonders des Ostens, fern und fremd gegenüberstcht. Er betrachtet den Gegensatz zwischen Christen und Juden als einen religiösen, obwohl der religiöse Gegensatz schon längst aufgehört hat eine Rolie zu spielen. Er beklagt auch nur die geistige Judennot. die körperliche und materielle kennt er nicht, und er trägt sich mitWünschcn.Hoffnungen und Idealen, ohne die Realitäten des Lebens zu beachten. ״Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stossen sich die Sachen.“ Sicher ist die Idee der messiamschen Prophczciimngen von der dcrcinstigen Verbrüderung aller Menschen eine grossartige, hochethische, und als höchstes Ziel der Menschheit kann man sie wohl ins Auge fassen. Es ist auch zn verstellen, wie eine so edle ticfangclcgtc Natur wie Cohen von dieser im Judentum entstandenen Idee begeistert werden kann, aber es ist nur eine Idee für erlauchte Geister, und das Ziel ist ein unendlich fernes. Ebenso wie seit den mess:anischcn Prophezeiungen zweitausend Jahre und darüber hingegangen sind, j ohne dass d:e Idee ihrer Erfüllung wesentlich näher gerückt 1 ist, so kann es. ganz gut noch 2000 Jah־e dauern, ehe die ge- | samte Menschheit auf d esem Idcalstandpunkl der allgemeinen Humanität angelangt sein dürfte: man kann ebenso gut aber auch 5000 und!0000 Jahre sagen. Vorläufig wenigstens be-; fehden, bekämpfen und zerfleischen sich die Menschen ganz ebenso wie vor 5000 Jahren, nicht die Sittl chkcit hat sich gehoben, sondern nur die Technik und die Furchtbarkeit der Kampfmittel, der rücksichtslose Kampf ums Dasein tobt heute genau so wie damals. Besserungen s!״d nur in verhältnismässig sehr geringem Masse zu konstatieren. Und nicht allzu rosig liegt die Zukunft vor uns. wenn es erlaubt ist, aus der Entwick- 1 Iung in der Vergangenheit einen Rückschluss auf die Entwickj Iung der Zukunit zu ziehen. Ia dem Kampi ums Dasein aber, 1 Literaturbericht. 1! BQcher der einschlägigen Literatur, welche der Redikiin I. j ... lu^esandt werden, finden eingehende Besp־echunc . j j J. B. Sapir, Der Zionismus, eine populär-wisscnscliaftrche Darlegung des Wesens und der Geschichte der zionistischen Bewegiuig. Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1903. Zu beziehen durch *Verlag Jüdische Rundschau", Berlin N. 5*!, Auguststrasse 49 a. Endlich e nmal eine zusammenfassende Arbeit über den Zionismus, die zwischen wissenschaftlicher Langeweile und flugblätteriger Oberflächlichkeit die goldene Mitte einhültt Eia Buch, das nicht nur in eminenter Weise seinen Zweck als Propaganda- und Aufklärungsschrift erfüllen, sondern auch dem Zionisten eine handliche Waffe, für manchen ein Seelenstärker werden wird. Ganz besonders den deutschen Zionisten sei diese Qabe eines ihrer östlichen Brüder aufs allerdringlichste empfohlen. Er wird den Zionismus von einem Punkte heraus entwickelt finden, der seinem Gesichtskreis, wenn nicht völlig abgewendet, so doch oft ziemlich fern ist Er wird einen Zionismus auf positivster Grundlage kennen lernen. Und das tut not, angesichts der Methode wie des Resultates unserer landläufigen Propaganda, die über einen Zionismus der Hlfsaktion, und einen Zionismus der Reaktion gegen Antisemitismus I im Kampfe aller gegen alle,׳ haben die ■Juden immer am meisten - zti leiden gehabt, weil sie seit ihrer Zerstreuung stets die schwächsten und wehrlosesten gewesen sind. Das Ist ganz naturgemäss und cs w.rd und muss so bleiben, so lange die Juden sich nicht an einem Punkt gesammelt haben und die Stärkeren sind.' Jetzt sind sie die Prügelknaben für alle Welt.' und dabei kann sic auch der Gedanke nicht trösten, dass sie ״die Miss:on haben, den