Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1904-11-11 · Heft 45 (11.11.1904) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 45 (11.11.1904)
Date
1904-11-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651341-2651386--01792-2658666
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

JÜDISCHE RUNDSCHAU Nj^JÜi An Jenen Vorbeter erinnert uns Herr Martin Buber seinem in der letzten Nummer von ״Ost und West״ er- *hiencnen Artikel ״Hcrzl und die Historie“. Auch er leitet «einen Artikel, um uns gleichsam mit dem weiteren Inhalt desselben zu versöhnen, mit schöntuenden Schnörkcleien ein. iber schon diese verraten es einem bald, was für ד,סלך tr dem grossen Toten zu singen hat. für einen Menschen", beginnt er nämlich in stolzer Bescheidenheit, ״der nur dann spricht, wenn er etwas zu sagen bat, ist cs ein schwerer Entschluss, sich am Grabe eines verehrten und grossen Mannes mitzuteilen. Wenn man sich dann aber”, fuhrt er dann weiter aus, ״mit aller Kraft auf Leben und Zukunft besinnt und sich aufrafft auch in dieser stillen, harten Stunde seine Meinung zu bekennen, dann erkenne man sich durch den Entschluss, gleichsam geheiligt und gebunden, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit und die ganze Wahrheit zu sagen.“ Und nun beginnt Herr Buber mit den traurigen W a h r h c i t c n. Ich sage ״traurige Wahrheiten", da ja das ci•! Traiierartikcl werden soll und Herr Buber als Zeichen der Trauer sich mit ganz schwarzen Brillen versehen hat, cm durch diese das Leben und Wirken des grossen Mannnes;y betrachten und auch den Lesern zu zeigen: _ ״Herz! habe eigentlich gariiiclus tieucs geschaffen, denn er ht bereits alles fertig vorgetnnden. Hess, Pinsker und Birnhum haben ihm nicht allein vorgearbeitet, sondern ihm alles rtig in die Hand gegeben, das ganze Material, ja, eitt Ma- •«ial. das er sogar• nicht zu erfassen vermochte, denn sic haben das Ziel mit weitschauendercm Blick bestimmt, die Ausgangspunkte mit tieferem Verständnis der nationalen Idee, mit tiefere!־ Ergrümluug des jüdischen Volkswescns dargcstellt. Im allgemeinen hat Herzl den Nationalcharakter des jüdischen Volkes nicht erfasst und njeht verstanden. Spinoza und Balschem, Heine und Lassalle waren Juden, ln HerzB hat nichts Elementar- Jüdisches gelebt. Die Seele unseres Volkes hat im Golus nur einige Worte gestammelt, die ihr Innerstes verkündeten. Herzl gehört nicht zu diesen Worten." Worin also gipfelt das Verdienst des grossen von ihm!*trauerten Mannes? Herr Buber hat auch einige Brosamen Anerkennung für ihn. aber er versteht es, diese mit so viel »Aemiut zu bestreiten, dass einer gar schief den Mund ziehen wenn er sie geniessen will. ״Seine Leistungen", führt er nämlich aus, ״kann man mit Der Baseler Kongress. Von Dr. Theodor Herzl. (Fortsetzung.)*) Was haben wir nun in dieser Versammlung der Verstreuten ^*gerichtet? Kamen wir nur zusammen, um zu weinen, um Wien zu halten und anzuhören? Ich glaibc, wir i.aben in Basel 5l:ch etwas getan. Wenn man kündig unsere Bewegung aus geschichtlicher rernc betrachten wird, ohne den Zorn und den Spott des Tages, I ״lrd man vielleicht die Logik unseres Vorgehens zugeben, j חז-י zur völkerrechtlich gesicherten Heimstätte zu gelangen, j fassten wir zunächst unser Volkstum in die Erscheinung treten j Ist das Volk da, so schafft es sich das Stück Erde, das j *s ״raucht. Ich glaube, cs ist in alten Zeiten nicht anders zuj ־*w״M״. wenn eine Gruppe von Menschen gezwungen war, eine Niederlassung zu suchen. Wir machen das In den rf׳rmen der Gegenwart, das ist der ganze Unterschied. Wir j Jsseu unsere Bewegungen den wirtschaftlichen und Verkehrs- ׳men unserer Tage an. Wir halten uns stets vor A1.gen, dass, *j-nti unser Gedanke alt und einfach ist, wir doch i;; der Aus- ״״rung modern sein können und sein müssen. Nicht mehr durch p. £ durch streifende Hirten und von! Sturm verschlagene!scher wird die Nachricht von unserer Bewegung verbreitet, jnaem sie schwirrt im elektrischen Draht über Land und ^cr und rauscht durch die hunderttausend Blätter der Welt- D •) Dieser Aufsatz erschien zuerst In der ..Contemporary ,'«View”. (Vergleiche No. 28 der Jiid. Rundschau j, Jahrg. Seite 381. einem Worte zusammerfassen: