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Jüdische Rundschau · 1904-11-18 · Heft 46 (18.11.1904) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 46 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 46.__JÜDISCHE RUNDSCHAU._Seite 395. rieht Dinge, die erst in zweiter Linie kamen. Sie wünschten sich einen ־von allen anerkannten Führer, der ihre Interessen in die Hand nähme und mit den Behörden ein kräftiges Wort zu rede!! vermöchte, um den Verfolgungen ein Ziel zu setzen und sic im Nu aus ihrem tiefen Eiend emporzuheben. Sic erwarteten, dass sie von letzt au ein leichtes, bequemes Leben führen könnten dank den Mitteln, die wir ihnen zur Vcrfiigun״ stellen wurden. Welche Oerfichte und welche Legenden hatten sich über uns verbreitet! Die Einen erzählten sich, dass wir nach Ispahan kämen, um die Millionen des Baron Hirsch zu verteilen und dass uns 200 mit Gold und Silber bcladcuc Kamele folgten. Andere wollten gesehen haben, wie wir diese Schätze in der ״Persischen Bank“ deponierten. Die Bescheidensten hofften auf eine anständige Pension für ihr ganzes übriges Leben. ~~ Wie konnten diese Gerüchte auf kommen? Wer hatte sie zuerst aufgebracht? Das suchten wir zunächst festzustelleji, um das übel an der Wurzel zu treffen. Wir erfuhren, dass die Juden in Teheran seit der Ankunft des!Herrn Cazes daselbst, unaufhörlich au die Juden in Ispahan Briefe schrieben, worin sie ihre Freude und ihr Glück darüber ausdrückten, dass ein Vertreter der Alliance unter ihnen weile. In den Briefen wurde:! alle Schritte und Handhingen des Herrn Cazes enthusiastisch und mit der üblichen Übertreibung beschrieben. Man rühmte seine Freigebigkeit, man pries sein Ansehen bei den Behörden und den Glanz, der von ihm auf die Gemeinde zuriickstrahlte. Mehr bedurfte es nicht, um die Gemüter der Ispahancr aufs Höchste zu erregen. Man darf sich, über den Gedankengang der armen Leute nicht wundern. Soviel Jahrhunderte der Unterdrückung waren über sie dahiiigcschrittci!. dass sie v1:״ den Dingen der grossen Welt keinen klaren Begriff mehr hatten und dass sie den Abstand zwischen Traum undn Wirklichkeit, zwischen den gclieimeu Wünschen ihres Herzens und dem wahren Zweck unserer Sendung nicht zu erkennen vermochten. Wir mussten ihnen eine arge Enttäuschung bereiten. Statt dass ein Goldregen auf sie niederfiel, wurden sie aufgefordert, zu den Kosten der Schulen ihr Schprücin beizutragen. Es waren traurige Momente iiir uns. als wir ihre Niedergeselllagenheit. ihre Verzweiflung mitansehen mussten und als gerade jetzt die Missionare, getaufte Juden, die fanatischen Priester und alle die sich uns in den Weg stellten, die unsere Anwesenheit in Ispanhan übel vermerkten. i * Die Geschichte unserer Schulen jst zugleich die Geschichte unserer Streitigkeiten mit den christlichen Ordensgesellschaften. Diese versuchten zunächst. d׳e Gemeinde vou einer Subventionierung unserer Schulen abzubringen. Als es ihnen nicht gelang, wussten sie Aga-Nadjafi dazu bestimmen, ן den Muhammedanern den Besuch unserer Schulen zu unter- 1 sagen*) und die islamischen Lchrerinnnen in brutaler Weise zu verjagen, die unsere Mädchen im Nähen unterrichteten. Der Direktor der protestantischen Schule. Garland, wiederum brauchte alle Mittel der Drohung und der Überredung, er gab Geld mit vollen Händen aus, schickte seine Abgesandten in die Häuser, um die Eltern zu bestechen und stellte Leute auf der Strasse auf. die die Kinder mit Gewalt ihm zuführen sollten. Alsinfolge dieser Massregel sich unsere Schulen entvölkerteti, sahen wir uns zu gewissen Zw׳angsmassregoln gegen die genötigt, die ihre Kinder hi die Missionsschulen schickten. Nun hatte wir die ganze Welt gegen uns. Der englische Konsul intervenierte persönlich mehrere Male bei Zellüs-Sultan, um die Schliessung unserer Schulen durchzusetzen. Dardachti brachte die Muhammedaner gegen uns in Aufruhr, Garland suchte uns zu diskreditieren, indem er die törichten Verieumdüngen über uns verbreitete. Durch lügenhafte Berichte suchte er sogar die Ang’o-Jewish Association gegen uns in Bewegung zu setzen. Die englische Gesandschait forderte uns endlich in gebieterischem, ja drohendem Tone, auf, unsere Massregelu zuriickziizichen. Wir wehrten uns unserer Haut so gut wir konnten. Wir