Staatenbund der Menschheit vorzu-. bereiten in der mcssian’schen Idee der vereinigten Menschheit“, auch wenn d:ese Idee sich wirklich in 2000 oder in 1000 oder seihst in 500 Jahren erfüllen sollte. Auch In fünf langen Jahrhunderten können — man braucht }a nur die letzten fünf Jahrhunderte. Ja selbst nur die letzten zwei Jahrhunderte znrückzublicken —- noch sehr viele Gcnerat'oncn von Juden unendlich viel leiden, unendlich viel gehetzt, verfolgt, gemartert ausgehungert, zurfickecsctzt und .in ihrer Ehre gekränkt werdet?. Was soll mm bis dahin geschehen? Cohen ruft die Hilfe des Staates an. vom Staate erwartet Cohen c^ic Besserung, eine Erziehung der Staatsbürger zu besserer Gesinnung. ״Auf den Staat setzt der Jude sehe Hoffnung, wann und wo immer er In seiner Ehre getroffen wird“. Es ist sicher anzunchmen. dass C o 11 e n damit nicht etwa den Idealstaat der Zukunft, sondern unsern Leut’gcn Staat meint. Das aber ist keine Frage, dass der Jude, der wirklich auf den hcuEgen Staat seine Hoffnting setzt, sich Ilhis'oncn hjngicM. Denn wer Augen hat zu sehen, wer die Entwicklung der Dinge in den letzten 20 bis 30 Jahren überblickt, der muss zu der Erkenntnis kommen, dass der Jude als solcher vom Staate nichts oder ausserordentheh wemg zu erwarten hat. Der Staat' — ich spreche h'er zunächst von Deutschland, das auch Cohen wohl hauptsächlich Im Auge hat — hat nicht mir alles getan, nm die .Juden aus den BcamtcnstclUmgcn immer mehr und mehr hcrauszudrängen dieselben ..judenrein“ zu machen. Indem sic entweder gar weht zur Anstellung kommen, wie m der Unter- Offiziers- oder Ofnzicrskarriere, oder, wo s;e in geringer Anzahl zur Anstellung .zugelassen werden, grosse Schwierigke’tcn zu überwinden haben und in der Beförderung zu nickgesetzt werden, sondern der Staat sieht auch den wahnwitzigsten Beschimpfungep und Hetzereien gegen die Juden mit verschränkten Armen zu, wie der klassische Fall des Grafen P ü c k 1 e r auf .das deutlichste beweist, der jahrelang ungestört sein Hetzhandwerk treiben darf. Nein, der Jude, der sxh auf den Staat verlässt, der Ist verlassen. Wer ist denn der Staat? Der Staat Ist doch der Inbe- * . •*.יי ••־•״*•״ und Assimiljerung nicht allzu häufig hinausgeh’t. Der Zionismus als vollendete. Weltanschauung, der Zionismus als Ausdruck einer positiven, ewigen, brennenden Sehnsucht nach keinem anderen Flecken der Welt als nur nach Zion, als flammende Entladung eines unbedingten Freihc tsdranges, der eben in Zion sein historisches Symbol hat und der kein geographisches oder politisches, .noch, ein kulturelles Kompromiss kennt, --- der.will bei uns in Deutschland erst noch gelehrt sein. Das Buch von Sapir bringt uns. diese Lehre, nicht ekstatisch Oberquellend, sondern , in sachlicher Ruhe, die fast kalt scheinen möchte,. wenn sie nicht aus der Selbstverständlichkeit einer festgegrFmdetcn, klar in sich .ruhenden Ucberzeugung herausgewachsen wäre. Nicht umsonst ist die ewige Sehnsucht unscrcs Volkes nach seiner ihm entrissenen historischen Heimat, nicht bloss nach Ruhe irgendwie und irgendwo, an die Spitze des Ganzen, und das Lechzen nach geistiger Freiheit dem Streben nach sozialer, politischer und ökonomischer Erlösiing vorangcstellt. Der Zionismus lediglich als ״der jüdi* sehe Wille zur Ruhe"‘ist rein .negativ; erst das Postulat einer bestimmten Stätte und der Entwicklungsmöglichkeit des Ihm geistig Eigentümlichen gibt ihm jenen'positiven Einschlag,, der ihn zum Geschichte schaffenden Faktor stempelt. י Aber nicht; dieses Grundlegende allein wird unserem zionistischen Leser reiche Förderung bringen. Die Geschichte des modernen Zio-