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Jüdische Rundschau · 1904-11-11 · Heft 45 (11.11.1904) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 45 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 382. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 45. krusteter Zionismus, wie eine Fliege in einem Bernstein, wenn Herzl, der Mann der Initiative und der Tatkraft, nicht gekommen wäre, der ihm eine Seele gegeben, der die in dem Volke cingeschlummerten Kräfte zu regem Leben wachgerufen hat. der dem Voll«? zum Bewusstsein gebracht hat. was es leidet, was es hofft was es ersehnt Nicht zu zweifeln ist daran, dass alle jene grossen Männer, die ihrer Zeit zum Ausdruck, zum Dolmetsch, ja zur Signatur geworden sind, sich nicht alles, was sie gewirkt und geschaffen, aus dem Finger gesogen haben, sondern gewiss Vorläufer gehabt. Männer, die ihnen vorgearbeitet, die den Boden ihnen vorbereitet haben. Aber alle jene Männer, wer kennt sic, wer weiss etwas von ihnen? Höchstens in alten Chroniken kann man etwas über sie erfahren. Fiir die Nachwelt ragen nur die Namen jener Ciottcsbegnadcten, wie Lcuchttürmc hervor׳, die voll feuriger Energie und Tatkraft, alles was die Zeit gebrütet, was unbewusst in Jedem gelebt, ja was viele gedacht und gefühlt haben, zu etwas Greifbarem ausgcstaltet, belebt und verwirklicht haben. Beim Anblicke eines grossen Monumentalbaucs. wissen wir wohl alle, dass gar viele Münde bei ihm beschäftigt waren; Zicgelbrenner, Steinmetze und gar viele, viele Handlanger, aber die Nachwelt hat doch kein Gedächtnis für ale jene Männer, sie bewahrt nur den Namen desjenigen, der den ganzen Stoff zu beherrschen verstand, der den verschiedcuen Materien, die Harmonie, die gestaltende Einheit gegeben. — den Namen des Bauherrn. Auch die Behauptung des flcrrn Buber, dass Herzl ohne jüdische Tradition ohne jüdisches Milieu aufgewachsen und mit der jüdischen Masse nie in Berührung gekommen ist, wollen wir ais Wahrheit gelten lassen, aber als Wahrheit, die durchaus nicht die unsterblichen Verdienste des Dr. Herzl vermindert und verkleinert, sondern uns vielmehr eine Erklärung für sie gibt. Nur ein Mann. — freilich muss er von der geistigen Qualität eines Herzl sein. — ja. nur ein Mann, der nie den Druck empfunden, der die Demütigung nie konnte, dem im vollen Lichte der Freiheit die Flügel ausgewachsen sind, kann, wenn, aus welchem Anlässe immer, ihm die von seinen Brütern erduldete Schmach und Erniedrigung auf einmal zum Bewusstsein kommt, den Schmerz, das brennende Weh in ihrer ganzen Intensität empfinden, sich tief in seiner Menschenwürde angegriffen fühlen, und mit der ganzen Elastizität seines sich in ihm empörenden Geistes, sich aufraffen und mit sich im Sturme, das ganze, beinahe schon totgcglaubte Volk, fortreissen und zu nie geahnten Taten begeistern. Der Geknechtete und Gedehmütigte kann nur jammern und klagen, der Freigeborene kann handeln, kann in die starre Masse des Volkes hineingreifen und sie in allen Teilen aufwühlen. — Der grösste VolKsemanzipator in der Geschichte der Menschheit, nämlich Moses, musste fern von seinen geknechteten Ländern in einem königlichen Hause in Ganz und Pracht auferzogen werden, um dann als grosser Befreier seiner Brüder auitreten zu können. Wäre er mitten in der Knechtschaft auierzogen, nie hätte er den Mut in sich gefunden, vor einen König hinziitreten und ihm zu sagen: ,.Gib mein Volk frei!" ־״־ Solche Beispiele sind übrigens in unserer Geschichte nicht vereinzelt. Auch Nehemjah, der eigentliche Regenerator des Volkes nach dem ersten Exil, hat in dem königlichen Palaste seine Jugend verlebt. .,Wieviel Möglichkeiten wurden getötet!" ruft Herr Buber aus. Wir lassen auch das als Wahrheit gelten. Es fragt sich nur, welche Möglichkeiten Herz׳■ getötet hat? Er tötete die Möglichkeit, dass aus dem Zionismus ein Zwitterding werde, das schon bei der Geburt den Todeskeim in sich getragen hätte, ein Kulturzionismus, der zur Folge hätte, dass in ganz Israel der Kampf entbrannt wäre über die Frage, was unter Kultur zu verstehen ist? Die Konservativen würden keine andere Kultur gelten lassen, ais nur die rabbinisclie. die Chassiditn nur die cliassidisclie, die anderen Parteien nur ihre Kulturen, genug, inan würde vor lauter Kulturen die Kultur nicht sehen. Der Zionismus aber müsste an dieser Kulturseuche zu gründe gehen. — Herzl tötete die Möglichkeit, dass eine vorzeitige Massenauswauderung nach Palästina stattfindc, die die plamiüissige Entwicklung ■i.