Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No.. 49. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 433. . Problem mit einem •Angriffe auf den Zionismus In Verbindung zu bringen - vermutlich, um seinen Hörern auch etwas Ortgineües zu b:ctcn. Dass dieser Angriff aus dem sicheren Hintcrhalte mit Moral und Rcigion nichts zu schaffen hat, wird Jeder zugeben müssen, der diese Begriffe in ihrer herkömmliehen, dem Judcntume entstammenden Bedeutung auffasst und noch nicht durch Umwertung aller Werte auf dem Standpunkte des Uebermcnschcn angelangt ist. Der Herr Professor war bei dem Qroncmann’schen Vortrage anwesend, er hatte also Gelegenheit, in der Diskussion seinen Mann zu stellen. Er hat Jedoch mit Sir John Falstaff, diesem unantastbaren Gentleman, die Vorsicht für den besseren Teil der Tapferkeit gehalten, er hat sich seinen Angriff׳ für den Litcraturverein .aufgespart, in dem Bewusstsein, dass ihm hier niemand entgcgentrcteii dürfe. Der Herr Professor, der sich selbst mit Emphase als schwedischen Juden bczcichnetc und das Recht dazu nicht dem Zufalle 62r Geburt, sondern der Natura! sation verdankt, konnte es sich nicht versagen, uns deutschen Juden ein Privatissimum über unsere deutsche Staatsangehörigkeit zu lesen, und vor der gefährlichsten aller Redereien, dem Irrglauben au die Existenz eines Jüdischen Volkes, eindringlich zu warnen. Dass ein Ausländer es sich herausnimmt. uns über unser Deutschtum zu belehren, ohne sich der Taktlosigkeit eines solchen Unternehmens bewusst zu werden, gebürt entschieden in •das Gebiet der unfreiwilligen Komik.’* Das edle ־ Nationalbewusstsein der skandinavischen Völker, d e so stolz auf ihre Freiheit uuJ Unabhängigkeit sind, obwohl sie an Zahl dem Jüd sehen Volke nachstchen. und deren führende Geister dem Zionismus so viel Verständnis und Sympathie entgegenbringen, scheint nicht mit der Naturalisation erworben zu werden. - a Den reichen Schatz von ßihclzitatcn. die der Herr Oberrahbiner seiner Rede einverleibt hatte, könnten wir noch um ein vielfaches vermehren, wenn es uns darum zu tun wäre. das zionistische Ideal aus der heil gen Schrift zu begründen. Wir halten das für überflüssig. Das Jüdische Volk hat auf seinem langen Leidenswege in den Jahrtausenden des Exils Trost und Stärke in der zuversichtlichen Erwartung seiner nationalen Wiedergeburt gefunden, und diese mit religiöser Inbrunst gehegte Zuversicht aus der Thora und den Propheten geschöpft. Das erst beweisen zu wollen, wäre fast so töricht, als der Versuch, es zu bestreiten. Mit dem Aufgeben des nationalen Ideals geht auch der Abfall von der Jüdischen Religion Hand in Hand, das bekundet de Geschichte des Judentunis im 19. Jahrhundert mit erschreckender Deutlichkeit. Dass aber der Zionismus auch auf religiösem Gebiete eine Wendung zum besseren einleitet, das wird Herr Dr. Klein hotfentlich bald in seiner allernächsten Nähe zu beobachten Gelegenheit haben. Der Vorstand des Literaturverehis wird es sich zu über- {egen haben, ob es richtig war. eine Minorität seiner Mit- . glieder zu provozieren. Wir huldigen sicher keinem Quietismus und gehen keinem Meinungsaustausch aus dem Wege. Will man im Litcraturverein über Zionismus diskutieren, so kann uns das nur lieb sein. Bewegung ist stets ein Attribut des Lebens und der Streit ist der Vater der Dinge. Wir kämpfen mit guten :Waffen für ein hohes Ziel und schätzen jeden ehrlichen Gegner, der uns mit gleichen Waffen entgegen- tritt. Aber wir verlangen, dass Sonne und Wind gerecht verteilt snd. Und wenn man meint, uns durch einen Angriff aus sicherer Deckung in's Unrecht zu setzen, s״ müssen wir gestehen, dass solche Logik für uns nichts zwingendes . hat. Damit kann man fcwar nicht den Zionismus, wohl aber den Literaturverein schädigen und das würden wir sehr bedauern müssen. Jüdische Turnerschaft und Jüdisch-deutsche Turnverein’gung Hannover. Der Streit zwischen Repräscntantenkollegium der Synagogengemeinde Hannover und der Jüdischen Turnerschalt l'iannovcr ist wohl noch allgemein bekannt. Die Sache . ist jetzt in en interessantes Stadium getreten. Der s. Z. gefasste Beschluss ist bis dato nicht ausgeführt worden, sondern die Herren haben es dabei bewenden lassen, die Gründung des .sogenannten*' Vereins für e nen unerhörten Skandal zu bezeichnen. In der Turnerschaft selbst gab cs zwei Parteien, was dazu führte*, dass eine Spaltung ein trat. Diverse Herren, die da glaubten, unter der alten Flagge nicht we'tcrsegelo zu können, die es nicht für recht hielten, wenn man sich jüdisch nennt, traten aus der Turnerschaft aus. In •selbstloser Weise hat sich nun Herr Senator Fischer (Luden), der I. Vor- Steher der Syiiagogengemeinde Hannover, bemüht, einem neu .zu gründenden Turnverein, der sich aber um Himinslswillen nicht jüdisch nennt, eine Turnhalle zu verschaffen. Die F*iir- ,: spräche