Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 336. JÜDISCHE I. Die Demokratisch-zionistische Fraktion. *• Lebt sie noch oder lebt sie nicht mehr? Das ist die Frage, die niemand beantworten kann, nicht einmal Dr. Ch. Wcitzmann, der ja vielleicht nicht das erste, sicher aber das letzte Mitglied noch gewesen ist . Als sic ent•• stand, haben die Freunde geglaubt, eine neue Acra dem Zionismus Voraussagen zu dürfen, und die Gegner haben das Schwerste befürchtet. Schliesslich hat sie nichts weiter geleistet als die Herausgabe eines Fraktions- Programms, das abgesehen von einigen Unarten eine der besten und sachlichsten Agitationsschriften war, die der Zionismus besitzt, und hat ferner dem Misrachi den willkommenen Vorwand gegeben, ins Licht der Welt zu treten. Wir demokratisch und freiheitlich gesinnten Zionisten, denen die unteilbare Einheit und Einigkeit des Gesamtzionismus eine Grundiordcrung ist! haben ihr das Leben ausgeblasen, das leicht durch den Fanatismus, mit der die Fraktion von den Vorgängern des Misrachi und seinen Initiatoren bekämpft wurde, angefacht werden konnte. Sachlich waren wir ja im Ganzen und Grossen mit der Fraktion einverstanden, wenn wir auch manchen Schönheitsfehler zu tadeln gehabt hätten. Wir hätten uns gewiss der verständigen und eindrucksvollen Betnming des nationalen Grundgedankens und des irischen Hauchs, der durch die kulturellen Bestrebungen unleugbar hindurchging, freuen können, w enn es nicht eben im Rahmen der ..Partei in der Partei“ geschehen wäre. Wir hätten mit Freuden in die reine und lautere Betonung der zionistischen Grundgedanken der Freiheit und des Juden* tnms miteingestimmt. wenn es nicht eben von vornherein für uns unannehmbar gewesen wäre, im Zionismus Be- Sonderheiten zu betonen und Sonderbünde zu schlicssen. Nicht an der Gegnerschaft der Gegner sondern an der schroffen Ablehnung, die die Fraktion von seiten ihrer allernächsten Gesinnungsgenossen erfuhr, ist sie zu Grunde gegangen. Denn es war die unabweisbare Püicht der freiheitlich gesinnten Zionisten, unter völliger Wahrung der eigenen Prinzipien und der Gew issensireiheit der Gruppe eiitgegenzutrcten, die sich absonderte und damit gewissertnassen eine Gruppe der Extrazionisten konstituierte, der Zionisten, die aus irgend welchem Grunde glaubten, bessere Zionisten zu sein als die Gesamtpartei. Und da es demokratisch-freiheitliche Zionisten waren, die für sich eine Sonderstellung im Zionismus in Anspruch nahmen, so trat die grosse Masse der freiheitlichen Zionisten und ihre Führer in vorderster Reihe gegen die ״Fraktion“ auf. Hcrzl. Nordau und die grosse Zahl der andern freiheitlichen Zionisten waren es, die aus ihrer Ablehnung der Fraktion keinen Hehl machten und so ihr das Grab zu graben beitrugen, in das sie wohl bereits eingetan ist. Wir können es nicht oft genug betonen, selbst auf die Gefahr hin. schon Gesagtes zu wiederholen, dass die freisinnigen Zionisten es waren, die ihre Pflicht vollauf begriffen haben und ihr vollauf Folge leisteten, indem ihnen ganz allein die Ablehnung und die Grablegung der Fraktion zu danken ist. Beim w ir haben keinen Platz für Fraktionen und Fraktionellen im Zionismus. Wir haben kein Recht, unsere kostbare Zeit und unsere Arbeitskraft dem Dienste der Partei zu entziehen, um seihst noch so heiss geliebte Sondcrzwccke im Zionismus zu pflegen. Jeder von uns verzichtet gern darauf, seine ihm im Herzen und in seinem Hause unendlich liehen Prtvatmeüumveu zu pflegen, die eher zu einer Spaltung als zu einer Einigung des Zionismus führen könnten. Das Grösste, was der Zionisinus geleistet hat. ist. dass er das zerklüftete Jüdische Volk einigt, dass er anstelle ׳Fes orthodoxen und des liberalen, des gesetzcstreiien und des reformierten Judentums ein einziges einiges Jüdisches Volk setzte. Er hat den gordischen Knoten zerhauen, in dem sieh die Jüdische Nation verstrickt hatte, indem sie nach dem Verbilde, das sie bei