Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 388. No. 45. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Plünderer nichts an. Um 5 Uhr abends begab sich eine jiidisehe Deputation zum Gouverneur. Dieser versprach, dass im oberen Stadtteil alles ruhig sein solle, den Einwohnern der unteren Strassen sei er nicht günstig, weil es dort verdäch- 11 g e Junge Leute gebe. Kr soll geäussert haben, er habe nicht die Absicht, die Einwohner dieser Strassen zu schützen. Auf der Rückkehr sah die Deputation einen kleinen j Haufen, verschieden, wie cs scheint, von dem grösseren, wie er ruhig, ohne dass wer ihn hinderte, den Konfektionsladen von Charai im Theatergebäude ausp'.ünderte. Um 9 Uhr abends sahen mehrere Einwohner der oberen Stockwerke in den Häusern der Wieirannaiastrasse. wie man in den! Laden des ־ Efros bei Licht arbeitete und Stücke Tuch in den Hof einer j Kirche warf; als man die Plünderer störte, ergriffen sic die’ Flucht. In dem genannten Hofe wurde vom Sonntag bis Mitt- > woch trotz aller Bitten keinerlei Untersuchung vorgenommen. Montag Morgen autorisierte die Polizei die Kaufleutc, die Läden zu öffnen, alles würde ruhig sein, da man entsprechende Befehle bekommen hätte. Als die Händler erwiderten, dass die Plünderung atu Abend vorher in den äusseren Quartieren fortgedauert habe trotz des Versprechens, das der Goubvcrneur der Deputation gegeben hatte, antworteten die Poizcibeamten, dass sie damals noch keine Instruktionen erhalten hatten. Die ן Läden wurden am Montag nicht geöffnet. Die Kaufleute verj sichert!, dass der Polizeichef ihnen vorge$c!1!agen habe, ihm i eine Gratifikation für sein Eintreten zu bewilligen. Sie hätten; cs alle abgelelmt. Montag und Dienstag ereigneten sich 1 keinerlei Unruhen, obwohl gerade an diesen Tagen die Reservisten der umliegenden Distrikte in der Stadt anlangten־, nur in einigen vereinzelten Bällen wurden noch Ecnster eilige- Worten. Am Montag brachte die Zeitung Mohilcwskia Wicdomosti die Mitteilung, dass die Reservisten in den Hauptstrassen um Trinkgeld gebettelt hätten. Diese Notiz verschwieg die Pitin־ deruttg und die Misshandlungen in den äusseren Ouartiercn. Die Einwohner der Debrianskastrasse erzählen, dass die Polizei ein Protokoll ihrer Aussagen aufgettotnmeu. aber keinerlei Untersuchuttg bei den von ihnen bezeichneten Räubern veranlasstc. Man zählt einige Dutzend Verwundete, im Krankenhaus liegt nur «in Sehkwerverwundeter. Die christliche Bevölkerung ist tief unwillig darüber, dass mau die unschuldigen Reservisten, die jede Sympathie verdienen, für die Unruhen verantwortlich macht; die Juden sind ohne Ausnahme derselben Meinung. Paris. Die lea hat in ihrer letzten Sitzung beschlossen, auf ihre Rechnung ein Auskunftsburcau für Auswanderer unter ihrer Aufsicht zu gründen. Berlin. Am 1. November fand im Logen-Eestsaab Joachimsthalcrstr. 13. eine Wählerversantmiung der ..Liberalen״ statt. Unterzeichnet war das ..Wahlkomitee für die Bezirke Charlottenburg, Friedenau. Schöneberg, Wilmersdorf.״ Vortragender: Prof. D r. Ludwig Geiger über ..Die Wichtigkeit der diesmaligen Repräsentanten-Wahlen“. Die ziemlich schwach (etwa 100 Teilnehmer) besuchte Versammlung wurde von Herrn B c 11 a s 1. e v y geleitet. Der Vortragende erhob int wesentlichen nur spezifizierte Klagen gegen die konservative Majorität der Repräsentanten-Versammlung; die schwerwiegendsten Vorwürfe waren, dass die Konservativen entgegen ihrem Wahlaufrufe nicht gleiches Recht für alle übten, die Liberalen nach Möglichkeit aus den Kommissionen etc. herausdrängten und dass sie in der Synagoge Rykestrassc die Orgel verweigert hätten. Die Ausführungen des Redners klangen sehr w׳enig siegesbewusst. In der Diskussion kam Dr. B. Lcwy als erster Redner zum Wort. Er führte aus. dass die Liberalen sehr wenig Aussicht auf Sieg hätten. Ihre Forderung des Sonntagsgottesdienstes sei noch nicht vergessen: das Klugblatt. das vor einigen Tagen verschickt worden sei.!dinge so. dass man annehmen müsse, die Liberalen hätten die Forderung des Sotmtagsgottesdicustes nur vorläufig fallen lassen, weil sie mit ihr gar keine Aussicht auf den Wahlsieg hätten, und dass sie, so bald sie wieder einmal die Majorität haben würden, sofort wieder mit dieser Forderung kommen würden. Die vielen Taufen würdet! den Liberalen und ihrer Lässigkeit zur Last gelegt; sehr