Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 422. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 43. und welches Verständnis seine neue Form in den breiten Massai gefunden hat. wenn auch viele noch von einem Juden- Staat in Palästina träumen. Es ist dies lediglich möglich gewesen durch, die liberale Auffassung des Zionismus seitens der Westeuropäer und durch das brutale Vorgehen Plehwes. Für die Juden muss die kurz skizzierte Entwicklung als höchst wünschenswert bezeichnet werden. Einmal befreit sie das Volk von der gefährlichen Chimäre des orthodoxen Zionismus. und dann arbeitet der neu eingedrungene Sozialismus au der moralischen Hebung der breiten Massen. Die Leiter der Jüdischen Woblltätigkcitsgcsellschaftcn nutzen den frommen Zionismus• praktisch aus, indem sic von seinen Anhängern umfangreiche Spenden erhalten, die trefflich für Schulzweckc angelegt werden. Der russischen Regierung und allen Antisemiten liefert die Entwicklung den Beweis, dass die Unterdrückung der Juden töricht ist, dass die Juden zu durchaus loyalen Untertanen gemacht werden können, wenn ihnen de Möglichkeit, sich zu ernähren, gegeben wird. Warschau 10. Nov. Jeden, der e'!1 wenig die Entwicklung der Juden in Po'en verfolgt hat. muss es überraschen, welche gewaltigen Fortschritte der Zionismus gemacht hat. Im sogenannten Ansiedlungsrayon gibt es gegen 12011 Zionistenvereine, die alljährlich über 100 000 Rubel zum Nationalfonds beisteuern. Man scheint hier tatsächlich überzeugt zu sein, dass Palästina geeignet zur Besiedelung ist und will von Uganda. Argentinien etc. nichts wissen. (Köln. Ztg.) Eine zionistische Deputation beim Fürsten SwJatopolk-Mirsky. Wir erhalten von der Zionistischen Landsmannschaft Russlands folgende Mitteilung: Am 5./18. Novemter d. J. wurde eine Deputation der russischen Zionisten vom Minister des Innern Fürsten Swiatopolc-Mirsky empfangen. Die Deputation bestand aus den Herren Dr. N., Katzcnelsohn (Libati), der schon früher von Schier Exzellenz empfangen worden war, Rechtsanwalt J. Jaslnowsky (Warschau). Dr. Tschlcnow (Moskau) u. Prof. Dr. Bclkowsky. (Petersburg). Der Minister hat die Deputation wohlwollend angchört, berührte die wichtigsten Punkte und Erfordernisse der zionistischen Bewegung und versprach, dieser wichtigen Frage seine ernste Aufmerksamkeit widmen zu wollen. . י- Rundschau. BerEn. Aus der Jüdischen Gemeinde. Die Anzahl der Besteuerten beträgt gegenwärtig 26471 gegen 23 171 im Jahre 1901. Vom 1. April bis 31. März 1904 sind im ganzen 377 Personell durch Erklärung vor Gericht aus dem Judentum ausgeschieden; die Zahl derer, die aus religiösen Bedenken aus der Gemeinde während dieser Zeit ausgeschieden (und wohl der orthodoxen Adass-Jisroel-Gemeinde boigetreten) sind, beträgt 29. Die Kosten für die Festgottesdionste im letzten Herbst beliefen sich auf 80 905 Mark. Bel den Repräscntantenwahlen zur Jüdischen Gemeinde am 24. November sind abgegeben worden im Wahllokal Lindenstrasse 1122, Oranicnstr. 480, Potsdamcrstr. 1363, Hauptstr. 173, Yorkstr. 119, Holsteiner Ufer 563, Kaiserstr. 1226, Oranienburgerstr. 1232, Burgstr. 908, Schönhauser Allee 740, Charlottenburg, Berliners tr. 148, Joachimstalerstr. 