Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Damit wird die bei den jetzigen Raun!־ Verhältnissen mögliche Maximalbesetzung erreicht sein. Die durchschnittlichen Verpflegungskosten pro Mann •uiu Tag schwanken in den verschiedenen Monaten von •16.6 Hg. im Februar bis zum Maximum 53,6 Pfg. im Mai. Das Guthaben der Kolonisten aus dem Ertrage ihrer L'eberverdienste belief sich am 30. September auf 1073.58 Mk. Der Gcsuiullicitszustand war ein guter. Der Zuschuss der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist von 6011 Mk. auf 1000 Mk. erhöht worden. Bcsonderen Wohlwollens hat sich die Kolonie seitens der U. O. B. B.-Logen zu erfreuen, die ihr je nach den eigenen verfügbaren Mitteln kleinere oder grössere Zuwendungen gemacht haben. Von sonstigen grösseren einmaligen Zuwendungen sind die der Herren Bankdirektor Paul Mankicw Uz-Berlin (20ס*י> Mk.) iiir Herrn Alexander Meyer-Cohu-Bcrün 500 Mk.. .1. Salomonis und R. A. Dzialoszynsky je 300 Mk.. Leopold Friedinauu-Berlin, Pli. Schiff und Jakob Sichel in Frankfurt a. M. und die Unterstützungskasse zu Fürth mit je 21 <0 Mk. hervorzuhebeii. Auch sind verschiedene Jahrzeitstiftuugeu begründet worden. Während die einmaligen Beiträge und Zuwendungen von 16 Personen aus Berlin 5753 und von -12 Personen bezw. Vereinen von auswürts J971 Mark betrugen, ist die Zunahme der persönlichen Mitglieder im letzten Iahre unbeträchtlich. Zur Erhöhung der noch immer unzulänglichen Mitteln der Stiftung wurde beschlossen, die geeigneten Kreise darauf hinziiweisen. dass durcli den regelmässigen in der Anstaltssynagoge abgelialtenen Gottesdienst Gelegenheit zur Begründung von Jahrzcitstiftungen gegeben sei. Auel! aut den Mangel an warmen Kleidungsstücken und Fusszeug für die Kolonisten seien Gönner der Anstalt eindringlich hingewiesen. Solche Zuwendungen beliebe man gütigs: per Postkarte dem Inspektor der Kolonie. Herrn Behrendt, Weissensee, Würthstrasse 20, anzuzeigen, welcher die Sachen alsdann gern abholen lässt. Schliesslich sei erwähnt, dass anstelle des sei. Herrn Adler Herr Moritz Rosenow zum 1. Vorsitzenden und zu seinem Stellvertreter Herr Fabrikant Albert Silbermann gewählt und dass die Einsetzung eines zur Ergänzung der Tätigkeit des Wohlfahrtsausschusses geeigneten Damenkomitees, an dessen Spitze Frau Maurermeister Adler treten soll, beschlossen wurde. Zwickau. 3. November. Das Kultusministerium hat verordnet, dass alle in den Amtshauptmannschaften Zwickau und Schwarzenberg wohnhaften J u d c n zu einer Religionsgemeinde mit dem Sitze in Zwickau zusammengefasst werden; Aufsichtsbeherde ist die hiesige Kreishauptmannschaft. Die Juden sind schuld. Die ..Russ. Telegraphen-Agentur" ist von zuständiger Seite ermächtigt zu erklären, dass die Petersburger Nachricht der ״Köln. Ztg.“ von Ausschreitungen, welche die Einziehung der Reservisten an vielen Orten zur Folge hatte, zwar wahr, aber übertrieben ist. Die Ausschreitungen haben nicht an vielen, sondern nur au vier Orten stattgefunden. Ausserdem ist die Veranlassung zu den Ausschreitungen. welche zur Verwüstung eines oder zweier Koloniahvarenlädeu geführt haben, unrichtig gedeutet. Sie ist damit zu erklären, dass die grosse Ansammlung von Reservisten an den Gestellungsorten israelitische Händler veranlasste, die Preise stark zu steigern, wodurcii die Erbitterung!kr Reservisten hervorgerufen wurde. Die Ausschreitungen wurden überall im Keime erstickt, übrigens fällt die Verantwortung für die Erregung der Leidenschaften grösstenteils aut jüdische Sozialisten, welche überall an den Sammelpunkten der Reservisten Proklamationen g'egen den Krieg verbreiteten, aber nichts anderes hierdurch erreichten, als den Zorn der Christen gegen sich zu erregen. — Es lohnt nicht, darauf etnzugehen. Entgegen den von der ״Russischen Telegraphenagentur“ verbreiteten offiziösen Beschwichtigungsnachrichtcu kann auf grund zuverlässiger, aus Siidrussiaud eingelangter Meldungen nur bestätigt werden, dass die .von den emberufenen Reservisten veranstalteten Unruhen au zahlreichen Orten einen ernsten Charakter hatten. Die Polizei unterdrückte sie ga.- nicht oder sehr spät. In Jekatcrincslaw, einer bedeutenden RUNDSCHAU. Seite 389. Fabrik- und Handelsstadt, wurden, wie der ״Franki. Ztg.