Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651341-2651384--01749-2658621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 43. Seite 358. JÜDISCHE Schüler anzustrengen, könnte man ihn in die Elemente dieser für den Verkehr mit den Behörden notwendigen Sprache und Schrift einführen, während heute meisthin die Kolonie in grösster Verlegenheit ist, wenn ein arabischer Brief oder gar ein amtliches Schreiben eintrifft. Dabei ist ausdrücklich stets zu beachten, dass das Arabische eben nur soweit als Lehrgegenstand zu behandeln ist, als es diesem Zwecke dient und nicht auf Kosten irgend eines anderen Faches erteilt wird. Wenn die Grundlage alles Unterrichts die Anschaumig sein muss, und jede Abstraktion nur auf Grund des Gesehenen erfolgen kann, so ist es folgerichtig, dass alles Wissen und Denken aus der nächsten Umgebung und aus Familie, Haus und Dorf heraus entwickelt werden muss. Es entspricht daher einer vernünftigen Er- Ziehung, wenn die Eigenart des jüdischen Hauses und das Wesen des eigenen Volkes die breite Basis alles historischen und kulturellen Wissens werden. Es gibt darum auch aus diesem Grunde nichts Bildenderes für die jüdische Dorfjugend, als die genaue Kenntnis der hebräischen Literatur und besonders jenes Teiles, der von der Nation geschaffen wurde, als sie noch 1m wesentlichen ein Bauernvolk war. d. h. die intensive Pflege biblischen Schrifttums. Freilich werden wir in späteren Einzclausiiihrungen zeigen, wie Bücher wie קר״ית niemals zum Lehrgegenstand der Dorischule werden können. Also wird auch von der späteren hebräischen Literatur philosophisches Grübeln und überfeinerte Aesthetik diesem Dorfschulunterricht fernbleiben, während der Mischnahtraktat cזדער keineswegs für ihn ein überwundener Standpunkt sein kann. Der historische Lehrinhalt des Judentums ohne alles Beiwerk muss der jüdischen Jugend in Palästina zu eigen gegeben werden. In diesem Sinne und wiederum im engsten Zusammenhangc mit dem Grundgedanken aller Pädagogik vom Nächstgelegenen zum Fernliegenden überzugehen, muss der historische Unterricht die Geschichte des jüdischen Volkes und des Judentums, daneben die Palästinas zum Ausgangspunkt nehmen. Aus der jüdischen und palästinischen Geschichte heraus ist dann die Möglichkeit gegeben, in grossen und markanten Zügen die Weltgeschichte zu entwickeln. Hier aber hat schon jetzt ein gewisser politisch-sozialer Trieb, dessen Berechtigung hier sonst nicht beurteilt werden soll, dazu geführt, dass die wenigen hebräischen Lehrbücher der Geschichte gewissermassen zu abstrakt sind. Man soll sich aber bemühen, möglichst-Konkretes und Greiibares zu geben, da der menschliche Geist in einem bestimmten Alter von selbst dazu kommt, Abstraktionen zu machen. Deshalb ist für die Elementarstufe aller unserer Schulen, und insbesondere für alle unsere Dorfschulen die gegebene Form alles historischen Unterrichts die Biographie. Natürlich wird der seinem Amt und Beruf gewachsene Lehrer imstande sein. Zustände und Entwickelung in der einzelnen Biographie und in ihrem Zusammenhänge mit andern anschaulich werden zu lassen. Immerhin dari der historische Unterricht niemals den Rahmen der Dorischule verlassen. Er muss aber im engsten Zusammenhänge mit Landes- und Erdkunde erteilt werden, und ohne Landkarte und historische Schulbilder sollte keine Geschichtsstunde stattiinden. Wie das Land der feste Grund und Boden ist, auf dem sich die geschichtlichen Ereignisse abspfelcn, so ist der geographische Unterricht unerlässlich neben und vor dem historischen. Ohne Landes- und Länderkunde ist ein Geschichtsverständnis untnöglieh. Auch aus diesem Grunde wird die Schule besonderen Wert auf die Geographie legen müssen. Hierbei liegt es auch für den Laien auf pädagogischem Gebiete klar auf der Hand, dass die geographischen Grundbegriffe am heimatlichen Dorfe und seiner Um- ’ gebung gebildet werden. Aus der Heimatskunde erwächst die Landeskunde, aus