Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1904)
- Date
- 1904-11-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 410. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 46, kränkt Der durch die Anstrengung körperlich völlig ermattete und durch seine Behandlung in den Zustand schwerer geistiger Depression versetzte Einjährige sollte si$h nachmittags bei seinem Hauptmann melden, zog es aber vor, nachdem er seine Extrauniform ange’zogen hatte, sich auf dem Korridor mit dem Dienstgewehr zu erschfessen. Zum Leichenbeg&ngnis hatte sich im Militärhospital der Oberst mit einem Teile des Offizierskorps eingefunden. Im Hofe richtete der Vater des Erschossenen, Regimentsarzt a. D. Dr. Teitdbaum (aus Brzeyany) vor der Front der Offiziere an den Oberst folgende Worte: »Herr Oberst, ich bin Soldat gewesen und habe vielleicht mehr Kenntnis davon (auf die Offiziere weisend), als Jene Herren dort. Wfcnn man diesen Freiwilligen dem Marodenbuche gemäss behandelt hätte, so hätte man mir den Sohn erhatten; er wäre einen Tag marod. Ich hätte meinen Sohn, das VateHJand wäre reicher uni einen treuen Diener und nur ärmer um den Dienst eines Tages, den der junge Rekrut hätte leisten können. Ich bin kein Mensch, der sich mit KleinigkeRen abspeisen lassen wird. Ich drohe nicht, ich werde den Weg des Rechtes finden.” Oberst Dworzak erwiderte, dass er die strengste Bestrafung der Schuldigen verfügen werde. Teitelbaum war ein sehr fleisslger Student an der Lemberger Universität. Sämtliche Staatsprüfungen und zwei Rigorosen hatte er mit Auszeichnung bestanden und hatte nur noch ein Rigorosutn vor sich. Die Promotion sub auspiciis Imperator« hatte er in sicherer Aussicht gehabt. Judenmission. Gegenüber solchem Elend in Russland und Oesterreich — Rumänien gar nicht zu benennen - ־ hat die christliche BekehrungstäUgkcit in London, die schon jeden Gedanken an einen Erfolg aufgegeben hatte, neue Hoffnungen geschöpft. Im Londoner P.ast-End herrscht in der Judenschaft seit einiger Zeit lebhafte Bewegung. Sic ist die Folge einer ins Grosse gehenden Aktion, die von den MissionsgcseKbchaften cingeleitet wurde. Die Bekehrung der Juden im East-End, die seit vie'en Jahrzehnten mit regem Eifer und entsprechendem Kapital geübt! wird, sollte im letzten Jahre an Intensität und Umfang dadurch wesentlich zunchmen, dass ki sämtlichen (acht) Missionshallen des East-End den zu bekehrenden Juden eine abendliehe Mahlzeit, Arzneien, ärztliche Hilfe usw. kostenfrei beigestellt werden. Besonderes Augenmerk richten die .\\issionsgeseJlschaften auf die Heranziehung jüdischer Kinder in die Missfonshal'en und sie trachten die Teilnahme der Kleinen durch Verabreichung von ״Frei-Tee" nna anregende Vorführungen von Bildern mit der Latcrna magica usw. rege zu erhalten. Gegen diese Heranziehung im grossen kehrte sich kürzlich in von der jüdischen Gemeinde ausgegebenes Rundschreiben, das u. a. vom Oberrahbinncr Dr. Adler, Lord Roth- Schild, Dr. Oaster usw. unterzeichnet war, und worin die Prediger in den verschiedenen Londoner Synagogen die Weisung erhielten, in den Ootteshäusern die jüdischen Eltern zu ermahnen. Ihre Kinder an dem ..Frei-Tec’ in den Miss:onshallen in Zukunft nicht teilnehmen zu lassen. Russische Zustände In England die Zuckerbrote und der Frei-Tee, in R u s s I a n d die Kischlnews und Hornels in täglich neuer vervoükommneter Ausführung. Jetzt wird wieder ein Homeler Prozess verhandelt. Die Aussagen der bisher vernommenen Zeugen, so voreingenommen gegen die Juden einige von ihnen sichtlich waren, haben die Darstellung der Anklageschrift, die von vornherein durch ihre Einseitigkeit und Parteilichkeit auffiel, m keiner Weise bestätigt. Schon der erste Zeuge, der ehemalige Polizeimeister v. Hornel. Rajewski konnte die Legende von dtvem Ueberfall der bewaffneten Judenmenge auf die wehrlosen Bauern nicht aufrecht erhalten. Allerdings war er der Meinung, dass die Juden die Angreifer, und die Christen anfangs die Angegriffenen gewesen seien. Aber er konnte das durch keine bestimmten .Tatsachen erhärten und musste rüge- Stehen, dass dieser Eindruck wohl