Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Ursache, sich gerechter und grossmiitiger als der sie verfolgende finstere, fanatische!Mass zu zeigen. Wer Liebe säet, erntet Liebe wer aber Hass ausstreut, dari sich nicht wundem. wenn eine Saat giftige Früchte tragt, die früher oder spüter ihm selbst zum Verderben gereichen. A. K. Thom, den 28. Oktober. Mehrere angesehene Gemeinde-!Mitglieder in G o 11 u b haben sich im Verein mit dem hiesigen Allianzkomitec der plötzlich in grösserer Anzahl cintrcffenden russschen Auswanderer, die zum Teil nur ungenügende Mittel hatten, warm angenommen und dafür gesorgt, dass sic unter Beihilfe der von Privaten und Vereinen gespendeten Summen nach England und besonders Amerika weiter befordert wurden. Bern. Fast täglich treffen in Bern jüdische Handwerker aus Russland ein. die wegen des Krieges und der zerrütteten wirtschaftlichen Verhältnisse ihre Heimat verlassen hal>en. Hin grosser Teil wandert nach überseeischen Staaten aus, während andere sich in Bern eine Existenz gründen. Pie gelernten Arbeiter (Schuhmacher, Maurer, Schneider usw.). haben ausnahmslos Beschäftigung gefunden, während ein kleinerer Teil ungelernter Arbeiter in der Toblerschcn Schokoladenfahrik tätig ist. Fs sind in der Rege, junge, kräftige, unverheiratete Leute, die still und ruhig ihrer Arbeit nachgehen und am Abend in der heroischen Lesehalle des akademischcn Zionistenvereins Zusammenkommen, wo sie Unterrieht in deutscher Sprache. Arithmetik, jüdischer Geschichte und Hebräisch erhalten. Pie russischen Zionisten nehmen sich in wohlwollender Weise ihrer an. Der Gouverneur von Bessarablen über die Juden. Per Jassy er Berichterstatter des Buknrestcr ..Adcverul" hatte eine Unterredung mit den Fürsten Urussow, Gouverneur von Bessaralüeii, der namens des Zaren den rumänischen König in Jassy begrüsste. Urussow meinte, die Lago m Bessarabicn habe sieh zum Guten gewendet. Alle Einwohner seien jetzt vor den Gesetzen gleich um! er gebe sich der Hoffnung hin. dass cs ihm gelungen sei. der Bevölkerung die Überzeugung beizubringen, dass der Zar alle seine Untertanen gleich liebe. Er selbst. Uiussow. habe sogar eine besondere Affektion für die jüdischen Arbeiter, die sehr flei^sig seien und sich ihr Brot im Schwcisse ihres Angesichts erwerben. Pie Juden verdienten es nicht, dass inan sie vertreibe. Urussow erklärte, glücklich zu sein, dass er schon früher die Grundsätze des neuen Ministers des Innern, des Fürsten Swiatopolk Mirski, gehabt hat. Heiliges Russland, du bist wirklich ־ scheinheilig! Die Prozesse la Kischinew. Aus Kischlnew. dl. Oktober, wird berichtet: Heute fanden die Verhandlungen wegen der Unruhen im Rorfe Mireni bei Kischitvew am dritten Missakcrtage. 22. April v. J.. statt. Es trat dabei augenscheinlich hervor. wie die Konnivenz der Behörden zu einer Ausdehnung der Exzesse aut die kleineren Orte Bessarahiens geführt hat. Ein Beamter der Landpolizei von Mireni war an den Osiertagen in der Hauptstadt Kischiiiew. Intte nicht nur vergnügt zugeschaut, sondern an den Brutalitäten gegen die .Juden aktiven Anteil genommen. Am Dienstag ins Dorf zuniekgekehrt, erzählte er den Bauern, es sei ein kaiserlicher Fr'Ass gekommen, die Juden auszuplüudcrii und totzusehlagen. Noch