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Jüdische Rundschau · 1904-11-18 · Heft 46 (18.11.1904) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 46 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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No. 46. Seite 394. JÜDISCHE RUNDS CHAU. fester noch als heute In Aegypten, und uns das heilige Land als freies Land, wenn auch als Teil des britischen Weltreichs, einräumen wird. Als Teil des weltumspannenden britischen Reiches, aber frei, nicht halbsuvcrfm. sondern vo’kssuverän wird unser Volk und Staat sich im Organismus des gewaltigen britischen Staatengcbildcs entwickeln, ähnlich den Bundesstaaten im Deutschen Reich und der König von England nicht der Lehnsherr unseres Fürsten sein, wie im alten Deutsehen Reich der Kaiser, sondern lediglich dieselbe Stellung Ihm gegenüber einnehmen, wie der heutige Deutsche Kaiser gegeituber dem König von Baj’ern. (Ich verweise übrigens noch auf meine Schrift: ״Jerusalem oder Mombassa?", S. 37—38). — Sind somit die Engländer dereinst unser Bruder- und Bundcsvolk, so müssen wir .sie heute schon als unser vorbestimmtes Schutzvolk in Europa betrachten und behandeln. Nicht länger in der antisemitischen Luegerstadt, sondern in London, unter dem Zeichen des britischen Banners, nicht in einer Stadt, deren Mauern von dem Echo des ..Juden raus!“ toto die widcrhallcn, sondern in der Stadt, in deren Regierungsgebäuden noch heute (He Mauern das Echo des crzjüdischcn Namens ״D i s r a ö 1 i” vernehmlich zurückklingcn lassen, muss fortan der europäische Zionismus ״residieren!” Dort können unsere provisorischen ..Minister” rccht/eltig die Grundlagen schaffen für das dereinst nach Gottes Wilkn zu konstituierende Bimdesverhältnis zwischen Judäa und Britannia! Fordert dieser zweite Grund gebieterisch London als Vorort. statt Wien, so tritt noch ein dritter Grund hinzu. Jedem staatsmännisch geschulten Beobachter ist cs unzweifelhaft, dass d׳e örtPebe Koinzidenz von Vorort m!d Ko!׳gr<׳s«ort aus vielen Gründen mehr und mehr eine Notwendigkeit wird! Auch wir müssen uns rechtzeitig daran gewöhnen, dass das ״Pariament” am Sitze der ״Regierung” Zusammentritt. Kann der Kongressort nicht Vorort werden, so muss der Vorort Kongressort werden! Und welch geebneteren Kongressort in Europa wüsste man auch in rein örtlicher Beziehung als London, wohin die Russen. Oesterreicher und Norddeutschen gerade so leicht, die Amerikaner und Engländer aber erheblich leichter gelangen, als nach Basel, und wo auch (ganz abgesehen von der unmittelbaren Nähe der zionistischen Regierung) die gewattige Weltstadt unserem Parlament ein ganz anderes po’rt'sches ..Relief” zu bieten vermag, als die Voralnen und die Kantönli-Hauptstadt Basel?! — Eine freundliche Begrüssungsrede des Baseler Rcgicrungsrates ist schön und gut — aber eine Rede des Lordinayors in Guildhaü oder eine Gardenparty in St. James Palace uns zu Ehren ist besser! Darum aus drei Gründen sei London die Parole! Erstens wegen der reicheren Arbeitskräfte und geeigneteren 0rganisatorischcn Voraussetzungen im Vergleich zu Wien; zweiteus, weil London ohnehin unsere vorbestimmte, dereinstige ״Reichhauptstadt" ist; und drittens, weil unser ״Reichstag’ dort richtiger raten und taten wird als in Base!! Die Wahl Londons zur zionistischen ״Residenz”- und ״Parlamcntsstadt“ wird einen Wendepunkt bezeichnen ln der Geschichte des Zionismus — den Uebergang von der Ideologie zur Realpolitik! M. de Jonge, Dr. Jur. Köln. 6. November 1904. Vier Jahre in Persien. (Bericht des Schuldirektors Confino au das Zentralkomitee . der Alliance Israeiite Universelle.) I s p a 1! a n. den IS. September 1904. Da dieser Jahresbericht wahrscheinlich der ■letzte ist. den ich Ihnen aus Ispahan schicke, dürfte ein Rückblick au: den ganzen Verlauf unserer Tätigkeit von Interesse sein. Als das Zentralkomitee uns mit der Gründung der Schulen Mt Ispahan beauftragte machten wir