auch irrig, sein könne. Zu der Zeit, als er auf dem Marktplätze erschien, ,wurde dort gruppenweise gekämpft, und es war schwer zu erkennen, wer der Angreifer und wer der Angegriffene gewesen war. Es war eine gewöhnliche Rauferei, wie sie öfier vorkommt. Dass die Juden nach dem Gemetzel von Kischinew eine Gegenwehr für etwaigen Notfall organisieren suchten. ’ kann. man dem Herrn Rajewski wohl glauben. Doch ist er selbst der Ansicht, dass von irgend einer ״Rache für Kischinew", von der die Anklage spricht, keine Rede gewesen sein könne. Was die eigentlichen Krawalle, die am 1. September stattfanden, anbetrifft, so gibt Herr Rajewski ohne weiteres zu, dass sie durch energisches Vorgehen des Militärs im Keitnc selbst erstickt werden können, doch wollte Hauptmann Gorstkin, der das Kommando führte, lange nichts davon hören. So wurde der günstige Moment verpasst. Dieser Hauptmann hat auch vor Gericht sehr ungünstig für die Juden ausgesagt, dabei aber sich selbst blossgestellt, indem er erklärte, von einem Judengemetze! d. h. von der Zerstörung und Ausplünderung der jüdischen Häuser, die nach den Angaben des ehemaligen Polizcimcisters unter seinen und seiner Soldaten Augen stattfand nichts bemerkt zu haben. Auch ein PoÜzeioffizier, namens Brschosowski will nichts davon gesehen haben, verwickelte sich aber hei Gegenüberstellung mit Rajewski derart in Widerspräche, dass an seiner Voreingenommenheit niät gezweifelt werden konnte. Ein noch merkwürdigerer Zeuge war der Gehilfe der Eisenbafinwerkstätten Kotolnikoff. Dieser wollte offenbar die ihm unterstellten Arbeiter in Schutz nehmen, machte das aber äusserst urrgeschickt. So behauptete er. dass die Arbeiter eigentlich an kein Judengemetzel gedacht hätten, da sie aber ganz ohne Grund von der Polizei und dem Mhitär ungehalten worden seien wären sie so in Zorn geraten, dass sie nun erst recht ihr Mütchen an den Juden haben kühlen müssen. Eine interessante Einzelheit: Unter den gcschädigten Juden, die als Zivilkläger auftraten, befindet sich einer, der zugleich auf der Anklagebank sitzt. Ein äusserst seltener Fall, der zu denken gibt. Ein um so seltenerer, als der betreffende Jude wie es auch bei einigen anderen der Fall ist der Körperverletzung an einem Unbekannten angeklagt Ist. Inzwischen schleppen die Russen die Jüdische und polnische Jugend nach Ostasien, wo die. welche nicht verhungert und verfroren sind, für die Unterdrücker gegen das Kulturvolk des Ostens, die Preussen der aufgehenden Sonne ihre Knochen zu Markte tragen sollen. Mit Vorliebe werden dabei die Famirepväter ihrer Fimilte entrissen. Mit Gewalt werden auch die Polen und Juden zu Aufständen gezwungen, um sie zu Revolutionären stempeln zu können. Die Warschauer Bürgerschiacht war in letzter Woche weder die einzige, noch die blutigste, wo nnn die Ver zwei leiden gezwungen hatte, sich der Moskowiterei zu erwehren. Dass die Petersburger ofiiziehe Tclegraphenagentur diese Demonstration als durch die Juden veranstaltet bezeichnet, ist ebenso wahr, wie ihre dauernden Meldungen über die Siege russischer Wafien in Ostasien. Ucber die Arbcitcrrcaktion, die auf das entsetzliche Blutbad in Bialystok unter den jüdischen Arbeitern erfolgt ist. erfährt der ״Vorwärts": Weitere (sozialistische) Strassendemonstrationen haben stattgefundeu in Dwinsk, Kowno, Riga und Bcrditschew. In Dwinsk sammelten sich Sonnabend, den 15. Oktober, um 5 Uhr abends auf dem Boulevard gegen 200ח Personen an. Sie spazierten bis 6 Uhr, da traten sie zusammen in der Zentralhalle, wo ein Arbeiter, der sich auf eine Bank stellte, die iolgende Rede hielt: .Genossen! ln derselben Zeit, wo der neue Minister des Innern Swiatopolk-Mirskij mit einem süssen Laclielu der Bourgeoisie verschiedene Privilegien und beinah« die Freiheit verspricht. Int er schon seine Hände mit unserem Arbeiterhlute befleckt und gezeigt, dass er unsere Arbeiterbeweguug mit noch grösserer Wut, noch grösserer Willkür überfallen will, als es der blutdürstige Henker Plehwe go* macht hat. Wollen wir. Genossen, dem ersten blutige* Schritte des mJuen Favoriten unseren gewohnte«! revolutionären