Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 366. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 43. nur die erschrecklichste Korruption sich zu einer Totalität zusammengeschlossen hat, hängen als hemmende Bleigewichte an dem System und ersticken jeden Funken einer Besserung im Keime. Wir lassen hier einige Auszüge aus dem staatsanwaltlichen Machwerk folgen: Bald nach den Kisehinewcr Exzessen hat die jüdische Bevölkeruug üherall und namentlich in den Städten begonnen, sich mit Waffen zu versorgen und Sclbstwchrvereine zu organisieren, für den Fall, dass Ausschreitungen gegen Juden stattfinden sollten. Die Stadt Honicl, die zu den Hauztzeutreu der jüdischen Bevölkerung gehört, ist dieser Bewegung nicht fremd geblieben. Abgesehen von den Gerüchten, dass alle Juden sich bewaffnet und ganze Lager von Wafien hätten, hätten im Frühling 1903 einige Einwohner von Hornel die Gelegenheit gehabt, an dem Flusse Sosch förmliche ‘ Exerzier- Übungen der jüdischen jungen Leute zu beobachten, in welchen sich bis 100 Teilnehmer im Revolverschiessen übten und aufreizende Lieder sangen, wie: ״Die Stunde hat geschlagen, für Christa! und Hunde halten wir einen Knüttel bereit!“ Die allgemeine Bewaffnung einerseits und das Bewusstsein ihrer Ueberzahl und Organisation andererseits haben den Mut der Juden dermassen gehoben, dass man unter den jüdischen jungen Leuten nicht nur von der Selbstwehr, sondern auch von der Notwendigkeit, sich für die Kischinewer Ereignisse zu rächen, zu sprechen begann. Die Juden von Home!, welche auch schon früher den Christen feindlich gesinnt waren, verhielten sich den Christen gegenüber nicht nur hochmütig, sondern herausfordernd. Fälle, in welchen Bauern und Arbeiter mit Wort und Tat verletzt wurden, wiederholten sich immer häufiger, und sogar den höheren Schichten der russischen Bevöl* kerung gegenüber suchten die Juden aui jede Weise ihre Verachtung zu, betonen, indem sie sogar Militärpersonen den Weg auf den Trottoirs nicht frei machten. (!!) In den jüdischen Läden wurden christliche Käufer frech behandelt (!) Damit in Verbindüng fingen Gerüchte zu zirkulieren an, dass die Juden den Christen auf den Leib rücken wollten, und der Polizei wurde schon Anfang August J903 die Nachricht, dass in der Stadt ״wichtige Ereignisse“ erwartet werden dürften. Diese Ereignissc traten plötzlich in Hornel am 29. August 1903 ein, und zwar wie es scheint, aus einem nichtigen Grunde. Au diesem Tage war auf dem Markte um 5 Uhr nachmittags zwischen dem Förster der Oekonomie von Paskewitsch, namens Semen Schalikow, und der Händlerin Elka Maiitzkaja beim Heringsverkauf ein Streit ausgebrochen. Nach einem Wortwechsel spuckte Maiitzkaja dem Schalikow ins Gesicht, und der Wort• Wechsel ging in Tätlichkeiten über. Ucbcr Schalikow fielen einige Juden her, warfen ihn zu Boden und schlugen ihn. womit sie nur konnten. Die Polizei, welche an den Ort der L'11ruhen gekommen war, wurde von den Juden mit einem Steinhagel und mit Revotverschüsscn (!) empfangen. Es wurde nicht nur von der Judenmenge aus geschossen, sondern auch von den Fenstern und Balkons der benachbarten Häuser. Es halt kein Zuspruch: die Gewalttätigkeiten gegen die christliche Bevölkerung dauerten bis zum Abend, und erst als Militär ankam. wurde der Auflauf der Juden anseiiiandergesprengt. und die Unruhen nahmen ein Ende. Die Unruhen vom 29. August 'trugen, wie cs sich später herausstcllte. unbedingt den Charakter von ״Russenexzessen“•, die Juden misshandelten die Russen und hauptsächlich die Bauern, welche ihrerseits nicht imstande waren, ihrer verhältnismässig geringen Anzahl wegen, sowie aus Mangel an Waffen, Widerstand zu leisten, während die Juden bewaffnet und organisiert waren. Alle oben beschriebeneu Ereignisse haben im christlichen Teile der Bevölkerung eine tiefe Empörung gegen die Judjjn und zugleich unter den Einwohnern von Hömel die Gewissheit