viele würden, nur um ihren das Christentum entschieden ablehnenden Standpunkt zu bezeugen, gegen die Liberalen stimmen. Herr Rechtsanwalt Gottschalk־ führte darnach aus, dass matt es den Konservativen nicht verargen können, wenn sie ihre Macht gebrauchten. Im übrigen müssten die Liberalen viel stärker agitieren. Auf Lcwys Beurteilung des Sonntagsgottesdienstes erwiderten Herr Willibald l. ö w e tt 111 a l und der Vortragende, Herr Prof. Geiger, dass die Liberalen durchaus ehrlich und ohne Hiptcrgedanken seien, wenn sie den Sonutagsgottesdienst nicht mehr forderten; Diese Forderung sei von der Majorität der Gcmcindc abgelehnt und würde von ihnen nicht mehr erhoben werden. Matt solle doch den Versicherungen von Männern Glauben schenken. Im eigentiini'nchen Gegensätze zu diesen beiden Rednern führt Herr Louis Sachs aus. dass er noch immer d e r A n s i c 111 sei. dass der Sonn-, t a g s g o t t e s d i e 11 s t wfinschenswccrt sei; die Leute hätten Sonnabends keine Zeit, den Gottesdienst zu bcsuchen, und man müsste ihnen Sonntags dazu die Gelegcnheit bieten. Vorläufig sei freilich nicht an die Verwirklichuttg dieser Forderung zu denken, und er selbst verspreche, bei einer Wiederwahl sie auch nicht zu erheben. Diese Austiihrungeii wurden sofort dadurch fixiert, dass Dr. Lcwy nochmals das Wort nahm und Herrn Sachs entgegnete. dass er seine ersten Bemerkungen nur bestätigt halte. Falls er w irklieh die Einführung eines offiziellen Sonntagsgottesdienstes als etwas für das Judentum heilsames erachte, so sei es seine Pflicltt. darauf hiitzuar! eiten. Alsdann hätten aber alle, die den Sonntagsgottesdienst als ein Kompliment vor dem Christentunte betrachteten, durchaus recht, nicht liberal zu wählen. Die Liberalen hätten sich durch diese Forderung, die aber durchaus noch nicht aus der Welt geschafft sei. den [?odett in der Gemeinde selbst.abgegrabett und würden bei den Wahlen deshalb unterliegen. Nach einer kurzen Replik seitens des Herrn Sachs wurde die Versammlung geschlossen. ■ f---;-]■ ל י כד Sprechsaal. 1 r~ Ffir die Mitteilungeh an dieser Stelle übernimmt die Redaktion nur die pressgesetzliche Verantwortlichkeit. Der Rabbiner Ben-Zion Kretzmer In Simferopol ersucht um die Verbreitung folgender Mitteilung: Vor ungefähr vier Jahren verliess der damals 2b Jahre alte Menachem Mendel ben Rab Dobh Bcr Cohen (|**r) aus der Stadt Uspol im russischen Gouvernement Kowtto. (Kreis Wilkomir). seine Heimat unter Zurücklassung seiner Frau und vier Kinder, um nach Afrika zu gehen. Itt der ersten Zeit nach seiner Abreise erhielt die Frau einige Briefe von ihm aus Nordafrika* *), später aber hörten Frau und Kinder nichts mehr von ihm. und er blieb verschollen. Der Maittt ist etwa 32 Jahre alt. etwas über mittelgross, und hat dunkelblondes, fast schwarzes Haar. Von Beruf war er Handelsmann. Die verlassene Frau Rosa Debora Cohen in Simferopol sowie der Rabbiner B. Kretzmer in Simferopol bitten jeden, der irgendwie über den Verbleib des Mannes der armen Frau und den verlassenen Kindern eine Mitteilung machen oder etwas berichten kann, was zu weiteren Nachforschungen die Unterlage bieten kann, dringend um Mittellung. Auch die Redaktion dieses Blattes ist bereit solche Mitteilungen gern an die geeignete Stelle weiterzugeben, damit den Kindern der Vater vielleicht zurückgegeben werden kamt. — Kleine Chronik. Berlin. Am Sonntag, dem 23. Oktober fand, im Büro des Deutsch-Israelitischen (*enieindebundes eine gemeinschaftliche Sitzung des Vorstandes und des Wohlfahrtsausschusses des .,Vereins jüdische Arbeiterkolonle und Asyl” statt. Der stellvertretende Vorsitzende. Herr Moritz Roseuow, widmete den Verdiensten des heimgegangetren ersten Vorsitzenden, Mitbegrtinders und immerwährenden Ehrenmitgliedes des Vereins, Herrn Maurermeister Adler Worte dankbarster Anerkennung. Atts dem Berichte über die Entstehung der Arbeiterkolonie während der 3 verflossenen Quartale sind folgende Daten beachtenswert. Am I. Januar betrug die Besetzung der Kolonie 71 Mann, bis zum 30. September wurden 252 Manu aufgenotn• *) Itt der uns gewordenen Mitteiuug scheint insoieni ein Irrtum vorzuliegcu. als uns in mündlich gewordenen Mitteilungeii gesagt w urde, dass der Mann zuletzt aus J o- It a 1111 i s b u r g geschrieben hätte. Es wäre also wohl statt Nordafrita S ii d a f r j k א zu Jeseu. Die Red.