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Jüdische Rundschau · 1904-12-16 · Heft 50 (16.12.1904) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 50 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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■ «V |t 1 » T י> ‘ \'ä^*%. Abonnementspreis (Zusendung Inbegriffen) Vierteljährlich! 1. darob die Expedition •) In Berlin M. — ,90, t>) nach auswärts M 1,— c) für das Ausland M. I,VX S. Im Poatabonnoment M. 1J25 uiaorate die viergespaltene Petiudle 25 Pi Ineeratenbellagen 15 M 5£x Organ 5£x ffir * Adresse 1Ör Geldsendung«* and Bestellungen: Vtriag Südlsche Rundsdua, £. ü. m. b. H. Berlin R St! Bugusfstrass« Qc.191» Spred}standtn: v. 4—5 Uhr nachmittag*. Redaktion: Cr. Heinrich licewe, BerDn RW. 5t, melancfithonstrcsss 4. flü« ecrbehalien. fiWrt* aus der י jfidijditn Rurdsdau» ecr bei voller Quellenangabe geKctlet No. SO. Berlin, 16. Dezember 1304. — 8. Tebeth 5865. 1x.Jahrgang. MlSI lOMI *■ד**^*זי—> «<*■—»•« — f*r .v.. •.je Hansel und Gretei Lange, schon sehr lange ist es her, da sassen wir in der traulichen Kinderstube, und hörten und lasen die alten Märchen, an denen sich schon lange Reihen von Kindergeschlechtern erbaut und erfreut haben. Und wenn der Winter wicderkchrt mit den langen Abenden, so quillt eine Kindersehnsucht in uns auf. Hansel und Gretei stehen wieder vor uns mit den rosigen Wangen und irren im Walde. Die Eltern hatten kein Brot mehr zu brechen und führten die Kinder zum Wald hinaus, um sie dort zu verlassen. Aber die Kinderchen haben Sternchen auf den Weg gestreut und finden den Rückweg aus dem unwirtlichen Walde zum Vaterhause. Und die Eitern vertreiben sie zum zweiten Male aus dem Haus. Aber diesmal hatten sie keine Steinchen vorher sammeln können, und die Brotkrümchen, die sie streuen, werden von den Vögelchen aufgepickt. So irren sie denn in dem wilden, finsteren Walde herum und suchen vergeblieh den Weg nach Hause zurückzufinden. Denn wenn es auch im Hause der Eltern schmal herging, so war die Not im Elternhause doch immer versiisst eben durch das Elternhaus. Und sie kommen im finsteren Walde an das Haus der Hexe, das sie zum Essen einläd durch seine vorgespiegelte Süssigkeit. Und sie essen davon und bleiben bei der Hexe, und würden von ihr sicher dem Untergange geweiht worden sein, wenn nicht ihre Geschwisterliche sie gerettet hätte. Als sie von der bösen Alten befreit sind, finden sie endlich nach vielem Suchen auch den Weg zur Heimat zurück, die sie nun nicht tnehr verstösst und in der sie bescheiden ein vielleicht ärmliches, aber glückliches und zufriedenes Leben am eigenen Herde führen. Wie mancher mag, wenn er grösser ־und gross geworden ist, aus dem Märchen sein eigenes Geschick und vielleicht gar das seines Volkes heraus- oder besser hineingefesen haben. Aber wenn man das alles hinwegnimmt, was nicht wörtlich im Märchen steht, der feine poetische Hauch ist geblieben, der über die Märchen* weit •des Kindes ausgebreitet ist Das hässliche iunge Entlein bei Andersen, das verkannt wird und verfolgt und endlich, weil es selbst seine edle Abstammung nicht kennt oder •vergessen hat, schliesslich die Verfolgung als selbstverständlich hinnimmt, bis es endlich als Schwan erkannt wird und sich selbst als den königlichen Vogel entdeckt, hat unsere Kinderseelen aufs tiefste gerührt und desselben Dichters Stopfnadel, sein Gänseblümchen und seine Nachtigall sich uns so tief in dqs kindliche Gemüt eingegraben, dass wir die Macht der Poesie wohl würdigen können, und den Wert verstehen, den die Jugendliteratur auf unsere Kleinen und damit für unsere Zukunft hat. Was hat aber die Juäenheit und das Judentum auf diesem Gebiete geleistet? Wir müssen mit Beschämung und tief traurig eingeslehen, dass uns ein MäYchenbuch mit jüdischem Milieu fehlt, und dass uns die ganze grosse Jugendliteratur, die wir bei andern Nationen immer weiter wachsen und blühen ־ sehen, vollkommen fehlt. Nicht für die Kleinen und nicht für die Heranwachsenden haben wir Bücher, die ihrem Geiste und ihrer Auffassung entsprechen. Wo hätten wir auch nur ein jüdisches Geschichtswerk, das uns die Biogräphreen unserer grossen Volksführer zeigte? . Wo hätten wir Reisebeschreibungen, die unserer Jugend die Juden anderer Länder oder auch anderer Zeiten vorführten? An ein jüdisches Märchenbuch mit Motiven aus der jüdischen Volksseele ist natürlich gar nicht zu denken. Wir haben nichts für unsere Knaben, nichts für unsere Mädchen, nichts für unsere Kleinen und n i c h t s für unsere grossen Kinder. Denn mit der ungesunden Kost einer falschen Ghettosehnsucht und lebensmüder Todesgedanken wollen wir unsere kraftstrotzende und gesunde Jugend nicht füttern. Wir bedürfen der Literatur, wie sie bei andern Nationen im jugendlichen Herzen Unternehmungsgeist anregt und Liebe zum Eigenwesen mächtig anfacht. Damit meinen wir beileibe nicht eine mechanische Nachahmung fremden Volksgeistes. Wir wissen sehr wohl, dass Hansel und Gretei das deutsche Volksmärchen bleibt, w׳enn wir auch die Namen durch Channah und Schemuel ersetzen würden. Aber ebenso wie unser gesunder Volksgeist ohne Gefahr der Assimilation und des Ver* Schwindens es vertragen kann, dass wir unsern Kindern die Perlen . fremder Jugendliteratur unverändert nicht vorenthaiten, so notwendig ist es doch auch, dass das Uebermass, was unsere Knaben und Mädchen von fremdem Volkstum in sich aufnehmen müssen, durch eine gewisse Portion jüdischen Gemütes und jüdischen Geisteslebens ausgeglichen wird. Eine ganze jüdische Renaissance wächst heran und wlU seiner schönen Blüte מיימוי

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