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Jüdische Rundschau · 1904-11-24 · Heft 47 (24.11.1904) · page 14

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 47 (24.11.1904)
Date
1904-11-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 412. No. •46:' JÜDISCHE RUNDSCHAU. die Jüdische (93 S.. 3 BL) 1.40 Mark. Mystik. Berlin: Jüdischer Verlag 1904. 8*. 1 Mark. In elegantem Originaleinband Das Jüdische Volk, das mehr als alle lebenden Nationen an der religiösen Gestaltung der westlichen Kulturwclt mitgewirkt hat, und das durch ein merkwürdiges Missverständnis im letzten Jahrhundert wenigstens in Deutschland den vergeblichen Versuch gemacht hat. seine Nationalität m religiöse Form umzusetzen, hat zwar durch Jahrhunderte seine Stammestümlichkeit in Gesetze und Zeremonien verkapselt und verknöchert, aber niemals sein nationales Wesen verloren. Die ״Religion", ein Wort, woiür es keine entsprechende hebräische Bezeichnung gibt, war immer nur das äussere Gewand, war das Beiwerk, das freilich um so mehr das ganze nationale Wesen überzog und überwucherte. Je mehr man sich vom Ur- Sprung entfernte. Deshalb haben alle Zeiten, der Assimilation das religiöse Moment hervorgekehrt. Das jüdische Gesetz dagegen hat mit der Religion nichts zu schaffen. Das ist ein nationales Gesetz, für das man nur nachträglich die religiöse Weihe suchte und fand. Aber dieses nationale Gesetz trug bei einem Stamme, dessen ganzes nationales Wesen sich bei Verlust des eigenen Landes, des eigenen Staates und der Stamnnissprnche sich eben auf dieses Gesetz beschränkte, zur Verknöcherung bei. Indem es das harte Rüstzeug gegen jede Assimilation wurde, das Rückgrat, au dem sich der nationale Körper in seiner Unterdrückung hielt, der mit dem Körper zu Einem verschmolzene Knochenpan/er, der schützte und schirmte, vernichtete cs zugleich jede Gedankenfreiheit, um so mehr als sich das Jüdische Volk trotz alledem der Assimilation nie!;! entziehen konnte, und im Mittelalter insofern ..katholisch wurde", als es sicli der Scholastik ergab, die jede Voraussetzung־;!• »sc Forschung von vornherein vernichtet und unmöglich macht. Mit der Treue zum Gesetz, mit dem Festhalten am alten Vclksstum hin״ die geistige Unbeweglichkeit aufs engste zusammen, die in der JuJenhcit erst durch die Assimilationsbcwegung und des! Kampf um die bürgerliche Gleichstellung gvbrocb.cn wurde. IWje aber im Christentum und den andern umgebenden Völkern mystisch gerichtete Sekten dauernd den Kampf aufnahmen gegen die kirchliche Uniformierung des christlichen Glaubensicbens, so waren im Judentum nicht minder die mystischen Strömungen, die mehr als alles andere im Judentum Resultate unbewusster und später bewusster Augleichung an die christliche Umgebung waren, die Reaktionen gegen die reine Gesetzlichkeit und die ausschliessliche Gesetzesforsdumg. Die mystischen Sekten des Judentums, die ChasiJüer der Makkabäerzeit, die Essäer unter den!'ierodianern. die Juden- Christen in den folgenden Jahrhunderten, waren nicht blos die .Mystiker, die Pietisten im Jüdischen Volke, sie waren die eigent’lchen ״Religiösen" und deshalb haben diese, immer nur zum Teil im Judentum wurzelnden Bewegungen, aus dem Judentum herausgeführt. Die mittelalterlichen Sekten der Kabbal sten sind ebenfalls wieder im Gegensatz zum biblisch-talmud sehen Gesetz, das s c zu vervollkommcr.cn wähnen, unter dem Einfluss nichtjüd - scher Mystik uni