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Jüdische Rundschau · 1904-12-09 · Heft 49 (9.12.1904) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 49 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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WOhl aber sprechen die Ausführungen von Deiches (WELT No. 48) «um Teil Notwendigkeit des Gebrauchs der deutschen Sprache, grössere Hinneigung der Engländer zum Ostafrika-Projekt — stark gegen London, lassen cs aber doch nicht ratsam er- scheinen, in Wirklichkeit ״für eine bestimmte Zeit mit der Beibehaltung Wiens zu experimentiere n." Ministerium für P a 1 ä s t i n a a r b e i t: Die bisherige Palästina-Kommisson. Sitz Berlin. Der Präsident gehört zutn engeren Aktions-Komitee. Ministerium der Finanzen: Ihm unterstehen Kolonialbank, Natioualfond und Vermögensverwaltung der Or• ganisation. Der Präsident gehört zum engeren A.-K. Wolftsohn-Köln kann als Präs.deitt leider nicht in Betracht koiumen. wenn die von Dr. Kokesch angeführten Gründe, hezgl. des Verhältnisses von Direktorium und Aufsichtsrat der Bank richtig sind. Das fünfte Mitglied des engeren A.-K. wäre nicht der Vertreter eines Ministeriums, sondern hätte die Leitung der Geschäfte des A.-K. zu versehen, insbesondere die Korrespondenz mit den ausserhalb des Sitzes des A.-K. wohnenden A.־K.־Mitgliedern. Das gesamte engere A.-K. tritt alle zwei oder drei Monate am Sitze desselben oder an einem zentral gelegenen Orte zusammcti. Die Wahl der Mitglieder der Ministerien wird vom Kongress vorgenommen, der auch hi Zukunft stets einen Etat für die kommende Periode auizustellen hat. Hugo Schachtel. Der grüne Tisch. (Erster Berliner Gemeindebrief.) Die Wahlen in der Jüdischen Gemeinde sind vorüber. Die Zionisten haben sich in der letzten Stunde ebenfalls beteiligt, nachdem sic von den Konservativen wochenlang hingezogen waren. Die Konservativen hielten sich dabei für so schlau, als sie politisch unklug an einen möglichen Kompromiss mit den sogenannten ״Liberalen‘‘ glaubten. Sic hatten noch mehr als ihre Gegner die Fühlung mit dem Volke verloren. Die Liberalen haben doch wenigstens mit einem nicht an Zahl wohl aber beim Zahlen sehr bedeutenden Teil des Volkes, mit den Herren von der Börse, sehr enge Fühlung gehalten. Der ihrer Partei angchürige Gemeindevorstand hat sehr wohl gewusst, warum er das Wahllokal au der Börse einrichtete und das Wahllokal im Judeuviertcl des Nordostens eingchcn liess. Der Vorstand hat sehr genau gewusst, warum er 1500 Steuerzahter, die eben nicht an der Börse tätig sind, wegen Steuerschulden aus der Wählerliste entfernen liess. Er hat seiner Sache der ״Reform" sehr damit gedient, dass er die Wahlzeit auf wenige Stunden des Tages beschränkte, an denen das arbeitende Volk keine Zeit hat, sein Wahlrecht auszuüben. Dean der Vorstand weiss es besser als die Konservativen, die im Berliner Volksmunde die ״Scliinkenorthodoxieu” heissen, das« das ״Volk" am Judentum hängt. Die Liberalen sind alternde Leute, die von den Zionisten der Last Oberhoheit werden sollen, Im Alter noch die Bürden der Gemeindesorgen zu tragen. Aber die Konservativen sind älter, die sind herzlich alt! Sie sind bereits veraltet. Die .Auflösung, m der sich bereits ihr Zentralerem befindet, »st nur die Folge der Altersschwäche des an Jahren noch nicht sehr alten Vereins. Die Konservativen sind nicht konservativ und die Liberalen sind nicht liberal! Aber die grosse