Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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e3ps#-rr, *wxvr >*-r?-T»«ifs7f;'*?;• JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 423. No. 48. Fahrkarte bis zum Einschiffur.ghafen und ausreichende Barmitte besitzen, welche Ihre Aufnahme an dem Reiseziele oder im Falle ihrer dortigen Zurückweisung die Rückbeförderung in die Heimat gewährleistet. Hierzu ist, wie bisher, bei gesunden und nicht gebrechlichen Personen von mehr als zehn Jahren eine Summe von |e 400 Mk., bei jüngeren Personen eine Summe von je 100 Mk. für erforderlich zu halten. Alle ausserdeutschen Auswanderer, welche diese Bedingungen nicht erfüllen, haben eine Registrierstation zu passieren, wie solche zur Zeit in Myslowitz und Ratibor bestehen. Die Einrichtung und der Betrieb dieser Registrierstationen richtet sich nach den hierüber ergangenen besonderen Bestimmungen. Insoweit in anderen deutschen Bundesstaaten Registrierstationen nach denselben Grundsätzen eingerichtet sind, genügt das Passieren dieser Stationen auch für die Durchbeförderung durch das diesseitige Staatsgebiet. Die vorstehenden Bestimmungen finden keine Anwendung auf die Auswanderer, welche die russisch-preussische Grenze und die dortigen Kontrollstationen passieren. Hinsichtlich dieser Auswanderer verbleibt es lediglieh bei den bisherigen Vorschriften. Im übrigen treten die Bestimmungen unter Aufhebung aller entgegenstchenden früheren Anordnungen für alle ausserdeutschen Auswanderer in Kraft ohne Unterschied, ob diese von inländischen oder ausländischen Schifnahrtsgcseüschaften befördert werden. Hannover. Die Israelitische Erziehungsanstalt in Ahlem wurde am 7. November infolge einer Einladung der Leitung dieser Anstalt durch die Herren Baron Börries von Münchhausen. Heinrich York-Steincr und Rechtsanwalt Gronemann eingehend besichtigt. Die trefflich geleitete Anstalt nötigte die Besucher zum Ausdruck ihres Interesses und ihrer Bewunderung. Besonders interessierten die Zöglinge der Anstalt selbst, die einen vorzüglich disziplinierten Eindruck machten, und cs erregte erfreutes׳ Erstaunen, wie junge Leute aus. Russland und Galizien, die erst seit kurzem der Anstalt angehören, sich so schnell in das Gefüge derselben und in die ungewohnte landwirtschaftliche Arbeit gefunden haben. Es ist damit allein schon ein Beweis erbracht, wie bei planmässigem. vernünftigem Vorgehen tüchtige jüdische Handwerker und Landwirte erzogen werden können. Bei dem Besuche spielte sich eine sehr bezeichnende und interessante Episode ab. Die Besichtigung war nahezu zu Ende, als der Baron von Münchhausen an den führenden treu- Kelten Leiter der Anstalt, Herrn Inspektor Silbqrberg, die Frage richtete: «Ich habe bemerkt, Herr Silberberg, dass Sie in den Sälen der Anstalt Bilder vom Kaiser, auch der früheren Kaiser das Bild Bismarcks und andere patriotische Bilder haben, was ja auch durchaus am Platze ist; wie kommt es nun aber, dass Sic nirgendwo auch Bilder von jüdischen Helden haben?-— Nach einer kleinen Pause erfolgte die nicht eben sehr befriedigende Antwort, dass das jedenfalls daran liege, dass von den Freunden der Anstalt sich niemand zur Schenkung eines solchen Bildes veranlasst gcsehen habe. — _ Wenige Tage darauf aber traf in der Anstalt das S t r u c ksehe Bild von Theodor Herz! ein, das Herr Baron von Münchhausen der Anstalt zur Erinnerung an seinen Besuch widmete. Untcr dieses Bild hatte der Dichter folgende schöne Widmungsversc gesetzt: Wasser des Lebens aus steinernem Herzen schlug deine Hand Du führtest dein Volk aus der Fremde ins Vaterland Und sahst doch nur fern von den Bergen die heilige Flur, Die der ewige Gott der Väter dem Samen des Abraham * * schwur! Du Mose der Zeit, da das •Heimweh in Israel stieg. Du Mose unserer Tage. Gott geb deiner Sache den Sieg! Börries Freiherr von Münchhausen. Jüdische Ehrung eines Getauften. 