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Jüdische Rundschau · 1904-11-18 · Heft 46 (18.11.1904) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 46 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Der alte, seit dem dreizehnten Jahrhundert benutzte und im Jahre 1828 geschlossene Friedhof der israelitischen Gemeinde (am Börneplatz), mit seinen nahezu 6000 zum Teil gut erhaltenen Grabsteinen, gehört zu den historisch und künstlerisch wichtigsten Denkmälern unserer Vaterstadt und zu den bedeutsamsten der jüdischen Gemeinden der Welt. Der mitunterzeichnctc Herr Rabbiiser Dr. Horovitz, unser Ehrenvorsitzender, licss vor 20 Jahren die Grabsteine mit einer Nummerierung versehen und durch berufene Männer Abschriften der in hebräischer Sprache abgefassten Inschriften anfertigen. Diese Abschriften sind in dem von Herrn Rabbiner Dr. Hortwitz herausgcgcbeneu Buche ..Inschriften "des alten Er.iedhofes‘* veröffentlicht und bilden auerkanntermassen wertvolle Dokumente unserer Frankfurter Geschichte. Nachdem durch die von Seiten der Stadt definitiv hergestellteu Strassenanlagen tbs Fortbestehen des alten Friedhofes gesichert ist. hat der Vorstand der israel. Gemeinde die den Friedhof umgehende Mauer, sowie die Wege aiisbessern und den zu dieltten. Jeu Zutritt au manchen Stellen erschwerenden Pflanze::- wuchs teilweise lichten lassen. Die Unterzeichneten sind zusym;::e::getre?eu um diese Stätte mit ihren zahlreichen und bedeutsamen Erinnerungen iür die Zukunft zu erhalten. Schon sind von Nachkommen der auf dem Friedhofe Ruhenden Grabsteine renoviert worden, so dass der altehrwiirdigc Friedhof unserer Gemeinde bereits den zahlreichen Besuchern von der Pietät des lebenden Geschlechts Zeugnis ab’egt. Um indessen dieses Werk fortzmnhrcn.sind weitere Massnahmen erforderlich, deren Ausführung die Unterzeichneten erstreben. Es ist in Aussicht genommen: 1. Denjenigen, welcite die Grabstätten ihrer Ahnen erneuern lassen wollen, bei der Ausführung behilflich zu sein. Das Komitee in dessen Mitte sich Sachverständige befinden, wird bestrebt sein, jeden einzelnen Fall nach jeder Richtung hin. int Sinne der Anforderungen der Denkmalspflege zu prüfen. 2. Grabsteine bedeutender Männer, deren Nachkommen nicht mehr festzustellen sind, sowie Grabsteine, welche einen kultur- und kunsthistorischen Wert besitzen zu renovieren und vor weiterem Verfall zu bewahren. - 3. Auf Wunsch Abschriften in hebräischer Sprache und in deutscher Übersetzung anfertigen zu lassen. •1. Inschrifteu von Grabsteinen die noch nicht veröffentlicht sind :•!•schreiben und sämtliche Steine mit neuen Nummern versehen zu lassen. Zur Ausführung unseres Vorhabens bedarf es grösserer Geldmittel zu deren Beschaffung wir nicht nur alle diejenigen autrufea deren Almen auf dem Friedhöfe ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, sondern wir wenden uns auch an alle Kreis.*, welche der Erhaltung unserer vaterstädtischen Kunst und Kulturdenkmäler Interesse entgegenbringeii. Das Komitee zur Erhaltung und W iederherstellung der Grabdenkmäler auf dem alten israelitischen Friedhof am Börneplatz. Rabbiner Dr. Horovitz, Ehrenvorsitzeeider. Raphael M. K i r c h h e i m . Vorsitzender. Kommerzienrat .1. I.. Beer. Martin D e 11 tz. Louis Feist. J. Eduard Ooldsc h m i d . Manfred S. G o I d s c 11 tu i d t. Kassierer. Architekt Dr. Jul. Hülsen. Direktor Hermann M a i e r. Moritz N. Oppenheim, Wilhelm S. Posen. Schriftführer. Ferdinand E. S c h w a r z s c h i I d . Jakob H. W e i 11 e r . Essen, 7. November. Fän Reserveoffizierprozess. der zeigt, was für ..Grundsätze‘* bei der Wahl von Reserveoffizier- Aspiranten bisweilen geübt werden, ist hier verhandelt worden. Einem Bericht der ״Klbericlder Ztg.“ entnehmen wir folgendes: ״Ein Reserveoffizier-Aspirant V . war zurückgewiesen worden. Da er seinen Dienst mit besten Leistungen versehen hatte, da er persönlich und gesellschaftlich auch durchaus den Anforderungen gerecht zu werden vermeinte, so wusste er nicht den Grund der Ablehnung. Da erzählt ihm eines Tages ein Freund, dass 411 dem in Soiilingen bei der Militärbehörde aus seinem Heiniatsort Opladen ciugetroffeueu Bericht gestattden hatte, dass er nicht für den Reserveoffizier geeignet sei. weil seine Mutter der 11 o c 11 deutschen Sprache nicht mächtig sei, und weil seine Familie in Opladen gesellschaftlich uicht rechne. Auch habe er in einem Jüdischen Geschüft in Köln als Kaufmann gelernt. Die jüdisehen Kaufleutc können daraus erkennen, wie hoch ihre Stellung geschätzt wird. Aber was für eine Ehre ist es erst, in einem ntchtjüdischen Geschäfte gelernt zu haben. Wundersamc Blüten treibt die Liebe, zu der man die Juden bekehren