dieser die Geographie. Also auch hier zwingt der Grundsatz vom Nächstliegenden und Angeschauten zum Fernerlicgenden und Ueberlieferten überzugehen, mit dem Eigenen zu beginnen und RUNDSCHAU. I Palästina in den Mittelpunkt der geographischen Be* trachtung zu stellen. An historischem und kulturgeschichtlichem Wissen soll daher Judentum, nicht aber Theologie, jüdische Poesie, aber nicht hebräische Philo, logie, historisches und geographisches Tatsachen• material, nicht aber eine Art von Geschichtsphilosophie das Unterrichtsziel bilden. Bei weitem wichtiger und für die Dorfschule von grundlegendster Bedeutung sind die Naturwissenscharten. Und wenn auch niemand physikalische oder chemische Theorien in den Elementarunterricht verlegen wird, so ist es doch ganz klar, dass eine Bauerniugcnd mehr noch als jede andere Schuljugend auch die Natur kennen muss, von der sie umgeben wird und in und mit der sie aufwächst. Auch soll der Pflanzenbau, den sie treibt, und die Viehhaltung, die sie beschäftigt, Vorteil ziehen von ihren Kenntnissen in Boden- und Pflanzenkünde und dem Wissen vom Leben der Tiere. Einen breiten und wichtigen Raum nehmen daher in unserer Dorfschule Mineralogie, Botanik und Zoologie ein. Auch hier haben wir mit dem zu beginnen, was die Heimat bietet. Das trifft noch mehr als bei der Gesteinskünde für Zoologie und Botanik zu. Eine liebevolle Yertiefimg in die umgebende Natur soll sich aus der genauen Kenntnis heimischer Tier- und Pflanzenwelt ergeben. An ihr können sich Gemüt und Verstand des jungen Bauern ebenso bilden, wie er dieser Kenntnisse in der praktischen Ausübung seines Berufes dringend bedari. Die Flora und Fauna der Heimat müssen ihm aus Anschaumig und Betrachtung genau vertraut sein, uad sie geben ihm allein schon das ieste Gerippe tiir ein System der Naturgeschichte. In genauester Anlehnung hieran müssen ihm die Elemente der Naturlehre nicht in Theorien, sondern in elementaren Experimenten aus den Gebieten der Physik und Chemie anschaulich vorgeführt werden. Dieser naturwissenschaftliche Unterricht soll und muss den breitesten und wichtigsten Raum in unserer hebräischen Dorfschule dauernd einehmen. Wir bedürfen auch einer besonderen Durchbildung des Rechenunterrichts, der deshalb bei uns die ersten Elemente der Algebra mit umfassen müsste, wie wir auch eine Kenntnis der Planimetrie in ihren Grundziigen nicht entbehren können. Der Rechenunterricht muss sorgfältig und genau, aber nicht mechanisch erteilt werden. Er soll unsere Zöglinge für Handel und Verkehr in der umgebenden Kulturwelt fähig machen und muss ihnen daher auch die Möglichkeit vermitteln, u. a. eine landwirtschaftliche Buchhaltung führen zu können. Auf den technischen Unterricht legen wir mehr Wert, als dies zumeist geschieht. Der Zeichenunterrieht soll neben seinem praktischen Zweck unser durch Generationen ihrer entwöhntes Volk der Pflege der Aesthetik zugänglich machen. Aus demselben Grunde werden wir jüdischen Gesang in der Schule pflegen. Die Körperpflege im systematischen Turnunterricht ist einem Stamme dringend notwendig, der zwei Jahrtausende hindurch über die Ausbildung des Geistes den Leib völlig vernachlässigte. Deshalb kann die Leibcspflege nicht intensiv genug betrieben werden. Es ist schon jetzt notwendig, für Palästina einen guten europäischen Turnlehrer zu haben. Der Charakter unserer hebräischen Volksschule in Palästina ist also aus sich selbst gegeben. Wenn wir sie aus den Bedürfnissen der jüdischen Bnuernbevölkerung heraus entwickeln, so wird sie hebräisch, jüdisch und kulturell sein. Sie wird dann ihr Ziel ereichen. uns nicht eine ackerbautreibende Intelligenz zu erziehen, wohl aber den intelligenten Bauer. Mitteilungen vom Zentralbüro _ der Zionistischen Vereinigung _ für Deutschland. 1. Die Ortsgruppen und Vertrauensmänner werden dringend an die Einziehung der Schekel erinnert. Wir bitten sie, keine Zeit zu versäumen und schon jetzt die v