Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1904-12-09 · Heft 49 (9.12.1904) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 49 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651341-2651390--01881-2658759
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 454, JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 0־. י ,* « ohnehin schon ihrer Ernährer beraubt und mussten suchen, sich auf irgend welche Weise durchzuschlagen. Die Regierung hatte• zwar Unterstützungen versprochen, die Auszahlung aber, wie das nicht selten geschieht, ist unterblieben. Infolgedessen ist es an manchen. Orten zu förmlichon Tumulten seitens der Frauen gekommen, die die Regierung endlich doch zu rascherem und entschlossenerem Handeln zwangen. Aber andererscits vergass man eine allgemeine Verordnung, ^ie Reservistenfamilien in Anbetracht ihrer Notlage ein für alle Mal mit den Beitreibungen zu verschonen. Wenn erst jetzt der Minister des Innern einen Ukas erlassen hat, die Beitreibungen der Notstandsrückstände bei den Reservistenfamilien einzustellen, so ist auch das nur in Folge eines besonderen Eingreifens geschehen. Kein geringerer als der General Kuropatkin hat sich näntlich nach Petersburg gewandt, die Lag!.* der Angehörigen der unter ihm dienenden Reservisten geschildert und um Einstellung der Beitreibungen gebeten. Erst daraufhin erging der Befehl. Es ist tief beschämend für das Ministerium des Innern, dass cs auf so ungewöhnliche Weise an die Erfüllung einer selbstverständlichen Pflicht gemahnt wurde. Auch verdient es anerkannt zu werden, dass der Oberkommandierende die Vermittelung in einer Angelegenheit übernahm, die doch eigentlich nicht innerhalb seiner Aufgaben lag. In diesem Falle hat ein Missstaud glücklich beseitigt werde*1 können. Es gibt aber deren noch zahlreiche andere, und die bleiben bestehen, weil sich niemand um sie kümmert. Die Semstwos, deren Pflicht es doch wäre, die Regierung über Missstände in ihren Bezirken zu unterrichten,n haben dafür offenbar keine Zeit übrig. - -Zu dicserSchilderung eines Berliner Blattes, die durchaus nicht zu schwarz gemalt ist, haben wir nur zu bemerken, dass es sich bei den ..Reservisten״ in den westlichen Gouvernements, von denen da die Rede ist, zu 60-70 Prozent um jüdische Reservisten handelt, da man bekanntlich christliche Reservisten in weit grösserer Zahl fre'lässt. als Juden. Wer will sich wundern, wenn die Juden dann desertieren und das ״teure Vaterland" im Stich lassen! So besagt eine Meldung aus Gollub (W'cstpr.): ..Ein Gendarm, der wegen Ansammlungen russischer Israeliten in prcussischen Grenzorten vorübergehend stationiert war. erzählt nach der »Hochw. . dass diese Juden schon seit zwei Tagen vor der russischen Mobilmachung auf preussisches Gebiet geflohen seien. Den Tag der Mobilmachung hätten s'e laut eigener Angabe durch Beamtenbestechung erfahren. In Gollub allein sind »n den zwei Tagen an 1000 solcher junger Juden zusammengeströmt. Sie alle ausserten sich dahin, dass sic es nicht für opportun hielten, für 'ein Land, das gar nicht ihr Vateriand sei, ihre Knochen zu Markte zu tragen.“ Smolensk. Der Gouverneur von Smolensk gibt amtlich bekannt dass in Smolensk und Rosslawl Exzesse gegen die Juden stattgefunden haben, welche einen ernsten Charakter trugen. In Smolensk haben die Exzedenten die jüdischen Geschäfte und Häuser demoliert und viele Juden schwer oder Odessa Die ■Umgestaltung der jüdischen Kolonien in den Gouvernements Cherson und J e k a t e r i n o s k a w, welche mit dem 1. Januar 1905 in die Verwaltung des Ministeriums des Innern übergehen, hat nun begonnen. Aus den jiidisehen Kolonien werden nun Bauerngemeinden gebildet nach dem־ Muster der deutschen Kolonien in Südrussland. Behufs Feststellung aller Einzelheiten dieser Reorganisation findet dieser Tage unter dem Vorsitze des Gouverneurs von Cherson eine Beratung statt. Roosevelts Botschaft Am 6; Dezember gelangte als Einleitung zu den parlamentarischen Arbeiten der beiden Häuser des amerikanischen Kongresses, des Senates und des Repräsentantenhauses, eine umfangreiche Botschaft des Präsidenten'Rooscv e 11 zur Verlesung, in der an zwei Stellen, an einer indirekt und an der anderen dinekt von den Juden die Rede ist. In dem über die Einwanderung und die Naturalisation heisst es a. a״ jeder sei berechtigt, lediglich nach seinem Werte als Mensch beurteilt zu werdon. Aus welchem Lande die Ein- Wanderer kämen, sei gleichgültig: wenn sie körperlich und geistig \gesund. vor allen Dingen aber guten Charakters seien, dann solle man sic mit herzlicher Gastfreundschaft bewillkommnen. Die gute Lebenshaltung der amcrtkanischcn Lohnarbeiter aufrecht zu e»- haltert, sei wesentlich, und deshalb sollen nicht Massen von Leuten zugelassen werden» dere,n .Lebenshaltung, Gewohnheiten und Gebräuche derart seien, dass dadurch die amerikanffshen Lohnarbeiter auf eine niedrigere Stufe herab gedrückt werden könnten. 