Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1904-12-09 · Heft 49 (9.12.1904) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 49 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651341-2651390--01879-2658757
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

I Seite ,432 München. . Die heftige antisemitische Agitation, die seit den >ct/.tcn Monaten hier gegen die cingewandcrtcn ostcuro- Maischen Juden wütet, hat einen grossen Teil unserer Mitarbeit an der Ortsgruppe fcrngehaltcn. da s'e fürchteten, das offene Bekenntnis zu ihrem Volokstum könne von den Einheimischen und von der iiidlsehcn Gemeinde übel verweckt werden und zu ihrer Ausweisung führen. Umso erfreulicher war cs, dass über 4un von ihnen unserer Einladung zu einer Versammlung in dta Zcntralsälcn auf Sonntag, den 27. er., nachmittags 3 Uhr, in der D r. Halpcru über: ..Die zionistische Ortsgruppe und die antisemitische Agitat i n in M ü n c h e n" sprach. Folge leitete. Redner führte aus. dass die Kingewanderten, rechtlos im fremden Lande» sich _den Lainiessitten möglichst anzupassen und im Verkehr unter sich, wie mit den Deutschen sich strengster Redlichkciten hefkissigen hätten. Die jtid'sche Gemeinde sähe sie nicht gern, sic sei nicht mir antizionistisch, sondern auch antijüdisch, wus sie durch Verweigerung jeglicher Unterstützung für die jüdische Lesehalle bewiesen habe. Trotzdem - - und das sei er von autoritahiver Seite zu erklären ermächtigt — würde sie keinen Eilige v. änderten, der Zionist sei, darum schlechter behandeln In der Gegenwart helfen könne auch der Zionismus den Eiugewaiidcrteh nicht, aber er biete ihnen seine moralische Unterstützung und er wolle und werde cs verhüten, dass in der Zukunft ihre Kuder gleich ihnen recht- und machtlos von Land zu Land gejagt würden. Die Diskussj o 1! ergab allgemeine L’cbereiriscinniiung mit dem Referenten. Enizelue krosse Fälle von Ausweisungen, v»:: Piliehtvcrletzungen seitens der (?enieinde wurden vorgebracht und die Deminzürnten gebrandmarkt, die sich leider vereinzelt unter den Hingewanderten fänden. Rassen wie Oalicianer lebten redlich von ihrer Hände Arbeit. Rechtsanwalt D r. Elias Strauss klärte die Eingewanderten nochmals über ihre Rechtlosigkeit auf. Im Schlusswort h׳׳b D r. H a I p e r 11 hervor, dass keinerlei prinzipielle Einwendungen gegen den Zomsmus gemacht worden seien. 25 neue Mitglieder meldeten sich an. N.—F. 25 M. Diese Versammlung, die erste in München, dk voll harmonisch ohne Störung verlief, war eine imposante Kundgebung der eingewanderten Juden. Berlin. Makkabäerfeier des jüdisch-nationalen Turnvcreins Bar-Koch ba glänzend verlauten. Viele Vorträge. Festrede Heinrich Locwc. - ן—— — r~~ . ~י««י־*■ Rundschau MMT ״ -. ".| Die Gemeindestube Die Repräsentantenwalilen für die jüdische Gemeinde haben, wie schon angekündigt, mit dem Siege der «sogenannten Liberalen“ geendet. Das cnägiltige Stimmen- ‘ Verhältnis ergab iür die Liberalen 94 532 Stimmen, für die Kandidaten des Zentral Vereins 53 621 Stirnfnen. Die Liberalen, siegten also. Die gewählten Kandidaten sind die!Herren: Rentier Moritz Manheimer. Stadtverordneter Julius Martin Friedländer, Professor Dr. Ludwig Geiger, Kautmann Ad. Mayer, Syndikus Dr. Georg Minden. Stadtrat Dr. Max Weigert. Kaufmann Benas Levy. Kaufmann Willibald Locwämthal. Justizrat Dr. Hermann Veit Simon, Augenarzt Dr. Wilhelm Fcilchcnfeld. Professor Dr. S. Kaiischer, Kaufmann Emil' Pincus, Fabrikbesitzer Emil Rosenow, Rentier Louis Eduard Sachs, Kursmakler Paul Schiffbauer. Berlin. Zu eigenartigen Versammlungen haben die Rcprüscntantcnwahlen in Berlin geführt. Während in den von den Zionisten veranstalteten zwei grossen Versammlungen hei aller Lebhaftigkeit der, Diskussion auch niemals die Sachlichkeit und der gute Ton verlassen wurden und dem Gegner 'stets in zuvor- ' kommender Weise das Wort verstattet wurde, war das Gegenteil bei den Liberalen der Fall. Die Konservativen taten es wenigstens insoweit, als es der Terrorismus der liberalen * Sprengkolonnen erlaubte. Dagegen boten die liberalen Vor- Sammlungen, die bei Bötzow und im Kaffee Gärtner tagten, das Gegenteil dessen, was man Versammlungsfreiheit \ nennen darf. Als dem Referenten dieser letzten Versammlung. Rechtsanwalt Guttfcld. das Wort erteilt wurde, versprach man zugleich vollste Redefreiheit auch den Gegnern, die hei * weitem mehr als drcivicrtel der Versammlung ausmachten. * ’ * Vorsichtigerweise hatten die ״Liberalen” — nomen non omen * ־ — die Plätze vorn am Rednerpult besetzt und benutzten diese »* Stellung zu wüsten Lärmszenen, wenn ein Konservativer oder ein Zionist sprach. Fast der einzige von den Liberalen, der sich n’cht an dieser Aktivierung liberaler Versammlungs- und Rede* freiheit beteiligte, war Herr Benas Lewy. der sich vielmehr in einer würdigen Weise