wachgerufen, dass Judenausschreitungen stattfiuden wVitden, welche Befiirchtungeii sich in Bälde bewahrheiteten. Bei den duich die Untersuchung aufgeklärten Tatsachen hat sich erwiesen, dass ausser den fünf Personen, welche den von den Exzedenten erhaltenen Wunden und Schlägen erlagen, noch vom Militär vier Personen getötet und acht verwundet worden waren, wovon gerade die Hälfte Juden, die Hälfte Christen sind, und dass 250 jüdische Wohnhäuser und Läden bei den Ausschreitungen gegen die Juden zerstört worden waren. Aus denselben Angaben ist zu ersehen, dass sowohl bei den Unruhen am 29. August, als auch bei den Judenausschrcituugcn am 1. September die Juden nach einem gewissen Plan wirkten, was von einer vorher ausgearbeiteten Organisation zeugt; nach verabredeten Alarmpfiffen wurden alle Häuser und Geschäfte geschlossen, man versah sich mit entweder zu Hause oder in geheimen Lagern vorrätigen Wafien und eilte nach bestimmten Punkten, wo die Judeiunengc von bestimmten Anführern geleitet wurde und auf Kommando der letzteren vorwärts marschierte, stehen blieb, diese oder jene Tat beging. Nach der Aussage aller derjenigen Personen, die berufen wurden, die Unruhen zu unterdrücken, hat die aus Russen bestehende Menge dem Militär keinen Widerstand geleistet.” Das ist mm der Bericht des Staatsanwalts. Die Panik der Juden, die ihre Lüden eiligst schlossen, wird als Beginn zu verabredeten Ausschreitungen ausgelegt: die zerstörten jüdischen Häuser werden als corpus delicti für die angebliche Versorgung der jüdischen Bevölkerung mit Holzstücken als Waffen gegen das Militär benutzt. Der Schutz, den das Militär den Exzedenten erwiesen hat. wird als Trennung der Judenmenge von den russischen Arbeitern dargcstcllt, -- überall die Tendenz, die Verteidigung der Juden als Ueberfall auf die christliche Bevölkerung darzustellen und dadurch die Opfer der Polizei und des Militärs in Angeklagte zu verwandeln. Ein Stück schwärzester, mittelalterlicher ..Rechtspflege“ wird hier lebendig! Russland aber ist ein christlicher Staat. Petersburg. Die Zahl der Juden, welche gegenwärtig in den Reihen der russischen Truppen in der Mandschurei kämpfen, beträgt nach Angaben des statistischen Amtes beinahe 301W». Da durch das Gnadenmanifest des Zaren den in der Mandschurei kämpfenden Juden das unbeschränkte Wohnrecht im ganzen Reiche verliehen wurde, ohne dass jedoch dieses aui die Familien dieser Juden ausgedehnt wurde, so wurde der Regierung eine Petition überreicht, in welcher für die Verleihung des unbeschränkten Wohnrechtes auch an die Familien der jüdischen Soldaten plaidiert wird. Die Entsoheidüng darüber bleibt ausständig. Berlin. Der jüdische Turnverein ״Bar-Kocbba“ hält am Donnerstag, dem 3. November 19fM, abends 9 Uhr, in den Gesamträumen der Ressource zur Unterhaltung, Oranicnburgerstrasse IN sein VI. Stiftungsfest, bestehend in Kommers und Ball ab. Durch künstlerische und turnerische Darbietungen während des Kommerses, sowie auch während der Kaffeepause. wird den Teilnehmern ein unterhaltender Abend gewährleistet. Eintrittskarten zum Preise von 1 Mark sind bei Dr. Julius Moses, 1. Vorsitzender, An der Spandauerbrücke 6. Adolf Graupe, 1. Schriftführer, Schilling- Strasse 24. Df. Richard Blum, 1. Turnwart, Oranienstr. 2. Richard Sommerfeld, Potsdame rstrasse 102. Bruno Dobrzynski, Poststrassc 26. Margarethe Amolski. Alcxandcrstr. 5-1. sowie aui den Turnsälen zu haben. Kleine Chronik. —־ Den Freunden der jüdischen Erziehungsanstalt zu Ahlem diirite cs von Interesse sein zu erfahren, dass ein Zögling dieser Anstalt in Berlin ein Blumengeschäft besseren Genres eröffnet hat. Wir freuen uns, unseren Lesern die Mitteilung machen zu können und entnehmen daraus zu unserer Betriedigung, dass die obengenannte Anstalt immer mehr au Ausdchnuug zunimmt. Hermann Schmotlers Blumenausstellung, Kurfürstendanm133, ist die erste Nieder• iassung eines Ahle ui er Zöglings,