Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 48. Seite 424. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Der Krawall-Prozess. Hornel, 15. November. Während die Vertreter der Anklage und die Verteidiger der christlichen Angeklagten davon ausgehen, dass in Hornel zwischen der christlichen und jildisehen Bevölkerung ein Rassen- und Religionshass bestanden habe, beweisen die Aussagen, dass dieser Annahme jede tatsächliche Unterlage fehlt. Von den bereits vernommenen 140 Zeugen der Anklage hat niemand jemals irgend welche Spuren eines Hasses im Sinne der Anklage beobachtet Typisch sind in dieser Beziehung die Aussagen des Homler Bezirksvor- Stehers Elenski, der ״von amtwegen” der natürlichste Verteidiger der Polizei und des Militärs ist. Was aber die gegenseitigen Beziehungen anbetrifft, so sagte er etwa folgendes aus: ״Ich wohne und walte meines Amtes *in Hornel schon seit 23 Jahren, habe verschiedene Zeiten gesehen, mit mehreren Generationen und verschiedenen Schichten der hiesigen Bevölkerung amtlich und gesellschaftlich viel verkehrt — habe aber nie irgend welche Feindseligkeiten der Juden gegenüber den Christen beobachtet, ich habe auch nie von solchen gehört. Viele würdige jüdische Familien habe ich kennen und achten gelernt. Wahr ist es, dass in den guten Zeiten die Juden sich ruhiger verhalten haben, sic waren fromm und gottesfürchtig, haben sich wenig um öffentliche Angelegenheitert gekümmert und gingen ausschliesslich ihren Geschäften nach. Die Zeiten sind aber vorüber. Namentlich nach Kischinew bemerkte ich eine grosse Veränderung; die Juden wurden misstrauisch, belästigten fortwährend die Polizei mit ihren Befürchtungen; verkündeten eine Art Trauer und besuchten nicht die Theater und andere öffentliche Veranstaltungen; in den Beziehungen zu den christlichen Bekannten trat eine gcwisse Abkühlung ein. Das schlimmste aber ist, dass unter der jüdischen Jugend sich eine neue Formation — Demokraten genannt — gebildet hat.” Diese Leute sind nach Ansicht des alten Polizisten die Anstifter alles Unheils. Von einer unehrlichen Konkurrenz seitens der Juden we'ss der Zeuge nichts, und wenn der eine oder andere chris;’:che Kaufmann sich ruiniert habe, so sei dies den Juden noch viel öfter passiert. . Aehnlichc Angaben machte auch der Gymnasiallehrer Maximow, der keineswegs als besonderer Freund der Juden gilt. Auch er spricht von durchaus friedlichen Beziehungen, von der hervorragenden Teilnahme der Juden an der christlichen Wohltätigkeit, obwohl letztere die jüdischen Armen nicht unterstützt; dagegen gewähren die jüdischen Wohltätigkeitsvcranstaltungeti Hilfe jedem Bedürftigen ohne Unterschied der Konfession: in der jüdischen Volksküche bekommen viele Christliehe Arbeiter usw. für 2—5 Kop. (etwa 5-10 Pfennig) frisches und ausreichendes Essen; in dem jüdischen Krankenhaus finden viele kranke Christen Aufnahme und sogar der Oberarzt ist ein Christ, obwohl an jüdischen Aerzten in Hornel natürlich kein Mangel, ist. Aus seinem speziellen Gebiete — der Schule — teilte der Zeuge mit, dass die Juden die besten Schüler sind und mit den christlichen Schülern in guten kameradschaftüchcn Beziehungen stehen. Rundschau der Presse. Raschi-Stiftung. die zum 800. Todestag« des Gelehrten gegründet werden soll. — In einem ״Amerikanischen Brief* der ״Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" findet sich gelegentlich der Besprechung der St. Louiser Weltausstcllung folgender Passus: ״Die Juden sol.en ja überall Juden bleiben, d. h. Fremde hn Lande ihres Aufenthalts; sic sollen nichts vom Geist des Volkes in sich aufnehmen, in dessen Mitte sie wohnen. Den Bildern und Skulpturen der jüdischen Künstler, die in St. Louis ausgestellt haben, merkt kein Mensch etwas spezifisch jüdisches an, selbst wenn alttestamcntliche Sujets behandelt werden. Dagegen sieht man: das ist das Werk eines französischen, eines niederländischen, eines italienischen Künstlers, obwohl diese Künstler — Juden sind, folglich ist doch die oben erwähnte antisemitische Theorie, der sogar viele Nichtantisemiten ein gewisse Berechtigung nicht absprechen, durchaus nicht richtig." Vielleicht findet sich ein Kenner und Freund jüdischer Kunst, der in