111 Breslau starb am 23. November ein getaufter Jude. Bankier Bernhard M. Marek, Der Vorstand der jüdischen ״Gesellschaft der Brüder” widfiet dem Verstorbenen einen Nachruf in den Breslauer Zeitungen. 4 Mitglieder dieses Vorstandes gehören auch dem Vorstande der Breslauer jüdischen Gemeinde an. KattowHz. Die russischen Reservisten der ältesten Jahrgänge 1887 bis 1869 sind zum grössten TeDe nach ihren Heimatorten entlassen worden. In Radomsk erklärte der aus Warschau zur Abschiebung der Mannschaften cingetroffene Gene-, ralmajor, dass die christlichen Reservisten der alten Jahrgänge (1887—89) entlassen, die jüdischen derselben Jahrgänge aber zunächst nach Dwinsk und dann nach dem Kriegsschauplatz befördert werden sollten. Ein Trupp von 500 bis 600 jüdischen Reservisten protestierte dagegen, dass die Christliehen Reservisten' zurückgestcili, die jüdischen derselben Jahrgänge aber eingestellt würden. Der Generalmajor Hess hierauf diejenigen, welche sich weigerten, die Fahrt nach Dwinsk anzutreten, verhaften und drohte mit kricgsgericht- *!»eher Aburteilung. Durch Vermittelung des Rabbiners in Radomsk wurde von den Reservisten eine Efcepesche an die Warschauer Militärbehörde abgesandt, worauf an den Bezirkskommandcur in Radomsk der Befehl eintraf, die Rescrvisten aller Religionsgeselischaften der Jahrgänge 1SS7, 18S8, 1SS9 sofort zu entlassen. Die hierauf freigelasscnen jüdischen Reservisten brachten stürmische Hoch auf die ,Warschauer Bchörden aus. Namensänderung. In Karlsbad (Böhmen) wurde dem Herrn Dr. Karl Abeies, Advokaten, von der k. k. Statthalterei in Prag die Bewilligung erteilt, statt seines bisherigen Familiennamcns den urgcrmanischen, an das Plattdeutsche erinnernden Namen, Allcrs annehmen und führen zu dürfen. Also Gott sei Dank, er hat den alten Adam ausgezogen. Em Abeies weniger und ein Mauschel mehr. Kowno, 11. November. Am 28. Oktober licss der Polizeimeister von Molelew, Rodjonow, unter den anwesenden Land- Icuten verbreiten, dass m einigen Tagen Unruhen stattfinden würden, bei denen sich die Pelzei ruhig verhalten wolle. Am Sonntag den 5. November begannen tatsächlich russische und jüd:5chc Arbeiter, letztere iedoch in ganz geringer Zahl, eine Kundgebung gegen den Krieg und gegen den Absolutismus zu veranstalten. Darauf gab der Gouverneur Klingenberg den Befehl, man solle die Juden niederschlagen Mler diese ״man” sind, vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls machten sich eine grosse Anzahl von Bauern auf und misshandelten die Juden, Weiber, Kinder, Greise, in barbarischer Weise und plünderten!00 Häuser und 25 Geschäfte. Unerhört war das Verhalten Rodjonows. Bei einer Fahrt durch die Stadt kam er an einem Hause vorüber, das zu plündern eben dn Dutzend Männer beschäitigt waren. Als der Polizeimeister hcraukam, standen sie stramm und riefen Rim das übliche: ״Wir wünschen Gesundheit Ew. Hochwohlgeboren’' zu. Ein ganz blutig geschlager.er Jude kommt zum PoHzeiofiizier Ronö und bittet um Schutz. ״Wenn man anfängt, euch totzuschlagen, dann wollen wir sehen, was sich machen lässt", lautet die Artw'ort. Wenn ich c«c Verhältnisse richtig beurteile, handelt es sich bei den Vorkommnissen weder um ekle ernsthafte Judenverfolgung, noch um Ausschreitungen Betrunkener, sondern um einen Protest der reaktionären Partei gegen das liberale Vorgehen des Ministers Swjatopolk-Mirski. Es wurden nämlich während der Unruhen nur Juden verhaftet, die sich zur Wehr setzten, und an den Minister wurde berichtet, dass das Volk von den oben erwähnten Ruhestörern gegen die Juden auf gereizt sei Die Klique in Petersburg hat unter den Gouverneuren noch viele Anhänger, and Klingenberg gehört dazu. Jetzt sucht sie zu beweisen, dass nur sie allein in der Lage sei, den Bestand des Staates zu wahren, w׳ährend Swjatopolk-Mirski steh auf falscher Balm befinde. Hoffentlich behält der Fürst die Energie, mit der er gegen KHngenberg auftrat, der seines Amtes entsetzt wurde.