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Jüdische Rundschau · 1904-12-16 · Heft 50 (16.12.1904) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 50 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 440. No. 50. JÜDISCHE RUNDSCHAU. entgegengehen, aber das wichtigste Gebiet, das Gebiet der Jugendliteratur, ist unberührt geblieben. Denn jene Bücher, die sich als Schriftweseri für die heranwachsendc. Jugend ausgeben und unkünstlerische und kalte Er-.‘ Zählungen, frostige Geschichten und Skizzen bringen, sind das Gegenteil von dem, was wir wollen •und nö♦•:; haben. Und doch hat die Judenheit die Kräfte 7.1• r Schaffung einer Jugendliteratur, wie jener Rudolf .•]Löwenstein beweist, der mit ani meisten dazu beigetragen hat, dass heute die deutsche Nation einen so über- , reiche^ Besitz auf diesem für das innere Leben einer “ Nation so notwendigen Gebiete aufweisen kann, v i Der Winter »lit seinen langen Abenden ruft uns die alten Kinderstuben ins Gedächtnis, in denen wir vor Hansel und Grctel erzählten, von den schönen' Schlaraffenländern träumten und in denen wir nach Liliput und Blefusku reisten. Aber nichts Jüdisches war in dieser Kinderstube, was zugleich kindlich war. Wir wollen aber kein Volk von Greisen, kein Volk,*das seine Jugenderinnerungen im iremden Volkstume hat. Und wenn wir unsere Jugend bei unserem Volke erhalten wollen, wenn wir ihr die Ideale geben wollen, zu der. wir uns zum Teil in schwerem Lebenskämpfe ־durchgcrangen haben, so müssen wir dafür sorgen,, dass wir Bücher haben, die in der Kinderstube gelesen werden, wie Häusel und Gretel. .::'אוהב ילד Professor Cohen über das Judentum Von Dr. Hoppe, Nervenarzt in Könisberg. Der bekannte Marburgcr Philosophieprofessor Cohen kommt in dem eben erschienenen zweiten Teil seines gross angelegten Systems der Philosophie, der Ethik,*) i!n Kapitel über die Ehre auch auf das Judentum und die auf dasselbe gerichteten Angriffe zu sprechen. Es heisst da: ״Unter allen Angriffen auf das Judentum dürfte kaum einer tiefer und innerlicher den Angegriffenen verletzen, als der Judenhass in seinen verschiedenen Formen und Nüanzierangen. Shakespeare hat daher ja auch geglaubt, die Reaktion dagegen als einen weltgeschichtlichen Affekt verewigen zu dürfen, In der Tat, für einen Juden, der auf Grund geschieht- Jichen Verständnisses den Anteil kennt und mit natürlicher Pietät würdigt, welchen der Gedanke des Prophetismus an der Erziehung des Menschengeschlechts hat und in alle Ewigkeit haben wird; für Ihn als Kulturmenschen kann es keinen tieferen Schmerz geben, als der durch den Undank gegen den ewigen Juden verübt wird. Würde das Vaterland in ähnlicher Weise verleumdet, so würde der Schmerz der gleiche werden. Hier handelt es sich nicht um die Ehre einer atavistischen Gemeinschaft, sondern um eine solche, welche als eine echte Vertretung der sittlichen Allheit sich fühlt; freilieh inwieweit dieselbe durch die Religion vertreten werden kann. Es tritt unvermeidlich auch hier der Konflikt zwischen Religion und Ethik ein, insofern der Staat allein die Allheit zu vertreten hat, während die Religion in Rücksicht auf ihre angebliche Wahrheit Allheit sein will. Indessen vermag der Staat auch dadurch die Allheit zu bedeuten, dass er konzentriscb dem Staatenbunde der Menschheit eingeTciht ist. Das aber ist der Sinn der Religion der Propheten, und darauf beruht der Fortbestand des Judentums, dass es den Staatenbund der Menschheit vorbereitet Inder messianischen Idee der vereinigten Menschheit. Es ist nicht die Anhänglichkeit an einen Namen und an •) H. C o h e n, Ethik des reinen Willens, System der Philosophie. Bd. 2. Berlin. Cassirer 1901. Der erste Teil seines ״Systems der Philosophie“ behandelt ״Die Logik der reinen Erkenntnis“* 1 * f eine tausendjährige geschichtliche Besonderheit, welche das ’ geschichtliche Rätsel von dem Fortbestände des Judentums za erklären