in deridhcti Nacht wurden von den infolge dieser Mär gebildeten Bauernbanden die ansässigen Familien überfallen und aifsgeraubt. •10 Zeugen waren für heute vorgeladen. von denen der grösste Teil die Schuld der Angeklagten bestätigte. Auf die Frage des Staatsanwalts, ob ein Rassenhass oder eine Spannung vorher zwischen Christen und Juden bestunden, erklärten die Zeugen, dass im Gegenteil das beste Einvernehmen immer zwischen den Religionen geherrscht hatte und nur dis Genicht von einem allerhöchsten Erlasse die Bauern zu den Uuruhen veran lasst habe. Durch diese Aussage entschwand der Allklagebehörde der von ihr bei den früheren Prozessen mit Vorliebe angewandte Paragrapii 269. Absatz I, als Grundlage lwociach Ausschreitungen, die eine Folge des nationalen und religiösen Hasses, sind, sehr glimpflich behandelt werden). Die Angeklagten sind aber noch günstiger als die Kischincwer vvcggckomnieii. Nur fünf von ihnen wurden zu sieben Tagen Gefängnis verurteilt, die ihnen auch infolge des bei Geburt des Thronfolgers erschienenen Manifestes erlassen .wurden. Per Gerichtspräsident Dawidow hat in Petersburg naehgesucht, dass.die wenigen noch ausstchcudcn Prozesse, wie in Hornel, öffentlich geführt werden. Etsindusügle in Jerusalem. Seit drei Jahren besteht in Jerusalem em Eisfabrik von freilich recht bescheidenem Umfang. Ein kleiner Petroleummotor von drei Pferdestärken liefert die Betriebskraft, und der tägliche Ertrag der Anlage beläuft sich vorläufig auf 300 Kilogramtu,־ die zum Preise von I etwa 30 Pf. für das Kilogramm verkauft werden. Bis zur Ein- י richtung dieser kleinen Fabrik hat kein Bewohner von Jeru- 1 salem jemals Eis gebraucht und von den Eingeborenen hatten j cs sicher auch wenige je zuvor gesehen. In einer anderen Stadt Palästinas, in Jaffa, wird freilich schon seit 1890 Eis fabriziert, anfangs mit erheblichen Schwierigkeiten, weil die Bewohner sich an die Benutzung dieses uns so unentbehrlich scheinenden Stoffes nicht recht gewöhnen wollten; heute jedoch findet das künstliche Eis auch in Jaffa sicheren Absatz. Die ersten Abnehmer waren die Krankenhäuser, dann kamen die Hotels und die Fremden, endlich aber auch die Eingeborenen, ln Jerusalem wird zur Eisbereitung Zisterirenwasser von grosser Reinheit benutzt, in Jaffa aber Brunncnwaser von oft verdächtiger Beschaffenheit. Zuweilen ist das künstliche E!s. das dort verkauft wird, fast schwärzlich und hinterlässt, nachdem cs geschmolzen ist. einen beträchtlichen Rückstand. Man scheint in Jaffa die künstliche Eisbereitung eben früher gelernt zu haben als die Kunst des Filtrierens, in Rischön-Ziön und in Sichron-Ja’akob sind gleichzeitig mit der Wcinindustrie die nötigen Eiswerke geschaffen worden. Am Sonntag, dem 6. November, ist Prag der Nestor der Prager Schriftstellerwclt, der Ghetto-Erzähler S. Kolm, im s1׳. Lebensjahre verschieden. Sein nicht gerade seltener Name wird vielen auch ausserhalb des Heimatsbezirks des Vcrbbeheneu vertrauter klingen, wenn mau hinzufügt, dass S. Kolm als der Verfasser des ,.Gabriel" üi der Lescwelt iigurierte. Dum dieser Gabriel, eine massige Novelle, die zu internationaler Berühmtheit gelangte, war das Ehrcnschitd. ohne welches ihr Autor seinen Namen niemals spazieren führte. Ais