Philosophie weit mehr religiös als national. Sie suchen eben In einer andern Welt das. was sie auf der gegebenen positiven Welt nicht finden. Dabei sind sie dl: philosophischen Religiösen oder auch zuweilen die religms-.m «•der auch manchmal die rebgiösen Philosophen, die zum Pantheismus kommen. Gehören zu den erstercu die Abulafias. so ist der reinste Vertreter jiidisch-pantheistischer Philosophie, die ja schliesslich doch nur Religion und Dogma ist, Spinoza. Dr. Erich B I s c h o f f, derselbe, der versucht hat dem christlichen Publikum vmn Schulchan-Aruch e n Büd zu geben, der eine nicht zu unterschätzende krit;sc!!c Geschichte der Talmudübersetzungen?!!er Zeiten und aller Länder geschrieben hat. und dessen Jfid sch-deutseher Dolmetscher sogar eine dritte Auflage erlebte, hat im Griebensciien Verlage eine kleine Schrift veröffentlicht, welche bezweckt, über die KabhMä weiteren Kreisen erwünschte Auskunft zu vermitteln. Wenn er sich auch leider der Katech’smusform bedient, die jedes Lesen uemögb'ch macht, und ihn zu Fragestellungen fuhrt, die manchmal den Leser zu unfreiwilligem Lächeln gewaltsam zwingt, so hat er doch ein leidliches Bild der mystischen Bewegung im Judentum geschaffen, was um so * anerkennenswerter ist. als die wenigen Vorarbeiten auf diesem Gebote ein endgiiiiges Urteil noch ganz ausschliessen. Aber die fleissige Arbeit ermöglicht es. dass der aufmerksame Leser doch die Resultate dessen kurz beisammen findet, was die Forschung b'slier festgestellt fiat. Zugleich ruft sie im Leser dos Gefühl hervor, dass dem Stande der Ding;e entspricht, dass nämlich die Forschung auf d:eesm Geirrte noch« Immer sehr in magischem Dunkel tappt. Natüri'ch hat Bischofi gerade da, wo er auf die magische Richtung des Kabbaiisrmis zu sprechen kommt, am meisten frrtümer begangen, so wenn er die Mczuzöt und Tefültn als Amulette bezeichnet. Im Gegenteil haben diese mit der mystischen Richtung im Judentum in ihrer Entscheidung nichts zu tun. Sie sind vielmehr die in die räumliche Gesetzlichkeit der gar nicht mystischen Talmudisten umgesetzten grammatisch-stilistischen Formen, .die der altkonscrvativc Zaduki (Karäer) sinngemäss als hebräische Sprachfonr.cn beibehalten hat. Der Talmudismus, der wortlieh und buchstäblich die Torah erfüllen wollte, gab den bildliehen Sätzen die bedeuteten, dass man die Torah stets vor Augen haben und mit der Hand. d. h. in den Taten, sic ausführen, sie an den Toren, wo das Recht gesprochen würde, streng beobachten solle, eine greifbare Form, indem er Tefillfn und Mczuz«־t schuf. Das hat nichts mit Amuletten gemein, *b wenig der NaFonaljudie an Amulette glaubt, der Mczuzöt an seiner Tür anbringt, nicht aus irgend welcher Gläubigkeit heraus, sondern weil er zeigen will, dass hier Juden wohnen. Aber weit grösseres Unrecht tut Bischofi der kabbalistischen Sekte, die in der heutigen Zeit die Nachfolger und Träger der Lehren des Sohar sind. Gewiss cs steckt viel Aberglauben in den heutigen Vertretern des Chassidismus. Ist ja Ch magische Richtung der Kabbalistik der ins Jüdische übersetzte Hexcnglauben der chritlichen insbesondere der protestantischen Welt, wenn auch bei mangelndem Teufelsglauben die Judcnheit niemals :n die Raserei versetzt werden konnte, in der das evangelische Europa hunderttausende Unschuldiger lebendig als Hexen und Zauberer verbräm te, ein Glaube, der noch heute in den weitesten Scmcluen des deutschen Kulturvolkes wurzelt. Aber gerade der Chors« d'sinus. der von Beseht gegründet wurde, ist ircht b’r׳>> kabbalistischer Wunderglaube.