Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 45. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 384 können. Wer das Glück hat, mit einem solchen kundigen Führer den Friedhof zu durchstreifen, um der fast ausnahmsl״s klassisch einfachen Sprache dieser Steine zu lauschen, der kann sich nicht leicht losreissen von der Lektüre dieses riesigen. steinernen Gcschichts- und Schicksalsbuches mit seinen unzähligen, inhaltsschweren Seiten. Interessant ist aber auch das Aeussere der Inschriften inbezug auf das Schriftbild sowohl, als auch wegen der mit den Jahrhunderten wechselnden Einzclform der malerischen, hebräischen Lettern. Auf den ältesten Steinen finden wir Schriftreihen in breiter, regelmassiger, ungemein klarer Anordnung, die im besten Sinne dekorativ wirkt; auch die Tiefe und Schärfe der Einmeisselung der Scluiftbalkcn war je nach der Zeit verschiedenartig; in älterer Zeit öiters breit und flach, in*späterer Zeit meist schmal und tief. Man kann jetzt sehr deutlich beobachten, wie gerade das letztere tiefe F.inschndden sich im allgemeinen im Laufe der Zeit nicht bewährt hat. da diese tiefen Unterbrechungen die Steinoberfläche weniger widerstandsfähig gegen Witterungseinfliisse machten. Erhaben aus dem Stein ausgesparte Buchstaben kommen nicht vor. Eine weitere, ebenfalls sehr ausgiebige Quelle für kulturhistorische Studien liefern die kleinen, über den Inschriften angebrachten Reliefs, welche die Familiennamen der Verstorbenen, die zum grössten Teii mit den Namen ihres Wohnhauses oder Stammhauses in der Judcugassc übereinstimmen, darstellen: dieselben ermöglichen zugleich in diesem Labyrinth von Grabsteinen eine jedermann leicht verständliche Orientierung, umsomehr, als den einzelnen Familien nach Möglichkeit gemeinsame Quartiere zugewiesen worden waren. Nicht bloss Tiere (z. B. Has, Bär, Adler, Halm, Drach, Rapp, Ross. Gans, Hammel), Pilanzen (z. B. Blum, Traub, Baum, Rosenkranz), Geräte (z. B. Kann, Reuss (Fischreusse), Nagel, Hufeisen, •Stiefel). Schilder (Rothschild und Schwarzschild) sind abgebildet, sondern auch mehrere Reliefs mit menschlichen Figuren, nämlich Darstellungen von Adam und Eva im Paradies, der fröhliche (tanzende) Mann, Engelsköpie. sowie Männerköpfe, welche die Namen Mannskopf und Schwarzkopf־ verdeutlichen sollen. (Sch’.uss folgt.) Der Zionismus und die jüdische Frau. Unter diesem Titel bringt die .Frauen-Rundschau“ vom 20. Oktober 1904 einen Aufsatz aus der geistreichen Feder der Leiterin des Blattes. Frl. Dr. Ella Mensch, selbst, und da ich annehmc, dass nicht alle Zionisten, auch nicht die ״weiblichen Geschlechtes“, die Frauenrundschau lesen, der Artikel aber in unseren Reihen gelesen werden sollte, so will ich seine Hauptbestandteile, ohne sic indes; aus dem Zusammenhang zu rcissen — hier wörtlich wieder- ן geben. Der Aufsatz, der mit einem wohlgelungcnen I Bilde unseres ״unvergesslichen“ und ״unersetzlichen“ Dr.! Herzl geschmückt ist, beginnt folgendermassen: — ,Der Zionismus zählt zu den edelsten und gerechtesten sozial- I religiösen Bewegungen unserer Zeit, aber er ist in der Haupt- Sache noch ene Männerbcwegung, in welcher die Frau noch! so gut wie gar nicht, die ihr gebührende Rolle eingenommen hat. In ״Altneuland*‘ von Theodor Herzl wird wohl das weibliche Element in die erwachende palästinische Zukunftskultur hineingezogen, aber niemals geht von ihm eine Initiative aus. Das halte ich für eine empfindliche Lücke in der Bewegung und gerade weil ich hier nicht pro domo spreche, möchte ich mir erlauben, die Träger der Bewegung von meinem christlich-germanischen Standpunkt aus. auf ein stärkeres Heranziehen der Frau, der F r a u e n k r a f t hinzulcnken. — Der Zionismus, wenn er inehr als schöne Illusion i sein soll, ist in. E. von einer tief religiösen Welt- und Lebens- J auffassutig untrennbar. Aber bei den meisten Zionisten trägt ן der inessianischc Gedanke den Charakter einer losen ״Ara- beske“. die ganz leicht um den ,.Zukiinftsbau" herumgelegt ist: sie kann auch ebenso gut fehlen. Die mcssiauische Hoffnung . hat ihren konstruktiven Wert cingebiisst. Das Glas Wein. . das der Hausvater bei der österlichen Feier für den Messias bereit stellt, die Türe, welche für diesen offen gelassen wird, ■ erscheint den meisten doch nur als ein alter Brauch, der rück- 1 wärts aber nicht vorwärts deutet. Messiasse