junger Manu hatte S. Kohn diese Geschichte in einem obskuren Sammelwerk anonym veröffentlicht. Sic war ins Englische und aus dem Englischen in sämtliche Kultursprachen übersetzt worden. Nach Jahren wurde sic wieder ins Deutsche übertragen, in welcher Fassung sie der alinungsiosc Urheber als sein geistiges Eigentum entdeckte. Dieser literarische Rauh, dessen glückstrahlendes Opier er geworden. war nun der Stolz seines ganzen Lebens. Alles, was er seitdem schrieb und veröffentlichte - es waren auch gelungeue ..Prager Ghettobilder” darunter (bei Reklam crschicnen) — hatte nicht der Schriftsteller S. Kolm, sondern der ,.Verfasser des Gabriel■׳ auf dem Gewissen; kein Kärtchen, kein Xaincnszug entglitt seiner Feder, ohne mit der Verfasserschaft des ..Gabriel" geziert zu sein. Die zünftigen Schriftsteller mochten über diesen literarischen Hagestolz lächeln und spotten — er blieb in seinem Glauben an die Ewigkeit seines Vcrfasscrtums unerschütterlich. Auch in hohen Jahren noch, wo er durch ungünstige materielle Verhäitnisse gezwungen kein Verfasser, sondern ein unermüdlicher Vielschreiber war. Nunmehr ist S. Kohn gestorben; ob ihn wohl der Verfasser des ״Gabriel" überleben wird? London. Chaim Guedalla, der Neiie Moses Montefiores, ist am d. d. M. im Alter von 89 Jahren aus dem Leben geschieden. Die Familie Guedalla ist im Jahre 1760 aus Mogador in Marokko nach England atisgcw ändert. Schon der Vater des Verstorbenen hat sich selbst lebhaft für Palästina interessiert und errichtete in Jerusalem eine Betli Guedalla genannte Jeschibah. Sein Sohn Chain!, der ein bedeutender Linguist ui'd grosser Gelehrter war. erbte von ihm seine Vorliebe für das heilige Land, das er gemeinsam mit seinem grossen Onkel 1855 zum erstenmal besuchte. Seitdem opferte er für Palästina soviel Geld. Zeit und Miihe, dass das Jerusalemer Rabbinat ISN? einstimmig beschloss, den Titel eines N־tssi der Diaspora, den Moses Montesiore geführt hatte, auf ihn zu übertragen. Ausser für die Juden Palästinas hat Chaim Guedalla sich auch iiir seine übrigen Brüder der gesamten Diaspora lebhaft interessiert. 1863 begleitete er Sir Moses Monteiiorq auf dessen Reis; nach Marokko und knüpfte auf der Rückreise in Madrid Verhandlungen mit dem damals allmächtigen General Prim au, welche 1869 dazu geführt haben, dass Spanien viele Jahre nach der grossen Judenvertreibuug wieder den Juden geöiinet wurde. Noch war ihnen durch $ 11 der Verfügung die freie Rcligionsiibung nicht gestattet und so ruhte Guedalla nicht eher, bis Herr Sagasta in einem vom 20. August 188t datierten Schreiben den Artikel ll der Verfassung dahin kommentiert hat dass es den Juden in Spa- * nie!! nicht genommen ist. eigene Bethäuser sowie Begräbnispiätze zu besitzen. Zwei Jahre später setzte Scimor Sagasta auf Betreiben Ouedallas beim König Alfons XU. ein Dekret durch, welches die Juden in Spanien feierlich als naturalisationsfähig erklärte. Sehr interessant sind die Verbandhingen, welche der Verstorbene mit dem bekannten Reformtürken Midhat Pascha geführt hat und die keinen geringeren Zweck hatten, als Palästina für die Juden anzukaufen. Mr.. Guedalla war nämliyh Präsident der türkischen Dette:Publique und da schlug er Midhat Pascha, der 1876 Grossvezier war,