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Jüdische Rundschau · 1904-11-18 · Heft 46 (18.11.1904) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 46 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 46. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 397. um somit dem Audiatur et altera pars seine wirkliche Geltung zu verschaffen. " s—s. Wtirzburg. Pie zionistische Ortsgruppe Wiirzhurg hielt am 17. Oktober er. eine interne Versammlung ab. in welcher (i. g. Herr Dr. Pinczowcr ein Referat erstattete über das Interview des Reichskanzlers (irafen Pulow durch den ,Berichterstatter der ״N. F. P." ־ - Herrn Dr. Pinczowcr verbreitete sich an der Hand verschiedener reichhaltiger Belege über die Bodcnverhältnissc Palcstiuas und Syriens. In der sich daranschlicsscnden Diskussion hatte der Referent Gelegenheit!!»►ch des wo:־ tcrci» Aufschluss über Ausfuhr der Bodeuproduktc etc. zu geben. - Reicher Beifall. — Nach Beendigung der Diskussion wurde darauf hingevvicseu. dass jede H Tage ein Diskussionsabend stattfinden werde, wozu mau auch Autizinnisten clnladen wol't. — N. F. Sammlung. -- Berlin. Am Donnerstag, dem 10. November er«, referierte in einer Mitglieder-Versammluug der Berliner zionistischen Vereinigung Herr Ludwig Behr über die bisherige Stellungnähme der Zionisten zu den bevorstehenden Repräsentanten- Wahlen, bei welchen Zcntral-Verein. Syna^ogcn-Yerbaiid und Zionismus gemeinschaftlich gegen den ..Liberalismus" vorgehe. Zwei der Kandidaten seien aus den Reihen der Zionisten genomine!( und zwar Herr Richard Seligsohn und Referent seihst. Notwend'g sei c!>. ehrliche Buudesgenosseiischaft zu halten und unseren Freunden umj Gegnern zu zeigen, was zionistische Arbeit bedeutet. Auf Antrag des Herrn Seligsohn wurde die Absendung eines Briefes an den Vorstand des Ztntral-Verein.s beschlossen, in dem das Zusammengehen mit dem Zentra'verciu von der Bedmgiine abhängig gemacht wird, dass der Zentralvcrein in seinen Flugblättern ausdrück־ lieh erkläre, dass selaic Kandidaten und die des Z i o 11 i sm»s geme usam seien. Fine höclvst angeregte Debatte, welche eine rege Agitation versprach, schloss die Yersammlung. l>- r. «י Rundschau. In akademischen Kreisen verursacht die Frage der Neuhesetzuug des Diltheyschcn Professorenstuh’es keine geringe Aufregung. Trotz aller energischen Dementis will das Gerücht von der Berufung des Professors Stein aus Bern nicht zum Schweigen kommen. Fs wäre nicht ohne Pikanterie. wenn der Nachfolger Diltheys. von dem seine Hörer das kennzeichnende Schlagwort erzählen ״Wir kommen nun zum Juden Spinoza“, gerade von einem jüdischen Professor — abgclöst würde. Da aber Stein sich nicht taufen lassen wird, so wird er auf einet! Lehrstuhl in Preussen verzichten müssen. __ Der Hllfsverei!1jder_De11tschen Juden teilt uns mit, dass m der Sitzung seinem gesehäftsführenden Ausschusses, die am Montag Abend stattgefunden Hat, über die Berufung einer internationalen Konferenz zur Regelung der Auswanderung aus den östlichen Ländern definitiv Beschluss gefasst wurde. Die Konferenz soll Anfang Dezember stattfinden. Der Hilfsverein der deutschen Juden wird au alle grossen jüdischen Organisationen Einladungen zur Teilnahme an der Konferenz verschicken. Die Konferenz soll in Frankfurt a. M. tagen. Fs ist hervorzuheben, dass an der Sitzung des geschüitsnihrendcn Ausschusses des Hilfsvereins der deutschen Juden angesehene Mitglieder anderer grosser humanitärer jüdischer Gesellschaften teilgcnonimen haben. Nochmals mag Irctont werde״ dass der nach Frankturt zu berufenden Konferenz nie dt die Aufgabe gestellt ist, die Auswanderung mit Geldmitteln zu unterstützen und damit die Auswanderung voraussichtlich in unübersehbarer ,Wgise zu steigern. Fs soll in erster Reihe eine Organisation geschaffen werden, um solche Personen Osteuropas, die ihr Vaterland verlassen wolle!:, unentgeltlieh darüber auf/.ukläreu. unter welchen Bedingungen eine Auswanderung überhaupt nur vorteilhaft erscheinen kam. welche Reiserouten die billigsten sind und um alsdann durch Ueberwaclnnigskomitees längs der Reiseroute die Ausw׳ändernden vor Ausbeutung und