Formgebung. Der geistige Stoff des Zionismus war eine noch unbestimmte Masse mit imendliehen Formmöglichkcitc 1. Herzl legte seine Hand mit festem gestaltendem Druck drauf, eine sichere, aber eine u n a c h t - same «Hand. Ach. wieviel Möglichkeiten wurden getötet! — Die zionistische Organisation entstand, fast will es mir erscheinen, dass sie zu früh erstand —" Und jetzt kommt er auf die von Herzl geschaffenen Institutionen zu sprechen, wobei er immer, anscheinend lobend, diese bis ins zwerghafte zu verkleinern sucht. ״Heitc noch,** ruft er aus, ״nach hinten von intensiver, hingehendster, cnergicdurchgliihter Tätigkeit erfüllten Arbeitsjahre des Manr.es. den wir verloren haben, heute muss gesagt werden: Die Aufgabe liegt noch vor uns. Es ist noch alles zu tu n." Und so fort lobend, wirft Herr Buber mit feingeschliffenen Steinchen um sich nach dem grossen Toten, mit Ausdrücken, wie: ״Er war der Herr eines kranken Volkes," womit er sagen will: Hätte er nicht mit einem kranken, entniarkten und ganz willenlosen Volke zu tun. er hätte es nie dazu gebracht, der Herr zu sein." Und weiter fuhr Herr Buber in seinen Wahrheiten fort: ״Theodor Herzl war kein bedeutender Dichter in Wort und in der Kunstforni." Und nachdem er mit allen diesen Wahrheiten ״die ganzen Wahrheiten und nur die Wahrheiten" zu Ende ist, verfällt er wieder in die anfänglichen Schörkeltönc und nimmt von dem grossen Toten Abschied mit der Apotheose: ..Lebend, hauend, Gutes und Böses für sein Werk bewirkend, stellt er. ohne es zu wissen, eine Bildsäule vor dem Volke auf. die das Volk mit seinem Namen nennt, ohne Irrtum und Fehle, mit den reinen Zügen des Genius, die Stirn durchleuchtet vom Glanze des Messias, ein Geschenk der Illusion, ein Geschenk der Gnade." Nun, nachdem wir uns durch das Labyrinth von Wahrheiten. das Herr Buber zu seinem Ruhme aufgeführt hat endlich durebgev/unden haben, möge es uns gestattet sein, dass auch wir — ebenfalls geheiligt durch den Entschluss — der Wahrheit zum Siege verhelfen ״der ganzen Wahrheit und nur der Wahrheit." Es ist nämlich eine Wahrheit, was Herr Buber behauptet, dass einige Männer von Geist schon früher in ihren Büchern ausführlich den Zionismus behandelt haben, seine Ziele festgestellt und seine Ausgangspunkte in klaren Konturen gezeichnet. Aber es ist ebenso eine Wahrheit dass dieser von Ihnen in Büchern behandelte Zionismus, ein lebloser, ein toter geblieben wäre, eben ein in Büchern eingefangener und eingepresse. Sitzungsberichte. Interviews. Plaudereien und — Karikaturen tragen unsere Gedanken weit hinaus. Und so wird es auch zugehen, sobald wir vom Rat zur Tat wciterschreiien. An dem Tage, wo wir das Land, das wir brauchen, ergreifen, werden wir es jäh mit Kultur bedecken, mit Bahnen, Telegraphen, Telephonen, Fabriken. Maschinen und vor allem mit jenen sozialen Reformen, nach denen heute jeder gesittete Mensch ebenso heiss verlangt, wie nach der Schnelligkeit des Verkehres, nach der Pflege der Künste und Wissenschaften und nach den Bequemlichkeiten des Lebens. Das braucht man eigentlich nur den ganzen naiven Leuten zu erklären, cs ergibt sich ja aus den Vorbedingungen vernünftig von selbst. Wo Menschen sind, da findet sich alles. Die Menschen in Bewegung zu s״*tzen. ist die Aufgabe. Diese Krait hat unsere Idee schon jetzt gezeigt und wird sie immer mehr zeigen. Die erworbene Geschwindigkeit muss zunehmen und es kommt hinzu die Attraktionskraft der gesammelten Massen. Manchmal wünsche ich mich aus der Bewegung hinaus, nicht, nur wegen der Miseren, die tnan mir macht, sondern aus Neugierde, weil ich mir vorstellc. dass unsere Bewegung von aussen einen merkwürdigen Anblick gewähren muss. Den Staatsjuristen. denke ich mir, muss sie ausserordentlich interessleren. Ob sie gelingt oder nicht, ist sie ein moderner Versuch, der Beiträge zur noch nicht genügend erforschten Psychologie der Massen liefert und den auf Recht und Ordnung gerichteten Willen im Werden zeigt. Ist es nicht einer jener Momente, wo man für Arbeit und Sorgen durch heiteres Gemessen der menschlichen Dummheit belohnt wird, wenn unsere Bewegung, die geradezu durchtränkt ist von Sehnsucht nach

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.