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Jüdische Rundschau · 1904-10-28 · Heft 43 (28.10.1904) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 43 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Seite 365. No. 43. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Ein sehr nachahmenswertes Unternehmen ist den! K ö - nigsberger Zionistischen Vereinigung glänzend gelungen. Die bekannte Königsberger Hartungsc h e Ze i t u n g darüber das Folgende: Theodor Herzl-Abcnd. Der hiesige Zionistische Verein hatte gestern seine Freunde und auch das' externe Publikum zu einer Totenfeier für Theodor Herzl cingeladen, die zu einem Teil als ein literarischer, zum andern al ein Propaganda-Abend gedacht war. — Was der im besten Mannesalter vor einigen Monaten aus seiner Bahn gerissene Führer eines kühnen nationalen Gedankens für sein Volk und seine Zeit als Agitator bedeutet hat. ist bald nach seinem Tode oft genug und vielfach mit begeisterter Beredsamkeit gepriesen worden. Uns beschäftigte und interessierte das Bild des Schriftstellers, dessen eigentliche Gcistesheimat das schöne Wien war, der aber den Blutenstaub seines leichtbeschwiugten Talents über die ganze gebildete Welt verbreitet hat. Theodor Herzl, so viele Anregungen ins grosse er auch gegben haben mag, war der geborene Tagesschrittstellcr. der Virtuos des Feuilletons. Auch die Novellen, die Theaterstücke, deren er mehrere geschrieben hat, waren erweiterte und aui die Pointe einer Handlung zugesebnittene Feuilletons. Diese reizende Gabe charakterisiert Hermann Bahr in Wien, der von der Kunst schon etwas versteht, sehr delikat in einer Plauderei über Herzls Einakter ..I love you“. ..Das (ernstere) Thenn, ״so urteilt er“, bleibt (au sieb) unausgeführt, es wird sogleich mit Laune und Anmut übersponneu. Und das ist die Art, die wir auch an den Feuilletons Herzls so schätzen: scheinbar graziös zu tändeln, aber dann unversehens nebenher ein Fenster! aufzutun, das plötzlich grosse und ernste D;1ge, die im Leben draussen sind, mitten in unser Spiel hcreinsehen lässt . . . | Das hübsche an Herzl ist eben dass er solche Sachen weiss, j ohne mit ihnen zu prahlen, und dass er seine Verachtung der « Menschen wohl einmal zeigt, ohne ein grosses Geschrei zu j machen. Er deutet wohl einmal an. dass er auch seine Erj fahrungen hat und dass seine Gesinnungen tiir das Tun und Taugen der!Welt nicht die besten sind, aber er insistiert nicht. 1 Das ist vielleicht das beste an seinen Stücken: dass sie einen Ton der guten Gesellschaft haben, in der man nichts unterstreicht, in der man sich hütet, philosophisch zu tun. und in der man doch weiss. dass auch ein halber Satz, auch eine leise Wendung begriffen wird, ohne gar zu unglücklich zu sein, wenn man sich auch einmal getäuscht bat und es schon einmal nicht geschieht: man hat ja der Einfälle mehr, man ist ja nicht so arm.“ das Endresultat gewiss nur das einer vollkommenen Harmonie gewesen sein kann. Um die Möglichkeit der Nachahmung zu erleichtern, drucken wir hier das vortreffliche Programm in extenso ab: I. Teil. Vorgetragen von Fräulein John. 1. Hcrzl's Selbstbiographie. 2. Die Schatzausstcllung. 3. Die leere Kinderstube. 4. Überschwemmung in der Sommerfrische. 2., 3. und 4. aus den Feuilletons Bd. 1. IL Teil. Vorgetragen von Herrn Dr. Moses. 1. Hcrzl’s Eröffnungsrede zum I. Baseler Kongress. . 2. Mauschel. 3. Die Mcnorah.*) 4. Aus dem Roman ״Alt-Neuland“.**) a) Am Sec Gcuczareth. b) Nachwort. 2. und 3. aus ״Die Welt“ 1897. UL Teil. Vorgtragcn von Fräulein John. I. Der Sohn, aus ״Philosophische Erzählungen“. 2. Nicolai Wtoroi. 3. Armensommer. 4. Trudels Träne. 2. aus den Feuilletons Bd. II. 3. und 4. aus Bd. I. Rundschau. Die geheCine Anklageschrift. Die Judenexzesse ln Hömel. Die Prozessverhandlung über die vorjährigen Judcnexzesse in Hornel, die am 24. d. Mts. begonnen hat, dürfte sich allen Anzeichen nach ihrer Vorgängerin in Kischinew würdig zur Seite stellen. Die Königsberger Hartuugsche Zeitung ist j in der Lage, die Anklageschrift, die von den russischen Be- ‘ hörden natürlich streng geheim gehalten wird, zu veröffeut-; liehen. Dieses saubere Dokument stellt ein Monstrum selbst i in der berüchtigten russischen Justiz dar. Die Tschinowniks Von dieser Glanzseite des schriftstellerischen Krösus lernten wir den Dahingegangenen sogleich in den feuilletonisFschcn Skizzen kennen, die den ersten Teil des Programms füllten und von Frl. Elfriede John (Stadttheater) mit kongenialem Humor und feiner Natürlichkeit vorgelcscn wurden. Und am erfreulichsten war dabei die Beobachtung dass den geistreichen Kopf ein warmes Herz, ein edles Geiniit regierte. Töne aus dem Kinderleben, wie Herzl sie in der .Scliatzausstellune“ und in der ״Leeren Kinderstube'״ (Band I der ״Feuilletons") vernehmen lässt, sind Besitztümer einer reichen, tiefgestimmten Menschenseele, der alle, kalte Effekthascherei fremd ist. Der Satiriker sprach aus den Schilderungen der ״Überschwemmung in der Sommerfrische“, aber.mild und mit der Mässigune des guten Geschmackes. Und die kurze Selbstbiograpliie. die Herzl einmal für irgendeine Gelegenheit verlasst hat und die an die Spitze des gestrigen Abends geeilt war, wirkte als ein originales document humain. der Staatsanwaltschaft haben es fertig gebracht, die Opfer der wütesten Ausschreitungen in Angeklagte zu verwandeln, um auf diese Weise die schmähliche Mitbeteiligung des Militärs und der Polizei an der Niedermetzelung, Misshandlung und Plünderung der Juden zu vertuschen. Dass die Staatsanwaltschaft sich zu einem solch gewissenlos-niedrigen Werk hergab, obwohl kein einziger Fall von Plünderung christlichen Gutes vorlag, und obwohl durch die nichts weniger als objcktive Untersuchung die Ausplünderung von mehreren Hunderten jüdischer Häuser und Läden hat festgestellt werden werden müssen, — zeigt deutlich, dass cs mit der Plchweschcn Politik in Russland noch lange nicht zu Ende ist. Wie könnte das aber auch anders sein! Die Bestechlichkeit, der Servilismus. eine stupende Unfähigkeit in der Beamtenschaft, in der Der zweite Teil des Programms gehörte der Wiedergabe verschiedener grösserer Propagandaschriftcn. die Herr Dr. Moses übernommen hatte, und deren geistiger Gelalt in seinem Vortrage mit überzeugender Klarheit zum Ausdruck kam. ־'׳ferzls Eröffnungsrede zum ersten Basler Zionistenkongress enthält in monumentalen Zügen Uns Programm der Bewegung, und die gallenbittere Charakteristik des verdorbenen Juden ״Mauschel“, der den! Judentum immer angehäugt wird und sielt als Antizionist aus niedrigen Motiven endlich von ihm lossagt, atmete den Zorn einer grossen Kampfestimuumg. ln einem zionistischen Roman ״Alt-Neuland" hat Theodor Herzls Phantasie die Ziele des Zionismus bereits erfüllt gesehen und das jüdische Gemeinwesen der Zukunft in Palästina gemalt. Zwei Stücke aus dieser Dichtung sollten denzwcitenTeil schlossen, dem dann noch ein dritter mit vier wieder von Fräulein John übernommenen novellistischen Skizzen zu folgen hatte. Allein das im übrigen wohlgelungene Unternehmen hatte den Fehler, allzureich ausgestattet zu sein und fiir ein solches Pensum zu spät zu heginnen. Um!ח Uhr war kaum die Hälite des Programms erledigt. so dass wir aus ausser Stande sahen, den Schluss (mit den uns bekannten liebenswürdigen Stücken ״Armensommer‘' und ״Trudels Traum*‘) abzuwarten. Doch verliessen wir die Festgenossen, die den Saal der Btirgerressource fast ganz fülten, in so gehobener und beifallsfreudiger Stimmung, dass I —• ׳׳ ■ ׳ ׳ *) Die ״Menorah" ist der Sarmigc Leuchter, au welchem an den Abenden der 8 Tage des Makkabäerfestes zur Erinnej rung an die Vertreibung der Syrer und die Reinigung des Tempels durch die heldenmütigen Makkabäer ein Licht nach dem andern angeziindet wird, bis am S. Abend alle 8 brennen. **) ״Altneuland" ist ein Zukunftsroman. Die Phantasie des Dichters sieht die Ziele des Zionismus bereits erfüllt und malt uns das jüdische Gemeinwesen in Palästina. Dr. Löwen- 1 berg, der in seiner Vcmvciilwng üem Menschenhasser pnvl j Mensclienveräcliter Mr. Kingscourt mit seiner Yacht nach einer weltabgeschiedenen InseL.gefolgt ist. will nach 20 Jahren mit 1 demselben Europa wieder einen Besuch abstatten und landet j unterwegs in Palästina. Dort findet er zu seinem Erstaunen e׳'n blühendes, jüdisches Gemeinwesen vor. Die Juden haben I nämlich unterdessen unter trefflicher Führung ihre Hcir.ise’ir I in das Land ihrer Väter bewerkstelligt und als ״Neue (*•*eil- ' schaft". das Land in planmäßiger Arbeit zu einem Eden gestaltet. Mit einem angesehenen Mitgliede der ״Neuen Gesellschaft“ Daviil Litwalc. dem Sohne eines Wiener ’Hausierers. | dem Dr. Löwenberg vor seiner Wehfiucht •eine grosse Wohltat . erwiesen batte, und dessen Schwester Mirjam bereist er das! Land u!״I besucht die alten Eltern desselben, welche eir-e Villa 1 am See Genezareth bewohnen.

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