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Jüdische Rundschau · 1904-11-11 · Heft 45 (11.11.1904) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 45 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
– (sequence 11)
Language
German
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fl 3552 Nü-J5• JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 385. nic moderne Jiidimm ist in der Hauptsache religionslos und sich meistens n״ch etwas zu gute auf diesen negativen Freisinn, der nicht die Frucht von Kämpfen ist. sondern ge- Löhtilich gedankenloser B e q u c m! i c h k ei t entringt, Der Mangel einer religiösen Kultur gibt der jüdischen Frau etwas heimatloses, nimmt ihr W'urzelhaftigkeit und Bo- Listiindigkeit. Von den Idealen ihres Volkes weiss sie wenig. Die jüdischen Mädchen, die in den ehristl'cheu oder qiiuilü'U-Schulen sitzen, habe« von den Erzvätern. von Mos.s und den Propheten, bei weitem nicht die Kenntnisse, die ihre christiichcn Mitschülerinnen besitzen. Dass man die Psalmen auswendig lernen könnte, kommt ihnen nicht in den Sinn. *Is ich einmal ein junges Mädchen auf diesen Schutz religiöser Kultur aufmerksam machte, bekam ich zur Antwort, was kümmern mich diese ..alten, dummen Sachen", wir sind moderne Menschen..- Ja. dass man nur leider mit der Phrase .modern" die über alle \'e־׳gangcnhei?sgeschiclite hinwegtragen Juli, keine wahre Kultur hervorbringt. Bis hierher glaubte ich wörtlich zitieren zu müssen. Was die Verfasserin weiter sagt, kamt in wertigen strichen gezeichnet werden. So meint sie. dass diese ober- Sächliche Assimilation wohl zu unterscheiden wäre von den \\endclsohnschen Frauen z. B.. der Raitel. Fanny Lewald etc. etc., denn jene hätten sich ihre eigene Geisteswelt aufgebaut in dem Reiche unserer grossen Denker und Dichter, «je sic sagt. Sie fanden den Weg nach Weimar und hätten Jerusalem vergessen. Auch die männlichen jüdischen Schriftsteller hätten sich Je;n Osten entfremdet, die I.iebe für die Heimatsgeschichte *äre geschwunden, Und alle grossen biblischen Frauenge־ stalten in der schönen Literatur, wären den Köpfen von Nichtjaden entsprungen. Ferner zitiert die Autorin noch Verse vc! Beine, worin er dem Mndonnenkultus huldigt und sein Lchtes weibliches Ideal daraus entnimmt. Die Differen/ieruiigshewegmig. sagt Frl. Dr. Mensch zum •Nhlusse. der atifbreclieude Nationalitätengegensatz hat den (ssimilierungsprozess aufgchalten. auf Jahrzehnte hinaus viel- .’eicht zurückgeworfen — das meint auch das Wiener ,.Jüdische Volksblatt“. aber dass die Welt des Halbmonds eine gedeihliche jüdische Kultur in Frieden auikotmneii Hesse, bezweifelt sie, «mal da der Boden Miihammeds keinen Raum für Frauen- Vs’turarheit hatte. Diese Letztere aber braucht der Zionlsres so notwendig, wie jede andere grosse Bewegung unserer Ic. — Nun brauchen wir sclbstvertfmdlich mit der Autorin nicht s allem einer Meinung zu sein, w ir sind zunächst soweit echt mit ihr einig., als sie von den türkischen Landen und einer, in ihnen ins Auge gefassten, jüdischen Kultur sagt - auch über die ״Fahnenflucht“ ..jener Frauen“ denken w ir riers. dem! gewiss hätten sie mit ihrem .geistigen H״chflug“ ajeh die Treue zum angestammten Cdauhcn verbinden können: denn nicht nur, dass die Strahleukroue ihres Ruhmes nichts vom Ctlanzc ciugchiisst hätte, nein sie hätte sich