Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 45. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 383. immer angeboren, zusammeiiiinndeu und sicli als Brüder zur gemeinsamen Tätigkeit die Hände reichen. Schwer und tief ist es nur zubedauern״ dass Dr. Herzl eine Möglichkeit ausser acht gelassen hatte, nämlich die Mögliehkclt , dass er durch den Tod von der Schaubühne seiner ruhmvollen, unvergleichlichen Tätigkeit abberufen werden konnte, und er durch diese Ausscrachtlassung sich nicht bei Lebzeiten nach einem Nachfolger, nach einem Josua, umgesehen hat. Auch das ist eine nicht genug zu beweinende Wahrheit. V e r i t a s. Vom alten israelitischen Friedhof am Börneplatz in Frankfurt. •Von Dr. phil. Julius Hülsen (Frankfurt). (Fortsetzung.) So liefere der Friedhof eine fast lückenlose, höchst intvressante Reihe von ausgezeichneten Beispielen iiir das Gebiet der Siilvergleichung vom Ende des dreizehnten Jahrhunderts bis zum Beginne des neunzehnten Jahrhunderts. Die Denkmäler des Friedhofes lehnen sich eng an die für Alt-Frankfurt charakterist sehe Art der Stilfolgen au: es ist mit grösster Wahrscheinlichkeit auztinclmien. dass Frankfurter Steinmetzen sie geschaffen haben nicht jüdische, denn den Juden var d e Ausübung eines Handwerkes verboten. So mancher feine, spezifisch Alt-Frankiurterische. durch jahrelange Verwendung :■usgereifte Zug ist in dem orna in e n t a I e n Sc h m u c k der Steine bemerkbar; die Bewohner des Ghettos hätten s:ch in ihrer Abgeschlossenheit nicht leicht diese Merkmale atieigiicii können, um sie etwa bei gelegentlicher, eigener Aufertigung \ou Grabsteinen an/.uwenden. Da infolge des fortgesetzten Kniporhebens aus den tieferen Schichten schliesslich verhältnismässig zahlreiche Grabsteine aui dem enzeiuen Grabe Platz finden mussten, so musste naturgemäss die übliche Stelenform in bescheidenen Abmessungen bleiben, denen aueli die Dicke des Blockes sich unbequemen mussten: ein geringer Spielraum war eigentFch nur in der Höhe möglich, und dies ist bei den reicheren Ausführungen mehrfach künstlerisch ausgenutzt worden. Immer ist der Querschnitt des Grabstc'nes länglich-schmal und die sonst als Grabdenkmal so luiu»ig angewandte Form des quadratischen oder annähernd so breiten Pfeilers oder des Obelisken und der Säule j fehlt hier gänzlich. Auch noch einen anderen uralten Typus ן des Grabdenkmales, die schlichte S a r k 0 p h a g f o r m auf | einem Sockel, überdeckt von einem satteldach-förmigen Deckel, ן suchen wir hier vergebens; diese ist auf anderen Judenfriedböicn, denen mehr Raum gewährt worden war, eine häufige, so zum Beispiel in Prag, wo sic manchmal noch durch zwei an den Schmalseiten des riesigen Steinsarges sich erhebende Stelen bereichert wird, die den Sarkophag um Beträchtliches überragen und einen Umriss von packender, ernst-monumentaltr Wirkung abgeben. Auch im Orient, namentlich auf türkischen Friedhöfen, ist diese Form vielfach anzutreffen; sie breitet immer über den Friedhof eine Stimmung der Melancholie. In einem der besten Werke der holländischen Malerei des siebzehnten Jahrhunderts, in dem ..Judenfriedhoi” von Jakob : van Ruisdael in der Dresdener (laleile. das eine Gruppe voi!; einfacheren, mächtigen Sreitisarkophagen darstellt, ist diese , Stimmung iestgehalten; wer c'nmal dieses wunderbare Ge- I mälde gesehen hat, der wird nacligeiühlt haben, wie der grosse! MaJerpoet gerade diesen Vorwurf zu einer gewaltigen, tief; ergreifenden Apothesc der iinerbittiiclieii Majestät des Todes ן gestalten konnte, ohne dazu der tracl tionelleu Figur des Sensentnannes zu bedürfen. Auf dem Frankfurter Judentricdhofc tritt uns keinerlei; beabsichtigte, todesernste 1V«»nuti.eiiU'Jität cntg'eges^ wahr-; scheinheil war sie auch niemals erstrebt worden. Falls hie1־! überhaupt von einem baulich-künstlerischen .,Programm‘* 1 geredet werden dürfte, so bestand dessen hauptsächlichste Forderung wohl vor albrnt in den örtlichen Beschränkungen. 