verhandelten mit Aga-Nadjafi und erlangten, dass er den niuhammedanischen Lehrerinnen den Unterricht hei uns‘w ieder gestattete. W'ir gaben dem Gouverneur zu verstehe:!, dass er eine schwere Verantwortlichkeit auf sich lade, wenn er sich von Herrn Preece. dem englischen Generalkonsul in Ispahan. umgarnen lasse und dass er durch seine Willkür gegen unsere Schulen sich die französische Gesandschaft in Teheran auf den Hals ziehen und überdies mit seinem Bruder. Mnzaffer-eddin Schah, in Konflikt geraten würde. Wenn Herr HarJiugs (der englische Gesandte in Teheran) geglaubt hatte, uns durch seine Drohdepcschcn einzuschüchtern, so so!.tc er bald begreifen, dass er auf falschen! Wege war.*) Wir schrieben ihm höflich, dass er sich in die Angelegenheiten der Gemeinde nicht tinzmnischcii habe und dass diese im Rechte sei. wenn sie solche Massregeln ergreife, wie sie sie zum Schutz ihrer moralischen und religiösen Interessen für nützlich erachte. Aber, so höre ich Sie fragen, woher denn soviel Hass und soviel Erbitterung? Missionsschulen bestehen doch nicht nur in Ispahan. niemals aber hat der Kamp! zwischen ihnen und den Instituten der Alliance solche Schärfe und Animosität *) W'ir hatten zu einen! Zeitpunkt bereits 30 muhammedarnsche Schüler, die zu den besten Familien Ispahans gehörten. *') Das v.ar immer die Taktik der Missionare; jedesmal, wenn die Gemeinde das Joch der Ordensleute abschütteln wollte, wandten s:ch diese an hohe!Würdenträger, die unsere unglücklichen Glaubensbrüder durch Drohungen und Gewalt-; tätigkeiten gefügig machen mussten. So gedachten sie auch ׳ mit nur umzuspringen. Antiochus, der auf offener Biihne Leibschmerzen bekommt, an denen er zugrunde geht. Besser mag man schon die Oper zur Analogie heranziehen, indessen ist auch hier nicht das Wertvolle des Opernhaften dem Stücke zugute gekommen. Die Effekte sind allzu gehäuft und entbehren der kurzweiligen Vielfarbigkeit, sie sind samt und sonders auf das Schreckliche, asketisch Verzückte abgestellt. Die Musik des Lyrischen ist ohrenschmerzend und zudem durch ein ewiges romantisch rohes Hineinpoltern der Alltagsprosa und -glattheit vor reinem Klang und entrückender Steigerung plattweg bewahrt. Aber nicht einmal die Tendenz, die Werner doch vorwiegend oder einzig am Herzen lag, ist bei soviel Mängeln auf ihre Kosten gekommen. Julian Schmidt spricht von einer ״burlesken Bigotterie", die da zutage getreten sei.1» In der Tat ist die Behandlung des höchsten Heiligen hier geradezu bis ins Frivole trivialisiert, und dieses Heilige selbst durch die Unmöglichkeiten, Verschrobenheiten und Unmenschlichkeiten, in deren Gewandung es auftritt, eher kompromitiert als verherrlicht worden. So war das Werk beschaffen, das als Vorgänger der Ludwig’schen Tragödie zu betrachten ist, und das seinen Einfluss auf diese üben sollte. Dem Uneingeweihten scheint das fast unmöglich; denn er begreift nicht, wie aus Häckerling Gold werden konnte. Und doch ist der Dichter der Mann dazu, und Otto Ludwig war dieser Dichter. Wir haben eben die Physiognomie des Wemer’schen Produktes festgestellt um zu zeigen, wie himmelhoch sich die Kunst Ludwigs dagegen abhebt. Es wird aber jetzt auch der Ort sein, noch einmal mit aller Bestimmtheit die Verbindungslinien aufzuzeigen, die doch vom einen zum andern führen: 1. Ludwig übernahm von seinem Vorläufer das ganze Märj tyrermotiv. Der Schlussakt seiner Tragödie war dem der Werner'schen nachgebildet; wir verdanken also dieser viele der herrlichsten Szenen der Dichtung. 2. Die Art der Verknüpfung dieses Motivs mit der ursprünglichen Handlung ist in freier Weise nachgeahmt. Wie dort die Makkabäermutter Salome die Schwester Judas Makkabäus’, so ist hier Lea die Gattin (später die Mutter) von Judah geworden. 3. Der Charakter der Lea ist eine künstlerisch erhöhte Umformung der Salome. Der Ausgang der beiden Dramen ist, abgesehen von Aeusserlichkeiten, fast identisch. Wie bei Werner heisst in der ersten Ludwig’schen Fassung der Held noch Judas, erst später Judah. Der Titel der zweiten Fassung ist dem der Werner’schen Tragödie gleichlautend. Bei der eingehenden Analyse der ״Makkabäer“ werden alle diese Uebereinstimmungen genauer dargelegt werden.

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