Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 418. No.48 ׳. ' JÜDISCHE RUNDSCHAU. Wissen und Gewissen handelnd. Ueber diese Irrtümer, die Herr Veritas für Vorzüge hält, werde ich mich mit ihm nicht ausetnandersetzen. Es gibt ein subjektives Apriori, gegen das man nicht ankämpfen kann. Bei vielen Zionisten besteht es darin, dass sic die Partei über die Idee setzen. Was meine Auffassung der Persönlichkeit Herzls betrifft, möchte ich hier nur auf meinen Aufsatz in der ״Freistatt“ vom 23. Juli verweisen, wo $tc genauer ausgeführt und motiviert wird. Dieser Aufsatz schliesst mit den, Herzls Buche ״Das Palais Bourbon" entnommenen Worten: ״Es gibt im Leben eines Volkes .... Individuen ohnegleichen.. Ihre Fehler und Vorzüge gehören zum unveräusserlichen Eigentum einer Nation, die solche Gestalten hervorbringt. Sie müssen sich nach ihrer Natur auslebcn, schaden, nützen, das Volk hinreisscr.; sic müssen Irrtümer wie eine fruchtbare Nilüberschwemmung über das Land ausgiessen, für einen fernen Zweck." Berlin, den 27. November 1904. Dr. Martin Buber. Vom alten israelitischen Friedhof am Börneplatz in Frankfurt. Von Dr. phil. Julius Hülsen (Frankfurt). (Schluss.) Obgleich es dem Friedhofe seit seiner Schliessung an eine? gewissen Pflege seitens seines Besitzers, der israelitischen Gemeinde, nie gefehlt hat, wurden doch im Laufe der Jahre durch den zerstörenden Einfluss der Witterung auf den weichen Sandstein eine grössere Anzahl wertvoller Denkmäler in ihrem Bestände ernstlich gefährdet; ganz oder teilweise sind wichtige Inschriften unleserlich geworden, kleinere oder grössere Teile des ornamentalen Schmuckes haben sich abgelöst, viele Steine sind umgestürzt. Wohl jedem Altertumsfrcund, der den Friedhof besichtigt, wird sich die Ucberzcugung aufdrangen, dass hier in vielen Fällen wenigstens dem ferneren Verfall auf lange Zeit hinaus Einhalt getan werden könnte, dass bei rechtzeitigem Eingreifen eine Erhaltung des jetzigen Bestandes möglich ist. Es handelt sich hier nicht um einen grösseren, zusammenhängenden Teil eines Baues, dem wegen technischer Bedenken und wegen der Art der Wiederherstellung schwer beizukommen ist, sondern um kleinere •Einzelmonumente, denen eine Ausbesserung, sofern sic unter fachmännischer Aufsicht schonend ausgeführt wird, eine wesentlich höhere Lebensdauer gewährlcistct; das Gesamtbild des Friedhofes würde hierdurch keine Trübung erleiden. Von allen Freunden unserer vaterstädtischen Denkmalpflege wird es daher freudig begrüsst werden, dass vor kurzem ein Komitee, bestehend aus Mitgliedern der hiesigen israelitischen Gemeinde, deren Vorfahren auf dem Friedhofe beerdigt sind, zusammengetreten ist, um diese Stätte als Kultur-, Kunst- und Naturdenkmal zu erhalten. Zum Ehren- Vorsitzenden dieses Komitees Ist Rabbiner Dr. Horovitz, zum Vorsitzenden Herr Raphael M. K i r c h h e i m gewählt worden. Da das Fortbestehen des alten Friedhofes auch durch die den Friedhof umgebenden, von seiten der Stadt endgiltig hergestellten Strassenanlagen gesichert ist, so besitzt das Komitee, dem auch seitens des Vorstandes der israelitischen Gemeinde eine entsprechende Bevollmächtigung erteilt worden ist, erfreulicherweise die für ein zukünftiges erfolgreiches Wirken unumgängliche sichere Grundlage. Zur Ausführung des pietätvollen Werkes ist unter anderem in Aussicht genommen, allen denjenigen, welche die Grabstätten ihrer Ahnen erneuern lassen wollen, mit sachverständigem Rate behilflich zu sein und für eine sachverständige Prüfung und Ucberwachung der Wicderhersteliungsarbciten Sorge zu tragen. Ferner sollen Grabsteine bedeutender Männer, deren Nachkommen nicht mehr festzustellen sind, sowie Grabsteine, die einen kultur- und kunsthistorischcn Wert besitzen, im Auftrag des Komitees wiederhergestellt werden. Eine übersichtliche Neunumcricrung aller Grabsteine und Einteilung des ganzen Friedhofes durch ein Quadratnetz wird alsbald vorgenommen werden; im Anschlüsse an das letztere auch eine Kartierung im Massstabe I : 20, sodass jeder Stein genauestens in seiner Lage und mit seiner Nummer cingczeiciinet wird. Auf diese Ar! hofft man auch Publikationen von