־s Zionismus gehemmt und nur dazu beigetragen hätte, dass das Heer der Armen sich dort um ein Bedeutendes vermehre, die von den in der ganzen Welt gesammelten Bettelpfennigen ihr kümmerliches Dasein irisien. Er tötete ferner die Möglichkeit, dass destruktive Elemente in das leitende Komitee kommen, die ihre Kraft nicht in positivem Schaffen bekunden, sondern nur in der Kritik und der Negation, jene flimmernden Johantiisläufer, die sich Sterne dünken und sich nur dazu eignen, mit ihrem Irrlicht die Massen zu verblenden und zu verwirren. Diese und noch viele andere Möglichkeiten tötete Herzl. Zum Ersätze aber dafür schuf er in dem Zionismus einen geistigen Herd, einen lebendigen Mittelpunkt für alle Parteien unseres Volkes, denn in dem Verlangen nach einer nationalen Selbständigkeit, nach einer Verbesserung der sozialen Lage, nach günstigen Lebensbcdingungen auf wiedergcwoimcncm heimatlichem Boden, konnten sich alle Parteien, welcher religiösen Schattierung sie auch Gesetzlichkeit, für eine umstürzlische gehalten wird? Ist nicht eine hohe Komik darin, wenn man uns mit den Sozialdemokraten verwechselt, weil wir nicht blind sind gegen die Forderungen der Gegenwart? Den Staatsjuristen wird aber insbesondere die Entwichlung interessieren, wie der Zionismus allmählich seine Organe differenziert. Das eigentümliche Bedürfnis dieser Sache hat ein eigentümliches Vorgehen erfordert Es ist heute noch nicht die Zeit, das alles auseinanderzusetzen. Halbfertige Dinge soll man nicht zeigen . Es gibt schon Missverständnisse genug um uns herum, und Kinder und Narren können nicht begreifen, wie man in dem Hause wohnen soll von dem sie erst die Grundmauern aus der Erde wachsen sehen. Viele unserer Tätigkeiten erfolgen natürlich gleichzeitig und wir haben mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen. Den Montcenis-Tunnel bahrt man von zwei Seiten an und man hat bis zum letzten Augenblick, wo Licht und Licht sich begegnet, die Sorge, ob man hüben und drüben auf dem gleichen Niveau ist. Wir wollen nur unverzagt bleiben. An der Beseitigung mancher Schwierigkeit muss uns die öffentliche Meinung der ganzen Welt mithelfen. Wir brechen ja der menschlichen Wohlfahrt eine neue Gasse. Mannigfaltig sind die diplomatischen Schwierigkeiten, hs muss zunächst allgemein erkannt werden, dass wir ein Stück Orientfrage lösen, wenn wir unter Zustimmung der Mächte mit der Regierung Sr. Majestät des Sultans ein Abkommen treffen. Das Erscheinen der europäischen zivilisierten Juden im Orient wäre zweifellos ein Schutz auch für die dort angesiedelten oder dahin ziehenden Christen, gleichwie es eine Besserung aller Umstände im osmanischen Reich bedeuten würde. Wie? wird Mancher sagen, soll man eine Regime noch stärken, unter welchem die unvergessenen Grausamkeiten der letzten Jahre sich ereignen konnten? Wer das einwendet, kennt, glaube ich. die Türken nicht. Sie sind von einer natürliehen Indolenz und Gutmütigkeit, die freilich manchmal in schweren Gewalttaten ausartet. Das Land und seine Leute verarmen immer mehr, und was man für Ausbrüche des Fa natismus halten möchte, wäre beim näheren Zt1sehen vielleicht als wilde Aeusserung des Missmutes über die eigene üble Lage zu erkennen. In Wirklichkeit sind gerade die Muselmanen, wenigstens die jetzigen in der Türkei, sehr duldsam gegen das religiöse Bekenntnis anderer. Ich weiss dass ich mit diesen Worten gegen manche vorgefasste Meinung in England anstosse: aber was ich sage, schöpfe ich au« eigenen Wahrnehmtmgeu. die ich während meiner Orientreise machte und aus vielen vertrauenswürdigen Berichten. Es gellt den Türken schlecht, und sie machen dafür nach Art der Kinder und naiven Leute alles eher verantwortlich als sich selbst. Wenn man diesen einfachen Menschen zu höherem Wohlergehen verhütt, sie den sättigenden Einflüssen des modernen Lebens aussetzt; ihnen aut friedliche Weise hilft Reformen in ihrer verwahrlosten Administration einzuiühren. so wird man sie künftighin keine solchen Ausschreitungen begehen sehen. Das Interesse der türkischen Regierung, mit den Juden ein Arrangement zu treffen, scheint demnach zu Tage zu liegen. Aber weicher, Interesse hätten andere Regierungen, die Schaffung eines rechtlich garantierten jüdischen Gemeinwesens zu fördern? Das Interesse ist von Land zu Land verschieden, aber in irgend einer Form ist es überall vorhanden. Es ist die notwendige Ableitung eines unglücklichen, verhassten und da-

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