Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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!,,®®•ÄWPIS2SÄSPEP? Seit• 430. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 40 Der Kampf um die Akademische Lesehalle. Von cand. für. Hans Meseritz. Alljährlich in den ersten Tagen des Dezember wiederholt %$1ch in der Berliner Studentenschaft der für sie charakteristi- «che Wahlkampf um die Akademische Lesehalle. Dieser Kampf und sein Ausgang erregen Interesse über die Schranken des akademischen Lebens hinaus. Nicht mit Unrecht. Denn die Ideeo, um die der Kampf geführt wird, sind keine solchen, die man bei der Wahl zum Direktorium einer studentischen Lesehalle \oraussetzen könnte. Die Tüchtigkeit der Kandidaten, die zumeist weiteren Kreisen ganz unbekannt sind, bleibt ausser Betracht. Um politische Ideen wird gekümpft, nein, um eine politische Idee: um die Judenfrage. ״Um die Judenfrage!“ Fürwahr, ein grossziigiger Kampi! Qrosszügiger als kleine gottesdiensttechnische Streitfragen, zu deren Austragung Tausende verschleudert werden, und die, statt .das Wesen der Sache zu treffen, die wahren Prinzipien verunklaren. In keinem Parlament, in keiner Körperschaft oder Versammlung wird je mit einer solchen Klarheit und mit solchem Scharfblick die Lebensfrage eines Volkes aufgeworfen und behandelt wie alljährlich in den Wahlversammlungen der Parteien des Leschallenkampfes. Deshalb ist es wünschens* wert, dass die Prinzipien dieses Kampfes hinausgetragen werden in die jüdische Oeffentlichkeit. Die Judenfrage ist erstens eine Frage des jüdischen Volkes und zweitens, soweit sic in der Beziehung zwischen den Juden und dem Deutschen Volke besteht, eine Frage des letzteren. Aus dieser Doppelscitigkeit der Frage ergibt sich die Teilung in Parteien, welche die jüdische, und• in solche, welche die deutsche Judenfrage im Hauptzweck lösen wollen, je nachdem entsprechend ihrer natürlichen Zugehörigkeit die eine oder die andere für sie brennender ist Die Lösung der Judenfrage des deutschen Volkes, d. h. die Schaffung einer die Deutschen be• friedigenden Beziehung zwischen Deutschen und Juden ist in zweierlei Richtung möglich: in der Richtung der den Juden günstigen, und in der Richtung der den Juden ungünstigen Herbeiführung der genannten Beziehung. Es ist bezeichnend für die deutsche Studentenschaft, dass nur eine derartige deutsehe Partei besteht, deren Ziel der letztgenannten Richtung folgt Diese Partei ist die antisemitische, sogen, dcutschnationale. — Es hat auch einmal eine deutsche Partei gegeben, deren Ziel in einer den Juden günstigen Aenderung der Verhältnissc bestand, in der Schaffung einer tatsächlichen Gleichberechtigung und Glcichachtung der Juden, ohne einen Verzieht derselben in Bezug auf ihr Wesen zu verlangen. Doch diese Partei hat ihr schönes Ziel selbst in den eigenen Reihen nicht verwirklichen können. Es ist die organisierte Finken- Schaft die heute, nachdem ihre arischen leitenden Geister offenen Verrat an ihr und ihrem Prinzip begangen haben, fast vollständig verjudet sich vom Wahlkampf zurückgezogen hat. Die nationale (antisemitische) Partei wird hauptsächlich durch den Verein Deutscher Studenten vertreten. Der V. D. St., der das Judentum für einen Fremdkörper im Deutschen Volke und für assimilationsunfähig hält, sieht das deutsche Volk durch die unverhäitnismässig einflussreiche Stellung der Judenhcit im Deutschen Kulturleben bedroht. Deshalb sieht der V. D. St. eine Lösung nur in der vollständigen Durchführung der teilweise schon vollzogenen Isolierung und Entrechtung der Juden. — Aber weit davon entfernt, eine Lösung der Judenfrage vom Standpunkt der Juden aus zu sein, ist diese Konstruktion nicht einmal eine Lösung vom Standpunkt der