1 denen man Rechnung tragen musste und die keine Monumen- : talität in dem erwähnten Sinne zuliessseu. Die engen Schranken 1 der Judeustüttigkeit umgaben noch die Toten, wie s'e den 1 Lebenden schon gezogen worden waren. Sollte es erlaubt j sein, den eiuhe tlichen, von rein melancholischer Wirkung! freien Eindruck, den Niederschlag aller Ereignisse, die das Gej samtbild dieses Friedhofes geschaffen haben, in Worte zu! lassen, sie müssten lauten: Entsagung und Ausharren. Hier : steht ein Kulturdenkmal, dem die formende Hand des Schicksales unverkennbare Züge aufgeprägt haben. Das Studium der Inschriften der Grabsteine stosst ( auf mancherlei Schwierigkeiten, und niclu bloss auf solche örtj lieber Art. Da die Inschriften In hebräischer Sprache, und; zwar in Lettern ohne sogenannte Punktierung eingemeissclt , sind und sehr oft Abkürzungen enthalten, so wird nur ein gründlieber Kenner der hebräischen Philologie sieh hier zurechtfindeu durch immer mehr zur Verzweiflung gebrachten Elements, das! unruhig über den Erdkreis auseinandergeworien ist und über- 1 all den extremsten Parteien Zufällen muss. Die Regierungen j und alle Freunde der bestehenden Ordnung können sich unmög- י lieh der Einsicht verschiiessen, dass sic ein aus bitterer Not i zu Umsturzgelfisten getriebenes, durch seine Zerstreuung nicht i ungeiährliches Element zur Ruhe bringen, wenn sie die von uns : vorgeschlagenc Lösung unterstützen. Das ist wohl der ergreil fendste Zug in unserer Volkstragik, dass das hochkonservative! Volk der Juden ünnier den revolutionären Bewegungen zugej jagt wird. Dem würde ein Ende bereitet werden. Konscqueiizcri, deren ganze wohltätige Fülle wir heute nicht einmal | zu ahnen vermögen, würden sich daraus für den allgemeinen j Zustand der Menschen ergeben. j (Schluss folgt•)..; Literaturbericht. . j BQcher der einschlägigen Literatur. «1 •1 R •J A;:o!1 j ... /uijisandt «erden, lindt-n eingeh.t. e <; ,י c״u ׳•••! Unter dem Titel Der alte Prager Judenlrledhof hat Dr. 1 Lubomlr Jeräbek ein Werk veröffentlicht, das der Ueber- Setzung ins Deutsche durch A. Major und Dr. Sp. Wukadinovic wohl wert war. Herr Dr. J. Pollak von der Prager Universitätsbibliothek hat durch seine orientalistisch-hehräischen; Kenntnisse dem Werk auch in dieser Richtung die wissen- J scltaftliclicn Grundlagen gegeben. Der Kunstverlag von j B: K 0 c i in Prag 325-1. hat durch eine hervorragende * Ausstattung dem Werke ein würdiges Aeussere verliehen. Wenn schon hei andern Völkern jetzt die F'riedhofsforschung einen besonderen Aufschwung genommen hat. so müsste dies natürlich noch mehr der Fall bei der jüdischen Nation sein, die ihre Familiengeschichte” in weiterem Sinne in den In- Schriften der Friedhöfe zu suchen hat, soweit sie nicht — und das ist mit den allermeisten der Fall — mit den Judengemeinden vernichtet worden sind. Der Prager Judenfriedhof ist gewissermassen das älteste Denkmal deutscher Judenschait. das noch existiert. Freilich ist auch der Frankfurter alte ״Israclitische Judenfriedhoi“ von ehrwürdigem Alter aber der sagenumwobene Prager ״Gute Ort” ist doch der älteste Punkt, wo deutsche Juden die Ruhestätte der ersten Ahnen auf deutschein Boden zu suchen haben. So ist der alte Prager Judenfriedhof ein europäisches Unikum. So lautet das einmütige Urteil auch der erfahrenden und wcitgere'sten Touristen, welche auf ihren Kreuz- und Quer- Zügen durch Europa, inmitten des Prager Ghettos den altehrwürdigen Boden dieses Friedhofes betreten. Und wirklieh, — wie ein Stück Orient, wie ein Stück längstvergangener Welten wirkt dieser seltene mystische Ort inmitten des Lärmes der modernen Stadt. Es ist dies aber nicht nur ein ganz außergewöhnliches, ir. seiner Art einziges Denkmal von allgemeinem kulturellem und historischem Werte, sondern diese Stätte hat namentlich für den gebildeten Juden besonders grosses Interesse. Wem es Je vergönnt war, auf diesem altertümlichen Totenfclde. namentlich im Mai, zu verweilen.