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Jüdische Rundschau · 1904-11-04 · Heft 44 (4.11.1904) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 44 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 44. ff •ז״יך‘ י JÜDISCHE malerischer Abwechslung fesseln unsern Blick, unwillkürlich vc 1 leiht die Phantasie diesen Reihen menschliche Gestaltung und Leben. Als wollte eine Schar von hartbedrängten Streitern zutn letzten Kampic sich eng Zusammenschlüssen, so muten diese verwitterten Zeugen einer ereignisreichen Vergangenheit uns an, als״ gälte cs. dieses Ghetto der Toten zu verteidigen. Doch wieder umfängt uns feierliche Abgeschiedenheit, das Auge findet Ruhe und erfreut sich au dem schimmernden Teppich Von Wiesenblumen und strauchartigen Gewächsen, den die Natur versöhnend über dieses Totenfeld ausgcbreitet hat. Was bei der Betrachtung von vielen unserer Frankfurter Baudenkmäler empfohlen werden muss, nämlich sic zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten auizusuchen, um ihren vollen Stimmungsgehalt in sich auizuuebmcn, das gilt auch von dem alten israelitischen Friedhofe. Verschiedenartig sind die poetischen Wirkungen, die er ausübt an einem hellem Sommermorgen, oder im rötlichen Widerscheine eines Herbstabends wenn hinter dem in der Ferne aufragenden Domtunne das Tageslicht in glühenden Farben zerrinnt, oder an einem trüben Wintertage, wenn jeder Stein vom Schnee wie mit einen׳ wtissen Totenkleide bedeckt ist und sein weisses Käppchen trägt. ' Der verstorbene Maler Carl Theodor R e i f f e n s t e i n, einer der besten Kenner und Schilderer des alten Frankfurt, nennt in seinem!unterlassenen Manuskript den Friedhof ״einen der meikwiudigstcii und malerischesten Orte der Stadt." Mehrere meisterhafte Aquarelle legen von seinen emsigen Studien auf dem Friedhofe Zeugnis ab. Aber nicht nur dem Künstler, sondern auch dem Geschichtsforscher hat dieser Friedhof als Studienfeld schon gedient. Fs ist leicht begreiflich, dass die hebräischen In- Schriften der Steine, von denen zum Beispiel allein iünfundsiebzig wohlerhaltene Nummern, vom Jahre 1272 beginnend bis zum Jahre HW gezählt werden, wertvolle Dokumente für die Geschichte unserer Stadt enthalten können. Herrn Rabbiiier Dr. Horovitz gebührt der Verdienst, die ersten Schritte zur Hebung dieser Schätze getan zu haben. Schon vor zwanzig Jahren liess er die Steine mit einer chronologisch angeordneten Nummerierung versehen ־ und durch berufene Männer Abschriften im Urtexte nehmen. Die gesamten Abschritten veröffentlichte er später in einem Buche dem er eine auf eingehenden archivalischen Studien basierende, zusanuneiifassende Einleitung vorausschickte, die auch ein kurzes Kapitel über die Geschichte über die Geschichte die Friedhofes RUNDSCHAU._ _Seite 373. enthält. Zu der letzteren hat auch eine früher erschienene i A! Handlung von Direktor Dr. Baerwald gediegenes Mai tcrial geliefert. Interessant ist die Tatsache, dass das. wohli erworbene, volle F i g c n t u m s r e c h t• der jüdischen | Gemeinde schon durch eine.Urkunde vom 15. Oktober 1316 : ausdrücklich begbubigt wird. Kriegerische Ereignisse haben; die Stätte des Friedens nicht verschont; schon im vierzehnten i Jahrhundert waren die Mauern verstärkt .worden, da sie ' wehrfähig sein mussten. Während der Belagerung der Stadt | im Jahre 1552 wurden Geschütze und Mannschaften auf dem j Friedhofe aufgestellt. Uin eitle andere wichtige geschichtliche 1 Erinnerung noch herauszugreifen, sei hier jener Schreckens-! nacht vom 1. zum 2. September 16H gedacht, in welcher die durch den F c 11 m i 1 c h selten Aufstand ihrer ganzen Habe beraubten Juden aus Furcht vor der blinden Wut der 1 von Fettmilch aufgestachelten Volksmenge auf, den Friedhof flüchteten, ״Alt uml Jung, Männer und Frauen, alle waren da ■ versammelt und bereiteten sich in Sterhekleidern auf den Tod 1 vor. ihn hier in Treue zu Gott bei den Gräbern der Vorfahren ' erwartend.