nach vielen Zclmtauscnden zählende Schar der am Judentumc hängenden kleinen Leute und der ganze jüdische Mittelstand sind in der Gemeindestube überhaupt nicht vertreten. Bei uns regiert der grüne Tisch. Der grüne Tisch In der Verwaltung der Gemeinde, wo so ordnungsmüssig vorgegangen wird, dass der Kranke längst gestorben sein kann, wenn die notwendigen Zeugnisse von der Polizei erngegangen sind und die Recherchen nach der Notwendigkeit der Hilfe beginnen können. Bei uns regiert der grüne Tisch, an dem die reichen Leute, die von sozialer Not keinen Begriff haben, darüber beraten, wie man Wohltätigkeit übt. Aber der grüne Tisch regierte noch viel mehr in jenem Zcntralvercin, dem vor drei Jahren dank dem liberalen Vorstoss in der Richtung des Sonntags und der geradezu grandiosen Agitation der Zionisten ein unerwarteter Sieg in den Schoss gefallet! war. An seinem grünen Tische war man der ausgesprochenen Meinung, dass die Agitation der letzten Woche vor den Wahlen genügen würde, um die notwendige Wahlbegeisterung hervorzurufen. Die Konservativen glaubten mit alten Leuten der Jugend zu imponieren unb stellten Kandidaten auf, die das Volk nicht kennt. Aber die mau kannte, — unter denen gab cs Leute, die nach dem Herzen des Volkes nicht waren. Oder konnte ein Demokrat und Jude jenem Grosskaufmanu mit gutem Gewissen die Stimme geben, der seine jüdischen jungen Leute gegen christliches Personal allmählich austauscht, um am Sabbat besser hinter geschlossenen Türen arbeiten lassen zu können. Stand doch auf der liberalen Liste manch ein Mann, der wie Prof. Kaüscher dem jüdischen Fühlen und dem demokratischen Denken näher steht als so mancher, der für konservativ gelten möchte. Was aber der jüdischen Gemeinde fehlt, ist nicht Liberalismus, sondern Demokratie, und nicht Konservatismus, sondern Judentum und Freiheit. Eine jüdische Volkspartei für die jüd;scha1 Gemeindeangelegcnhcitcn existiert nicht. Eine solche muss geschaffen w'crden. Sie wird sich zusammensetzen aus den vielen Zehntausendeil, die nicht der Börse angehören und nicht im Tiergarten wohnen. Sie wird soziale und Ideale Volksangelegenheiten In ihr weites Programm aufnehmen müssen und dauernd existieren, nicht nur zu den Zeiten der Wahlen. Eine solche jüdisch-demokratische Partei nur wird mtl jenem Liberalismus abrechnen können, der dem politischen Liberalismus den Namen entlehnt hat und plutokratisch heissen sollte. Wenn auf demokratischer Grundlage die Berliner Judenheit sich organisieren würde, so könnte sie das Joch abschütteln, das ihr der Geldsäck auferlegt hat. Sie würde dann dem lebendigen Judentumc dienen, wahrend heute abgestorbene und absterbende Parteien um ihre Führung kämpfen. Dem demokratischen Judentum gehört von rechtswegen die Gemeindelcitung. Aber wehe dem neuerstarkenden Volksjudentumc, wenn es der Leitung des grünen Tisches sich anheimgibt, mag da am grünen Tische sitzen, wer da wolle. Der grüne Tisch wtird aus dürrem Holz gezimmert. Und das Trockene und das!Wlelkc itt dem Zentralerem hat seine aufblühende Macht cintrocknen und verdorren lassen. Denn er hat nur immer in Angst gelebt, dass das Volk, das er zu vertreten vorgab, sich an der Arbeit beteiligen möchte. Drum fort mit der Wirtschaft am grünen Tische, fort mit ihr in den ringenden Parteien und fort mit ihr in der Gemeindelcitung! Democra tissimus. (Weitere Genieindebriefe folgen.)

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