lassen sich nicht erfinden, sie kommmen wenn die Zeit erfüllet ist. Für die Zionisten dürfte denn auch allmählich i ihr Messiasglaube von einer Person zu einem Zustande, , einem neuen glücklicheren Erdendasciii sich gewandelt haben. * Diese Metamorphose merkt man deutlich in ..Altneuland*־, Theodor Clerzl gibt zu, dass dies neue Haus in Palästina, welches er und seine Brüder berbeiselmcn. in Europa, in Deutschland und in England gebaut worden se: :Zu diesem Neubau aber, den Juda in Angriff nimmt, hat die jüdische Frau bis jetzt nur wenige Steine herbeitragen helfen. Aus Vergangenheit und Gegenwart erklärt sich diese Tatsache. Die Jüdin alter Tradition, dieser Typ. der sich in Galizien, Polen und Russland findet, kommt selbstverständlich nicht auf den Gedanken, aus eigener Erkenntnis politisch-sozial ich betätigen zu wollen. Sie hält streng fest an dem ganzen, komplizierten Ritualgesetz, theologisches Wissen aber bleibt ihr zeitlebens fern, da schon der Talmud verbotet, das Gesetz einem Weibe zu lehren. Doch in neuerer Zeit ist dies .anders geworden, es giebt Schulen, in denen auch die Mädchen in die ״Mischnah“ cingefiihrt werden. Auch eine Art Konfirmation, der christliclsen nachgebildet, hat man auigcnomincn. Die Reformsynagogc ist noch einige Schritte weiter gegangen. Aber ein grosses religiöses Leben in den Töchtern Israels zu erwecken ist ihr nicht gelungen. — wenn der ganze Friedhof grünt und blüht, wenn das dichte Laub und die weissen Blüten der Fliedersträuchcr, die gleich Greisen sich neigenden und sinkenden Steine umhüllen. — der wird sich eines nachhaltigen tiefen Eindruckes nicht erwehren können und Zeit seines Lebens verbleibt ihm die eigenartige Erinnerung an sein Verweilen in diesem poetischen, ergreifend stinunungsvollcn Totengarten. Gott sei cs geklagt, dass die ״Moderne Assanation der Stadt” auch auf dieses unersetzliche teuere Denkmal ihre vernichtende Tätigkeit ausdehnte. Ein ganz ansehnliches Stück dieses uralten Begräbnisortes fiel der modernen Umgestaltungsiucht zum Opfer. Dieser unersetzliche Schaden wird zum Glück wenigstens teilweise gemildert durch Herausgabe obiger künstlerischer Publikation über diesen Friedliof, weiche in eleganter, reich mit Bildern ausgestatteter Form den ganzen Friedhof in seiner ursprünglichen, unverkürzten Schönheit wiedergibt, so wie cs war. bevor die neuzeitige Stadtregulation an seine Mauern klopfte. So wie der Friedhof selbst ein Unikum ist, so gilt dasselbe in unvermindertem Masse auch von diesem schönen Buche. Das Werk des Dr. L. Jerabek repräsentiert sich in seiner einfachen, aber ebenso vornehmen Ausstattung höchst vorteilhaft. Der peinlich saubere Druck au! feinem Büttenpapier in schöner klarer Antiqua macht der k. u. k. Hofbuchdruckerei A. Haas* alle Ehre. Das Buch wird eingeleitet durch die Aquarellreproduktion einer Studie von V. Jansa. die wir schon aus dem Werke Alt-Prag desselben Künstlers kennen. Ausserdem zieren 22 graphisch hervorragend ausgefiihrtc Tafeln, die bedeutendsten Grabmaler darstellend, die 47 grnssformatige Seiten starke Monographie. Diese Darstellungen, die doch alle das gleiche Motiv wiedergeben, die hohen, flachen Grabsteine sind sehr verständig ausgcwählt und überraschen durch die Verschiedenheit in der Gleichartigkeit. Es sind neben einigen Gesamtansichten und Totalansichten die bedeutendsten unter den zahllosen Steinen im Bilde wiedergegeben, namentlieh die Grabsteine des gefeierten Gelehrten Rabbi Rezalel Löwe, ferner des grossen Bibliophilen Rabbi David Oppenheim etc. etc. Textlich ist das Buch ausgezeichnet. Die Darstellungen Jerabeks sind stimmungsvoll und wissenschaftlich bedeutend. Ein reichhaltiges zuverlässiges Quellenmaterial hat ihm zu Gebotc gestanden, so dass in diesen 47 Seiten ein interessantes Stück hebräischer Geschichte niedcrgelegt ist. Die Fussnoten von Dr. Pollak sind wertvolle Ergänzungen. Der Preis dieser originellen Publika'ion. die wir der Aufmerksamkeit unserer Leser wärmstens empfehlen, ist K. 5.—, Mk. 4.2. Es ist besonders anzuerkennen, dass das hervorragende Werk, das einen wertvollen Beitrag zur jüdischen Literatur und insbesondere der aufkeimenden jüdischen Kunstliteratur bildet, keinen Juden, sondern einen Czechen zum Verfahr hat. der mehr als viele Juden das Einzigartige des Judenfriedliotes zu empfinden und darzustellen verstand.