“ . In geringerem Masse als der historischen Seite ist bisher den Grabsteine n selbst in Bezug aut ihre k ü n s*t 1 erische Einzelerscheinung Beachtung geschenkt worden; hier bleibt ein. sehr reiches Material noch zu sichtet! und zu verarbeiten. Zwar weisen die Denkmäler durchgängig die .altüberlieferte, einfache längliche Stelcnform: auf, die aber in mannigfachen, reizvollen Umrissen abwechselt. Hauptsüch- [ lieh der obere Abschluss des Steines ist cs, auf des$״n Lösung die Steinmetzen ihre Erfindungsgabe verwandt haben. Das hierzu offenbar beliebteste Motiv ist ein flacher Rundbogen, zu dessen beiden Seiten etwas erhöht, gleichsam auf den Schultern des Steines, zwei walzenförmige freie Endigungen liegen, die an ihren Stirnseiten mit einer zierlichen, oft vielgliederigen Rosette geschmückt sind; oft wiederholt sich ein solches Gebilde auch noch über der Mitte des Bogens als oberer Abschluss, in der Regel dann als ein besonderes Werkstück mit einem Dübel aufgesetzt oder mit einem Zapfen versehen, so dass cs nicht mit dem grossen Block aus einem Stück zusammenhängend gearbeitet ist. Diese letztere, technisch nicht ganz solide Art der Ausführung ist bedauerlicherweise die Ur- Sache, dass viele dieser mittleren Endigungen herabfallen und für immer verlorengegangen sind. Aber auch volle Rundbogen und streng gradlinige Abschlüsse ohne diesen Zierrat kommen vor, ferner solche, die freier in gebrochenen Schwingungen Allein der schöpferische oder umschaffende Anteil der Bibel ging weit darüber hinaus, eine Freiheitsgeschichte in jüdisch-biblisches Gewand zu kleiden, ihm war es auch zu danken, dass ein altes Motiv aus der ersten Fassung der Dichtung zu einer Hauptsäule des Dramas wurde: Der 1 Kontrast zweier Frauentypen wurde zur biblischen Doppelehe und so zum ״Kern des ganzen Stückes“, wie sich der Dichter selber äusserte. Eine psychologisch interessante Assoziatzionstatsache, wie er zu dieser Umwandlung gelangte, (wenn unsere Kombination zutreffend ist!) Vom ״Jakobstab“ her hatte er den Namen Lea. Beim Studium der Bibel, in das sich Ludwig mit heisser Hingebung vertiefte, seit einmal sein dramatischer Plan ein biblischer geworden, stiess er auf den gleichen Namen. Ihre Trägerln reizt ihn zu tieferer Betrachtung, und wieder überfällt es ihn mit blitzartiger Helle, dass eben diese Gestalt, diese Lea und ihr ganzes Umsiesein, ihre Stellung zu Jakob, ihren Kindern und ihrem Nebenweib, sich in eine jüdische Dichtung verpflanzen liesse, wo weibliche Figuren, diese Farbenspenderinnen auf der Bühne, bis. dahin, noch fehlten. So stand die alte Stammmutter Lea als Gattin des Makkabäers wieder auf, Rahel wurde zur Thirza und Judah selber stand zwischen ihnen wie Vater Jakob. Noch mehrmals kehrt das Doppelehemotiv in der Bibel wieder. Aus der Sara-Hagar-Geschichte. nahm Ludwig das Verhältnis der beiden Frauen als das der Herrin zur gewesenen Dienerin; ganz besonders aber hat die Penina-Hanna- Erzählung auf ihn gewirkt, denn der Hochmut des kindergesegneten Weibes und ihre Härte gegen die kinderlose aber geliebtere Nebenbuhlerin holten von hier ihre Schärfe und Leidenschaft. Indessen, ein Grosses fehlte der Konzeption noch zum geschlossenen Kunstwerk, zur tragischen Dichtung. Das war ein tragischer Abschluss. So sehr in der Darstellung Judahs mit seiner Ueberkraft und Isoliertheit* wie •des Volkes mit seiner Schwäche, Kleinlichkeit und •Verkennung, ein Konflikt stecken mochte — einen tragischen Ausgang konnte er nicht nehmen: das •war gegen die Geschichte! Das war so gegen sie, dass es bei der Popularität des Stoffes und der daraus resultierenden Gefühlserfahrung des Publikums •nicht•zu wagen, war. . Denn die; Bibel ,erzählt; dass der Kampf gelang, dassv das Land befreit wurde *und

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