*), sondern eine religiöse Reaktion gegen Gesetzesstrenge und einseitig juristische Oesctzcs:nr«chung. Bischn-'i hätte wemger falsch geurteilt, wenn er zwei Schriften vor sich gehabt hätte, die beinahe gleichzeitig das gk'che Thema, wenn auch in sehr verschie- Jener \Vc:se behandeln. Be׳ Poppe'aucr in Berlin erschien von Albert Katz eine etwa zwei Bogen starke Bioschüre ״Der Chassdismus". während im Jüdischen Verlage Sa 10- וזו o n Schechter unter dem Titel ״De Chassidim" eine Studie über den glichen Tei! jüdischer Mystik veröffentlicht. Beide Sehr'::•.•:! sh'.d gut geschrieben, die Katzsche weist zwar verschiedene St\s1׳rton auf. aber das Ganze ist recht leserlich und nicht uninteressant. Dabei bemerken wir, dass wir uns ke ireswegs J:e Zeit nehmen wol'ten, diese Schrift auf ihre Oix-ilen urd deren Benutzung zu prüfen. Gibt Katz mehr das Allgemeine über die Sekte, wenn man sie so nennen will, so sucht Sc ו׳ echter m׳t Recht aus dem Leben und der Lehre Israel Beschts selbst ein Bild von dem zu geben, was die Cbassidim sT.d und was sic nach der Anschauung ihres Sektenst'fters se'n s׳'!!:en. Eine klerne Anekdote aus dem Leben Besch ts ist!Wiehlch oft mehr dazu angetan, dem unbeinngeuen Leser ehi Bild von dem Chassidismus zu gehen, als alle abstrakten Auseinandersctzmieen über die Lehren des Sohar. der d'-cn mehr Poesie als Pbilosonhie ist Da fehlt an einem KoVkPciKmd der Rnbh: Israel Baki! Schemtobh (Beseht) in der >yp*gm;e. Die Gemeinde wird unruhig. ..Wo steckt der Rehbt?" M m tragt. m־m forscht man sucht, der ,.Rebbe” st rcht da. Man durchsucht ängstlich die ganze Stadt Endlich ii״.L! man ihn ח־ einer kleinen Stube an einer Wiege s tze״ und s :!gend .len Säuglng ei.״?r Frau schaukelnd, die in ־•־־״ Svmwnge ge mneen ist. um Kol-Nidrc zu beten. Der ״Rebbe“ ha: das K<nd weinen hören und ist hineingegangen dis K'nd zu beruhigen. Denn, so erklärt er seinen Anhängern kein .lomkmn -r ist so heilig, dass rcht das Beruhigen eines we nenden k־־*Jes c:pC heiligere Ha!>diung wäre. Das ist die religiöse, rmspsche Sekte des Judentums, die nicht nach den Romanen des narteut deutsch sei:,wollen Jen russ'sch-galizischeu Juden Franzos hcurteilt sein v:־L der ihre langen Röcke und Stirnloc-sn gesehen hat und sic verabscheut wcP er not ihnen vcnvnrdt ist. Von ihrem wahren Wesen weiss er nichts. Da\׳m bekommt man ein Bild, wenn man weiss. dass die שבעזה, d e reine Freude eine ihrer drei Kardinalfueenden fct• Darum hat der Chassidismus zu keiner Verdummung und Verdumor..״/ der judcnheit geführt trotz aller Auswüchse, die wesenhitt «hm tremd sind, sondern zu neuer Lebensfreude, zu der Mo ־!•;hkeit. dass d־׳e indische Kunst, die jüdische Poesie mid vor allem die jüdische Musik neue Kraft aus ihm riehen Man achte mir am die traurigen Weis«.•״, die das Volkslied •) Wenn Bischofi sich genötigt glaubt, die Cbassidim gegen dcnVorwurf des Blutaberglaubcns in Schutz nehmen zu müssen, so ־׳st das ja sehr gut gemeint aber mit demselben Recht wie den Kabbalisten des Jüdischen Volkes und den •Chas«id!m könnte ntair den evangelischen Pietisten und Hermann August brauche den rituellen Blutgenuss verwerfen, um so mehr als der Blutaberglaube zwar nicht im indischen, wohl aber Im deutschen Voikstume starke Wurzeln hat. eil

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