Uebervorteilung zu schützen. Russisch-polnische Auswanderer. Die russsich-polnischcn Auswanderer, die freiwillig und unfreiwillig ihr Vaterland ver- Jicssen und nach Amerika zogen, nahmen bisher den Weg über Frankfurt a. M. Im hiesigen Hauptbahnhof wurden sic vom Israelitischen Hilfsverein aufs beste verpflegt und, wo cs nötig war, unterstützt. Die Mitglieder des Vereins fragten nicht nach der ״Konfession"; wer der Hilfe bdiirftig war. fand kc, Juden oder Christen. Da mische sich plötzlich die Frankfurter Polizei ein und wollte von den Auswanderern Passt, Papiere. Schiffahrtskarte« und vor allen Dingen bares Geld sehen. Wer nicht eine bestimmte Summe vorzeigen konnte dem wurden Schwierigkeiten gemacht. Seit dieser Ze!it — die erste derartige Intervention soll schon Mitte September stattgefunden haben — wird Frankfurt von den Auswanderern gemieden. - Von anderer Seite erfahren w ir noch, dass der ׳ Revision eine Verfügung aus den siebziger Jahren zu gründe liegt. Die hier Angekommencu sollen nur revidiert, aber nicht ״:! der, Weiterreise gehindert worden sein. Trotzdem hat die polizeiliche Einmischung zur Folge gehabt, dass Frankfurt von den Auswanderern -־ darunter befinden sich viele, aber nicht ausschliesslich Juden, namentlich auch Leute, die dein Militärdienst entgehen wollen ־ ausgeschaltet wurde. Seit neuerer Zeit schlagen die Auswanderer einen anderen Weg eh!, sie zweigen in iianuu ab und fahren über Mainz-Kölii-Rotterdum ״der über Darmstadt-Basel-(ieniia nach Amerika. Die Polizeibeamten, die nur kurze Zeit auf dem Frankfurter Hauptbahnhof ihre Funktion ausiibteu. sind wieder zurückgezogen. Ob auch die Verfügung zurüekgeiionnnen ist. ist uns mclit bekannt. Aus Mauiz wird uns mitgeteilt, dass sich dort ein Komitee zur Unterstützung der russischen Juden die auf dem Wege nach Amerika begriffen s:ud. gebildet hat. Die Leute kommen aus Südrussland. Jede Woche kommen einige Hundert an und werden mit Rheindamptern nach Ho'alni befördert. Nachrichten aus Russland s*!!d oft falsch, offizielle russiscl! Mitteilungen immer! Die Russ. Telegr.-Ag. sali sich wieder einmal genötigt, den ausländischen Lesern die ..Berechtigung“ der Ausschreitungen gegen die Juden nachzuweisen. Vor einigen Wochen sollten sie verübt sein als Racheakt für die Misshandlung eines frommen Katholiken (in Ostrowitz) oder zur Rettung einer getauften Jüdin (in Parczew). Nunmehr sind es die armen Reservisten, die den Juden den Branntwein zu teuer bezahlen und obendrein für sie die Lücken ausuillen müssen! Merkwürdig ist es. dass d:e Agentur solche Telegramme nur den ausländischen Zeitungen zum Besten gibt, nicht auch der russischen Presse, für die sie doch in erster Linie bestimmt ist. Warum wohl nicht? Sehr einfach: In Russland selbst findet man mit solchen Lügen keinen Glauben. Denn Lügen sind es: Es ist unwahr, dass die Reservistcu in Wut geraten wären, weil sic bei Juden für teures Ge’d Brantweiu erstanden hatten; seit der Einführung des Branntweinmonopols haben die russischen Juden überhaupt keinen Branntwein zu verkaufen, weder für teueres noch für billiges Geld! Und es ist ferner eine Verleumdung, wenn dm ofiizieMe Agentur mit dreister Stirn die Behauptung aufstdlt. die Christen hätten für die fehlenden Juden die Lücken im Heere auszufüllen. f!1 Russland geschieht die Aushebung sowohl der Rakruteu wie der Reservisten nicht summarisch, sondern partiell, Christen für sich. Juden für sich; für fehlende Juden werden andere Juden, für fehlende Christen andere Christen genommen. W'as die Desertion betrifft, so desertieren auch Nichtjuden und namentlich ״Kemrusscn“ in hellen Haufen. Für die paar Hundert desertierter Juden würde man sich nicht genötigt gesehen haben, das Aushebungsregicment im ganzen Reichs zu ändern und zu verschärfen. In diesem Zusammenhänge dürfte es interessant sein, zu erfahren, dass noch vor der Aushebung der Reservisten die , Zahl der jüdische« aktive« Soldaten in der mandschurischen Armee nicht weniger als 30 000 Mann betragen hat. Meistens stehen sie!11 den sibirischen Regimentern, in die sie seit Jahr-

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