lichter und reiner gestaltet, dem Judentum aber und besonders den jüdischen Frauen hätte eine ..Fanny Lewald“ ein leuchtendes Vorbild werden können. Und der Weg nach Weimar, der st denn doch fiir alle jene, die ihn suchten, von Jerusalem i&sgegangeu und die ״Weimarianer“. der grosse Goethe nicht;:sgenomnien — sic alle haben aus der Duelle, die dort gessen und die die ganze Kulturwelt mit ihren! ..Nass“ beichte, :eschöpft. Der Vorwurf aber, den Frl. Dr. Mensch der jetzigen. ä׳r modernen Jüdin macht, der ist leider nur allzuberechtigt - sie weiss nichts von uiiseru Idealen und will nichts davon wissen, wer aber ist Schuld darum? Wer hat die Mutter 1ף'$ Mädchens, das sie so ״betrübende Antwort־‘ gegeben, wehrt, ihr Kind im Geiste des Judentums zu erziehen? Hat חיי denn sie selbst darin erzogen? Hat der Vater, der Hmder. oder der Lehrer ihrer Jugend sic in unsere erhabene lehre eingefiihrt? Nein, nichts von alledem geschehen - ־ י' CeiTsscntÜcher Unwissenheit hat m m s׳e erhalten, nicht an ».:jüdischer Lebensweisheit hat man ihren Geist gestärkt, nicht Verständnis für unsere herrliche Literatur hat mau ihr ««Mosscn — wozu auch? War sie doch nur ein .Viädcheu N eia solches ist ja nicht einmal zum Besuche des Gottes- ^enstes verpflichtet. — Und unsere Zionisten? - - Nun im ״eseii der Bewegung, sozusagen theoretisch, hat man die rau dem Manne gleichgestellt, aber in der praktischen Beäbsung. an der Verwaltung, an öffentlicher Agitation, hat fernes Wissens noch keine Frau teilgenou!n*..־n - und so *schämend cs für uns auch sein mag. dass es eine Christin sk die den ersten ״Weckruf“ au uns ergehen liess, w ir Frauen bisse״ ihr doch in tiefer Dankbarkeit die Hand drücken, dass ‘e u״s aufgcrüttelt. Und vergebens wird das Signal nicht egebcu sein. Die ״Berufenen" unter uns ״Männer wie Frauen", *erden e s verstanden haben, und wenn ernste Aufgaben in die Hände ernster Frauen gelegt werden, wird sieh kein Mann über die Lösung derselben beklagen können. E. G u t m a 11 n. Dr. med. K. Lippe־Jassy. Einer der hervorragendsten Zionisten, der sich um unsere Bewegung und das Judentum überhaupt Verdienste erworben hat, wie sie leider noch nicht recht gewürdigt wairdeu. ist unstreitig unser alter Dr. Karpel Lippe. Dieser Greis mit dem ewig jungen Herzen hat stets alle seine Fähigkeiten in den Dienst unserer Nation gestellt und auch heute scheu wir ihn rüstig an der Arbeit• Nichts hat ihn abhalten können, sich dieser Arbeit zu unterziehen, auch nicht zu einer Zeit, wo das Eintreten für den Zionismus eine mehr als undankbare Aufgabe war• — Dr• Lippe hat in der Tat redlich gehalten, was er vor vielen Jahren versprochen, ״wegen Zion nicht zu schweigen und wegen Jeruschalajim nicht zu ruhen." __ V* ir brauchen nur irgend eine beliebige jüdisch-rumänische Zeitung der letzten .hl Jahre zur Hand nehmen - - selten fehlt in einer Nummer Dr. Lippe’s Namen: Vorträge in allen möglichen Sprachen (deutsch, hebräisch, rumänisch, polnisch, französisch), literarisehe Abende, kurz, alic Veranstaltungen, die ein jüdi$ches־Gcpräge tragen, werden in Jassy seit vielen Jahren von ihm hesorgt oder zum mindesten veranlasst. Es zeugt gewiss von nicht wenig Idealismus und Liebe für sein Volk, wenn dieser "Jjälirige Arzt es noch heute nicht verschmäht, den Vertrieb von Eintrittskarten zu jüdischen Wohltütigkdtsveruustaltimgeit