will. Unter dem Titel ״Die Schrecken des Krieges an der preussrsch-russischen Grenze*4, veröffentlicht das ״Kleine Journal“ folgenden Originalbericht: Die Nachricht von dem Ableben eines nahen Verwandten ietiktc vor einigen Tagen meine Schritte nach Gollub, dessen Einwohner kürzlich Zeugen des Schreckens waren, den der unselige russisch-japanische Krieg um sich verbreitet. Das Städtchen, das auf ein hohes Alter zurückblickt. — noch ist das 1296 aui einer Anhöhe erbaute Schloss, um das diese Ansiedelutig nach und nach entstand, erhalten — ist durch die kaum 20 Meter breite Drewcnz von dem polnischen Städtchen Dobrzyn getrennt, dessen Bewohner ebenso, wie die Gollubs, sich vorzüglich durch Ackerbau, Geflügelzucht, Getreide- und Viehhandel schlecht und recht ernähren. Der grösste Teil der Gollubcr Einwohnerschaft, Polen wie Juden, stammt urspriinglieh aus Dobrzyn. Sie verliesseu das unter der russischen Kirnte seufzende Heimatland, um unter Pretisseris Schutz ein menschenwürdiges Dasein fristen zu können. Das einzige Band, das deren Nachkommen mit den Bewohnern jenseits der Grenze ietzt noch verbindet, ist neben dem gemeinsamen Glauben hauptsächlich in den verwandtschaftlichen Beziehungen und , den mit einander unterhaltenden Handelsinteressen begründet. '• Schon gleich nach den: Ausbruch des Krieges machten sich die traurigut Folge;:, die er nach sich zog. Ln Gollub sehr unangenehm bemerkbar. Der sonst ziemlich lebhafte Handel ruhte plötzlich, da Glauben und Vertrauen gänzlich aufhörten_ und j die ohnehin, infolge der erbärmlichen russischen Wirtschaft, in I Dobrzyn heimisch gewordene Armut überschritt vor den J Augen der sonst so wachsamen russischen Grenzsoldaten die schmale Dreweuz. um sich auch in die Häuser der emsigen ■ Einwohner von Gollub elnzua'sten. Du wurde plötzlich die j Mobilmachung bekannt. Ohne auf die Tauglichkeit zum Kriege erst zu untersuchen, ohne Rücksichtnahme auf die Familien- Verhältnisse, auf die vielen armen und kranken Frauen und Kinder, die ohne Ernährer Zurückbleiben würden, wurden alle nur einigertuassen waffenfähigen, das 50. Lebensjahr noch nicht zuriickgelegten Polen und Juden des Ortes, die sonst als U11tertanen letzter Klasse behandelt werden, zur Stellung aufgefordert, um als sicheres Kanonenfutter nach der Mandschurei abgesandt zu werden. Kein Wunder, dass diese Unglücklichen, um dem sicheren Tode zu entgehen, scharenweise zu ihre» Verwandten und Freunden nach Gollub flüchteten, wo sie Rat und Unterstützung für ihr weiteres Fortkommen zu finden hofften. Es waren nicht, wie die Tagesblätter berichteten. 20W. sondern bloss 200 Flüchtlinge, die sich vorige Woche auf dem .Marktplatze in Gollub versammelten und händeringend um Schutz und Zuflucht flehten. Allein diese 200. die mehrere Tage verpflegt und zum Teil mit Geldmitteln zur Weiterreise unterstützt werden mussten, haben in Dobrzyn die vierfache Stelenzahl von armen Angehörigen zurückgelassen, die nunmehr auf die Mildtätigkeit der nicht minder armen Gollubcr angewiesen sind. Unter den Flüchtlingen befanden sich auch einige aus alt polnischem Adel. Ein Herr von Borzewski aus Dlage suchte schon einige Tage früher das Weite, während der Gutsherr von Dzialin. von Czcchowski. als russischer Reserve-Offizier, sich gleich nach der Mobilisation aus Verzweiflung vor den Augen seiner Frau und Kinder eine Kugel in den Kopf jagte. Das traurige Ende dieses, in der ganzen Umgegend äusserst beliebt gewesenen Mannes in den besten Jahren, wird von allen, die ihm nahe standen, aufrichtig betrauert. Aehttliehe Szenen spielten und spielen sich täglich auch iu den untersten Volksschichten ab. Aus verschiedenen Orten des Kreises wurde berichtet, dass manche cinbcrufctic Reservisten, bevor sie sich stellten, ihre Frauen und Kinder hinschlachteten, damit diese nicht unversorgt oder durch russische Staatsunter- Stützung versorgt Zurückbleiben sollten. Man mag vom patriotischen Standpunkte aus diese traurigen Begleiterscheinungen des Krieges, insbesondere die Masscnflucht noch so sehr verurteilen eins aber darf nicht ausser acht gelassen werden: Vaterlandsliebe lässt sich nicht wie eine Treibhauspflanze künstlich ziehen. Die Polen und Juden in Gollub zogen 1870 in den Krieg mit der grössten Begeisterung, und noch leben dort einige Veteranen., die mit berechtigtem Stolz auf das ihre Brust schmückende Eiserne Kreuz zeigen. Die Polen und Juden jenseits der Drewcnz aber, die nur Chikauett und Zuriieksetzungen erfahren, und von den russischen Machthabern » wie Zitronen ausgepresst werden, haben wahrhaftig keine 1 I ו j I I J I I m יי*?" ■ ׳י:"*י י ' ־ ״ "י V

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