niclitjiidischen Religionen sah. ein orthodoxes und ein reformiertes oder sogar mehrere orthodoxe und verschiedene reformierte Judentümcr schuf. Der Assimilation verdanken wir in gleicher Weise RUNDSCHAU._: No. 41. die Orthodoxie wie das Reformjudentum. Der Zionismus aber setzte sicli kühn über diese Unterschiede hinweg, indem er anstelle des trennenden religiösen Prinzips das einigende nationale Band in den Vordergrund rückte, indem er anstelle des orthodoxen und des liberalen Judentums das jüdische Judentum setzte. Und darum war die Fraktion in ihrer Entstehung ein Abweichen vom zionistischen Parteiprogramm, wie die Bildung jeder Fraktion in der Partei ein Durchbruch der Partei und ihrer Grundlagen ist. Und darum haben die besten der Gesinnungsgenossen der demokratischen Zionisten, voran Herzl und Nordau, jede Fraktionierung und die demokratisclie Fraktion glatt abgelehnt. Die Demokratischzionistische Fraktion ist tot. Dafür machen sich andere Fraktionen geltend, der sozialistische הרות und der orthodoxe *כזרה Auch sie sind kulturell-zionistische Fraktionen, die ihre Soudcranscliamingen von der Tri* büne des Kongresses aus zur Richtschnur für alle Zionisten gemacht' wissen wollen. An ihren ־ Sozialist!- sehen und orthodoxen zionistischen Gesinnungsgenossen ist es, sich ihnen so gcgcnüberzustcllcn. wic die freilichlieli-demokratischcn Zionisten sich der freiheitlichdemokratischen Fraktion gegenüber gestellt haben. Wenn das geschieht, so sind auch הרות mul 'כזרה keine Gcfahr für den Bestand des Zionisinus. Das Endziel des Zionismus ist nur erreichbar hei glcichmüssigcr Achtung aller Anschauungen im Judentum und bei völliger Ge* Wissensfreiheit auf nationaler Grundlage. Heinrich L o e w e. II. Misrachi. ln Ko. •W Ihres geschützten Blattes hat Herr Dr. Max Jungmann des Misrachi gedacht als einer Partei, die gleichsam ein antizionistisches Programm bearbeite, und der gegenüber seitens der übrigen Zionisten ein vidcant consulcs sehr am Platze sei. Ich möchte mir im Interesse des Misrachi einersc'its, wohlgemerkt ohne jedes Mandat, andererseits im Interesse des liehen Friedens, der uns Zionisten in dieser schweren Zeit doppelt von Nöten ist. einige Worte zur Entkräftigung seiner Befürchtung erlauben. Der Misrachi ist nicht erst jetzt ins Leben getreten. Man wäre berechtigt, die Neubildung irgend emer Partei innerhalb des Zionismus 1'iir den Augenblick als einen schweren taktischen Hehler zu bezeichnen, da die bestellenden Verhältnisse durch den nicht genug zu beklagenden frühzeitigen Hinträtt unseres grossen Führers nach jeder Richtung hin so schwierig geworden sind, dass alle Kräfte angespannt werden müssen, um zunächst das Bestehende zu erhalten. Aber gerade hieraus ergibt sich die unabweisbare Pflicht, auf eine Festigung der bereits bestehenden Organisation mit aller Macht hinzuarbcltcji, denn nur von einer solchen können wir einen geregelten Arbeitsplan und eine zielbewusste propagandistische Tätigkeit erwarten. Aus der Erkenntnis dieser Notwendigkeit heraus hat der bereits seit einigen Jahren organisierte Misrachi es für gut befunden, in der Pressburger Konferenz mit seinem Prograumi an die Öffentlichkeit zu treten. Die Fassung des § t hat besonders dem Herr Dr. Jungnuum Anlass zur Rüge gegeben. Er findet den Standpunkt der Misrachisteu bedenklich, die in erster Linie an der Tradition fcstlialten wollen und erst in zweiter die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina betonen. Er will aus dieser Fassung hcrleitcn, dass ein Misrachi höchsten als ein zionistischer Orthodoxer, nicht aber a's ein orthodoxer Zionist aufgefasst werden könne. Wollte O—tt, ich glaube Herr Dr. Jungmann wird in diesen Wunsch einstimmen, dass erst alle unsere Glaubcnsbriider sich aus zionistischen Orthodovcn, oder Liberalen, oder weich’ einer Schattiernug immer zusammensetzen, dann würde unserer Sache schon weit mehr geholfen sein. Ungeheuerlich wäre diese Bezeichnung, wenn