des hohen Herrn hat ihrer• Zweck erreicht, denn die Halle des Turnklbbs wurde freundlichst der neu zu gründenden Vereinigung für einen Abend der Woche zur Verfügung gestellt. Flugs traten die Herren zusammen und b!ldetcn die ..Turnve Peinigung von 1904״. Diese ..Vereinigung ist natürlxh n'cht mit einem ..V c r e i n c" zu verwechseln. Es sind bis jetzt nur Juden Mitglieder, der lntoleranz-Paragrapii ist nicht aufgenommen. Der provisor'sche Vorstand besteht zum grössten Teile aus den früheren Turnratsmitgliedern der jüdischen Turncrschait. Oh Herr Senator Fischer Ehrenmitgl'ed ist. h3ben wir noch nicht in Erfahrung bringen können. Herr Senator Fischer hat also seine Pflicht, alles das zu überwachen und zu prüfen, was in den Mauern Hannovers beziig ich dessen vorgeht, was dazu angetan sein könnte, das Ansehen und die guten Beziehungen zu den nichtjüdischen M;tbiirgern zu beeinträchtigen, vollauf getan. Aber wer weiss, ob nicht das Rcpräsentanten-Kollegium jetzt auch noch gegen d e Turnvereinigung 2fuftritt. Oder vielleicht fassen die Herren *Jen hochherzigen Beschluss, den neuen Verein, pardon der Vereinigung, eine Subvention auszusetzen. Ich würde vorschlagen, die Vereinigung beim Schnödem im Tempel zuzu- •assen. denn können die Ocmcindcaiigchörigcn wenigstens auch ihren Te'־ dazu heltragen, die Vereingung zu unterstützen. Aber der neue Turnverein hat ja überhaupt keine Unterstützung nötig, denn solch* liberaler Verein, der jeden aufnimmt; wird gewss bald den Turnklub überflügeln. Die Gründung zeigt aber jcdenhlis dafür, dass e;n neuer Turnverein ln .*1 ltmover. trotz der vielen bcstclv.aden. durchaus nötig war. und ist es daher sehr fruidig zu hegriissen. dass gerade Juden d:e Gründüng in die Wege gele’tet haben. Henry Seligmann. Aus Russland Jüd sehe Militärdeserteure treffen in immer grösseren Scharen aus Russisch-Polen in Galizien e'11. Am Samstag langte ein solcher Sammelzug mit russischen Deserteuren in Krakau an, in dem sich 4אי> Flüchtl'nge befanden ein gc von Frauen und Kindern begleitet. Unter diesen 4ויי befinden sich 355 Juden und nur 15 Christen. Hilfskomitees n Galizien befördern Leute weiter. Wie die jüdischen Flüchtlinge erzählen, bezahlen sc den russ'schen Grenzsoldaten 15 Rubel pro K״pt und dann lässt die* Grenzwache de Deserteure ruhig hinüber• laufen. Manche russische Gendarineriebeanite lassen sich aber, wie der CZAS meldet, pro Militärdeserteur bis zu 60 Rubel rezah'en und nehmen oft noch dann den Juden ihr ganzes Vermögen ab. E:n jüdischer Deserteur bat voriger Woche iiehent- ch, nachdem ihm der russiche üreuzgendarin seine Barschaft, die aus 62 Rubeln bestanden hatte abgenommen, ihm wenigstens drei Rubel zum Lebensunterhalte zu lassen. Der russische Grenzbeamte gab aber n’cht eine Kopeke heraus, sondern ■ brüllte den Deserteur mit den Worten an: ..Pascholl won!** (Scheer dich fort), worauf der russische Deserteur ruhig über die Grenze nach Oesterre ch lief, ohne dass von den zahlreichen russischen Grenzsoldaten nur einer die Verfolgung aufgenommen hätte. Slontm (Gouvernement Grodno). Einberufene Reservisten überfieOen am hellichten Tage die jüdischen Gcscliäite und beganncu dort die Waren und alles Gut zu plündern. Aniangs gelang es den Juden, welche s:ch mit grosser Energie wehrtcn. die Exzedenten davonzujagen und ihre Wohnungen zu beschirmen. Später aber plünderten die Reservisten in starker Zahl ök jüdischen Häuser, misshandelten alle Juden, welche sch zur Wiehre setzen wollten und verwundeten 14 Juden, darunter einen Greis von 90 Jahren lebensgefährlich. Der Gemcinderat beschloss, den Genera’.gouverneur telegraphisch zu ersuchen, eine Sotnje Kosaken in Slonim ciuzuqtnrtxren, um die Wiederholung weiterer Exzesse zu verhüten. Das Schicksal der Reservistenfam!» en. Oit genug hat man Gelegenheit gehabt, die Nachlässigkeit und die dam t verbuudeue Rücksichtslosigkeit der russischen Vcrwaltune zu beobachten. Selten aber ist das so deut'ich zutage getreten, wie gelegentlich einer Massnahme während des gegeuwärtigen Krieges. Die Beitreibung staatlicher Rückstände wrd. wie bekannt, von den damit betrauten Instanzen mit grosser Härte voMzogett. Das g'lt auch iiir die Rückstand .* aus den Darlehen, weiche die Reg erung in Notstandszeiteii der Bevölkerung 'gegeben hat. Die Zahl der Gouvernements, in denen das geschah, und die Summe der Darlehen ist nicht ger’ng. auch der Eifer der Beamten, so viel als möglich aus den Bauern - - denn um diese handelt cs sich in den meisten Fällen - herauszubekommen, verdient Anerkennung, weniger freilich die Gleicht gkeit, mit der man die materielle Notlage v'cder der Betroffenen unbeachtet lässt. Von diesem Geschick sind unter anderem auch zahlreiche Familien cinhefuiener Reservisten betroffen worden. Man kenn sich vorstellen, in welche schreckliche Lage sie gerieten. Sie waren