734, zusammen 8808 Stimmen. Die Wahlbeteiligung war stärker als jemals zuvor und erreichte 44 v. H. der Wählerschaft. Die Ermittelung des Wahlergebnisses ist noch nicht abgeschossen. Aber schon Jetzt lässt steh feststellen, dass die Mehrheit von rund 2500 Stimmen, die die Liberalen erhalten haben dürften. nicht bloss auf die Streichung von 1500 Wühlern, die nicht Börsenbesucher und also nicht liberal sind, und nicht nur. auf hyperhinterpommersche Wahlgeometrie zurückgehen, in der sich der liberale Vorstand der Gemeinde als ein Ober- Puttkamer erwiesen hat. Die Konservativen ernten eben, was sie hi dreijähriger Tätigkeit — vielmehr Untätigkeit — gesäet haben. Gebet des ״Vorwärts״. Folgenden launigen Erguss des ..Vorwärts“ wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten: ..Herr, siehe dem Volk an! So möchte' der wahre Christ oft ausrufen, wenn er vernimmt, dass der Teil der Bevölkerung, der nicht imstande ist, für die Mosaik der Kirche mit der weggcmeissclten Kamelinschrift die einzig erwünschten grösseren Spenden zu geben, sich immer mehr von der Religion der Väter abwendet und dem glaubenslosen Umsturz huldigt. Aber so dreist die Feinde des Mirbach-Christentums auch ihr Haupt erheben mögen, so irren sie sich doch, wenn sie annehmen, dass sio aus unserem deutschen Vaterlandc die christliche Religion verdrängt haben. Nein, noch blüht die zarte Blume inniger Glaubens- und Bekenntnisfreudigke.it, und wer Je am praktischen Christentum gezweifelt hat, der soll sich Jetzt die L;ste der deutschen Männer betrachten, die sich beim Bau der Kirche zu Grünewald durch reiche Spenden hervorgetan haben. Orgel. Kirchenfenstcr, Krönleuch ter. Tauf gerät, Altar. Glocken, alles ist freiwillig dieser Kirche von christlicher Hand gegeben worden. Unter den frommen Spendern werden jetzt offiziell genannt d׳e Bankiers Franz und Robert Mendelssohn, der Bankier Neuburger, der Konsul Nachod und der Bankdirektor Dernbürg. Ist es zuviel gesagt, wenn wir behaupten, dass aller Rclrgionsfelndschaft zum Trotz, das deutsche Gemüt in den hier genannten Männern sich bewährt und der christlich-germanische Geist bei ihnen ati strenger Rassenreinheit eine Pflegestatt findet! Und für nicht minder echt als das Christentum dieser an! Börsenstand wio im Kirchensessel gleich angesehenen Herren wird das• Christentum des Herrn August Scherl zu halten sein, der db Turmuhr der Kirche in Grünewald gespendet hat, selbstlos, ohne dass er die Anbringung einer Reklame für den ,.Lokal-Anzeiger״ verlangte. Herr, sehe dein Volk an!" Bereiter Stadtverordnctenwahlen. In einer Nachwahl im 7. Wahlbezirk. I. Abteilung, stehen sich als Kandidaten gegenüber der von den Liberalen fast einstimmig aufgcstcllte Justizrat Dr. Mescheisohn und der Rcchtsnationalliberale. Baurat Herzberg. Dieser Wahlkampf hat nun, wb die ״Berliner Zeitung" berichtet, eine besonders charakteristische Bliitc getrieben. Die Agitatoren des Herrn Herzberg scheuen sich nicht, mit ein wenig Antisemitismus zu operieren; sic heben im geeigneten Falle den Wählern gegenüber hervor, dass es nicht zweckmässig sei, einen Juden, wie Herrn Mescheisohn, in d e Stadtvcrordneten-Versammiung zu wählen. Dieser Antisernitismus zugunsten eines ״nationallibera.tan" Kandidaten ist schon an und für sich charakteristisch; solche Agitation erhält aber erst ihre volle *Würze durch den Umstand, dass Herr Herzberg ein geborener Jude ist und erst vor wenig Jahren aus dem Judentum austrat, und man ist so geschmackvoll, für diesen Christen von vorgestern an die antisemitischen Instinkte zu appellieren. Dass ein solcher Mann den koaservativen Wählern des Tiergartenviertels genefim ist, lässt sich begreifen; und d^ss er den kirchlich-liberalen Juden des Tiergartetis genehm ist, ist ־selbstverständlich. Es bleibt ja in der Familie. — Zur Regelung des Verkehrs ausserdeutscher Auswanderer über die prcu&sische Grenze haben nach der ״Neuen Pol. Korr." die Minister des Innern und für Hände? und Gewerbe das Nachstehende angeordnet: Der Eintritt in das preussische Staatsgebiet ist nur dann zu gestatten, wenn die Auswanderer . ©inen mit einer in Deutschland konzessionierten Schiiffahrts- Gesellschaft abgeschlossenen Passagevertrag zur Fahrt nach einem ausserdeutschen Ausscbiifungshafen, eine Eisenbahnf