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Jüdische Rundschau · 1904-10-28 · Heft 43 (28.10.1904) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 43 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Dieser Gottgedanke hat in Israel die Propheten erweckt und die Geschichte der Menschheit bis heute bestimmt. Wir Spätgeborenen können uns nur schwer in die ungeheure Gedankengewalt des jiid'sehen Prophetismus hiucinvcrsetzen. Was wir an sogenannten göttlichen Wahrheiten empfinden, mag wohlgemeint und aufrichtig, unsere Frömmigkeit mag ungeheuchelt, unsere Liebe zum Judentum rein und innig sein, aber das alles trifft nicht den Kern. Es fehlt der Zug ins Grosse, es׳ fehlt die dämonische Begeisterung, die aus geheimnisvollen Abgründen aufflammt. Wenn ich Jesaja lese und der Feueratem dieses Propheten sprüht in mein Angesicht, so fasst mich eine seelische Erschütterung über die Schwächlichkeit unseres Zeitalters, das sich in Zerteilungen gefällt und mit der Schneiderelle der Begriffe jede Grösse bemisst und jeden Vollgenuss zerstört; hier aber ist etwas Ganzes und Ungeteiltes, hier ist Judentum. Das Wort ״Nation” giebt keinen Schlüssel zum Rätsel und das Wort ״Religion” wirkt wie Karrikatur . . . Und Gott ist weder eine theologische Formel, noch ein mystischer Selbstbetrug, sondern die Krafr, aus der sämtliche Erscheinungen ebenso selbstverständlich sprudeln, wie das unterirdische Feuer der Erde die Vulkane emporschleudert .... Nur weil sich Jesaja des göttlichen Urfeuers bewusst war, ist er selbst zu einer Flammensäule seinem Volke geworden. Als der Koloss von Rhodus eingestürzt war, trug man die einzelnen Stücke triumphierend davon und fing einen Handel damit an. -- So verfahren wir heute. Die schöne Einheit des Judentums ist uns Epigonen verloren gegangen; wir zanken und feilschen um Bruchstücke. Der eine predigt die hohe Ethik des mosaischen Gottesbegriffes; der zweite schleppt den Schulchan-Aruch herbei; der dritte spricht: Nation ist alles, das andere Schall und Rauch. — Alle drei haben sic Recht und alle drei Unrecht. Die Rechnung geht nicht auf, es bleibt ein Rest — non liquet! — Denn das Judentum ist einem mächtigen Gcbirgsstocke zu vergleichen, der je nach der Seite, von der aus man ihn betrachtet wechselnde Forinatioiien bietet. Je nach der »ndividuellen Stellung des Beschauers schiebt sich bald der eine, bald der andere Gipfel vor und verändert das Gesamtbild; in sich selbst aber ist das Massiv einheitlich. W'ir müssen uns nur hüten, das Judentum, welches sich unsertn Auge in Pers p e k ti v e bietet, als das Judentum auszugeben. Der Luftschiffer Speltcrini hat in jüngster Zeit versucht, den Gebirgsstock der Jungfrau im Luftschiffe zu überfliegen, in der gewissen Uebcrzeugung, aus deT Vogelschau den herrlichsten Ucberblick über dies Stück grandioser Alpennatur zu gewinnen. Auch wir müssten die Schwingen heben, um von oben her das Judentum in seiner erhabenen Totalität zu geuicssen. Wären wir dazu imstande, so würden wir in schweigender Trunkenheit die Göttlichkeit des Panoramas bewundern. Der M i s r a c h i hat mit Recht in dem ständigen Betonen des nationalen Momentes eine Einseitigkeit erkannt und sucht dem Uebelstande dadurch abzuhelfen, dass er den Hauptnachdruck auf die Gesetzestreue und das strenge Festhalten an der Tradition legt. Allein auch hier gilt das Wörtchen: non liquet! — So wichtig uns auch die Erhaltung des positiven Judentums ist. so ist doch der Misrachi in einem verhängnisvollen Irrtum begriffen, wenn er glaubt, dass aus der Verpuppung in das talmudische Gespinste sich der Schmetterling