uns sofort auf den Weg. von dem Wunsche beseelt, zu unserm Teil au der Hebung der Juden in diesen fernen Gegenden mitzuwirken. Auf die tutgewöhnlichen Um.stände.unter denen sich unsere Reise vollzog. die vielen Hindernisse, die sich uns wie zum Vergnügen cutgcgenstellteu. brauche ich beute nicht zurückzukommen. Wir reisten von Konstantinore! am 23. Oktober 19• » ab und gelaugten an unser Ziel am 1. Mai des folgenden Jahres. Der begeisterte Empfang von?eiten der Gemeinde Hess uns _ hoffen, dass unsere Volksgenossen 1ms unsere Aufgabe erleichtern und schützbare Mitarbeiter für ur.s sein würden. Leider war diese Illusion von kurzer Dauer. ' Um den Charakter der Schwierigkeiten aller Art gut zu verstehen, muss man sich den Geisteszustand vergegenwürtigen. der im .Moment unserer Ankunft in der Gemeinde I herrschte. Die hiesigen Juden gaben sielt von der wahren! Natur unserer Sendung keine Rechenschaft. Niemand hatte j ihnen bisher von der Alliance oder ihren Werken erzählt. Sie; wussten nur. dass gutherzige Leute, bewegt von den Be-; richten über ihre Leiden, sich entschlossen hätten, diesen ein Ende zu machen. Wie durch welche Mittel, darum machten sie sich keilte Sorgen. Für sie waren die Schule, der Unter-, poetisches Gewissen’rein,’ wenn er dem modernen Empfinden Unverständliches, Langweiliges oder Widriges in psychologisch sein sollender Breite und in musikalisch getauften, unlesbaren Versen auf den Dichtermarkt brachte. Auch die konzentrierte Form, in die das Ganze gezwängt ist, wurde für die Belebung des Gegenstandes nur ein Hemmnis mehr. Dafür sprang Werner mit der historischen Wahrheit desto freier um. Vorerst machte er mit jenem schon in unserem Eingangskapitel erwähnten Handstreich die Alärtyrermutter zur Schwester des Schwertmenschen'Judah und gab damit das Beispiel einer verhängnisvollen Zusammenspannung. Indem auch 'noch’der sagenhafte Priester und Märtyrer Eleazar durch eine frei erfundene Tochter mit Namen Cidli mit dem Makkabäerhause verbunden wird, ist so mit wenig Kunst eine; Motivierungseinheit hergestellt. Dafür sind dann Brüder des Judas, deren die Geschichte vier kennt und die sie sämtlich 'als bedeutend und heldenhaft rühmt, für Werner nicht vorhanden. Auch die Fakten sind bei ihm erheblich verwandelt.' Von einer Verschwörung der Juden "mit syrischen Feldherren ' gegen ' deren König * weiss die_Geschichte nichts/־ bei ^Werner aber basiert darauf der ganze tragische Konflikt. Mit der Zeit ging Werner sparsam um, denn die ganze Handlung füllt kaum einen Tag; aber ein neunmaliger Szenenwechsel mit grossen Ortsveränderungen macht diese Geschwindigkeit unglaublich Den Boden Palästinas geben diese neun Schauplätze uns nicht zu sehen, kananitischer Erdgeruch ist also ,nicht zu verspüren; und ebenso bleibt die Bühne von einem jüdischen Volke vollständig verschont, da wir mit der heimlich im syrischen Lande lebenden Makkabäer-Familie nur syrische Gestalten um uns erblicken. Die 5 Akte enthalten ein Minimum von Handlung, und doch schwellen sie unendliehe epische Berichte und lyrisch-musikalische Ergüsse zu einem unglaublichen Umfang an. Ist Werners Stück dafür eine Charaktertragödie? Vielleicht sollte sie es sein; aber der charakterlose Renommist Judas, der erst mit den Feinden konspiriert, dann sich vor seiner Schwester dessen scliämt und sie schliesslieh als ״allzu lästiges Gewissen“ einsperren lässt, um frei von ihren Vorwürfen zu dem als schmählich Erkannten nun doch zurückzukehren, kann nicht davon überzeugen. Ebenso wenig vermag das seine Schwester, das Ueberweib Salome, die am Hochzeitstage ihres Sohnes Totenlieder kommandiert, und in der Martyrszene eines ihrer Kinder nach dem anderen mit immer steigendem Blutdurst und immer heiterer Miene in den Siedekessel schickt, bis zu jenem famosen Abschiedsworte ״stirb hübsch vernünftig.“ Am allerwenigsten aber der Tyrann und Waschlappen

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