gegen Heinrich Locwe wandte und No» 49. ihm auf Ehrenwort erklärte, dass er niemals einem seiner Angestellten verboten haben, dem Turnverein Bar-Kochba anzugehören und deren politische Ucbcrzcugung nicht beeinflussc. Vor der beginnenden Diskussion wollten die ״Libcralen" einen jüngeren konservativen Wähler hinauswerfen, weil er sich durch den Ruf eines Liberalen: ״Lärm wie in einer Judenschule", verletzt fühlte. Wären nicht die Konservativen und Zionisten unzweifelhaft in der Mehrheit gewesen, so wäre der Mann der wirksamen Beschiitzung liberaler Redefreiheit zum Opfer gefallen. Als »Herr Dr. Loewc da»s Wort bekommen hatte, stellte man sofort den Antrag, die Redezeit zu beschränken, ein Liberalismus, den sich die Mehrheit der Versammlung energisch verbat. Als nun Dr. Locwe, der sich als erster gemeldet hatte, endlich au! energ sehe Reklamation als vierter das Wort bekam, erklärte er. dass er dem Worte des Herrn Benas Lewy auch ohne Ehrenwort Glauben schenke und bcdaurc. durch den Angestellten des Herrn Lewy wahrheitswidrig veranlasst worden zu sein. Herrn Lewy anzugreifen. Er bedaure diesen Angriff umsomehr, als er seit 15 Jahren in gemeinsamer Arhe't Gelegenheit habe. Herrn Lewy zu schätzen, trotz der Gegensätzlichkeit des Stand- Punktes. Er werde sich aber mit dem Angestellten des Herrn Lewy in keine Diskussion einlassen und müsse Herrn Lewy überlassen, sich mit ihm. wenn er es für nötig befinde, ausein־ anderzusetzen. Während der Rede des Herrn Dr. Locwe, der sich dadurch nicht J.eirren lios wurde Spektakel gemacht. der Vorsitzende unterbrach ihn mit Anträgen und gab mit der Glocke den Liberalen Zeichen, wie sie cs machen sollten. Der Vortragende. Herr R.-A. Guttfcld, der neben dem Redner sass, zwang ihn durch seine Störungen, den Platz zu wechseht, und auf eine Seite zu gehen, wo die Störungen am Vorstandstisch weniger systematisch erfolgten. Wurde das Judentum erwähnt, so erscholl der Ruf: ״Gehört nicht zur Sache:" wurde ein Bibelzitat angeführt, so rief Herr Rechtsauwalt Guttfcld: ״Eselei. Dummheit", und so ging es fort. Die Mehrheit hatte grosse Mühe, sich durch die liberale Mim»- rität zu der offenbar gewollten Sprengung der Versammlung nicht hinreissen zu lassen. Sic hatte damit Recht, denn die Ausführungen des Herrn Prof. Biäschke. der nachher den ..liberalen” Standpunkt darlcgte. waren schwach, während Klausner scharfes Geschütz gegen die Liberalen outiührte. die schon vorher durch Hamburgers Rede u! d die darin enthaltenen. tatsächlichen Angaben stark ins Hintertreffen gekommen waren. Die Versammlung hat den jungen Leuten, die sich zur Belehrung eingefunden hatten, gezeigt, dass das, was man lobend politisch Liberalismus nennt, das Gegenteil dessen ist, was die kirchlichliberale Bewegung, die kene Bewegung ist, bedeutet. In der Wahl der Mittel waren die Liberalen ״liberal”. Regeres Leben scheint in die jüdischen Gemeinden cinzuziehen. Will in Berlin ein noch zu gründender ״Jüdischer Volksverein” etwas Leben in die verknöcherte Gemeindeverwaltung bringen, so meldet mau aus Hamburg soeben die erfolgte Begründung eines ״Vereins zur Förderung j ü d ischer G c m e i n d e i n t c r e s s c n". Vor allen Dingen soE der ludifferentismus bei den Wahlen bekämpft werden . . . ״auf in den Kampi!” Hoffentlich erweisen sich diese Gründüngen stärker als die hei aller Untätigkeit überaus zählebigen jetzigen Gemeindevertretungen, in denen der Wechsel von ״konservativer” und ״liberaler" Herrschaft deshalb nichts besagt, weil es klärlich dasselbe ist. ob konservativ oder liberal — nichts getan wird. Ein KLElNer Angriff auf den Zionismus Stettin. Der tiefe und nachhaltige Eindruck unserer Vcr- Sammlung vom 28. November scheint auf gewisse gegnerische Kreise verwirrend gewirkt zu haben. So ist es wohl zu erklären, dass cs am 29. November Im ״Verein für jüdische Geschichte und Literatur” zu einem Angriffe auf d׳cn Zionismus gekommen ist. der zum mindesten als sehr deplaziert bezeichnet werden muss. Der genannte Verein hatte für den 29. November einen Vortrag des Oberrahbiners und Professors Dr. Klein aus Stockholm über ״Moral und Religion" angekiindigt. Die* Vorlesung litt an einer gewissen Monotonie und bot sachlich nichts bemerkenswertes, sie würde an sich zu einer Besprechung keine Veranlassung gegeben haben. Seit Schopenhauer in seiuci berühmten Abhandlung ״Die zwei Gruudprohlcine der Ethik” die Frage nach dem Verhältnisse der Moral׳ zur Religion in einer auch dem Laien verständlichen Form behandelt hat. ist diese Frage in einer Anzahl populärer Schriften und in zahlreichen Vorträgen weniger oberflächlich und doch klarer, sicher aber interessanter erörtert wurden, als dies dem Herrn Professor gelungen ist Diesem blieb es Vorbehalten, das JÜDISCHE RUNDSCHAU.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.