״ herichtet wird, im September infolge der Unruhen vierzig jüdische Famiiien an den Bettelstab gebracht, und nur einer organisierten Selbstwehr der Juden, die sich mit Stöcken unu Messern bewaffneten gelang es, den Exzessen ein Ende zu machen. -• Im Städtchen Alexandria wurden die Jude!! am Versöhnungstage in der Synagoge überfallen; zwei jüdische Studenten sind infolge der ihnen beigebrachten Wunden bald darauf gestorben. Es konnte dabei von irgendwelcher Erbitterimg wegen erhöhter Lebensmittelpreise nicht die Rede sein. Die Zentralrcgierung in Petersburg sollte mit dem unter Plchwe üblich gewesenen System brechen, auf grund der Dar- Stellungen der Gouverneure oder der Polizeiorgaue den Opfern nachträglich auch noch in offiziellen Commnuniquös die Schuld für ihr Unglück aufzuladen. — In Kischinew׳ hat dieser Tage der Freispruch Kawcrins und der anderen Stadtbekannten Totschläger - die lebhafte Besorgnis waebgeruien. dass es zu neuen Überfällen kommen werde, da bei dem sonderbaren Justizverfalireu die Straflosigkeit für Plünderungen und sogar Totschlag der Juden nahezu sicher erscheint. Der neue griechisch-orthodoxe Archierei in Kischinew. e!11 human gesinnter Priester, hat kürzlich in einer Ansprache auf die furchtbare Notlage in Russland und das Kricgsuugliick hingewiesen und hinzugefügt: ..Andere mögen diesen unsäglichen Jammer durch politische und ökonomische Gründe erklären: ich sage euch, er ist eine Strafe von Gott für das unschuldige Blut eurer jüdischen Mitbürger, das ihr im vorigen Jahre vergossen!” Wilna. Während seiner Anwesenheit in Wilna hat der neue russische Minister des Innern, Fürst Swiaiopolk-Mirsky. den Vertreter der amerikanischen ״Associated Press”. Howard Thomson, empfangen und sich dem Amerikaner gegenüber über die Fragen der inneren Politik geäussert. Ueber die Judentrage sagte der Minister wörtlich: ..Eine überaus wichtige Aufgabe der inneren Politik ist die Judentrage, welche mich sehr interessiert. Ici! habe aufmeiksam ihren ernsten Charaktcr studiert und weiss. wie schwer sie zu lösen ist. Ein kürzlich erlassenes Manifest des Kaisers hat die Rechte der Juden hinsichtlich des Wohnrechtes und der Berufswahl erweitert. Die Lage der ärmsten Klassen ist indessen äusserst schwer. Das Beste, was man für sie ernstlich wünschen kann. ist. ihnen weJen Spieiraun! in der Wahl ihrer Existenz- und Arbeitsmittel zu geben.“ Nach diesen Aeur-serungen des Ministers dürften die überschwänglichen Hoffnungen, welche in einigen jüdischen Kreisen auf den Fürsten Mirsky gesetzt werden, kaum in Erfüllung gehen. Von der geträumten Gleichbereehtigung der Juden in Russland kann somit keine Rede sein. JekAterlnoslaw. Wie der ..Pridnjeprowsk'j Kraj” meldet, haben die Judenkrawalle in Jckaicrinoslaw volle zwei Tage, am 17. und 18. September, gewütet. Viele Juden sind schwer vei letzt, über hundert jüdische Geschäfte vollständig ausgeplündert worden. Der Gouverneur hat die Teilnehmer a!1 den Exzessen gegen die Juden auf administrativem Wege zu kleinen Freiheitsstrafen verurteilt, und zwar wurden sechs Personen zur Polizeihaft in der Dauer von zwei Monaten, acht Personen in der Dauer von drei und zehn Personen von zwei Wachen verurteilt Die liberale Zeitschrift ״Rossija" wendet sich in scharfen Worten gegen die in den antisemitischen Blattern noch immer weiter betriebene Hetze gegen die Juden und ruft am Schlüsse aus: ..Die sittliche Pflicht unserer Presse, in der die innere Stimme des Gewissers noch stark ist. ist es. wenigstens in d eser schweren Zeit die kleinliche!! und!lässlichen Hetzereien gegen die Juden zu brandmarken." Charkow. Ende September hielt der akademische Senat der Universität zu Charkow eine Sitzung ab. um die Gesuche der Juden um Aufnahme in die Universität zu prüfen. Wie der ..Juschny Kraj“ meldet, wurden im ganzen nur 21־ Juden aufge- ' nonuneu. Die Zahl der aufgenommenen Christen betrug -175. Kischinew. Am 3. Oktober begann eine weitere Serie von zwölf Prozessen gegen die Teilnehmer an dem Judenmassaker von 1963. Das Forum ist wieder ein aus Odessa delegierter ücrichtssenat unter Vorsitz des Präsidenten Mersljakow. Die Verhandlung begann mit dem Prozesse gegen die zwei Mörder Poliakow und Dudzak, die am Ostermontag 1903 die arme Milchhändlerin Cheile Kosja mit Knütteln ermordet batten. Der Arzt konstatierte seinerzeit, dass der Frau der Schädel zerschmettert und die Nase in furchtbarer Weise eingedrückt wurde. Beide Angeklagte wurden nichtsdestoweniger vom Morde freigesprochen und Dudzak nur wegen Raubes zu acht Monaten Zwangsarbeit verurteilt. — Der andere Prozess wurde gegen die Mörder Kowerin, Piwschok und Fokscba durchgeführt, welche Kotman Wuljowitsch getötet und dessen I Kinder Srul und Ita Woljowitsch schwer verwundet haben. ■■i, jynjc ■iHKywr.־*■ :,,IUP?ווויי