St. Louis war oder sonst aus eigener Kenntnis über die betreffenden Werke etwas aussagen kann; denn es wäre sehr interessant iestzustellen, inwieweit hier das ästhetische Urteil wirklich ein solches ist und inwieweit es etwa nur abgegeben wird aus bestimmten Tendenzen heraus, die deswegen noch nicht dabei bewusst gewesen zu sein brauchen. — In der ,.Berliner Zeitung" krit siert Henriette F ii r t h die preuss sehe konfessionelle Verwaltungspraxis unter dem Titel: Der Staat als See 1 en v e r k ä u f c r. — Der ״B. Z. am Mittag" entnehmen wir die folgende Mitteilung, überlassen aber durchaus die Vcranwortung für ihren Inhalt der genannten Mittagsaus־ gäbe der ״Berliner Zeitung“: ,.Eine zionistische Anleihe. Mine englische Gesellschaft hat dem Sultan eine sofort realisierbare Anleihe von zwei Millionen Pfund Sterling unter der Bedingung angeboten, dass der Sultan der Gesellschaft den Besitzt'.te! auf die israelitische Kolonie in Syrien und PaUistuia, die zurzeit auf den Namen eines Privaten laute, überträgt. Der Sultan hat einen Delegierten der Gruppe empfangen, aber roch keinen Entschluss gefasst.“ * Kleine Chronik. Hamburg, 20. November. Im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach gestern Abend Dr. F riedemann-Wiesbaden über ״Land und Leute von Palästina". Die interessanten Ausführungen des Redners, die durch zahlreiche Lichtbilder noch an Anschaulichkeit gewannen, fanden bei dem Publikum, das in grosser Anzahl erschienen war. lebhaftesten, wohlverdienten Beifall. Gral Pückler, der gar zu gern der Heros der Saison werden möchte, hat sich von einem Münchener Psychiater, den er seiner neuesten Rede als ״der Kerl“ apostrophiert, bescheinigen lassen, dass er nicht verrückt sei und ist mit diesem Zeugnis wieder nach Berlin gekommen, wo er nun die Vorort beglückt, da man ihm in Berlin selbst seine genickl reche rischen“ Rodomontaden untersagt hat. Von dem Zeugnis aber, das er mitbringt, ist es nun die Frage, ob es mehr den Grafen rehabilitiert oder mehr die Psychiatrie diskreditiert. Denn in der ״Deutschen Valksz-eitung" hat neulich jemand, der den Grafen von früher her gut kannte, erzählt, dass er bereits während seiner Studienzeit geistig nicht normal gewesen sei dass er an religiösen Wahnvorstellungen gelitten habe; dieser Zustand habe sich mit den Jahren so verschlimmert dass seine Familie bereits mehrfach Versuche gemacht habe, ihn in einer Anstalt unterzubringen. Am Ende entschliesst sich der Herr Graf nun doch' lieber für das ״Tollhaus" als für das ,,Brummen In No. 48 der .,Welt" macht Dr. Farbstein -Zürich ausführliche Vorschläge für die U\ Aussicht genommene Ocgauisation eines Auswanderungsanites für die jüdischen Auswanderer Osteuropas auf Grundlage des schweizerischen : Auswanderungsamtes, an dessen Spitze übrigens ein Jude, Dreifuss, steht. — An derselben Stelle polemisiert Dr. ׳ Deiches- Leeds gegen den Friedeinannschen Vorschlag, das ' A.-K, nach London zu verlegen und tritt für die Bcibe- 1 Haltung W i e n s als Zentrale der Bewegung ein. — Die ״Strass- I burger Post“ bringt einen längeren Aufsatz mit vielen; detallierten Daten über die Organisation der jüdischen Wohl-! tätigkeitsanstalten in Paris. — ״Blochs österreichische Wochen- | Schrift" macht in No. 48 Mitteilung von der Anregung, die * 1 Salomon B U b c r - Lemberg und Grand-Rabbiner Zadoc K a h 11j Paris machen zur Begründung einer R a s c 11 i -S t if tu ng. { Herr Buber wendet sich in einem hebräisch geschriebenen ן Aufruf an alle Gemeinden und Rabbiner, sowie an Fremde I nud Gönner der jüdischen Literatur um Beiträge für diese י im Gcfänignis?‘‘ Eia jüdischer Botschaftssekretär. Der bisherige Dragoman an der Hohen Pforte zu Konstantinopel, Tewfik Effendi Molcho ist zum Sekretär der hiesigen türkischen Botschaft ernannt worden. Die in Wien lebenden türkischen Juden, die eine ziemlich zahlreiche eigene Gemeinde bilden, sind über die Ernenniiiig ihres Glaubensgenossen sehr erfreut. Persönliches. Am 20. November starb in Wien. 56 Jahre alt. Herr Josef Feiwel, der Vater unseres verehrten Gcsinnungsgenosseu Berthold Feiwel. Der Verstorbene selbst war wiederholt aktiv in unserer Bewegung aufgetreten. Unser aufrichiiges Beileid seinem Sohne!