zu über!t.hmei!. mir um dadurch dem betreffenden Zweck grössere Summen zuzuführei!. Aber darauf beschränkt sich Dr. Lippe's Tätigkeit iür die nationaljüdische Idee keineswegs. Er hat dem Judeutumc viel mehr geleistet, indem er sowohl literarisch als auch praktisch hervorragend tätig war. In Würdigung seines ganz bedeutenden jüdischen Wisscms hat ihn einst der bekannte Czernowitzer Rabbiner Dr. E. Igel mit den Gelehrten des Mittelalters verglichen, mit dem Unterschiede jedoch, dass jene Gelehrten Rabbiner und Aerzte waren, während er Arzt und Rabbiner sei. Und dies;.*״ ehrenhaften Vergleich verdient Dr. Lippe in der Tat. wie sich jedermann überzeugen kann, der seine zahlreichen W erke lies♦. Als wichtigste und beste unter diesen mögen erwähnt werden: 1. ״Die Gesetzessammlung des Juden- Spiegels”. c:ne Polemik gegen den Renegaten Aron Briman (ls\:). 2. ..Das Evangelium Matthäi vor dem Forum der Bibel und des Talmud“ (ISS9L 3. ,.Rahbinisch-wissenschaftliehe Vorträge". -I. ..Die 10 Gebote im Sinne des Judentums und der Kirche" (I.s9D. 5. .Meine 25jährige zionistische Agitation“ (19112) etc• -- Alle diese Werke zeichnen sich höchst vorteilhaft dadurch aus. dass sich Dr• Lippe nicht begnügt, das angegriffene jüdische Gebiet zu schützen, ״indem er sich vor der Lüge und dem Unsnn hinter der Wahrheit und der Logik verschanzt, sondern von vornherein den Feind angreift und den Kampf am das feindliche Gebiet verlegt.“ Man hat einen seltenen Genuss, diese herrlichen Werke zu lesen und kann es kaum fassen, wie ein jüdischer Gelehrter den Mut findet, in solcher Weise den Judenfeind zum Kampfe herauszutordern. Dr. Lippe ist sicherlich einer unter den ersten Juden, die mit der althergebrachten Taktik der blossen Ab* wehr ein für allemal gebrochen haben. Er hat schon lange eingesehen, dass im Kampfe gegen Vcrlüuinduugcu und Entstelhingen die Waffen der Vernunft und der Geschichte unwirksum sind, dass der Feind durch sie nicht zuriickeeschlagen w ird, dass er sich im Gegenteil »ach überwiesener Lüge und misslungenem Angraf einfach zurückzicht. um bei Gelegenheit seine Y'erlüumdungen in unverschämter Weise wieder zu erheben. Als wirksame Abwehr gebraucht Dr. Lippe mir cmpniulliche Oegeustösse und unheilbare Wunden, die er dem Feind auf dessen eigenem Gebiete schlägt, wodurch er ihn /um Schweigen bringt. Diese Werke haben einen um so grösseren W ert als sie zumeist in Zeiten erschienen sind, wo die Beschäftigung mit jüdischen Dim׳״e11 als ein Rückschritt galt, wo die Assimilationshcwegung in Blüte stand und von Zionismus in politischem Sinne noch gar keine Rede war. Sein heldenmütiges Eintreten für die nationale Sache hat Dr. Lippe sehr viele Feindschaften von Seiten der ..gebildeten“ und reichen Juden Rumäniens zugezogeu, was ihn aber nicht zum Wanken gebracht hat. Mit einer seltenen Zähigkeit hat er an dein festgehalteii, was er fiir sein Volk als nützlich erkannte. Es ist ihm dafür die Genugtuung zu Teil geworden, die Zeit zu erleben, wo sein echt zionistisches Wirken mehr Verständnis in den Kreisen gefunden hat. auf die er gerade eiiiwirkeu sollte. So verdanken viele Hunderte zur Intelligenz gehönende junge Leute mir seinen Werken und seinem Wirken, dass sie dem Judeiitume erhalten geblieben sind, an dem sie jetzt mit un-

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