Deutsehen, da es für ein Volk kein befriedigendes Ziel ist, dass ein Teil seiner Staatsbürger in Unfreiheit lebe, und da ein Volk, das seine Kulturaufgabcn in solcher Weise verfolgt, mit dem Augenblick ihrer Erfüllung aufhört, ein Kulturvolk zu sein. Der antisemitischen Partei stehen zwei jüdische Parteien gegenüber. Ich rechne hierher die fast ganz aus Juden bestehende Freie Wissenschaftliche Vereinigung wider ihren Willen, da sie gern das fehlende dcutschliberale Gegengewicht gegen die Bestrebungen des V. D. St. bilden möchte. Sie hat aber bisher den praktischen Befähigungsnachweis zur Vertretung eines deutschnationalen Liberalismus vergeblich zu erbringen versucht, da ihr das deutschnationalc Element doch etwas zu sehr mangelt. Die F. W. V. erkennt eine Lösung der Judenfrage im vollständigen Aufgehen der Juden im Deutschtum. Ueber die Mittel dieser Assimilation s'nd sich ihre Vertreter scheinbar nicht ganz klar, wenigstens proklamieren sie in Wahlversamitilungui Gefühle, die sich mit der Handhabung wirksamer Assimilationsmittel nicht ganz vereinbanen lassen. Ueber den moralischen Wert dieses Lösungsversuches glaube ich dem Leserkreis dieser Zeilen nichts sagen zu brauchen. Zu ihrem grossen Leidwesen findet die F. W. V. mit ihren Assimilationstendenzen wenig Gegenliebe sowohl bei ihren arischen Fiktiv- oder Stiefbrüdern als bei den Juden, die auf jüdische Ehre halten. Da jedoch die F. W. V.er tendenzmässig durch die Assimilation nicht nur ihre persönliche Judenfrage lösen wollen, —• was ihnen bei dem erwähnten Mangel an Gegenliebe auch recht schwer zu!allen scheint, — sondern sic als Mittel iür die allgemeine Judenfragc anscheu, da sic also die vollständige Auflösung des Judentums herbeiführen wollen, so fordert ihre Wirksamkeit die besondere Beachtung und das starke Entgegentreten andersdenkender jüdischer Kommilitonen heraus. Da dieser Widerstand vorhanden ist und die ihn tatkräftig Betreibenden zu einer Partei organisiert sind, so erscheint schon um dieses Umstandes willen jeder Auilösuugsversuch wirkungslos, zumal es dem Gesellschaftsvcrtrage widerspricht und daher unmöglich ist, ohne Willensübcreinstimmung aller Mitglieder eine Gesellschaft aufzulösen. Wer nicht weiter mitwirken will, muss eben allein ausscheidcn. Die Partei, deren negatives Programm darin besteht, allen Auflösungsbestrebungcn einen Damm entgegenzusetzen, ist die des Vereins Jüdischer Studenten. Ihr positives Programm aber ist d e Lösung der Judenfrage im Sinne der Erhaltung des Judentums. Dies Gemeinsame aller der Entwicklungsgeschichte des Judentums entsprechenden Lösungsversuche ist die Tcudenz des V. J. St. Diese Tendenz, deren Allgemeinheit nur geeignet sein kann, die persönliche Judenfrage ihrer Anhänger zu lösen, will bezüglich der allgemeinen Frage nur das Prinzip bezeichnen. Und es genügt, in der Studentenschaft für dies Prinzip zu streiten. Als Mitglied dieser Partei schreibe ich diese Zeilen. Auf wessen Seite das moralische Uebergcwicht, die höhere Selbst- Wertung ist, erscheint mir unzweifelhaft. Und auf diesen moralischen Sieg kommt cs in der Hauptsache an, mehr als auf Stimmcnzahl. Aber auch der endgiltige Sieg ist immer auf Seiten der Begeisterung. Begeisterung hat aber nicht eine Pa!־ tei, deren Ziel die Vernichtung des Ragenden, das Nichts ist, die Ihr heiligstes Gut, ihren Ehrennamen verleugnet, sondern Begeisterung ist nur bei denen, die den Altar der Freiheit ihres Volkes aufrichten wollen und mit Stolz ihre Geburt nennen können. Wer ständig im Staube kriecht vor feindlichen Götzen und nicht die Dimension des stolzen Aufrechtstehens kennt, der ist unfähig, eine Welt richtig zu verstehen, mitzuformen an einer Welt, die nun einmal auch die Dimension der ragenden Höhe hat.