der geistigen Wiedergeburt entwickeln wird. Denn einerseits gibt es gesetzestreue Freidenk er genug im zionistischen Lager, und andererseits — les extremes se touchent — führt uns die praktische Konsequenz des misrachischcn Programms zum Ghetto zurück. Welch eine erbarmungswürdige Beschränktheit lag nicht in den Worten des Herrn Dr. Fink auf dem Pressburger Kongress, der zur Rettung des Judentums den Vorschlag machte, unsere Jugend den proianen Studien zu entziehen und sic in den Cheders geistig zu verkrüppeln. — Statt des lebendigen Sturmes ein dörrender Windhauch! — Gott schütze das Judentum vor seinen Freunden. — Nicht die minutiöse Befolgung d?s Gesetzes, keine Scholastik und kein Pilptil können das ersetzen, was vorcinst die Propheten entflammt hat und was auch heute noch allein imstände ist. zu einer geistigen Renaissance des Judentums zu führen. Wollten wir den Vollgehalt des Judentums in die Paragraphen des misracliistischen Programms spannen, so würden wir ebenso verfahren, wie wenn wir auf der Leinwand den Untergang Sodoms — nach dem Worte Sudermanns —. durch einige brennende Schwefeihölzer darstellen wollten. — Das religiöse Genie schöpft aus dem Vollen. Es trinkt au der Quelle und wirkt unmittelbar. Gewässer, die jahrhundertelang fein säuberlich geleitet durch Rinnen und Röhren geflossen sind, haben nicht mehr die Kraft des Urfeuers. Soll der Oottgedankc wieder zur Macht werden im Judentum, so muss er etwas Impulsives haben und etwas Urwüchsiges. Das kann aber der Misrachi nicht geben. Ich ziehe das Fazit: Will der Zionistnus Judentum werden, dann muss ihm die alte prophetische Begeisterung elektrische Spannung verleihen; die Säure, die der Misrachi bietet, reicht nicht aus zur Gewinnung des Stromes. Fassen wir aber den Zionismus bescheidener, als Bewegung i n n e r h a I b des Judentums, so ist es klar, dass der nationale Gedanke seine Achse sein und bleiben muss; die Führer des Misrachi können dann extra muros aut Wahrung ihrer Interessen bedacht sein, haben aber kein Recht, die Bewegung selber durch zentrifugale Bestrebungen zu gefährden. X. Misrachi. So lange Herzl an der Spitze unserer Bewegung stand, w ar diese• selbst, wie ihr Führer, in erster Linie von der grossen nationalen Begeisterung getragen, die unser Volk i!rt letzten Jahrzehnt erfasst hatte. Sein Tod, der uns so vieles genommen, hat uns gezwungen, nüchterner zu denken und zu handeln, denn wir sind nunmehr aut uns selbst angewiesen; wir haben keinen von allen anerkannten Führer mehr. Und das, was wir in unserer Begeisterung übersehen haben, es tritt jetzt zu Tage, dass wir ein Voik sind, wie die anderen um uns her, denselben Gesetzen, denselben Zeitströmungen unterworfen, wie diese. Es ist falsch, vom Judentum zu behaupten, es hätte keine Dogmen. Es hat zwar weder so viel Dogmen wie eine der christlichen Kirchen, noch sind seine Dogmen so scharf gefasst und von einer alle diejenigen, die nicht daran glauben, von der Gemeinschaft ausscltlicssendcn Natur, wie es namentlich beim Katholizismus der Fall ist: aber ein Dogma haben wir. in dem wird unsere Jugend erzogen, es hat durch die Jahrhunderte unserer, Geschichte gewirkt und es wirkt fort. Gott hat sich Israel offenbart und hat seinen Willen bei dieser Offenbarung durch die schriftliche und mündliche Lehre kundgetan. Wohl ist auch derjenige als Jude geboren, der an dieses Dogma nicht glaubt, noch immer Jude, aber er wird von den Glaubenden nur als ein schlechter Jude angesehen. Diese öiaubenden selbst aber, die att der schriftlichen und mündlichen

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