vermöchte, sondern. es ist die Kraft der Über- Zeugung, dass eine Art von wahrhafter Allheit durch diese geschichtlichc Idee vertreten wird. ’ Aus dieser Allheit stammt die Ehre, die der Jude aus seiner Religion für sein Selbstbewusstsem schöpft. Und nun wird diese Ehre eine wahrhafte Ehre, von demselben Blute, wie die Ehre des Vaterlandes, mit allen Mitteln und allen Formen der Verkennung und der Abneigung angegriffen. Shakespeare hat in Jenem Drama, das an der Grenze der Komödie liegt, mit einer der Komödie durchaus angemessenen Psychologie verfahren, indem er. die Geschichte, die von einem Christen berichtet wird, auf Shylock umdeutet, um nach der Weise des Mittelalters für die be- Icidigtc Ehre die Rache cintreten zu lassen. Aber das Ist nicht der Weg der Sittlichkeit. So würde die Ehre zu einem Reizmittel des Lasters; das kann nicht die rechte Ehre sein. Das Selbstbewusstsein der Juden, diesen furchtbaren und unaufhörlichen, beinahe jeden Schritt seines bürgerlichen und geistigen Lebens begleitenden Angriffen gegenüber, hat die wahrhafte Ehre als Affekt zu suchen und zu behaupten. Der Staat allein kann such als die Erziehungsanstalt bewähren, um die sittliche Differenz auszugleichen, welche allerdings in dein religiösen Bewusstsein zwischen Christentum und Judentum besteht, insofern das eine den Erfolg von der Leitung und Spendung Christi abhängig macht, das andere dagegen von dem einigen Gotte, der nicht zugleich Mensch ist. Der Staat allein kann für die sittliche gegenseitige Würdigung der Bekenner beider Religionen die Kenntnis, die Einsicht, die Unparteilichkeit, die Sympathie heranbilden, welche die Glieder des Staates in Eintracht verbinden muss. Auf den Staat setzt der Jude daher auch seine Hoffnung, wo und wie immer er in seiner Ehre getroffen wird. In dem Staate erkennt er keinen Widerspruch gegen seine Religion, sondern vielmehr das Einvernehmen mit ihr. Denn seine Rel'gion hat nicht blos den Staat verloren, sondern ihn aufgegeben; die Stifter seiner Religion haben den Staat preisgegeben (?), um die Menschheit zu gewinnen. Der Staat aber, obzwar er des Vehikels der Religion sich bedienen darf und bedienen muss, um vermittels der nationalen Einheit die Einheit des Staates zu begründen, der nationale Staat selbst darf keinen methodischen Widerspruch bilden gegen den Staatenbund der Menschheit. Hinter dem Rechte des einzclncn Staates steht das Völkerrecht, und wahrlich nicht in nebelgrauer Feme, sondern als das Ideal des Rechts. Die wahre Ehre ist ihres Trostes gewiss in dem Selbstbewusstsein, welches von dem Ideal des Rechts erfüllt ist. Die Ehre ist die Ehre des Selbstbewusstseins.“ Es verdient in unserer Zeit, wo die Juden, die es zu Ansehen und Stellung gebracht haben, dazu neigen, ihr Judentum möglichst zu verbergen, sicher Anerkennung, dass ein Mann von der wissenschaftlichen Bedeutung C o h e n s in einem wissenschaftlichen Werke, ohne dass der Gang desselben cs unbedingt erfordert, sich frei zum Judentum (allerdings zum Religionsjudcntum) bekennt und warm für׳ dasselbe cintritt. Er hat dies übrigens bereits im ersten Teil seines Systems der Philosophie in der ״Logik der reinen Erkenntnis" getan, wie denn überhaupt dieses ganze Werk von jüdischem Geiste erfüllt ist. Es heisst da in der Vorrede: ״Endlich noch ein persönliches Wort, ohne dessen freimütige Aussprache ich in dem Momente, da ich einen Teil meiner Lebensarbeit der Öffentlichkeit übergebe, der Unaufrichtigkeit mich bezichtigen müsste. Die allgemeine Weltlage widerspricht dem Geiste echter Philosophie, die immerhin die Weltanschauung des Idealismus darstellt Selbst der deutsche Sinn ist von seiner weitbürgerlichen Stellung abgeirrt. Daher die Hintanstellung von Recht und Gerechtigkeit hinter Macht und Wohlfahrt und die Zurücksetzung der Humanität hinter dio Religion. Trotz alledem halte ich die

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