Inschriften und charakteristisch geformten Grabsteinen leichter durchführen zu können, denn das Aufsuchen eines Steines erforderte bisher manchmal mehrere Wochen, . da die alte Numerierung chronologisch durcligeführt ist. Auch die Wiederherstellung eines unmittclbaren Einganges in der Mauer, für dessen Aussehen noch Anhaltspunkte vorhanden sind, ist geplant, um den Eintritt in Zukunft für jedermann zu erleichtern. Mit Sorgfalt wird darauf geachtet werden, dass malerische Gruppen zusammengestürztcr Steine, die doch nicht zu retten wären, unangetastet bleibcn. Nimmt man von den sechstausend Grabsteinen selbst nur wenige Hundert an, die einer Wiederherstellung bedürftig und Regierung des Sultans ein Abkommen nicht zu treffen wäre? Dann müssten wir eben auf den Ablauf der schleichenden Krise im Orient warten. Ein Volk kann warten. Es lebt länger als Menschen und Regierungen. Und wie die Dinge im Orient stehen, lässt sich die kommende Stunde der Auflösung mit der Uhr, in der Hand berechnen. Glückliche Kriege ändern daran nichts. Die Tapferkeit der Mohamedaner war nicht erst zu beweisen, und Eroberungen lässt man sie nicht mehr machen. Der ganze Verlauf des türkisch-griechischen Krieges war in dieser Hinsicht ungemein lehrreich. Der Khalif kann sich also neue Kulturkräftc nicht mehr durch Waffengewalt dienstbar machen. Im friedlichen Wettbewerb der Nationen wieder ist die Untüchtigkeit des sonst so braven türkischen Volkes erwiesen. Der Zufluss anderer Volkskräftc ist beim jetzigen Zu- Stande der Unsicherheit wenig wahrscheinlich. Wollten aber selbst fremde Einwanderer unter dem Konsularschutze kommen, so müsste die türkische Regierung dagegen alles aufbieten, denn das Wachstum der KonsuIarcinfUisse bedeutet ein unaufhattrames Abbröckeln der inneren Autorität. Die Juden aber haben, wie die Dinge jetzt stehen, kein Alteresse, auch nur einen einzigen Kolonisten hinzuschicken. Die schon dort sind, mögen bleiben, und es gibt im heiligen Lande Jüdische Bettler genug, die man durch Arbeitshilfe zu! Bauern und Handwerkern machen muss. Das Wohlwollen der türkischen Regierung ist ihnen sicher, umso sicherer, als wir klar und deutlich erklären, dass wir unter den jetzigen Umständen eine weitere Einwanderung nicht wollen. Der Baseler Kongress hat es ausgqspraehen, dass die Erhaltung der hisherigen jüdischen Ackerbaukolomen, die vortreffliche Resultate ergeben haben, zu wünschen »st, dass aber keine neue Ansiedelung hinzukommen soll, bevor die genügenden rechtlichen Garantien geschaffen sind. Wir wollen keine nutzlosen Kolonien stiften, die ohne politischen Gegenwert das Land wertvoller machen und zugieich dem Wechsel der Regierungsabsichten und einem Umschlag in der Gesinnung der jetzt freundlichen Bevölkerung preisgegeben wären. Will aber die Türkei, so wird ihr geholfen werden. Grosse Fonds sind für den Zweck vorhanden. Die Verwalter dieser Fonds mögen mit mir in manchen Punkten nicht einverstanden sein; es ist ebensowenig ihre wie meine persönliche Sache. Es sind übrigens Männer, die ich achte. Sie werden zur Mitwirkung berufen sein, wenn es zur Ausführung kommt. Die Möglichkeit ihrer Weigerung ist nicht einmal ernstlich In Betracht zu ziehen; sie sind von erprobter Gutwilligkeit und Menschenfreundlichkeit. Auch müssten sie sich sonst vor jedem zerlumpten Juden wehten, der ihnen mit verdüsterten Augen entgegen käme. Wie wir die Sache nun gestellt haben, ist sie freilich nicht mehr der Gnade oder Ungnade von Philanthropen überlassen. Das Volk hat die Kraft zur Selbsthilfe in sich, wenn es zum Wollen erwacht ist. Es lagen dem Baseler Kongress mancherlei Entwürfe für den Nationalfonds und andere finanzielle Organisationen vor. Der Antrag des Heidelberger Universitütsprofessors S c h a - p i r a auf Bildung eines Nationalfonds wurde angenommen. Subkriptionen wurden auch schon angemeldet. Zunächst will aber das vom Kongress eingesetzte Bureau die Grundzüge einer öffentlichen Verwaltung und Rechnungslegung ausarbeiten, da Ja Keiner gesonnen ist, sein bischen Reputation bei einer ge- Heimen Geldgebahrung einzubüssen. Mit ebensolcher Vorsicht wurden auch die verschiedenen