'Das heisst also wohl unzweideutig, dass der grossen Mehrzahl der osteuropäischen Juden die United States sich völlig verschlüsselt werden, und jeder gerecht Denkend• wird ihnen die Berechtigung zu solchem Vorgeben kaum absprechen können. — Erfreulichere Kunde bringt ein anderer Teil der Botschaft, in dem von den Rechten amerlkan i s c h e r Bürger I ni Ausland die Rede Ist. die ohne Rücksicht auf deren Glauben und Rasse mit Festigkeit gewahrt werden müssten. Es habe sich als sehr schwierig erwiesen, von Russland, für die amerikanischen Bürger jüdischen_ Glaubens die Bewilligung des Rechts zu erreichen, Pässe zu erhalten und in Russland zu reisen. Wenn ein amerikanische! Bürger, Jude oder Christ, sich in Russland schlecht führe, könne er ausgewiesen werden; führe er sich aber so. wie es sich gehöre, so sei es ein Unrecht, ihm nur auf Grund seiner Rasse oder srner Religion den Pass zu verweigern, und d!e Vereinigten Staaten seien berechtigt, gegen solches Unrecht E'nspruch zu erheben. Wenn nur unsere dcutschnationalcn Antisemiten, die dem oben zuerst zitierten Passus begeistert zusammen werden, auch dieses Gefühl nationaler Würde zu bctätigen verständen. Aber vor dem weissen Zaren liegt der deutsche Spiessbürger platt auf der Vorderseite seines Körpers, selbst wenn er sonst Alldeutscher ist. Rundschau der Presse Ucber die Jüdische Auswanderung aus Russland und ihre Regelung beginnt in No. 49 der WELT ein ausführlicher Aufsatz von L. \V*y g 0 w s k zu erscheinen, aus den! wir, sobald er vollendet sein wird, einige interessante Angaben bringen werden. — Heinrich I.oewc reduziert in einem Nachruf auf Willy Bambus die etwas übertriebene Begeisterung J. T u r o f i s, der Bambus unmittelbar neben Theodor!־lerzl stellen wollte. ״Es hat uns gefreut, schreibt demgegenüber Loewe. dass man Bambus’, mit dem wir iiir den Zionismus lange gearbeitet hatten, in Liebe gedenkt. Denn er hatte es nicht verdient, vergessen zu werden. Aber ihn zu einem Märtyrer des Zionismus zu machen, liegt ke:!1e Veranlassung vor." — Dem vor vier Jahren verstorlenen deutschen Dichter Ludwig Jakobowski widmet an der gleichen Stelle Max Nachcr ein Gedenkblatt in dem er sich besonders mit Jakobowskis Roman ״Werther, der Jude“ beschäftigt. — Das FRANKFURTER ISRAELITISCHE FAM1UENBLATT bringt eine Meldung, wonach ein jüdischer Geber der jüdischen Gemeinde in Melbourne (Australien) 100 000 Mark übergeben haben, mit der Bestimmung, eine jüdische Universität zu gründen, in welcher hauptsächlich hebräische Sprache und jüdische Wissenschaft gepflegt werden soll. Vielleicht setzt sich das ״Bureau Jüdische Hochschule" mit dem edlen Spender in Verbindung! — Die DEUTSCHE TAGES- ZEITUNG kolportiert jetzt eine neu ich von uns mit Vorbehalt gebrachte Meldung in noch präziserer und noch — mystischerer Form. Her der Wortlaut: Eine jüdische Kolonie auf der Halbinsel Sinai? Wien. 2 .Dezember. (Privatmeldung.) Aus Konstantiuopel wird hierher telegraphiert: Ein Syndikat amerikanischer Zionisten hat der türkischen Regierung die Vermittlung einer Anleihe von zwei Millionen zugesichert, falls den Zionisten der Gruuderwerb aut Sinai behufs einer zionistischen Ans'cdelung bewilligt wird. Obschon die Spitzen der israe'.itischen Hierarchie das Projekt entschieden bekämpfen, werden die Verhandlungen doch selbst während der Fastenmonate elirig weiter betrieben. Zur S'clierstellimg der angebotene•! zwei Millionen sollen gewisse Einkünfte aus dem Sandschak von Jerusalem dienen. Die DEUTSCHE TAGESZEITUNG soll ihren Konstantinopolitanischen Telegraphisten darüber belehren, dass er nachstens Dcrart'ges aus Kairo depeschieren solle, da di£ Halbinsei Sinai zu Aegypten gehört. Sic kann ihn dann mit einem Dutzend ihrer bekannten ״grössten Kartoffeln" für die Rese entschädigen. Vielleicht aber könnten die offiziellen Stellen unserer Bewegung etwas tun, um derartige fabulöse Meldungen entweder richtig zu stellen oder zu dementieren, denn im Interesse der Bewegung kann es unmöglich liegen, wenn alle Augenblicke solche Sceschlangen von Zeitung zu Zeitung wandern und je nach Bedürfnis des Blattes dann gegen den Zionismus und gegen die Juden ausgeschlachtet werden. Auf kleine Verdrehungen kommt es gewissen Blättern dabei doch nicht an. — Die BERLINER ZEITUNG meldet aus Petersburg unter dem 3. Dezember, dass binnen kurzem der Ansicdclungsrayon der Juden erweitert und ihnen der Aufenthalt in weiteren 48 Orten gestattet werden solle. - Der STAATSBÜRGER-ZEITUNG soll eine kleine Infamie vermerkt werden, die sic sich zum 1. Dezember wahrscheinlich aus Rache für die Prügel leistet, die ihr Herr Bruhn in seiner eigenen Redaktion von Juden erhalten haben soll. Sie bringt nämlicH folgende Meldung:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.